Quietscht und bimmelt
von Walter Westphal

Was will ein lebhafter Junge werden? Lokomotivführer, Kapitän, in späteren Jahren Pilot. Obwohl ich wirklich - wie mein Vater - Eisenbahner werden wollte. Ich wurde es nicht. Da ich jeweils in den Sommerferien in Tilsit meinen Onkel besuchte, um dann nach wenigen Tagen in das Memelgebiel (bis 1920 Memelland) zu Verwandten zu fahren. Mit dem Anwachsen der Städte und den notwendig werdenden Verkehrswegen dachten die Gemeindevertreter auch daran, günstige und möglichst billige Verkehrsmittel zu schaffen, denn die Fußwege zum Stadtzentrum wurden zu weit. Zwar gab es schon das Fahrrad, für die Landbevölkerung das Fuhrwerk. Eine Lösung brachte der schienengebundene elektrische Stadtnahverkehr, erreichte doch die erste von Werner Siemens erbaute elektrische Straßenbahn in Berlin schon 40 km/h zumal die Leistungsfähigkeit der Personenbeförderung unübersehbar war und außerdem zum Umweltschutz beitrug, was in späteren Umgestaltungen nicht beachtet worden ist.

Für die Tilsiter Bahn war als Stromabnehmer der Stangenrollabnehmer vorgesehen. In den letzen Jahren war man mit erneuertem Fahrpark zum Bügelstromabnehmer übergegangen. Zumindest in Königsberg und Tilsit wurde die Straßenbahn liebevoll "Unsere Elektrische" genannt. Wie überall hatte die Straßenbahn ihren Ausgangspunkt vom Bahnhof. Hier standen auch andere Verkehrsmittel, nämlich Droschken, einspännig und mit einem Taxameter bestückt. Die im Sommer 1900 eröffnete Straßenbahn hatte keinen Vorgänger wie Königsberg mit der Pferdestraßenbahn. Der Bahnkörper verlief eingleisig mit Ausweichgleisen nur auf den Straßen mit eingelassenen Rillenschienen.



Bild links: Zweiachsiger Triebwagen ohne Verglasung des Fahrerstandes.

Anfangs der zwanziger Jahre fuhr noch im Sommer ein zweiachsiger Motorwagen ohne Verglasung des Fahrerstandes und außerdem ein Sommerbeiwagen mit offenen Seitenwänden. Bei schlechter Witterung konnten Zeltstreifen heruntergelassen werden. Die Verständigung zwischen Fahrer und Schaffner erfolgte damals durch Glockenzeichen. Gab es einen Schneepflug? (Ja, die Red.) Ich selbst war nur einmal in einem schneearmen Winter zu Besuch, kann daher nichts dazu aussagen. Nach 1939 bedienten kriegsdienstverpflichtete Frauen als Schaffnerinnen auch in Tilsit die Fahrgäste. Die Zahl der jährlich beförderten Personen lag im Durchschnitt bei 1 Mio. Von Straßenbahnunfällen ist mir nur bekannt, wie mir mein Onkel erzählte, dass bei einer Bahn am Fletcherplatz (er wohnte in der Nähe) nicht nur der Motorwagen entgleiste, sondern sogar umkippte.


Der Fletcherplatz einmal aus anderer Perspektive. Im Vordergrund ein Waggon der Kleinbahn Tilsit-Schmalleningken. Dahinter die Gleisanlage der Straßenbahn. Auch hier quietschte es, wenn die Straßenbahn um die Ecke fuhr. An dieser Kurve ist während des Krieges die Straßenbahn umgekippt, als sie sich unkontrolliert am Engelsberg selbständig machte und herrenlos an diesem Unglücksplatz endete. Links die Gaststätte "Zur Kleinbahn". (Bild:Einsender: Dietrich Schramm)

Die Meterspur wurde von der Kleinbahn Tilsit - Mikiten und Pogegen - Schmaleningken, die zu den Insterburger Kleinbahnen gehörte, übernommen, die 1902 für Personen- und Güterbeförderung mit einer Gesamtlänge von 61,5 km eröffnet wurde. So erlebte ich in einem Sommer eine Dampflok auf den Gleisen der Straßenbahn, die mit zwei Güterwagen zum Hafen fuhr. Hier lagen die Gleise der Straßenbahn neben denen der Deutschen Reichsbahn, so dass ein Güterumtausch möglich war. Straßenbahnen in unserer Heimat gibt es nicht mehr, außer in Königsberg / Kaliningrad.

Die folgende Finanzmittel-Bewegung zeigt auch für das Tilsiter Wirtschaftsunternehmen die im Anfang des 20. Jahrhunderts vollzogenen Änderungen von der Goldmark über die Renten- zur Reichsmark



Bild : Eine Postkarte aus dem Jahr 1918. (Bild: Einsender: Walter Westphal)

Mit einem Grundkapital von 1 Millionen Goldmark wurde die Elektrizitäts- und Straßenbahn 1899 gegründet und nach Kriegsende eine Schuldverschreibung über 2 Millionen Mark zu je 1.000,00 Mark aufgenommen. 1924 erfolgte nach dem Chaos der Inflation die Aktienumstellung im Verhältnis 6:5. Für 2,5 Millionen Reichsmark wurden Stammaktien zu je 1.000,00 RM ausgegeben. Für 1936 ist für die Elektrizitäts-AG vormals W. Lahmeyer und Co. AG, Frankfurt, als Direktor für Tilsit Herr Auerbach genannt.


Bild links: Aktien zur Schuldverschreibung vom 1.September 1920








Autor: © 2003 Walter Westphal (Text und Bilder)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 33/2003

Handel und Verkehr



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011