| Bericht aus aktuellem Anlaß | |
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von Alfred Rubbelein
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Im Stadtgebiet von Tilsit gab es zur deutschen Zeit 13 Friedhöfe. Heute existiert nur der Waldfriedhof, wenn man von dem russischen heutigen Zentralfriedhof, früher Schmalupp-Friedhof, absieht. Es soll hier nicht Antwort gesucht werden auf die Frage, warum die übrigen Friedhöfe beseitigt wurden. Vermutlich verdankt der Waldfriedhof seinen Bestand, weil bei der Einnahme Tilsits am 21. Januar 1945 durch die Rote Armee man dort 486 gepflegte Gräber von russischen Kriegstoten des 1. Weltkrieges entdeckte. Ein anderes Verständnis von Totenkult, das weniger dem persönlichen Gedenken des Gefallenen als eher der Glorifizierung der siegenden Armee zugedacht ist, führte wohl dazu, daß die bei den Kämpfen um Tilsit umgekommenen Rotarmisten auf dem Anger aufwendig beigesetzt worden sind. So hat sich gefügt, daß der Waldfriedhof mit seiner Begräbnisbelegung ein seltenes historisches Zeugnis unserer abendländisch-christlichen Kultur im Umgang mit Totengedenken geworden ist. Auf der 1909 gegründeten Friedhofsanlage finden wir |
![]() Bild links: Eingangsbereich Waldfriedhof, 2003 |
![]() Bild rechts: Landschaftsszene Waldfriedhof, rechts des Weges Familiengrabsteine |
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Es gibt wenig Begräbnisstätten, wo ,eher' durch Zufall als durch Zielsetzung der Symbolgehalt der christlichen Losung "Frieden über Gräbern" über Zeitepochen und Nationen hinweg sich so ausdrucksstark wie auf dem Waldfriedhof darbietet. Landsmann Horst Mertineit hat in den Jahrzehnten seiner "Regierungszeit" viel für unsere Stadtgemeinschaft auf den Weg gebracht. Als Besonderheit ist sein erfolgreiches Bemühen zu werten, als es ihm gelang ab 1990 mit den Offiziellen von Sowjetsk ins Gespräch zu kommen, um eine gemeinsame Gedenkstätte für die Toten beider Völker zu verwirklichen. Der Volksbund konnte später auf dieser Grundlage, vorrangig der Verständigung, bestärkt weiterarbeiten. Im Bemühen, Vergangenes abzuarbeiten, sind eingebettet die Jugendlager mit russischen Schülern, die regelmäßigen Besuche deutscher Reisegruppen auf dem Waldfriedhof und gemeinsame Gedenkveranstaltungen der Alt-Tilsiter, Neu-Tilsiter und des Volksbundes. Die heutigen Bewohner unserer Stadt und auch die dortigen Stadtoffiziellen haben die Gedenkstätte Waldfriedhof als gemeinsam mit uns zugehörig angenommen. So sind Grabräubereien und Zerstörungen kaum zu befürchten. Es gilt diese Einmaligkeiten zu erhalten. |
![]() Bild links: Blick auf das eingeebnete Gräberfeld mit deutschen Soldaten aus dem 2.Weltkrieg, dort sind auch die Bombenopfer beigesetzt. Hier erfolgten Aus- und Umbettungen. |
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In Osteuropa, so wird geschätzt, ruhen etwa 3 Millionen Kriegstote in mehr als 100.000 Gräberstätten. Nachdem durch Vertragsregelung mit den jeweiligen Staaten dem Volksbund Zugang erlaubt ist, hat der Suchdienst seit 1992 begonnen Gräberstätten zu finden, Tote zu identifizieren und auf Sammelfriedhöfen einzubetten. Die Aufgabe ist riesig, nach der Gesetzeslage müssen die Kosten für die Auslandsarbeit durch Spenden und Sammlungen aufgebracht werden. Die knappe Finanzlage erzwingt eine Streckung der Mittel. Für Nordostpreußen werden ca. 7 Millionen Euro benötigt, es werden aber nur 3 Millionen verfügbar sein. Bei der Ostarbeit des Volksbundes hat man aus verständlichen Gründen die sieben Kriegsgräberstätten im Königsberger Gebiet Balga, Germau, Heiligenbeil, Insterburg, Königsberg, Pillau, Schloßberg vorrangig eingestuft, weil Angehörigenbesuche hier leichter möglich sind. Die sieben genannten Kriegsgräberstätten sind Neuanlagen. Die Friedhöfe, Fischhausen, Palmnicken, Schallen und Tilsit sind bestehende Gräberfelder, deren Umgestaltung und Ausbau sichergestellt ist. Durch die Antworten auf die Suchanzeige im Tilsiter Rundbrief Nr. 33 konnte einwandfrei ermittelt werden, daß die etwa 700 Tilsiter Bombenopfer aus den Luftangriffen 1943 und 1944 außerhalb, am nördlichen Rand des Waldfriedhofes bestattet wurden. Diese Lokalisierung wurde dem Volksbund mitgeteilt, der jetzt bei seinen Exhumierungen auch diese Toten bergen und im Inneren des Waldfriedhofes einbetten wird. Nach der Gesetzeslage sind dies auch Kriegstote in der Zuständigkeit des Volksbundes. Die Stadtgemeinschaft Tilsit hat ihm die Bitte vorgetragen, für diese Toten einen Gedenkstein zu setzen. |
![]() Bild links: Ehrenhof mit Hochkreuz und Ruine im Hintergrund. Diese Anlage wird umgebaut. |
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Allerdings ergeben sich daraus neue, unvorhergesehen Kosten, und es muß auch das Einverständnis des russischen Vertragspartners eingeholt werden. Der Gedanke, daß in absehbarer Zeit Besuchsreisen in unsere Stadt mit Tilsitreisenden, auch solchen, die am Stein der Bombenopfer für ihre Angehörigen Blumen ablegen möchten und Angehörige von toten Soldaten auf dem Waldfriedhof, stattfinden könnten, erscheint so abwegig nicht. Eine Kooperation der Stadtgemeinschaft mit dem Reisedienst des Volksbundes liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Auch würde es unserer Stadt gut tun, mehr neue Besucher bei sich zu sehen. |
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| Friedhöfe in Tilsit vor 1945 1 . Waldfriedhof, jetzt Kriegsgräberstätte 2. Friedhof am Splitterer Mühlenteich, aufgelassen; Kapelle jetzt russ.-orthodoxe Kirche 3. Kirchhof an der früheren Hardenbergstraße (Schmalupp-Friedhof), jetzt russischer Zentralfriedhof 4. Stadt. Friedhof an der Infanterie-Kaserne, jetzt überbaut 5. Stadt. Friedhöfe (an der ehemaligen Handelsschule), abgeräumt 6. Kapellenfriedhöfe (an der ehemaligen reformierten Kirche), abgeräumt, überbaut 7. Katholischer Friedhof (an der ehemaligen Polizeikaserne) Stolbeckerstraße, überbaut 8. Früherer jüdischer Friedhof (am Rheyländer Park), vor 1945 aufgelassen 9. Brack'scher Friedhof (am früheren Landratsamt, Ballgarden), aufgelassen, zerstört 10. Friedhof Tilsit-Preussen (an der Schloßbergstraße), Zustand unbekannt 11. Friedhof Senteinen-Moritzkehmen, zerstört 12. „Heldenfriedhof" Stadtheide, Zustand unbekannt 13. Alter kath. Friedhof auf dem Drangowskiberg, aufgelassen ca.1930, überbaut |
| Sachstand heute: - Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel schrieb, daß in einem Gespräch im November 2003 zwischen Vertretern der Stadtgemeinschaft Tilsit (Mertineit, Rubbel) und der Bauabteilung des Volksbundes eine modifizierte Planung für den Weiterbau vereinbart wurde. Diese wurde vom Vorstand des Volksbundes genehmigt. Seit Juni 2004 werden die unterbrochenen Arbeiten gemäß neuer Planung weitergeführt. - Von unserer Seite muß festgestellt werden, daß die Zusammenarbeit mit den beteiligten Stellen des Volksbundes positiv ist und ein ständiger Informationsaustausch stattfindet. - Im Oktober erfolgen die ersten Einbettungen von der nördlichen Gräberstätte ins Friedhofsinnere (siehe Skizze). Erste Sondierungen ergaben, daß dort 14 Gräberreihen vermutet werden, die Anzahl der Toten wurde grob auf bis zu 2000 geschätzt. Neben den Soldaten sind dort auch die ca. 700 Tilsiter Bombentoten 1942 beigesetzt worden. - Bislang waren die Namen von ca. 800 Soldaten WK II, die im Friedhofsinneren beigesetzt sind, bekannt. Dazu kommen nun ständig neue Namen von Wehrmachtstoten, die bei der Umbettung identifiziert werden. Entgegen früherer Planung werden die Namen nicht auf Namenstafeln an der Ruine angebracht, sondern auf Steinstelen eingeschlagen. Das Gräberfeld WK II erhält die bekannten Symbolkreuze aus Stein. Die Umzäunung wird hinter der Ruine vervollständigt, der Eingangsbereich bleibt in seiner jetzigen Gestaltung, das Wegesystem wird verbessert. Das deutsche, jetzige Hochkreuz soll durch ein Steinkreuz ersetzt werden. Die Arbeiten werden über 2005 hinausgehen, weil Haushaltsmittel sehr knapp sind. Vorläufig sind 100.000 Euro in Ansatz gebracht. - Die jährlichen Ferienlager in Tilsit zur Instandhaltung des Waldfriedhofes mußte der Volksbund bedauerlicherweise, weil dafür das Geld fehlt, einstellen. Es wäre eine Überlegung wert, ob die Schule Nr. 2 (Splitter), die an den Ferieneinsätzen beteiligt war, veranlasst werden könnte, weiterhin bescheidene Pflegearbeiten zu übernehmen. - Der Volksbund hat nach Abstimmung mit der Stadt Sowjetsk eine russische Arbeitskraft unter Vertrag, die für die Aufsicht auf dem Waldfriedhof zuständig ist. |
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![]() Grabstein einer Tilsiter Familie |
![]() Grabstein für ein Sammelgrab für 21 gefallene deutsche Soldaten des 1.Weltkrieges. Die Nacharbeit der Beschriftung erledigten russische Schüler |
| Totengedenkliste der Stadt Tilsit, herausgegeben 1958 Diese von der Stadtgemeinschaft Tilsit aufgestellte Liste weist auf 148 Seiten ca. 4.400 Namen von Tilsiter Bürgern aus, die in den Jahren von 1939 bis 1958 starben. - Sie starben in der Heimat bis etwa 1944 und sind auf einem der damaligen 13 Friedhöfe der Stadt beerdigt, - sie starben nach der russischen Besetzung im Januar 1945 in Tilsit und ruhen irgendwo unbekannt in Tilsit, - sie kamen auf der Flucht um, ihr Begräbnisplatz ist meist nicht bekannt, - sie sind in Kriegsgefangenschaft gestorben, von den Wenigsten weiß man ihre letzte Ruhestätte, - sie kamen 1943 und 1944 durch Bombenangriffe auf Tilsit um, ihre Zahl soll zwischen 600 und 700 liegen, fast alle wurden in Massengräbern beim Waldfriedhof Tilsit beigesetzt. Leider enthält die Totengedenkliste nur 34 Namen, und sie starben an ihren Zufluchtsorten in Deutschland. Die Quellen für die Erfassung der Toten sind zum allergrößten Teil Angaben von Familienangehörigen oder anderen Wissensträgern. Die Liste hat für den Nachweiszeitraum von 1939 bis 1958 keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Viele Landsleute wußten nicht von der Registrierung durch die Stadtgemeinschaft. Den Tilsitern in der ehemaligen DDR war zum allergrößten Teil Kontakt zur Stadtgemeinschaft nicht möglich. Die Sterberate in diesen 20 Jahren wird wesentlich höher als im Berichtszeitraum sein; genauere Zahlen sind nicht zu ermitteln, ebenso würden Schätzungen sich kaum der Wirklichkeit annähern. Den Initiatoren und Bearbeitern dieses einmaligen Dokumentes unserer Stadthistorie zur Zeit des damaligen, verstorbenen Stadtvertreters Ernst Stadie, ist auch heute noch Dank zu sagen für die Mühen, die Namen der Verstorbenen und ihre persönlichen Daten für die Nachwelt zu erhalten. Sicher wird es jetzt schwierig sein, in den Besitz dieser Totengedenkliste zu kommen. |
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![]() Grabstein für drei russische, am 9.Juni 1915 Gefallene |
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| Autor: © 2003 Alfred Rubbel (Text und Bilder) Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 34/2004 |
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| Weitere Berichte zum Waldfriedhof | |
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Noch einmal der Waldfriedhof in Tilsit |
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Steinerne Zeugen auf dem Waldfriedhof |
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Wenn Steine reden könnten ... |
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