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von Alfred Pipien
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Wir gingen vom Tilsiter Bahnhof kommend in die Kleffelstraße, weiter zur Stolbecker Straße zum Bahnübergang an der Vereinsbrauerei und begaben uns in die Stolbecker Straße in westlicher Richtung nach Splitter, in den Stolbecker Stadtteil, der gut bebaut und besiedelt war. Zur rechten Seite, parallel zur Stolbecker Straße, befand sich der Philosophengang, dahinter die Zellstoff-Fabrik Waldhof mit den sechs großen Schornsteinen und den großen Laugenturmschloten. Links und rechts der Stolbecker Straße befand sich auch der Hauptanteil der Garnisonen der Stadt. Natürlich konnten wir auch mit der Straßenbahn, im Volksmund auch "die Elektrische" genannt, fahren. Ihre Fahrstrecke betrug vom Engelsberg in der Ragniter Straße bis zum Waldfriedhof in der Graf-Keyserlingk-Allee in Splitter 6,5 km. |
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Wir tippelten nun weiter und kamen zum Splitterer Mühlenteich, wo auch die Splitterer Straße begann. Hier befand sich auch die Weichenstellung für die Straßenbahn für den Gegenverkehr. Schauten wir nach rechts in die Wiesenstraße, vorbei an der Lederfabrik Knocks, führte ein Weg zur Memel mit einer schönen, sandigen Badestelle. Gleich daneben konnte man den Fischern zugucken, wenn sie die Netze einholten. |
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Diesen schönen Zugang zur Memel gibt es heute leider nicht mehr. Denn die heutigen Verantwortlichen der Zellstoff-Fabrik haben in vielen Jahren entlang der früheren Weideböschung der Memel einen großen Wall aus Holz- und Rindenabfällen aufgeschüttet, der ein Kilometer lang, an der Sohle ca. 100 Meter breit und 15 Meter hoch ist. Wir schauten jetzt zur linken Straßenseite zum Splitterer Mühlenteich, der bis zum heutigen Tag etwa 5 ha groß ist. Der Teich wird vom Heidefließ, oder auch Schmallupp genannt, gespeist. Der Abfluß des Teiches fließt auch heute noch unter der Splitterer Straßenbrücke hindurch zur Memel. |
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Hier an der Brücke rechts befand sich auch der zweitgrößte Betrieb von Splitter, die Firma Joh. Fr. Bruder Getreidemühle, die Brudersche Mühle, wie sie im Volksmund genannt wurde. Ihr Gründungsjahr war 1812. Diese mit Dampf angetriebene Getreidemühle bestand aus einem vierstöckigen Gebäudekomplex. Auf dem Dach befand sich das Firmenschild; die "meterhohen" Buchstaben "Mühle Splitter" waren weithin sichtbar. Im 3.Tilsiter Rundbrief gibt es eine Chronik der Tilsiter Getreidemühle in Splitter. Bleiben wir mal gleich auf der linken Seite der Splitterer Straße. Da befand sich das vielen Tilsitern bekannte Tanzlokal Knitsch, mit einem großen Kaffeegarten mitten unter schattenspendenen Bäumen. Weiter hinten ein Schießstand für die Schützenbrüder. Auch für Veranstaltungen und Geselligkeiten wurde dieses Lokal recht oft genutzt. Von der Splitterer Straße selbst ist zu sagen, daß sie bis Mitte der dreißiger Jahre Kopfsteinpflaster trug. Ca. 1937 wurde die Straße verbreitert und mit einer modernen Pflasterung ausgebaut. |
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Dann kam 1938 die Kristallnacht, und alle jüdischen Sägewerk-Eigentümer wurden enteignet, ihres Besitzes beraubt und die Werke unter fremde Verwaltung gestellt. Das Werk von Markus Laser wurde dann Bauhof Ost genannt. Die Villa von Markus, gegenüber den Sägewerken, wurde vom Reichsarbeitsdienst als Verwaltungsstelle in Beschlag genommen. |
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Damals, wie auch heute, hört man den Namen "Onkel Bräsig". Es ist nicht so leicht, dessen Herkunft zu ergründen. Wie bekannt, war in der Schwedenstraße eine Gaststätte mit dem Namen "Onkel Bräsig", die dann Anfang der 30er Jahre nicht mehr existierte, da die Räume zu Wohnungen umgebaut wurden. Der Name "Onkel Bräsig" hatte aber weiterhin Bestand. Denn hier an der Memel, am Damm, zwischen den Spickdämmen, befand sich eine Anlegestelle für die Ausflugsdampfer. Da denke ich an die Raddampfer "Herold" und "Grenzland". |
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Am vorderen Teil der Schwedenstraße ca. 100 Meter links, war der Fuhrunternehmer Freudenreich, der am hinteren Ende seines Grundstückes eine Sand- und Kiesgrube ausbeutete. Das Ende der Sandgrube befand sich dicht am alten Schwedenfriedhof. Hier stießen Arbeiter beim Sandabräumen auf eine Grabstätte aus der Bronzezeit. Wir Kinder von der Schwedenfelder Schule haben mit unserem Lehrer Hermann bei den Ausgrabungsarbeiten beobachten können, wie das Skelett mit seinen Beigaben mit Spachtel und Pinsel freigelegt wurde. Später konnte man diese Gebeine in einer Vitrine in unserem Grenzlandmuseum in der Goldschmiedestraße bestaunen. |
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Gehen wir zurück in die Splitter Straße. Hier befindet sich gleich links die Splitterer Volksschule mit vier Klassen, einem großen Schulhof und einem dazugehörenden Wohnkomplex. Hinter der Schule befand sich der Sportplatz, der vielseitig für Schulsportfeste und andere Sportarten aber hauptsächlich für Fußball genutzt wurde. Der Sportplatz lag hinter der Schule in Längsrichtung und grenzte direkt an den Waldfriedhof. Als die Bombennächte 1943 Über Tilsit hereinbrachen, gab es gleich die ersten Opfer; man zählte 97 Tote. Sie wurden auf dem Sportplatz am Ende qanz nahe am Waldfriedhof bestattet, da auf dem Friedhof selbst der Platz nicht ausreichte. Heute findet man nicht mehr die geringste Spur dieser Gräber, vielleicht, wenn man danach graben würde. Vielleicht haben die heutigen Bewohner dieses schon getan? |
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Genau gegenüber der Schule steht ein großer Gebäudekomplex, die ehemalige Polizeistation, die dann später nach Stolbeck verlegt wurde. Die Großwäscherei "Prinzen" übernahm das Gebäude und vergrößerte den Betrieb durch einen Anbau. Viele Leute fanden hier einen Arbeitsplatz und der Betrieb "Prinzen" war in Stadt und Land bekannt. Der Betrieb arbeitet heute noch, jetzt aber in russischer Regie. |
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Jetzt werfen wir einen Blick vom Haupteingang des Waldfriedhofes hinüber zum Splitterer Rennplatz, der Schwedenfeld an Stadtheide angrenzte. An Renntagen war hier großer Betrieb, Leute von nah und fern strömten, bei schmissiger Militärmusik, herbei. Und natürlich waren die stolzen ostpreußischen Trakehner-Pferde, die für Flach- und Hindernisrennen geeignet sind, dabei. Viele Pferde wurden vom Militär, aber auch von den Söhnen der Gutsbesitzer geritten. |
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Zum Schluß möchte ich noch von einem Unfall berichten, der sich in der Splitterer Straße, in Höhe der Bäckerei Laser, zugetragen hat. Mein Schulfreund Erwin Kahmann fuhr morgens in der Früh stadteinwärts zu seiner Lehrstelle. Vor uns ein Bauer mit zwei Pferden, der auch in die Stadt wollte. Von rechts vorne näherte sich die Straßenbahn. Wir beide fuhren hintereinander und überholten den Bauernwagen. Als die Straßenbahn auf gleicher Höhe mit den Pferden war, bäumten sich die Pferde nach links auf und überrannten meinen Freund Erwin. Samt Fahrrad stürzte er nach links in den Graben. Er erlitt einen Ober- und Unterschenkelbruch. Ich kam mit dem Schrecken davon. Der Bauer gab anschließend zu Protokoll, daß er das erste Mal mit diesem Gespann in die Stadt gefahren sei und die Pferde zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Straßenbahn gemacht hätten. Mein Freund Erwin lief einige Wochen in Gips herum. Es hätte aber auch noch schlimmer kommen können, wenn die Pferde mit der Straßenbahn kollidiert wären. Über den Stadtteil Splitter gäbe es noch viel mehr zu berichten, denn er hat eine lange Geschichte vorzuweisen. |
| Autor : Alfred Pipien Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 32/2002 |