Der Elch ist heimgekehrt
von Hans Dzieran

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wer hätte geglaubt, daß der Tilsiter Elch nach sechzigjähriger Verbannung dorthin zurückkehren wird, wo er einstmals stand und wo er hingehört, in seine Stadt am Memelstrom.

Vertrieben wie alle Tilsiter fristete er sechs Jahrzehnte ein trauriges Dasein in einem abgelegenen Winkel des Königsberger Tierparks. Als vor zwei Jahren einige Tilsiter seines 75. Geburtstages gedachten, war er kaum wiederzuerkennen. Einsam und ramponiert, seiner Schaufeln verlustig, stand er da im verwahrlosten Gesträuch und blickte traurig vor sich hin. Was war das doch damals für ein Ereignis an jenem 29. Juni 1928, als das bronzene Elchstandbild eingeweiht wurde, ein Werk des Bildhauers Ludwig Vordermeyer, hergestellt in der Kunstgießerei Noack in Berlin-Friedenau.

Auf dem Tilsiter Anger herrschte Festtagsstimmung. Hunderte von Menschen waren gekommen, um den Elch zu bewundern und ihm einen Willkommensgruß zu entbieten. Majestätisch schaute er von seinem hohen Podest auf die Tilsiter, blickte hinüber zum Grenzlandtheater und zum Memelstrom. Von nun an nahm er teil am Leben und Treiben auf dem Anger der quirligen Stadt. Kundgebungen, Ausstellungen, im Winter die Eisbahn mit Walzerklängen - immer war er mittendrin.

Die Tilsiter liebten ihn. Manchmal trieb man mit ihm auch Schabernack. Tilsiter Bowkes versuchten öfter, ihn zu erklimmen und auf ihm herumzuturnen. Selbst eine Taufe blieb nicht aus. In einer mondhellen Nacht verliehen ihm einige Lorbasse, unter ihnen unser heutiger Stadtvertreter, mit einem halben Liter Bier den Namen "Gustav". Er ließ es mit sich geschehen und war über solche Streiche erhaben.

Auch als der Krieg kam, trotzte er unerschütterlich den Bombenangriffen und Kampfhandlungen. Als seine Tilsiter schweren Herzens ihre Stadt verließen, blieb er ehern auf seinem Platz. Gleichmütig schaute er auf die Neuankömmlinge aus den Weiten Russlands, verkündete ihnen den einzigartigen Reiz der Stadt und der Region am Memelstrom.

Doch die Zeiten waren nun nicht mehr so. Die neuen Herren brauchten andere Symbole als einen friedlichen Elch. Er mußte einem stählernen Ungetüm weichen. Ein ausgemusterter Panzer T 34 nahm zum Zeichen des Sieges seinen Platz ein. Abgeschoben auf eine Wiese am Stadtrand wurde er zum Spielzeug von herumtobenden Jugendlichen. Sie gingen mit dem auf ebener Erde stehenden Beutestück nicht gerade sanft um. Sie wippten auf seinen Schaufeln und es dauerte nicht lange, bis eine der Schaufeln abbrach. Sie war vorübergehend verschwunden, wurde zum Glück in einer Altmetall-Aufkaufstelle gefunden und im letzten Moment vor der Verschrottung gerettet. Um weiteren Ärger zu ersparen, wurde der Elch nach Königsberg in den Tierpark verfrachtet. Ebenerdig war er auch hier allen möglichen Attacken ausgesetzt. Die notdürftig angeschweißte Schaufel knickte bald wieder ab und es dauerte nicht lange, bis auch die zweite Schaufel traurig herunterhing.

Mit Beginn der neunziger Jahre setzten die ersten Bemühungen der heutigen Bewohner Tilsits ein, den Elch zurückzubekommen. Von dem einsetzenden Besucherstrom ehemaliger Tilsiter wurde ihnen immer wieder die Frage gestellt: Wo ist der Elch geblieben? Neben vielen anderen Dingen wurde gerade er in der alten Vaterstadt an der Memel schmerzlich vermißt. Es war der Regionalforscher Isaak Rutman, der gemeinsam mit dem städtischen Kulturamt und dem Museum eine Unterschriftensammlung startete mit der Forderung "Gebt den Elch zurück!" Die Bemühungen stießen auf taube Ohren, scheiterten an der schwerfälligen Bürokratie oder an selbstherrlicher Sturheit.

Im Streit um die Rückgabe hatte sogar einmal der Gouverneur Matotschkin ein Machtwort gesprochen. Man schickte schleunigst einen Tieflader nach Königsberg , um den Elch aus seiner Verbannung zu holen und ihn anläßlich des 100jährigen Jubiläums des Tilsiter Stadttheaters nach Ende der Festveranstaltung den Gästen als Überraschung zu präsentieren. Doch dann stand nur der leere Tieflader da. Er hatte unverrichteter Dinge umkehren müssen, weil die Direktion des Tierparks den Eingang zugekettet und die Weisung des Gouverneurs schlichtweg ignoriert hatte. Vor zwei Jahren gab es einen neuen Anlauf. In einer Tilsiter Zeitung konnte man die fette Schlagzeile lesen: Pora domoi ( Es ist Zeit nach Hause zu kommen ). Jakow Rosenblum und Kristina Martschenko schilderten in einer Dokumentation das traurige Schicksal des Elches, der seinen 75. Geburtstag in der Fremde verbringen mußte und ließen ihn die Frage stellen: "Wann bringt ihr mich wieder zurück in mein Tilsit?" Jakow Rosenblum schuf eine Ansichtskarte, auf der der traurige Lebensweg bildlich nachvollzogen wurde mit der eindringlichen Mahnung: Darf er nicht endlich wieder nach Hause? Auch die Zeitung "Chronik Amber" rief ihre Leser auf, vorgedruckte Anträge auf Rückkehr des Elches auszufüllen.

Es verstand sich von selbst, daß auch die Stadtgemeinschaft Tilsit nicht untätig blieb. Zweimal holte Stadtvertreter Horst Mertineit während der Kieler Woche die Bürgermeister von Königsberg und Tilsit an einen Tisch, wo sie versprachen, den Elch wieder heimkehren zu lassen. Im vergangenen Jahr übergab Horst Mertineit dem Tilsiter Oberbürgermeister einen Brief an die Abgeordneten der Königsberger Gebietsduma. Darin schilderte er die Herkunft des Elches, der ein Geschenk des damaligen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun war, und seine Bedeutung als Symbol für ruhende friedliche Kraft, Ordnung und Beständigkeit für die Stadt am Memelstrom. Damit verbunden war die Bitte, die Abgeordneten mögen doch bei einer Abstimmung über das weitere Schicksal des Elches seine Heimkehr beschließen.

Steter Tropfen höhlt den Stein. Ende vergangenen Jahres wurde tatsächlich die Rückkehr nach Tilsit beschlossen. Und nun überschlugen sich die Ereignisse. Das kennt man ja. Erst bewegt sich jahrelang nichts und plötzlich kann es nicht schnell genug gehen. Nach Verkündung des Beschlusses mußte in Tilsit eiligst die Standortfrage geklärt werden. Der ursprüngliche Platz auf dem Anger war tabu. Hier befand sich inzwischen der Panzer und ein Memorial für die 596 bei der Eroberung Tilsits gefallenen Sowjetsoldaten. Als Vorschläge kamen der Platz neben der Königin-Luise-Brücke, das Grundstück der verschwundenen Litauischen Kirche gegenüber dem heutigen stadtgeschichtlichen Museum und die Gegend um das Hohe Tor in die engere Wahl. Man entschied sich für ein Areal an der Angerpromenade, Ecke Hohes Tor, gegenüber dem früheren Amtsgericht.

Im Juli dieses Jahres begannen die Vorbereitungen. Ein hölzerner Bauzaun wurde aufgestellt und das Gelände planiert. Nach einem rasch entworfenen Projekt entstand ein gepflastertes Rondell von ca. 15 m Durchmesser, erreichbar vom Hohen Tor über eine breite Freitreppe mit 5 Stufen. Inmitten des Rondells wurde ein flacher Betonsockel vorbereitet, auf dem der Elch seine neue Heimstatt finden sollte. Das Gelände rings um das Rondell erhielt eine Rasendecke.

Inzwischen trat aber ein weiteres Problem auf. Die Bauarbeiten, die Überführung, die Restaurierung und die Aufstellung schlugen mit erheblichen Summen zu Buche. Von 30.000 Dollar war die Rede - ein harter Brocken für das chronisch leere Stadtsäckel. Aber gab es nicht noch die Stadtgemeinschaft Tilsit und die Patenstadt Kiel, die man um Hilfe bitten konnte? Stadtvertreter Horst Mertineit rechnet stark mit der Unterstützung des Vorhabens durch die alten Tilsiter und bittet um Spenden.

Das Stadtfest mit dem Übergabetermin rückte rasch näher und die bange Erwartung wuchs. Würde es diesmal klappen? Noch war die Erinnerung an die mißglückte Aktion im Jahre 1993 nicht verblaßt.

Doch am 24. August geschah das kaum Faßbare, im Gefolge eines Blaulichtfahrzeugs rollte 12 Uhr mittags eine Zugmaschine um die Ecke, auf dem Anhänger der sorgfältig vertäute Elch in voller Größe. Die Kunstschmiedewerkstatt in der Königsberger Petschatnaja, der früheren Schreberstraße, hatte ihm im Verlauf von zwei Monaten sein einstiges Aussehen wiedergegeben. Beide Schaufeln waren dran und gaben ihm sein würdevolles Aussehen zurück.

Beamte der Stadtverwaltung, Pressevertreter und viele Schaulustige verfolgten den weiteren Gang der Dinge. Die bereitstehende Kranbesatzung schlang breite Lederriemen um Hals und Bauch der schweren Bronzeskulptur und hievte ihn hoch. Unterdessen rührten Maurer eine frische Betonmischung an, in die von den Anwesenden Münzen als Glücksbringer hineingeworfen wurden, und dann wurde der Elch vorsichtig auf seinem Podest befestigt. Eine Kinderschar begrüßte das Ereignis mit bunten Luftballons und lauten Hurra-Rufen. Das regionale Fernsehen sendete in den Abendnachrichten eine Bildreportage.


Tilsit, 24. August 2006 - Der Elch kehrt heim

Die offizielle Einweihung fand wenige Tage später im Rahmen des diesjährigen Stadtfestes statt. Mehr als tausend Zuschauer hatten sich im Stadtzentrum versammelt, um der Zeremonie beizuwohnen. Noch war der Elch mit einem weißen Tuch verhüllt. Eine Kapelle spielte flotte Weisen, und junge Mädchen einer Tanzgruppe entboten einen Willkommensgruß. Und dann war es soweit. Gegen 15 Uhr betraten die Offiziellen über die Freitreppe das Rondell, die Stadtpräsidentin, Vertreter der Gebietsverwaltung und Oberbürgermeister Swetlow. Er war es auch, der die Einweihung eröffnete und die Statue feierlich enthüllte. Unter dem Jubel der Menschen präsentierte sich der Elch in voller Pracht und Schönheit. Dann ergriff Stadtpräsidentin Tatjana Sedych das Wort. Mit der Rückkehr des Wahrzeichens von Tilsit sei ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Sie bezeichnete das Ereignis als denkwürdigen Tag für die Bürger dieser Stadt. Der langanhaltende Beifall und die Jubelrufe waren der Beweis, daß die Bürger Ihren neuen Weggefährten angenommen hatten und ihm ihre Sympathie bekundeten. Das zeigte sich auch unmittelbar nach Abschluß der Einweihung, als viele zu dem Elch drängten, um sich mit ihm fotografieren zu lassen.



Ein Fernsehteam der ARD war bei der Einweihung zugegen, und auch eine Reisegruppe aus Sachsen war unter den Zuschauern, unter ihnen mehrere alte Tilsiter. Mit Freude und Genugtuung begrüßten sie ihren alten Bekannten, auch wenn er nun nicht mehr zum Memelstrom, sondern in die Gegenrichtung schaut und seinen stummen Blick auf den neuen Nachbarn, eine Figur namens Lenin, richtet.

Doch Elche sind friedfertig. Lenin hat nichts zu befürchten. Der Elch wird ihn nicht auf seine Schaufeln nehmen. Der Elch wiederum muß keine Angst vor Lenin haben. Der hat sein Pulver längst verschossen.



Tilsit/Sovetsk:
Oberbürgermeister Swetlow bei der Einweihung des Elchstandbildes
am 3. September 2006





Stadtvertreter Horst Mertineit, der wegen der Kurzfristigkeit der Einladung nicht persönlich kommen konnte, hatte ein Grußschreiben an den Oberbürgermeister und die Bürger der Stadt Sovetsk geschickt, in dem es unter anderem heißt: "Als Vertreter der noch in aller Welt verstreuten ehemaligen Bewohner, als die Stadt noch Tilsit hieß, grüße ich Sie und wir freuen uns mit ihnen, daß jetzt der "Tilsiter Elch" wieder in seine alte Heimat zurückgekehrt ist. Nehmen Sie ihn herzlich als "Heimkehrer" auf und lassen Sie ihn auch den "Sovetsker Elch" werden, einer von Ihnen, wie er einst einer von uns war. Freuen wird er sich sicher, wenn man ihn auch mal als "Tilsiter/Sovetsker Elch" anspricht. Er ist ruhig, gutmütig, geduldig, friedlich, stark, er hat schöne Jahre gehabt, aber er hat auch schwere Zeiten überstanden." Er rief die Bürger von Sovetsk auf, "Gustav" liebevoll als echten Freund aufzunehmen und gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß der "Tilsiter/Sovetsker Elch" für uns alle das Symbol für ein echtes und aufrichtiges Miteinander in Frieden und Freundschaft werde.

Ein Wunder ist wahr geworden. Der Tilsiter Elch steht, paßt auf seine Stadt auf und - wie es so schön im Ostpreußenlied heißt - lauscht in alle Ewigkeit.

Autor: © 2006 Hans Dzieran -
Bilder: Jakow Rosenblum
Quelle:
1) "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2007 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz
2) Das "Ostpreußenblatt" Nr. 36 vom 09.09.2006
3) "Tilsiter Rundbrief" Nr. 36/2006

Tilsit heute..Sovetsk



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 25.11.2006
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Freitag, 28. Januar 2011