Deutsch-russisches Seminar zum Tilsiter Frieden
von Hans Dzieran

Das 200-jährige Jubiläum des Friedensschlusses zu Tilsit war gegebener Anlaß, über die Bedeutung dieses geschichtlichen Ereignisses für das heutige Rußland und speziell für das Königsberger Gebiet nachzudenken. Die Lübecker Academia Baltica hatte zum Thema "Tilsit - Denkort europäischer Geschichte" zu einem deutsch-russischen Seminar eingeladen. Veranstaltungsort war das idyllisch gelegene Deutsch-Russische Haus am Königsberger Kupferteich. 70 Teilnehmer aus Deutschland, der russischen Oblast Kaliningrad, aus Litauen und Frankreich waren der Einladung gefolgt und gingen gemeinsam der Frage nach, welche Rolle der Tilsiter Frieden im kollektiven Gedächtnis der Ostpreußen und Deutschen spielte und welche Bedeutung er heute für die in Ostpreußen lebenden Rußen hat.

Bereits im Einführungsvortrag zeigte sich, daß es einiges an Lücken aufzufüllen gab. So wurde behauptet, der Friedensschluß sei eigentlich nicht in Tilsit gewesen, sondern die Flöße hatten bei Piktupönen gelegen. Der Name Tilsit existiere heute überhaupt nur noch als Name einer Raststätte an einer rheinischen Bundesautobahn. Unter den Teilnehmern gab es nur einen einzigen echten Tilsiter und ihm oblag die Aufgabe, nicht nur Piktupönen geographisch einzuordnen, sondern auch das Wirken der Stadtgemeinschaft Tilsit und der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit nahezubringen. Die Gründung einer Ortschaft Tilsit im schweizerischen Thurgau wurde staunend zur Kenntnis genommen und freudig begrüßt.

Zwei Monate zuvor war es schon einmal um die Auswirkungen des Friedensschlusses von 1807 gegangen - auf einer wissenschaftlichen Konferenz, die russische Institutionen im Tilsiter Hotel "Rossia" unter das Thema "Der Tilsiter Frieden als Prototyp des Europäischen Hauses" gestellt hatten. Auf dieser Konferenz wurde das Tilsiter Vertragswerk von den dort versammelten Historikern und Politologen vor allem unter dem Aspekt der russischen Kompromißbereitschaft als Sieg der Diplomatie gewertet und generell seine Vorbildwirkung für eine Einigung Europas herausgestellt. Dort seien die Grundlagen europäischer Politik gelegt worden.

Hier nun, auf dem viertägigen deutsch-russischen Seminar, ging es um mehr. Das Vortragsprogramm spannte einen weiten Bogen von der Suche nach geschichtlichen Spuren im Gedächtnis der Preußen, Russen und Franzosen, über Erinnerungen an historische Orte und Personen wie Tilsit, Königin Luise und Max von Schenkendorf bis hin zur aktuellen Dimension des Geschehens vor zweihundert Jahren. Dabei war die Frage von Interesse, wie das historische Erbe auf die heutigen Bewohner wirkt und einen Begegnungsraum schafft für Russen, Litauer, Deutsche und andere.

Die kriegerischen Ereignisse auf ostpreußischem Boden und der napoleonische Triumph wurden in mehreren russischen Vorträgen sehr anschaulich dargestellt. Es gibt zahlreiche Erinnerungsstätten, wo man mit Gedenktafeln, Schauvorführungen in historischen Uniformen, in Vereinen für Regionalforschung und auch im russischen Schulunterricht die geschichtliche Vergangenheit wachhält. In der Diskussion wurde von den deutschen Teilnehmern mit Erstaunen festgestellt, wie intensiv man sich des preußischen Erbes annimmt und wie man unter dem Gesichtspunkt der patriotischen Erziehung die russisch-preußische Waffenbrüderschaft schätzt. Bei einer Exkursion nach Tilsit konnten sich die Teilnehmer im dortigen Stadtgeschichtlichen Museum ein Bild davon machen.

Der Empfang in Tilsit war sehr herzlich. Im modernisierten Hotel "Rossia" wurde die Seminargruppe von Frau Sokolowa empfangen Die ehemalige Stadtpräsidentin ist hier als Hotelmanagerin tätig. Im Konferenzsaal des Hotels hieß der Vertreter der Stadtverwaltung Igor Firsikow die Teilnehmer in Tilsit willkommen. Er gab seiner Genugtuung Ausdruck, daß die Stadt am Memelstrom durch den Besuch des Seminars der Academia Baltica erneut ins europäische Interesse gerückt wird. Die historische Vergangenheit werde von der Bevölkerung in zunehmendem Maße angenommen und fördere den Wunsch nach engeren Kontakten zu Europa.

Daß es hierbei nicht ohne Schwierigkeiten abgeht, wurde in den Darlegungen des Direktors des Tilsiter Stadtgeschichtlichen Museums Georgi Ignatow deutlich. Unter seiner Regie waren umfangreiche Vorbereitungen zur 200-Jahrfeier des Tilsiter Friedens eingeleitet worden. Besonders sollte der europäische Charakter des Ereignisses herausgestellt werden. Ursprünglich war sogar eine Zusammenkunft der Staatsoberhäupter von Rußland, Frankreich und Deutschland vorgesehen. Dann wurde die Begegnung auf Außenministerebene zurückgefahren, doch auch davon blieb nichts übrig. Nicht einmal der Gouverneur des Königsberger Gebiets Boos war bei der Jubelfeier zugegen. Die Franzosen, die ursprünglich ein sehr reges Interesse bekundet hatten, ihren geschichtlichen Triumph vor Ort am Memelstrom zu feiern, blieben dem Geschehen fern. Dazu trug vieles bei. Man hatte ihnen die Visa für die Einreise von Pferden und Waffen, mit deren Hilfe die historischen Ereignisse nachgestellt werden sollten, schlichtweg verweigert. Auch einer Militärkapelle und einer Kadettenabordnung war aus unerfindlichen Gründen die Einreise nicht gestattet worden. Der eigentliche Grund des plötzlichen Desinteresses war aber die Tatsache, daß die Stadt Tilsit, die in Frankreich jedem Kind bekannt ist, nicht mehr ihren historischen Namen trägt.

Aus französischer Sicht reduzierte sich die Spurensuche auf Beispiele aus der Historiographie, Belletristik und Malerei, mit denen sich der Vortrag von Olivier Mathieu befaßte.

Wegen der europäischen Dimension des Tilsiter Friedens war die russische Seite immer wieder bemüht, eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Wladimir Michailow, Vertreter der Hamburger Handelskammer in Königsberg, vermittelte den Zuhörern das etwas euphorische Bild eines dynamischen wirtschaftlichen Aufschwungs im nördlichen Ostpreußen im allgemeinen und im boomenden Kaliningrad im besonderen. Nach seinen Worten gibt es bereits 380 Unternehmen mit deutscher Beteiligung und eine Fülle von Projekten, die von ihm begleitet werden. Deutschland sei der größte Handelspartner im Im- und Export, wenngleich es auf dem Gebiet der Investitionen nur Rang 4 einnimmt. Hier werde noch mehr Engagement von deutscher Seite erhofft.

Der Konsul der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Guido Herz, bekräftigte in seinen Ausführungen, daß Moskau das Gebiet wegen seiner globalen Konstellation als vorgeschobenen Wirtschaftsfaktor für Europa betrachtete und der politische Wille vorhanden sei, diese Situation entsprechend zu nutzen. Der Friede zu Tilsit habe dieses Gebiet ins Blickfeld Europas gerückt und sei heute eine offene Stätte der Begegnung und Zusammenarbeit.

Allerdings wurden seitens der Teilnehmer Zweifel laut, denn ausgerechnet Frau Dr. Petra Zühlsdorf, die das deutsch-russische Seminar konzipiert und vorbereitet hatte, war von russischer Seite ohne Angabe von Gründen das Visum verweigert worden.

Der Leiter des Deutsch-Russischen Hauses Peter Wunsch legte den Teilnehmern nahe, viele noch vorhandene Probleme im Kontext mit dem derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklungsstadium zu sehen und nicht nur mit deutscher Brille zu betrachten. Ihm wurde dann auch besonderer Dank zuteil für die einwandfreie Ablauforganisation des Seminars, für die Betreuung der Teilnehmer und den simultanen Übersetzungsdienst.

Das rege Interesse und die Debattierfreudigkeit aller Teilnehmer wurde abschließend von Dr. Christian Ptetzing als sehr erfreulich gewürdigt. Der Geist von Tilsit sei lebendig. Die Themen waren gut gewählt und boten auch viele Ansätze zum weiteren Nachdenken - ein Grund mehr, um die interessante Thematik bei künftigen Vorhaben zu berücksichtigen.

Autor: © 2007 Hans Dzieran
Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 81/2007 Seite 44


Tilsiter Frieden



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 04.01.2008
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letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 21. Januar 2011