Aus der Heimat heute
Historisches Datum macht Tilsit mobil
von Hans Dzieran

Der Friedensschluß zu Tilsit - für Preußen eher ein Geschehnis der Schmach und Schande - war für die Franzosen ein großer Triumph in ihrer Geschichte. Kaiser Napoleon hatte fast ganz Europa okkupiert, Preußen niedergeworfen und den russischen Zaren ruhiggestellt.

In wenigen Monaten, im Sommer 2007, jährt sich das historische Ereignis zum 200. Mal. Für die Franzosen Anlaß genug, diesen Markstein ihrer Geschichte mit gehörigem Pomp zu feiern.

Schauplatz der Feierlichkeiten soll die Stadt am Memelstrom sein, wo die Friedensverhandlungen stattfanden und die Verträge unterzeichnet wurden, auch wenn diese Stadt nicht mehr ihren historischen Namen Tilsit trägt. Hochrangige französische Abgesandte suchten in den letzten Monaten mehrfach den Ort auf, der sich heute Sowjetsk nennt, um Vorbereitungen für die Jubelfeier zu treffen.

Das hat die Tilsiter Stadtoberen aufgescheucht. Zwar war der Friede zu Tilsit für die Russen wahrlich kein Ruhmesblatt, doch die Aussicht, Austragungsort einer Festivität von europäischer Dimension zu sein, macht mobil. Es gelte, sich dessen würdig zu erweisen - schließlich, so heißt es, seien doch in Tilsit die Grundlagen moderner Politik gelegt worden und sicher werde das Ereignis zahlreiche europäische Politiker auf den Plan rufen.

Die Fotos zeigen, wie sich die Stadt herauszuputzen beginnt. Baumaschinen rücken auf den wichtigsten Straßen den Schlaglöchern zu Leibe und asphaltieren die Fahrbahn
(Bild 1), Häuserfronten an den Einfallstraßen werden aufgetakelt (Bild 2) und das Hotel Rossia erhält einen Anbau mit Luxusappartements, Fahrstühlen und einem Festsaal
(Bild 3).

Leider brachte die Suche nach Spuren, die an den Friedensschluß erinnern, kaum etwas zutage. Mit Zeugnissen historischer Vergangenheit ist es in Tilsit schlecht bestellt. Das Napoleonhaus, in dem der Kaiser residierte, gibt es seit 1945 nicht mehr. Die Ordenskirche, deren Turm Napoleon mit nach Frankreich nehmen wollte, ist 1960 abgerissen worden. Auch das Luisenhaus und das Luisendenkmal verschwanden in den Nachkriegsjahren. Einzig die Napoleonslinde auf dem Drangowskiberg mit ihrem beachtlichen Stammumfang von 4,20 m erinnert an die Anwesenheit des Monarchen. Hier sollen bis zu den Feierlichkeiten eine Einfriedung mit einer Besucherplattform und ein großer Parkplatz entstehen. Auf dem ehemaligen Ludendorfplatz will man einen „Platz des Tilsiter Friedens" schaffen. Hier sollen Grünanlagen und Rosengärten angelegt und eine Stele errichtet werden.

Inzwischen gibt es auch in der Bundesrepublik Deutschland erste Anzeichen dafür, daß man dem Ereignis Beachtung schenken will. Die Dittchenbühne Elmshorn signalisierte Interesse an den Feierlichkeiten wie auch das Traditionskorps des Königlichen Preußischen Infanterieregiments Nr. 59 „Graf von Wartensleben". Der Kampfweg des Regiments führte über die Schlachten bei Auerstedt und Pr.Eylau bis nach Tilsit. Nun wird in Tilsit ein Biwak geplant mit historischen Uniformen, Vorderladern und Böllerschüssen, um an jene Tage zu erinnern, in denen damals europäische Geschichte geschrieben wurde.

Autor: © 2006 Hans Dzieran
Fotos: Jakow Rosenblum
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 78/2006

Tilsit heute..Sovetsk



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 02.06.2006
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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 28. Januar 2011