Wenn Steine reden könnten ...
von Eleonore Galts

... dann hätte der Grabstein meines Großvaters, des Kaufmannes Richard Deskau, geboren 14.8.1856 - gestorben 10.11.1921, ganz bestimmt viel zu erzählen. Von alten Zeiten, die bisher über den Waldfriedhof in Tilsit hinweggegangen sind - also: von "frieher". Und nun auch vom Besuch dort von seiner Enkeltochter Eleonore, seinem Enkelsohn Ralph-Olaf und dessen Frau Britta.

Zum 75. Geburtstag 1999 bekam ich von den Kindern Ralph und Britta ein Geschenk, was mich unglaublich froh machte: Eine Reise in meine Heimat! Einzige Bedingung: erzählen, zeigen, erzählen, zeigen, dort. Am 12. Mai 2000 wurde ich von den Kindern in Berlin abgeholt und bis zum 26. Mai waren wir dann - bei täglich herrlichstem Wetter - in Ostpreußen unterwegs. Mit der Fähre (im eigenen Auto) ging es dann nach Memel, Sandkrug, nach Nidden, nach Sarkau, nach Königsberg, in das ganze Gebiet um Königsberg herum, weiter nach Tilsit, Elchniederung, Ragnit, Kummabucht, weiter nach Masuren, bis Augustowo, Rominter Heide - durch ganz Masuren wieder zurück über Pommern, fast ausschließlich auf Nebenstraßen, um mit den Menschen überall Kontakt zu bekommen, zu sehen, wie sie leben, wie alles dort überhaupt aussieht. Was haben wir nicht alles erlebt - ohne eigenes Auto undenkbar. Es hat mich so glücklich gemacht, daß Ralph und Britta wissbegierig waren, sehen wollten, was sie aus jahrlangen Erzählungen in etwa schon kannten. Britta hat in Sandkrug bei Oldenburg (der Ort war vor Jahren wegen des Namens schon entscheidend, daß wir nach Ausreise aus der damaligen DDR, dort wohnen wollten) ein Reisebüro, und sie hat alles einfach großartig vorbereitet - alles klappte wie am Schnürchen.

Nun aber will ich erzählen wie wir, an Hand eines alten Fotos, das ich über alle Jahre aufgehoben hatte, Großvaters Grabstein wiedergefunden haben. Bei meinen letzten Reisen nach Tilsit hatte ich nie Gelegenheit auf den Waldfriedhof zu kommen. Immer wieder war der Wunsch in meinem Hinterkopf, den Stein zu finden. Oft dachte ich, der große Stein kann eigentlich nicht fort sein. Ich wußte genau, wo er früher stand. 1941 habe ich dort mit meiner Schwester Ursula und einer Freundin meiner Eltern - Frau Eva Winkelmann, Bismarckstraße - einen kleinen Bruder beerdigt, der nur wenige Stunden lebte. Wir kommen also an den Eingang, wo jetzt die schöne Gedenktafel steht und ich sage, wir müssen den Hauptweg geradeaus gehen und wenige Meter rechts stand damals der Stein!

Bild links:
Der Grabstein von Richard Deskau vor dem 2.Weltkrieg

Und er stand auch heute noch da - an dem so schönen, sonnigen Morgen! Ich war derart überwältigt, daß mich meine Kinder kaum beruhigen konnten. Wie in einem Film lief in meinem Kopf die Zeit zurück - ich sah das Geschäft in der Deutschen Straße 66 wieder, daß meinem Großvater ja gehört hatte und das später mein Vater und sein Bruder Richard weiterführten. Ich sah auf das Bild meines Großvaters, daß ich auch mit hatte, wo er als Stadtrat-Stadtältester im Rathaus mit anderen saß und ich habe wieder, wie so oft, bedauert, ihn nie kennengelernt zu haben. Er hatte fünf Kinder, Eva, Frieda, Hanna und die beiden Söhne. Meine Kinder haben - mit dem Foto in der Hand - alle Kanten, alle Löcher, die noch von den Buchstaben zu erkennen waren, abgetastet. Es gab und gibt überhaupt keinen Zweifel daran, daß es der gleiche Stein ist.




Bild links:
Ralph Galts und Ehefrau Britta vergeliechen die Steinstrukturen mit dem alten Foto. Ja- es ist der Grabstein von Richard Deskau, dem Urgroßvater von Ralph.


Ich erinnere mich, daß ich als Kind mal hörte, mein Vater hätte diesen Stein aus Frankreich, wo er im 1. Weltkrieg Soldat war, nach Tilsit kommen lassen - leider gibt es für uns niemand mehr, den man fragen könnte, ob das stimmt. Sicher steht er heute noch auf dem gleichen Platz, weil er so tief eingesetzt wurde und so schwer ist.

Wir haben noch alle restlichen Gräber nach bekannten Namen abgesucht, die Kriegsgräber, so gepflegt, die Reste des Krematoriums gesehen -trostlos.
Beim Herausgehen sahen wir dann noch ein erhalten gebliebenes Gebäude des Friedhofes mit Säulen - daneben ein Kiosk mit roten Werbe-Sonnenschirmen. - Wie schön war damals, in meiner Erinnerung, alles; aber jetzt rollt dort der Rubel.

Es war still im Auto, als wir weiterfuhren. Am liebsten wäre ich dort noch lange geblieben - bestimmt wird es nicht das letzte Mal gewesen sein.
Dann werde ich wieder denken: Wenn Steine reden könnten - wieviel würde ich dann noch erfahren von Dingen, die so unendlich weit zurückliegen - von denen ich leider, leider so wenig weiß.

Autor : © 2000 Eleonore Galts geb. Deskau (Texdt und Bilder)
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 32/2002

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011