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von Johanna Stöcker
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Anfang November sagte jemand zu mir: "Ach, den November sollte man doch einfach streichen." Dagegen habe ich aber energisch protestiert. Erstens, weil ich im November Geburtstag habe und zweitens, weil ich mich das ganze Jahr auf den "Tilsiter Rundbrief" freue. Ich lese ihn von vorne bis hinten und freue mich ständig, etwas Neues aus meiner alten Heimat zu hören. Oft nehme ich ihn mir wieder zur Hand um mich an die alten Zeiten zu erinnern. Etwas liegt mir sehr am Herzen. Viel ist über Cafes, Kinos, Geschäfte, Straßen, Plätze, Menschen und Ereignisse berichtet worden. Doch einen Gewerbezweig habe ich bisher vermißt. Damit meine ich das Töpfereigewerbe in Tilsit. |
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Unsere Dolmetscherin ermöglichte uns ein Wiedersehen der Wohnung. Es war schon ein sehr aufregendes Ereignis, die Wohnung meiner Großeltern in der Oberst-Hoffmann-Straße nach über 50 Jahren zu betreten. In meiner Vorstellung sah ich Oma auf Pampuschen und Opa auf Schlorren durch die Wohnung gehen. Die jungen Leute, die heute in der Wohnung leben, nahmen uns mit offenen Armen auf und freuten sich, daß wir ausgerechnet in "ihre" Wohnung kamen. Der Kachelherd in der Küche war nicht mehr vorhanden. Silbern glänzend stand ein Ofen im Wohnzimmer. Unsere Dolmetscherin erzählte den jungen Leuten, daß mein Vater Ofensetzer war. Mit strahlendem Gesicht kratzte der junge Mann am Silber des Ofens und zeigte uns somit die darunterliegenden Kacheln. Ob das wohl die Kacheln des Ofens waren, den mein Vater oder Großvater gebaut hatte? |
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Die jungen Leute waren so nett und freundlich. Nach herzlichen Umarmungen und einem Beutel Äpfel verabschiedeten wir uns. Am nächsten Tag gingen wir nochmals auf den Hof, um einige Erinnerungsfotos zu machen. Sogleich waren wir von vielen Kindern umgeben, die uns ihre Wohnung zeigen wollten. |
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Die Töpfereibetriebe (Ofensetzer)
Auszug aus dem Tilsiter Adressbuch von 1939 Töpfer Alandt, Berta, Jägerstraße 23 Bloeß, Alfred, Töpfermeister, Stolbecker Straße 5, Ruf 3240 Bloeß, Gustav & Co., Inh.: Töpfermeister Paul Bloeß, Gerichtsstr. 8, Ruf 2525; Privat: Deutschestrasse 23, Ruf 2525 Ennulat, August, Memelstraße 14 Gottschalk, Herbert, Bismarckstraße 1 Kiebel, Fritz, Schlageterstraße 11 Krakautzki, Bruno, Stolbecker Str. 92 Leppert, Emil (Inh. Maria Leppert), Schlageterstraße 35, Ruf 3184 Neike, Georg, Gartenstraße 35 Neumann, Hermann, Oberst-Hoffmann-Straße 21 Nökel, August, Rosenstraße 3 Mertinat, Ewald, Garnisonstraße 22 Pahlke, Willi, Inselstraße 4 Palm, Ernst, Yorckstraße 10 Pempe, Walter, Schulstraße 15 Poek, Emil,Gebr. Gerberstraße 4a Poek, Richard, Hohe Straße 80 Schrader, Eduard, Königsb. Str. 2/3 Strasdas, August, Gebr. Gerberstr. 2 Werthmann, Karl, Schlageterstr. 48 |
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Nachdem mein Vater 1938 gestorben war und wir dann später in der Jägerstraße 10 ausgebombt waren, zogen wir quer über den Hof zur Bahnhofstraße 7. Es war ein großer Komplex. In der Jägerstraße waren z.B. der Friseur Paleit, ein Schreibwarengeschäft und die Bäckerei Palm. Wenn man durch die Einfahrt ging, gelangte man in die Bahnhofstraße 7. Hier gab es die Fleischerei Taube, daneben das Lebensmittelgeschäft und die Destillation Mielenz. Darüber auf der 1. Etage das Fremdenheim Holm, das von Schwestern geführt wurde und in deren Besitz der ganze Wohnkomplex Jäger-, Bahnhofstraße war. Außerdem wohnte da noch eine Familie Awischus, Arthur und Edith, die Töchter hießen Sigrid und Sabine. Herr Awischus besaß ein Fuhrunternehmen mit Taxen und Kutschen. In den Ställen waren die Pferde untergebracht. Auch bei meinem Besuch 1993 war ich auf diesem Hof, und es kam mir vor, als wäre ich an einem fremden Ort. Aber in meinen Gedanken hörte ich im Hof die Pferde wiehern. Der Besuch meines Heimatstädtchen hat mich sehr beeindruckt, und ich bin froh, einmal dort gewesen zu sein, auch wenn alles für mich sehr aufregend war. Einige Dinge beschäftigen mich noch: und zwar frage ich mich, was aus dem Töpfereigewerbe geworden ist. Vielleicht finde ich in einem der nächsten "Tilsiter Rundbriefe" die Antwort auf meine Frage. |
![]() Die Tilsiter Töpferinnung um 1930. vierter von links: Hermann Neumann; siebter von links: Obermeister Leo Neumann |
| Autor: © 1995 Johanna Stöcker geb. Neumann (Text und Bilder) Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 26/1996 |