| Zigarren-Spezial-Geschäft Carl Kohlau vormals Ernst Sokolowski | |
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Von Gerda Seutter
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Hohe Straße - "Shopping-Meile", wie wir heute so gern zu den Zentren der Großstädte sagen, aber auch "Flanier-Meile". Wer das Glück hatte, hier promenieren zu können, was Jung und Alt so gerne taten, der wird all die vielen Eindrücke nicht vergessen haben, die ihn in die spätere Wirklichkeit des Lebens begleiteten. Also, viele schöne Geschäfte gab es hier, Kaffees, Kinos, - sie sollen hier nicht weiter beschrieben werden, sondern wir gehen weiter und finden nach der Kreuzung mit der Wasserstraße - Richtung Luisenbrücke - gegenüber dem immer noch dekorativen Gebäude des Vorschuß-Vereins - in der Hausnummer 78 das Zigarren-Spezialgeschäft, das Ernst Sokolowski hier - sozusagen ohnegleichen - eingerichtet, eröffnet hat |
![]() Tilsit, Hohestraße 78 Zigarren-Spezielgeschäft Ernst Sokolowski ab 1937 Kahlau - Blick zur Einganstür |
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Alte Fotos, die ich von der Tochter Edith Sokolowski erhielt, lassen ahnen, wie gut es ausgestattet war. Regale, kleine Tische und Sessel für die Möglichkeit einer längeren Qualitätsprüfung schafften eine gediegene Atmosphäre. Große Spiegel am Ende des Ladens vergrößerten den gar nicht kleinen Raum noch optisch. Ein Marmorkamin, der mit Gas betrieben wurde, sorgte für das bestmögliche Klima für Tabakwaren. Und es gab bereits eine Registrierkasse und im Büro hinter dem Laden einen großen Tresor, der mich damals besonders beeindruckte. Über der Tür, in den Weg hinein, ragte eine große gläserne Zigarre, ein auffälliges, besonderes Markenzeichen, weithin sichtbar, und das in den Gehweg eingelassene "Soko" wies direkt auf den Kurz- und Spitznamen des ursprünglichen Besitzers hin. Ich weiß nicht, wann das Geschäft gegründet wurde, ich traf die Tochter Edith Sokolowski zufällig, erst Jahrzehnte nach dem Krieg. Ihre Eltern lebten da nicht mehr. Die Mutter war Fotografin gewesen und hatte seinerzeit die Aufnahmen gemacht. 1937 übernahm mein Vater Carl Kahlau das Geschäft. |
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Meine Eltern besaßen in Insterburg ein historisches Gasthaus in der Nähe des alten Schlosses. Da man zu der Zeit plante, die Straße zu verlegen, was zu einer Beeinträchtigung des Gastbetriebes geführt hätte, suchten sie eine neue Existenz und fanden sie hier in Tilsit vielversprechend. Natürlich mußte mein Vater noch eine Prüfung vor dem "Verband des Einzelhandels mit Tabakwaren" ablegen, man war nicht nur Verkäufer, man mußte entsprechende Kenntnisse haben und beraten können. Da gab es alles zu erwerben, was mit Tabak zusammenhing, also Zigarren, Zigaretten, Tabak aller Qualitäten, Pfeifen und Zubehör, aber weder Alkohol noch Zeitungen. Wer rauchte, pflegte noch individuelle Geschmacksrichtungen, frönte nicht der schnellen Suchtbefriedigung und kaufte nicht "so nebenbei", wie es heute -fast allgemein - üblich ist. |
![]() Blick in den Laden |
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Rauchen war noch ein Genuß, man "paffte" nicht, man gönnte sich eine Entspannung. Selbst bei Zigaretten gab es ja die verschiedensten Geschmacksrichtungen. Von Österreich kamen die orientalisch leichteren Sorten, auch flach und in hübschen Schachteln, wie z. B. Nil, Erste Sorte. - Juno war rund und im mittleren Preisbereich (3 1/3 Pfennig), Salem wohl auch. Das sind die Namen, die mir grade einfallen. Den american blend kannten die Raucher damals noch nicht. Den lernten wir dann nach 1945 kennen, als Zigaretten Währung wurden. Natürlich habe ich damals zu Hause auch meine ersten geraucht, - das war wohl naheliegend. Und ich vermisse heute so ein Rettchen zum Feierabend sehr - aber ich rauche nicht mehr - versichere aber stets - nur vorübergehend nicht. Ich wurde grade 19, mir sind leider inzwischen die Namen der Zigarrenfirmen ganz entfallen, Loeser und Wolf blieb im Gedächtnis, wurde durch die Bücher von Walter Kempowski auch noch literarisch wunderbar erhalten. Interessant war es, wenn die neuen Lieferungen eintrafen, mein Vater die erste Zigarre aus einer Kiste nahm und prüfend unter seine Nase hielt. Duft aufnehmen. Dann die wunderbaren Bruyere-Pfeifen, also aus bestem Wurzelholz gefertigt, die damals in Sachsen hergestellt wurden. Ich sehe das auf einmal alles noch so klar, so gut vor mir. Bilder, frei von Streß und Hetze. Dabei war die Zeit doch nun wirklich nicht dazu angetan, entspannt zu sein. Hier blieb sie irgendwie stehen. Wirtschaftlich entwickelte sich das Geschäft ausgezeichnet. Mein Vater, immer modernen Techniken zugewandt, kaufte bald einen Zigaretten-Automaten, der dann jeden Abend vor der Ladentür aufgestellt wurde. |
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Besonders günstig war die Zeit vom Frühjahr 1939 bis zu Beginn des Krieges, als man wieder ins Memelland hinüber konnte und hier natürlich ein neuer Kundenkreis entstand. Jeder weiß, daß Tabakwaren dann - wie Lebensmittel - beschränkt, nur auf Karten verkauft werden durften. Durch die schnelle Aufbauphase bis zum Herbst 1939 verfügte unser Laden über ein relativ großes Kontingent, denn die Geschäfte wurden zur Lieferung nach ihrem aktenkundigen Einkauf in den Vorjahren berücksichtigt. Jeden Abend mußten die abgeschnittenen Märkchen dann auf Bogen geklebt werden, es wurde genau kontrolliert, ob alles seine Ordnung hatte, nichts schwarz verschwand, wie in den ändern Handelssparten auch. Darum war das Warenlager noch beträchtlich, als der Krieg ganz nah war, die Zivilbevölkerung die Stadt verließ. Ich hatte im September 1944 einen schweren Fahrradunfall, die Schule - ich besuchte die Königin - Luise - Schule - hatte nach den Sommerferien noch gar nicht wieder anfangen können, da erlaubten mir meine Eltern, zu Freundinnen in der Nähe von Rastenburg zu fahren. Auch wegen der Alarme, die uns fast nächtlich in die Luftschutzkeller zwangen. Aber die Lage verschlechterte sich, meine Mutter mußte - für mich völlig unerwartet, mit einem Transport die Stadt verlassen, ich bin -in Abwesenheit - auch auf dem Schein verzeichnet. Vater blieb noch, er wollte die Ware auf jeden Fall verladen. Leider entwickelte es sich anders. Unheimlich leer war die Stadt inzwischen. Edith Sokolowski arbeitete auf der Post, diese wurde dann am 19. Oktober 1944 geräumt, ausgelagert, Näheres weiß ich nicht. Herr Sokolowski ging mit diesem Transport mit und mein Vater schließlich auch ein Stück weit, dann weiter mit Soldaten, Richtung Königsberg. Er ließ alles stehen und liegen, immer in der Hoffnung, doch in kurzem wieder zurück zu können. Was unsere Familie weiter betrifft - Vater, meine Schwester und ich trafen uns in Königsberg zusammen, konnten gemeinsam weiter ins Erzgebirge fahren, wo meine Mutter mit dem Transport gelandet war. Viele aufregende Erlebnisse gab es, wie in der Zeit allgemein. |
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Bekannte fuhren noch einmal in die Stadt, fanden alles nett und ordentlich verschlossen. Vom weiteren Schicksal des Geschäftes künden die Fotos, die wir von einem Herrn aus der Nachbarschaft in der Hohen Straße erhielten, der dort wohl im Einsatz war und später hier im Stuttgarter Raum gelandet. Durch Plünderer soll der Brand entstanden sein. An dem herunterhängenden Gestell, an dem einmal die Zigarre hing - siehe Foto der Straßenzeile nach Zerstörung - erkannte ich auf einer sowjetischen Wochenschau die gleiche Stelle wieder, wo unser Geschäft war. Die Berichterstatter hatten für ihre ersten Aufnahmen in Tilsit auch genau den gleichen Punkt gewählt. |
![]() Alles vorbei! |
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Als sich dann die erste Möglichkeit ergab, Richtung Heimat zu fahren, haben mein Mann und ich schon 1987 versucht, nach Tilsit zu kommen. 1990 haben wir es dann endlich geschafft. Alle Fahrten waren abenteuerlich, auch die späteren mit dem Wohnmobil. Wo wir konnten, haben wir alte Plätze der Familie gesucht. Manches war leicht zu finden, anderes ist - Krieg und Nachfolgeereignisse - nicht mehr zu identifizieren. Ob es heute noch so ist ? Wir fanden ein Kaufhaus an der Stelle der zerstörten Häuserreihe, eindeutig von der Straße weggeschoben. Nun muß man sich an den schönen Häusern gegenüber erfreuen, dem ehemaligen Vorschuß-Verein, und die Figuren am rechten Nebenhaus bewundern - falls sie noch da sind. Ich war traurig, aber auch überaus glücklich, manchen Platz meiner Jugend wiedersehen und meinem Mann und unseren Kindern zeigen zu können. Wir waren dabei, wie die Zeiten sich veränderten - Wir können der Stadt und den Menschen nur alles Gute wünschen. Aber - das alte Tilsit soll nicht vergessen sein. |
| Autor : © 2011 Gerda Seutter, 70499 Stuttgart Fotos: Edith Sokolowski Quelle : Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 89/2011 |