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von Alfred Rubbel
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Unsere Stadtväter, damals allein dem Wohl der Stadt und ihren Bürgern verpflichtet und nicht, wie heute zu oft der persönlichen Karriere und, weil diese tragend, dem Parteiproporz, machten Tilsit in vielen Bereichen zur "Stadt ohnegleichen". Herausragend zu erwähnen ist der Oberbürgermeister Eldor Pohl. Er stand der Stadt vor in den schwierigen Jahren nach dem Ende des 1.Weltkrieges. Tilsit verlor durch die Grenzziehung auf der Memel das nördliche Stadtgebiet und mußte den wirtschaftlichen Niedergang mit der Inflation durchstehen. Trotz allem war er es, dem es gelang zu verhindern, daß das Gesicht der Stadt sich dem Niedergang anglich. Park- und Grünanlagen wurden, teils durch Notstandsarbeiten, angelegt oder weiter ausgebaut. |
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Auch andere Einrichtungen und Persönlichkeiten müssen im Zusammenhang mit der Stadtverschönerung genannt werden, so der Garten- und Verschönerungsverein, aber auch die Herren Heidenreich und Manleitner. Um auch das nähere Umland zu erschließen, ließ die Stadt Wanderwege entlang der Memel bis zum Schloßberg, anlegen. Einer führte von der Grünwalder Straße durch den Stadtwald über Villa Kuhlins zum Waldschlößchen. Das gleiche Ziel hatte der Weg auf dem Labiauer Damm. Der schönste, vollendet kurz vor dem Krieg 1938, war der entlang der Tilszele bis zur Tilszele-Brücke in Moritzkehmen. Auf allen innerstädtischen Parkwegen war das Radfahren verboten, Dies Verbot wurde streng durch Parkwächter und die Polizei überwacht. Die vier genannten Wege waren auch für Radfahrer freigegeben. Für die Benutzung mußte man sich im Stadthaus an der Deutschen Straße gegen eine geringe Gebühr einen Jahresring, der am Fahrrad zu befestigen war, kaufen. Auch hier hat unsere Stadt schon recht früh, bevor breites, politisch motiviertes Volksvergnügen wie "Kraft durch Freude" angezeigt war, seinen Bürgern Möglichkeiten für Erholung und individuelle Freizeitgestaltung angeboten. Und dies, obgleich damals die heutige "Spaßgesellschaft" noch nicht erfunden war. Dazu in der nordöstlichsten Stadt Deutschlands, in "Preußisch Sibirien", wohin die Versetzung eines Staatsdieners aus "dem Reich" dort als Abschiebung gewertet wurde. Friedrich II. schrieb als Kronprinz 1735 an seinen Freund Jordan, als er auf Befehl seines Vaters eine Inspektionsreise nach Ostpreußen antreten sollte: "ER will mich nach Preußen schicken. Das ist ein wenig anständiger als nach Sibirien, aber nicht viel." Dies noch nebenbei, Friedrich der Große hat unser Land sein Leben lang nicht gemocht! |
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Nun zu unserem schönen, neuen, aber in seiner gesamten Länge wenig bekannten Wanderweg. Er ist auf dem Stadtplan von Ernst Sablowski verzeichnet. Der Weg zweigte von der Sommerstraße zwischen der Pfennigbrücke und dem Neustädtischen Schulhof ab. Das erste Wegstück war deshalb gut bekannt, weil es zum Tilszelesportplatz, dem Tilszelefreibad, dem Militärbad und dem Turnerbad führte. Auf der anderen Uferseite kommen die villenartigen Häuser der Bismarckstraße ins Blickfeld. Hinter dem Sportplatz führt uns eine Holzbrücke auf die ostwärtige Seite der Tilszele. Ich bin nicht sicher, ob unsere Tilszele als Fluß zu bezeichnen ist, Bach ist mir zu kümmerlich, ist sie doch in diesem Teil durch den aufgestauten Mühlenteich "schiffbar". Wenn die Gelegenheit sich bot und das Taschengeld ausreichte, mietete ich ein Ruderboot am Bootsverleih an der Teichbrücke für 1 Reichsmark die Stunde, um meinen maritimen Neigungen nachzugehen. Auf dem Teich und dem unteren Flußteil gab es keine Strömung, die Wassertiefe wechselte nach Jahreszeit und Niederschlagsmenge, sie wurde durch die Schleuse zur Memel an der Ragniter Straße so bei einem Meter gehalten. |
![]() Partie an der Tilszele: Vor den Häusern der Bismarckstraße der Tilszelebogen. Links davon befand sich das Freibad. Im Hintergrund der Turm der Kreuzkirche. Die Aufnahme entstand 1931 (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit) |
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Wir sind mit dem Fahrrad unterwegs, es soll doch bis Moritzkehmen gehen. Links die Böschung des Botanischen Gartens und weiter südlich die ebenfalls 2 bis 3 m höher gelegene Kleingartenkolonie. Immer wieder gibt die üppige Bewachsung mit Bäumen und Büschen den Blick auf das Wasser frei. Pappeln überwiegen hier, Erlen und Weiden, aber auch Eschen bilden einen dichten Auenwald, der bei heißen Tagen Schatten spendet. Der Weg, etwa drei Meter breit, befestigt mit Kies, Schotter oder auch Schlacke, ist auch bei Niederschlägen gut passierbar. Er verläuft 1 bis 2 m über dem Wasserspiegel. Hinter den Badeanstalten tritt die uns links begleitende Ballgardener Höhenschwelle zurück. Beiderseits des Weges ein Feuchtgebiet mit Schilf und Hollunder. Es war eine mühevolle Arbeit für die städtischen Arbeiter, im Sommer den Teich und den Tilszeleunterlauf krautfrei zu halten. Von einem Floß wurde das Kraut mit einer Spezialsense gemäht. Kaum erkennbar, zweigt nun ein schmaler Wasserarm auf der rechten Uferseite ab. Anhand der Karte entdecken wir einen Altarm, der von dem Durchstich abzweigt. Er führt auf der Kallkapper Flur durch ein Wiesengelände, auf dem die Vereinsbrauerei Heu für die Brauereipferde gewinnt. Diese Flußniederung hat mit dem Altarm bei Hochwasser Speicherfunktion. Es war eine Eigenart unseres Raumes, daß in manchen Sommern die Niederschlagsmengen sich verdoppelten und die Heuernte unter Wasser kam. |
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Am Ende des Durchstiches, der das urwüchsige, von Zeit, Witterung und Wasser geschaffene Flußtal unterbricht, kehrt der Altarm zum Fluß zurück. Durch offenes Wiesengelände geht es weiter flußaufwärts. Bald wird das Gelände links von uns wieder etwas höher und hier endete bis 1938 die Tilszelepromenade. Links biegt ein Weg ab, der über die Ballgardener Höhenschwelle zur Chaussee Ballgarden-Moritzkehmen führt und den Rückweg nach Tilsit, zum Braak'schen Friedhof anbietet. Wir radeln weiter auf dem neuen Weg. Das Flußtal wird wieder enger, der Weg folgt mit viel Windung dicht am Ufer der Tilszele. Wir sind wieder eingetaucht in dichtem Busch- und Baumbestand, der den neu durch das Holz geschlagenen Weg eng umfaßt. Das Radeln wird etwas mühsamer, weil die Kohlenschlacke aus dem Städtischen Gaswerk noch nicht fest ist. Dafür wird diese Wegpartie immer reizvoller und einsamer. Seit den Häusern an der Bismarckstraße haben wir kein Haus gesehen. Die Tilszele, hier über kleine Sandbänke und Wurzelwerk der Uferbäume fließend, hatte, wie "Insider" wußten, hier ihren besten Fischbestand. Plötze und Weißfische gab es hier zahlreich, auch stand dicht unter dem Ufer der Hecht. Und Krebse gab es in Mengen! |
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Nach einer Biegung öffnet sich das Flußtal und vor uns, hoch über dem Wasser taucht die Eisenbahnbrücke, eine eiserne Kastenbrücke, der Bahnstrecke Tilsit-Stallupönen auf, die hier auf einem Damm verläuft. Wir sind jetzt über 2 km gefahren und keiner Menschenseele begegnet. Das Flußtal schneidet tiefer ein, vereinzelt kommen Obstbäume in Sicht, das Gelände bildet einen kleinen Kessel. Vor uns liegt etwa 6 m über dem Wasserspiegel die Moritzkehmer Tilszelebrücke. Hier war früher etwa bis Ende des 19. Jahrhunderts eine Wassermühle. Der Mühlenteichdamm ist hier durchstochen und überbrückt. Rechts von uns das Dahlmann'sche Anwesen, dies war die Wassermühle und dieser Kessel ist die Badestelle der Moritzkehmer und Senteiner Jugend. Unser Tilszeleweg ist zu Ende. Eine Verschnaufpause auf der Brücke gestattet den Blick auf das Flußtal nach Norden, woher wir kamen und nach Süden, wo die Tilszele durch das offene Wiesengelände des Gutes Moritzkehmen fließt. In etwa 4 km sehen wir die Willmantiner Berge, rechts, 1 km entfernt das Gut. Die Rückfahrt, soll sie nicht entlang der Tilszele gehen, kann über Ballgarden zur Stadt angetreten werden oder, was jedoch weiter ist, über den Drangowskiberg. Dies ist mein Weg, dort wohne ich. |
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Zuletzt bin ich den Tilszeleweg während eines Fronturlaubes 1944 gefahren. Wie mag es heute dort aussehen? Ich vermute, daß es diesen Weg nicht mehr gibt, er wird verschwunden sein, zugewachsen in dem dichten Buschbestand, der die Tilszeleniederung bedeckt. Die russische Karte von 1952 weist den Weg im Moritzkehmer Flurbereich nicht mehr aus. An der Pfennigbrücke begann der Tilszeleweg. Die Wassermenge, die die Tilszele heute transportiert, ist sehr gering. Zum Teil liegt dies daran, daß im gesamten Flußlauf die Drainagen ohne Eintrag sind. Landsmann Werner Gerull, der das elterliche Gut Moritzkehmen besuchte, fotografierte den ostwärtigen Brückenkopf der zerstörten Moritzkehmer Tilszelebrücke. Hier endete der Tilszeleweg. |
| Autor : © 2000 Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 30/2000 |