zur Geschichte
Der Hundertjährige Litauerkrieg und die Schlacht bei Tannenberg 1410 in ihrer Bedeutung für unsere Heimat
Dr. Kurt Abromeit (†)

Zum geschichtlichen Grundwissen jedes Ostpreußen gehört die frühe Schlacht bei Tannenberg 1410, die den Untergang der Ordensherrschaft besiegelte. Die Geschichte des Ordens war die Geschichte eines steten Kampfes um die Macht mit Litauen und später auch Polen. Die letzte unausweichliche Schicksalsschlacht war zugleich das Ende des Hundertjährigen Litauerkrieges. Wie kam es dazu?

Nachdem der Deutsche Orden die elf prußischen Stämme von 1221 bis 1283 besiegt hatte, begann er seinen Bekehrungs- und Eroberungskrieg gegen die Litauer, die letzten Heiden Europas. Er dauerte rund 100 Jahre und endete mit der Niederlage des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg und Grünfeld 1410. (Die Polen sagen Grunwald.)
Der Orden hatte, als er den Krieg begann, die Litauer in ihrer kriegerischen Kampfkraft unterschätzt, wie die Geschichte lehrt. Im Unterschied zu den in elf Stämme zersplitterten Prußen hatten die Litauer eine größere militärische und politische Kraft entwickelt. Daher leisteten sie nicht nur dem angreifenden Orden über ein Jahrhundert erbitterten Widerstand, sondern bekämpften, man staune, gleichzeitig auch russische Stämme und beherrschten sie ab 1361/62 in Kiew und dem Dnjepr (das einstige Pionierland der Wikinger) und kamen zeitweilig bis an das Schwarze Meer. Sie stiegen territorial zur größten Macht Osteuropas auf.

Dieser blutige Krieg gegen die letzten Heiden Europas hatte seine eigenen Gesetze, wie wir hören: mit "Mord und Totschlag", auch Unschuldige wie Frauen und Kinder wurden oft getötet oder als Kriegsgefangene versklavt. Chronisten schildern hier Kriegsgreuel ohne Mitgefühl für die Opfer. Selbst der frühe Ordenschronist Peter von Dusburg, der selbst Ordenspriester war und das Heer im Kriege begleitete, beschönigt öfter Greueltaten der Ritter als "ein gottgefälliges Werk"! Da er kein Ruhmesblatt in der Ordensgeschichte war, wurde der Litauerkrieg im Geschichtsunterricht kaum erwähnt.

Bei der Betrachtung des Litauerkrieges müssen wir die historische Distanz von 700 Jahren überwinden. Die Zeit damals hatte einen anderen Lebenshorizont als wir heute, nach der Aufklärung und Romantik. Doch Vertreibung und Eigentumsraub und Tötung der Zivilbevölkerung blieben Kriegsmittel bis heute - wie es auch die Heimatvertriebenen und andere erleben mußten und noch müssen.

Der Orden kannte, als er den Krieg begann, die Stärke seines Gegners, denn der Ordenschronist Peter von Dusburg nannte die Litauer in seiner Chronik schon vor 1326 "ein mächtiges und überaus halsstarriges und kriegsgeübtes Volk". (Sie hatten sich schon vor 1000 v.Chr. als baltisches Volk von den Prussen getrennt.) Es bestand im 14. Jahrhundert noch aus freien waffentragenden Bauern, mit feldbehauenden Sklaven, die zumeist Kriegsgefangene oder gekauft waren. Über ihnen standen Edelleute oder Adlige (noh ilas) als Berufskrieger mit eigener Gefolgschaft. Darüber Fürsten oder Großfürsten, die eine oder mehrere Landschaften anführten. Jeder Bezirk hatte eine als Holz-Erde-Burg errichtete Fliehburg wie auch bei den Prußen. Doch schon im 14.Jahrhundert wurden gemauerte Burgen aus Feld- und Ziegelsteinen, auch von den Litauern errichtet.
Die Heeresstärken des Ordens nach Litauen betrugen jeweils einige hundert Reiter bis zu 40.000 Mann. Es gab sogenannte Kriegsreisen nach Litauen als "Verheerungen", "Baureisen" von Burgen, "Schlachten" und "Überfälle" durch schnelle Reiter. Diese Kampfhandlungen hielten sich zahlenmäßig die Waage.

Ab 1300 kamen Kreuzfahrer aus ganz Deutschland und dem europäischen Adel: aus Österreich, Flandern und England als Kriegsgäste nach Preußen, um an den Kriegsfahrten teilzunehmen. Sie kamen zu Pferde auf eigene Kosten die langen Wege geritten, mit ihren Knappen und Gefolgsleuten. Es galt damals als höchste Ritterehre, wenn man auf dem Schlachtfeld in Litauen zum Ritter geschlagen wurde. Die Kriegsgäste machten zuerst in Königsberg Quartier, wo sie sich zum Heereszug sammelten. Europäische Ritter nahmen auch an der letzten Schlacht bei Tannenberg teil und brachten Blutopfer. Während der Wartezeiten in Königsberg erfreute man sich an höfischen Festen, Jagd und Wallfahrten. Doch der Höhepunkt war der Heerzug nach Litauen. "Siebenmal war z.B. der Herzog von Geldern ins Ordensland geritten." (Paravicini).

Die Kriegszüge waren als sogenannte "Reisen" nur im Sommer oder Winter möglich wegen der großen Hochwasser und Überschwemmungen im Frühjahr und Herbst, auch wegen der Moore und Sümpfe in den Hochwäldern, die das Land überzogen.
Die "Verheerung" war die Grundform der mittelalterlichen Kriegsführung schlechthin. Sie war auch im Baltikum zu Hause, bevor der Orden kam. Sie sollte den Gegner schwächen, indem man Feuer in die Dörfer legte, Häuser, Scheunen und Stallungen abbrannte und die Ernte vernichtete, Pferde und Rinder raubte und sie als Kriegsbeute mit Frauen und Kindern zu Pferde, mit Wagen und Schlitten fortführte. Unter erschwerten Verhältnissen beim Rückzug wurden Gefangene getötet, ehe sie von den Litauern befreit werden konnten. "Menschen und Vieh behandelte man damals ohne Unterschied als Sachen, was daran zu erkennen ist, daß beide umgebracht wurden, wenn sie bei schwierigem Rückzug lästig wurden", belehrt uns der Chronist Peter von Dusburg. Doch auch die Litauer hielten mit dergleichen grausamen und blutigen Kriegsführung dagegen. Mit Vorliebe, heißt es, verbrannten sie gefangene Ordensritter lebend mit ihrem Pferd auf dem Scheiterhaufen.

Zur Belagerung der Burgen besaß der Orden seit 1362 auch schweres Belagerungsgerät als Feuerwaffe mit Eisen- und Steinkugeln. Schon ein Jahr später hatten auch die Litauer Feuerwaffen zur Vernichtung von Steinburgen des Ordens.

Die Hauptkriegsstraße nach Litauen war die Memel. Im Sommer fuhr man in Booten und Schiffen die Memel aufwärts. Dafür besaß der Orden eine eigene Flotte. Man sammelte sich zu den Schiffsreisen in Labiau und fuhr über das Kurische Haff die Memel aufwärts: über den ersten Stützpunkt Windenburg, entlang der Ordensburgenkette mit 11 Burgen die Memel stromauf nach Litauen.
In den schriftlichen "Wegeberichten" als Marsch- und Kriegsanweisungen wird nach der Burg Windenburg als nächster Rastplatz die Burg Splitter in Tilsit genannt, später auch die Burg "Neues Haus", die 1365 von den Litauern vernichtet wurde.

Neben der Memel war die zweite Kriegsstraße der Landweg von Insterburg durch die waldreiche Wildnis der Hochwälder in Richtung Ragnit und Tilsit, ehe man hier in Booten oder Schiffsbrücken über die Memel nach Samaiten ging. Die Marschgeschwindigkeit der Heere betrug damals vier preußische Meilen am Tag (1 Meile = 8280 m). Im Laufe der Zeit hatten sich Heerstraßen durch die Wildnis gebildet bis nach Litauen hinein. Ortskundige "Leitsleute" (zumeist Prußen und Litauer) gingen dem Heere voraus. Doch sprachen alle Wegeberichte von "räumen", denn zwischen Litauen und Preußen lag unwegsames Gelände, lagen Gesträuch und Wälder, durch die man den Weg "räumen", also freihauen mußte. In Mooren und Sümpfen legte man Knüppeldämme, über Bäche und kleine Flüsse mußten Brückengebaut werden. Das verringerte die Marschgeschwindigkeit erheblich.

Die Ritter ritten den Weg auf den ausdauernden prußischen Schweiken. Erst kurz vor dem Kampf bestiegen sie ihre mitgeführten schwereren Schlachtrosse und nahmen Schild und Lanze zum Kampf auf. Da weite Teile des Landes durch den Krieg verheert waren, mußte man eigene Verpflegung und Pferdefutter mitnehmen. Man führte sie in Tonnen und Kisten verpackt auf vierspännigen Wagen oder Schlitten mit. Auch Zelte und Schaffelldecken für die Nächte und anderes Heereszubehör. Priester hielten den täglichen Gottesdienst, auch Ärzte zogen im Heer mit.

Auf den gleichen Heerstraßen kamen umgekehrt die Litauer und verheerten mehrmals das Ordensland. Vor allem hat unsere grenznahe Heimat mit der Tilsiter Niederung unterständigen Litauereinfällen gelitten: 1295,1305, 1355 und 1365 waren die blutigsten. Sie eroberten und zerstörten mehrmals die heimischen Burgen in Ragnit und Paßkalwen und 1365 wiederum auch die Tilsiter Burgen Kaustritten auf dem Schloßberg, die Burg Splitter und die Burg "Neues Haus", die nach dem Chronisten Wigand 1360 in Tilsit gegründet worden war. Sie wurde 1384 nochmals mit der Burg Splitter erwähnt. Danach nicht mehr. Somit hatte Ttilsit - was für uns neu ist - damals drei Burgen. Der Standort der dritten Burg ist unbekannt. (War es der Engelsberg, der einem Burgberg ähnelt?) Die dann zuletzt für den Endkampf mit den Litauern gebaute Burg von 1404 bis 1408 hieß "Neuhaus".


Die Litauer vernichteten damals auch die heimische Burg Wenkischken bei Heinrichswalde. Stets machten die Litauer bei ihren Einfällen, hören wir, Hunderte und Tausende Gefangene, die sie wegführten. Darunter auch viele Prußennachfahren. Über die Nehrung zogen sie in das Samland und weiter bis in das Ermland und südliche Masuren. In der großen Schlacht bei Rudau im Samland 1370 mit 70.000 Litauern und 40.000 Ordensbrüdern fiel der Ordensmarschall Hennig Schindekopf. Der Ordenschronist Peter von Dusburg vermerkt, daß die Litauer in anderthalb Jahren 20.000 Christen gefangen und getötet hätten. So waren die Litauer, wie uns die Geschichte lehrt, ein unbeugsamer Gegner, an dem der Deutsche Orden schließlich scheiterte.

Dem Orden ging es in dem langen Jahrhundertkrieg am Ende nur noch um den Besitz Samaitens, dem nahen Grenzland von Preußen über der Memel. Sein letzter Großfürst war Witold (Vytautas), der spätere Lenker der Tannenbergschlacht auf der Feindseite. Er versprach, man staune, dem Orden zeitweilig Samaiten und hat ihm dazu sogar mit Waffenhilfe auf der Seite des Ordens verhelfen: danach wieder dem Orden entrissen. So stand er in den Jahren von 1382 bis 1384, 1389 bis 1391 und von 1398 bis 1401 auf der Seite des Ordens gegen den König von Polen, seinem Vetter. Er war mehrfach Gast auf der Marienburg. (Hier hat er sich auch zum Bau seiner eigenen Burg Trakai mitten auf einem See in Litauen inspirieren lassen. Sie ist heute eine viel besuchte Fremdenattraktion in Litauen.) Als Witolds Vetter Jagiello die 16jährige polnische Königstochter Hedwig heiratete und König von Polen wurde, entstand 1386 die polnisch-litauische Union: zu Ungunsten des Ordens. Die Litauer nahmen das Christentum an. Damit verlor der Deutsche Orden seine eigentliche Kriegsgrundlage der Heidenmission, seinen Kreuzzugauftrag. Dennoch führte er den Krieg gegen die Litauer fort.

Jetzt stand der Orden nicht mehr den Litauern allein gegenüber, sondern auch den verfeindeten Polen, die ihn zur Hilfe gegen die Prußen ins Land gerufen hatten. (Der Orden übernahm hier gleichsam die alte Urfeindschaft der Prußen gegen die Polen aufs Neue.) Bald mehrten sich im Süden und Südosten Preußens die Grenzzwischenfälle von Raubzügen und Überfällen bis zu kleinen Schlachten zwischen den Polen und Ordensleuten. Es kam eine offene Kriegsstimmung auf, die zur Entscheidung drängte. Schon bis zur Jahrhundertwende wurde der Orden in die Defensive gedrängt. Er mußte sich der ständigen Übergriffe sowohl von Litauen als auch von Polen an seinen Grenzen erwehren. Daher wurden die Burgen mit ihren Besatzungen verstärkt. Aus diesem Anlaß wurde auch die Tilsiter Burg "Neuhaus" von 1404 bis 1408 erbaut und die Ragniter Burg baulich verstärkt.
Man rüstete offen zum Krieg, der unausweichlich war. Die Kriegslage spitzte sich bis zum Jahre 1410 unaufhaltsam zu. Beide Seiten, sowohl die Polen und Litauer, als auch der Orden rüsteten offen zum Krieg. Beide Seiten bereiteten sich mit ihren Kräften zum Entscheidungskampf vor. In allen rund 50 Ordenshäusern wurde im Lande gerüstet. Die Kanonengießerei und Pulverfabrik in der Marienburg war jetzt ständig in Tätigkeit.

Der Meister von Livland wurde aufgefordert, alsbald mit einem Heer in Witolds Land Litauen einzufallen. Die Bischöfe von Livland, Reval, Kurland und Ösel wurden ersucht, mit ihren Rittern und Knechten dem Orden zu Hilfe zu kommen. Auch der Komtur von Memel sollte mit Hilfe der Bauern aus der Tilsiter Niederung neben den Burgen Tilsit und Ragnit die Einfälle der Samaiten abwehren. Das galt auch für die vier preußischen Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und im Samland: Sie waren nicht vom Orden, sondern von der päpstlichen Oberhoheit eingerichtet worden. Der Orden mußte mit den vier Bischöfen seine Landeshoheit teilen. Das war ein kriegerischer Nachteil für ihn.
Der Orden war in dieser schwierigen Lage auf sich selbst angewiesen. Der Kaiser und das damals gefährdete Papsttum waren zur Hilfe unfähig, zumal die Litauer jetzt auch Christen waren. Damit entfiel die bisherige Heidenmission. Dem Orden blieben nur die Landesaufgebote neben der kostspieligen Anwerbung von teuren Söldnern in Deutschland, denn der frühere Zustrom von Kreuzfahrern aus Europa versiegte. Die Ordensgunst ließ nach. Die meist adligen Söldnerführer konnten mit der Zeit für unbezahlbare Rechnungen nur noch mit größeren Landgaben entlohnt werden. Das war der Ursprung von größeren bekannten Adelsgütern in Ostpreußen, wie die Donna, die Schlieben, die Eulenburg, die Dönhoff usw.

Die unaufhaltsame Auseinandersetzung mit den vereinten Polen und Litauern drängte zur Entscheidungsschlacht. Die Diplomatie war an ihrem Ende. Am 15. Juli 1410 war es soweit, und die Schlacht bei Tannenberg und Grünfeld (Grunwald für die Polen) wurde zum Schicksalstag der Kreuzritter des Deutschen Ordens. Es war eine der größten und folgenschwersten Schlachten des Mittelalters. Sie wurde vor allem von den Polen mit einem nationalen Mythos bekleidet.
Voraus ging, daß sich das Heer des Ordens an den Ufern der südlichen Drewenz sammelte, während der König von Polen seine Kriegsmacht in einem Lager bei Ploczk vereinigte. Hier zählte man 60.000 Polen, 42.000 Litauer, Samaiten und Russen unter je 50 Heerfahnen. Dazu kamen noch 40.000 Tartaren und 21.000 Söldner aus Böhmen, Mähren, Ungarn und Schlesien. Es war eine Gesamtmacht von 163.000 Mann. Davon waren 66.000 Reiter. Ihnen folgten 60 Geschütze.
Das Ordensheer war nur etwa mehr als halb so stark. Es zählte 50.000 Mann aus Preußen und den nahen Ordensländern. Dazu 33.000 Mann zumeist Soldtruppen aus Deutschland: insgesamt eine Streitmacht von 83.000 Mann unter 65 Heerbannern. Davon 57.000 Mann Fußvolk und 26.000 Reiter. Nur in der Zahl der schweren Feldgeschütze war der Orden dem Feinde bedeutend überlegen. Doch wurde ihre Wirkung in der offenen Feldschlacht damals überschätzt, wie der Verlauf der Schlacht zeigte. Die Heere begegneten sich am 15. Juli 1410. Vorausgegangen war die ganze Nacht ein schwerer Gewittersturm mit viel Regen, der die Nachtruhe schmälerte. Und es wurde ein heißer Tag. Die Kämpfer trafen sich mit ihren Aufstellungen an den Dörfern Tannenberg und Grünfeld (Grunwald). Der Orden hatte sein Heer in zwei Schlachtreihen aufgestellt, mit einer Reserve dahinter, am Dorfe Grünwald angelehnt. Die Polen-Litauer standen in drei Schlachtreihen dem Orden gegenüber in etwas größerer Tiefe, weil es mehr Kämpfer zählte.

Der Orden wartete auf die Aufstellung des Feindes, der ihnen gegenüber noch lagerte, ohne die Schlachtordnung einzunehmen. Wenn der Orden jetzt das noch ungeordnete Heer des Feindes angegriffen hätte, urteilen die Chronisten, wäre die Schlacht zugunsten des Ordens ausgegangen.

Da sandte der Ordensmarschall Graf Friedrich von Wallenrodt zwei Herolde zum König und zum Litauerfürst Witold. Sie überbrachten ihnen, wie es Kriegsbrauch war, zwei Schwerter und forderten sie ritterlich zum Kampf auf. Erst nach dieser Aufforderung stellte sich das feindliche Heer mit seinen Feldzeichen in drei Reihen dem Orden gegenüber in fast der gleichen Breite, aber größerer Tiefe auf. Es war um die Mittagszeit, als Fürst Witold, der feindliche Lenker der Schlacht, mit Kriegsgeschrei von beiden Seiten den Kampf begann.

"Es war ein furchtbares Zusammentreffen, hier wie dort wurde mit unglaublicher Tapferkeit gefochten. Stundenlang währte der Kampf Mann gegen Mann . . . meilenweit hörte man den Donner der Geschütze, das Waffengeklirr und Schlachtgeschrei der Kämpfenden ..." beschreibt Prof. Voigt, der erste Archivar des Ordenarchivs in Königsberg, die Schlacht. Zuerst schien sich das Schlachtglück dem Orden zuzuneigen, als der Feind, vor allem auf dem rechten Flügel, wankte. Man hörte schon den Siegesgesang des Ordens: Christ ist erstanden!" Doch jetzt rückte die dritte Schlachtreihe der Polen/Litauer vor und stützte die vorderen Reihen. Sie standen jetzt in bedeutender Übermacht dem Ordensheer gegenüber. Dadurch wurde der Orden kämpfend auf das Dorf Tannenberg zurückgedrängt. Kaum zu glauben: jetzt entwichen der ritterliche Häuptling des ritterlichen Eidechsenbundes aus dem Kulmerland, Nikolas von Henys, mit seinen Leuten und auch andere Ritter und Söldner verräterisch das noch kämpfende Ordensheer. Es zeigte dadurch Auflösungserscheinungen.


Der Hochmeister Graf Ulrich von Jungingen als oberster Gebieter fiel in der Schlacht neben dem Ordensmarschall Graf Friedrich von Wallenrod. Dazu auch fast alle Führer der Ordenselite mit ihren Rittern. Es war eine der folgenreichsten Schlachten des Mittelalters. Das Schlachtfeld von Tannenberg bedeckte über 40.000 Leichen des Ordensheeres: die Hälfte seines Heeres. Die Verwundeten nicht gezählt. In Gefangenschaft gerieten 15.000 Mann, zumeist Verletzte.

Auf der polnisch-litauischen Gegenseite waren 60.000 Tote. Damit bezahlten ein Heer von über 100.000 Toten die Entscheidungsschlacht von Tannenberg mit ihrem Leben.
Voigt sagt im Hinblick auf den Deutschen Orden: "Tannenberg war der letzte Tag seiner Blüte, seiner Macht . . . Am anderen Morgen schon begannen die Tage seines Elends, seines Unheils und seines Sinkens für alle Zeiten."

Die Sieger von Tannenberg (für die Polen Grunwald) verwüsteten im Siegesrauch das Ordensland durch Feuer und Schwert, Raub und Mord. Besonders die Tartaren vergriffen sich in den Städten und Dörfern auch an Kindern, Greisen, Mädchen und Frauen allen Alters. Die plündernden Truppen des gegnerischen Heeres überfielen und belagerten die rund 50 Ordensburgen im Lande und eroberten fast alle, darunter auch unsere heimischen Ordensburgen Tilsit und Ragnit, die von den heimkehrenden Litauern erobert wurden. Sowohl der heimische Adel als auch die Städte, darunter Danzig und Elbing, und auch die vier preußischen Bischöfe huldigten mit ihren Bistümern den Siegern.

In dieser Not wurde die Marienburg unter ihrem tapferen Graf Heinrich von Plauen zum letzten Retter des Ordens. Er war als Komtur von Schweiz mit seinen Mannen zur Schlacht bei Tannenberg zu spät gekommen und übernahm jetzt eiligst den Oberbefehl über die Ordensreste. Mit ihm kamen 4000 bis 5000 Verteidiger zur Rettung der Marienburg, dem letzten Symbol der Ordensmacht. Zur besseren Verteidigung ließ er die Stadt Marienburg an der Burg abbrennen. Nur das Rathaus und die Stadttore widerstanden den Flammen wie auch 1945.

Die Marienburg wurde von drei Heerhaufen allseitig belagert. Darunter war der polnische König mit seinem polnischen Kriegsvolk sowie auch die Litauer und Russen unter Witolds Befehl, dazu auch Tartaren: eine gewaltige Kriegsmacht zur Eroberung der letzten Bastion des Deutschen Ordens. Graf Heinrich von Flauen verteidigte die Burg über vier Monate bis die letzten Belagerer erfolglos abzogen. Die Burg widerstand nicht nur den ständigen Angriffen auch zur Nachtzeit, sondern auch ohne größeren Schaden den Kanonenkugeln. (Von der Kugel, die den Stützpfeiler des Großen Remters treffen sollte, hören heute noch alle Besucher der Marienburg.)

Nach täglichen Kämpfen bei Tag und Nacht brachen Seuchen im Heer der Belagerer aus. Auf die Nachricht, daß der König von Ungarn in Polen eingefallen sei, brach der polnische König die Belagerung der Marienburg schweren Herzens am 19. September ab. Ihm folgten bald die mutlos gewordenen übrigen Belagerer.

Auch das weist auf den inneren Zerfall des Ordens hin, daß der ruhmreiche Verteidiger der Marienburg, Graf Heinrich von Plauen, nach nur dreijähriger Amtszeit als Hochmeister abgewählt wurde.
Nach dem Abzug der Belagerer der Marienburg hob sich das Glück des Ordens. Der Marschall von Livland, der mit seinem Heer nach Tannenberg zu spät gekommen war, hatte mittlerweile mit seinem Kriegsvolk die Burgen bis Elbing wieder befreit. Auch der Komtur von Ragnit konnte mit seinen Truppen die Burgen bis in das Ermland von den polnischen Besatzungen befreien.
1411 wurde der Friede von Thorn geschlossen, und der Orden mußte erhebliche Reparationen an Polen zahlen. Auch nach diesem Friedensschluß hörten die polnischen Grenzüberfälle und Kleinkriege nicht auf. Auch die Samaiten brachen trotz des Friedensschlusses erneut in das heimatliche Gebiet um Tilsit und Ragnit ein und beschädigten im Kampf beide Ordensburgen. Sie wurden 1412 wieder hergestellt. Doch konnte der Orden unsere Heimatburgen Tilsit und Ragnit aus Geldmangel nicht mehr lange halten.

Nach vielen Verhandlungen zwischen dem Orden und Polen kam 1422 der Friede am Melno-See zustande. Danach mußte der Orden das in Samaiten eroberte Land wieder an Litauen zurückgeben. Die damals festgelegte deutsch-litauische Grenze wurde zu einer der längsten Friedensgrenzen Europas bis zum Jahre 1923, als die Litauer das Memelgebiet besetzten.
Nach dem Frieden am Melno-See sprachen die Ordensleute von einer Schande für ihr Land. Der Niedergang des Ordens war nicht aufzuhalten. Es mehrten sich die Verfallserscheinungen in Stadt und Land. Die aufkommende Bürgerschaft in den Städten, der Adel und die vier Bistümer blieben nicht ohne Schuld daran. Der Deutsche Orden hat sich nach seiner Niederlage in der Schicksalsschlacht bei Tannenberg nicht mehr erholt: Sein Glanz verblaßte. Er wurde vom Herzogtum Preußen als weltlicher Staat abgelöst als Vorläufer des Königreiches Preußen.

Tannenberg wurde zur Legende. Die traumatische Niederlage des Ordens wurde durch den späteren Sieg Hindenburgs bei Tannenberg, im ersten Weltkrieg, national kompensiert. Davon zeugte bis 1945 das dort errichtete gewaltige Tannenbergdenkmal.


Autor: © 2000 Dr. Kurt Abromeit (†)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000
Geschichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 19. Februar 2011