| zur Geschichte | |
|
|
|
von Harry Goetzke (†)
|
|
Sommer 1709: Eine lastende Stille lag über der Stadt. War es schon ein Ahnen kommenden Unheils, das sich bereits in mehreren Städten Ostpreußens breit gemacht hatte und unaufhaltsam seine todbringende Bahn zog? Noch war Tilsit, jener aufstrebenden Stadt am Memelstrom eine letzte Gnadenfrist gegeben, bis auch dort "das große Brennen", der schwarze Tod einsetzte, um sich mit verheerender Wucht auszubreiten und viele Tausende Bürger hinwegraffte. Und das ohne Unterschied ob arm, ob begütert, ob Erwachsen oder Kind. |
|
Jene grausame Epidemie, wo kam sie her? Die Geschichte der zumeist tödlich verlaufenen Erkrankungen, der Pest oder der schwarze Tod wie immer sie auch benannt wurde, lag damals noch im Dunkel. Wohl darf es als eine Tatsache angesehen werden, daß alle Fälle der Pest in Zeiten vorkamen, in denen in der Vergangenheit eine fast totale Verwüstung des Landes durch Krieg, durch Hunger, Elend und Not vorausgegangen waren. So hatte es im sechzehnten Jahrhundert sechs registrierte Fälle des schwarzen Todes gegeben, im siebzehnten Jahrhundert waren es deren fünf gewesen. Jedoch muß außer den genannten Ursachen an die zu jenen Zeiten noch mancherorts dürftigen hygienischen Zustände gedacht werden. Als territoriale Herkunft der Seuche ab 1709 war zunächst Polen anzusehen. Von Polen her war jener unheimliche Gast über Westpreußen, Danzig, Königsberg bis nach Tilsit gelangt. Bereits Ende August 1708 soll die Krankheit die preußische Grenze überschritten haben. Zunächst wurde die Bevölkerung Bialuttens nahe der polnischen Grenze ergriffen. Es sollen polnische Wallfahrer gewesen sein, die die Krankheit nach dorthin eingeschleppt hatten. Die Tragik: Innerhalb eines Monats war das gesamte Dorf ausgestorben. Nach einer Studie aus jener Zeit sollen weitere Ortschaften Ostpreußens auf Grund jener Erkrankung vollkommen entvölkert gewesen sein und lediglich die Ortsnamen existierten noch auf den Gebietskarten. Als Krankheitsbild zeichnete sich fast übereinstimmend ab, daß sich bei den Betroffenen zunächst an Kopf und Füßen Geschwüre bildeten, die sich schnell über den ganzen Körper ausbreiteten und innerhalb von 24 Stunden der Tod eintrat. |
|
Trotz aller sofort ergriffenen Absperrungsmaßnahmen der Stadt Tilsit wurde die Krankheit dennoch eingeschleppt und breitete sich dort mit unheimlicher Wucht und Schnelligkeit aus. Man nahm an, daß es Schiffer waren, die die Pest hier eingeschleppt hatten. Die ersten Meldungen über an jener Seuche erkrankten Bürger erfolgten im September 1709. Der seinerzeitige Stadtphysikus war Dr. Zander und sein Gehilfe der Ratsbarbier Becker. Sofort wurde das Hospital am Deutschen Tor für die Aufnahme der Erkrankten hergerichtet. Der Stadtwall wurde instand gesetzt und ebenso die Tore von den Bürgern scharf bewacht, damit nicht durch Hereinkommen etwa bereits erkrankter Leute vom Lande her neuer Krankheitsstoff in die Stadt hereingetragen wurde. Die Bürgerschaft wurde zusammengerufen um ein Pestkollegium zu bilden. Am 8. Oktober 1709 faßte das Kollegium den Beschluß, daß nur noch die Ärmsten der Kranken und diejenigen, die keine Angehörigen besaßen, dem Pesthause zugeführt werden sollten. Die Anzahl der Pestträger wurde auf sechs vermehrt. Für die anderen Erkrankten sollten die Familienangehörigen selber sorgen. Die Kosten für die Anstellung eines Pestarztes und des Pestchirurgen wurden seitens des Pestkollegiums bewilligt. Als Dienstwohnung wurde ihnen ein Gebäude "Zwischen den Gärten" zugewiesen. Damit sollte verhindert werden, daß Arzt und Chirurg nicht mit der noch gesunden Bevölkerung der Stadt in Berührung kommen konnten. Als ein weiterer Beschluß erging damals noch, daß die bestmögliche Reinigung der zu jener Zeit noch ungepflasterten Straßen zu erfolgen habe. Eine weitere Maßnahme war, daß sämtlichen Tilsiter Kaufleuten untersagt wurde, mit Litauen irgendwelchen Handel zu betreiben, da auch von dorther bereits mehrere an der Seuche erkrankt gemeldet waren. |
|
Ein Szameite, der in Tilsit seßhaft geworden war, wurde zu jener Zeit der Doppelehe überführt. Wegen jenes sündigen Vergehens sollte er durch das Schwert hingerichtet werden. Der König begnadigte den Verurteilten jedoch unter der Bedingung, daß er das Amt eines Pestträgers übernahm. Jene Chance wurde von dem Szameiten angenommen, jedoch bereits nach drei Wochen war auch er, wie schon andere Pestträger vor ihm, an der Pest verstorben. Dramatisch verlief 1710 ein weiterer Fall: Einem ehemals in polnischen Diensten gestandenen Wachtmeister war es gelungen, sich nachts in die Stadt einzuschleichen. Ein Bündel mitgebrachter Kleider hatte er bei einem in Tilsit wohnenden befreundeten Hutmacher abgegeben. Solange das Bündel verschnürt geblieben war, war alles gut. Als der Hutmacher sich aber des Sonntags aus der Stadt begeben hatte, um die Familie seiner Schwester zu besuchen, die dicht bei Ragnit wohnte, öffneten die Töchter das Bündel, um sich dessen Inhalt in Augenschein zu nehmen. Erfreut darüber, daß sich Kleider darin befanden, betrachteten sie diese und paßten sich auch einige davon an. Als Folge davon hatten sie sich infiziert. Die Infektion griff schnell um sich. Es verstarben die drei Töchter, zwei Söhne, der Hutmacher und dessen Ehefrau, einige Verwandte, eine Magd und eine Frau aus dem Hospital, die die Leichen abgewaschen hatte. |
|
In Splitter stand das Anwesen des Hermann Löffler. Er und seine Frau Johanna betrieben eine kleine Landwirtschaft, daneben besaßen sie ein kleines Ladengeschäft mit Gemüse und Obst, Produkte aus ihrem Garten, die sie an Nachbarn verkauften. Eine kleine Tochter war da noch, Erna, einlustiges, blondes Mädel, das mit ihren 9 Jahren den Eltern gern zur Hand ging. Vor allen Dingen war das Kind sehr tierlieb, es machte ihr Freude, die Tiere im Hause, Kaninchen, Hund und Katze zu versorgen. Als eines Tages ein fremde Katze auf den Hof kam, tat ihr das heruntergekommene Tier leid. Sie nahm sie auf, streichelte und drückte sie an sich, wußte aber nicht, daß die fremde Katze aus einem Hause gekommen war, in dem sämtliche Bewohner an der grausamen Seuche, der Pest, gestorben waren. Das Unglück nahm nun seinen Lauf. Noch am gleichen Tag erkrankte das Kind. Am Kopf erschienen Beulen die sich rasch ausbreiteten. Noch ahnungslos, versuchten die Eltern zu helfen, schickten einen Nachbarn in die Stadt um den Arzt zu rufen. Aber nichts nutzte mehr, noch in der Nacht erschienen auch bei Vater und Mutter die Symptome der Krankheit der alle drei, während der Morgenstunden zunächst das Kind, in der darauffolgenden Nacht die Eltern zum Opfer fielen. Sämtliche Haustiere, sowie die fremde Katze wurden getötet. |
|
Eine große Ansteckungsgefahr ging auch von den Kleidungsstücken, den Möbeln und vielen weiteren Dingen der an der Pest Verstorbenen aus, die sich die Erben oft gedankenlos aneigneten. Durch Stehlen aus Häusern, die, leer standen, weil alle Bewohner derselben verstorben waren, geschah mancherlei Unglück. So hatte eine Bedienstete infolge ihres Diebstahls von Kleidungsstücken aus einem leerstehenden Haus, die sie sich gleich angezogen hatte, ihre Herrschaft in ein großes Unglück gestürzt. Mann, Frau, Kind und sie selber mußten sterben. Um hier ein Exempel zu statuieren, wurde die Diebin einige Tage nachdem sie begraben war, wieder ausgegraben und etliche Tage an den Galgen gehängt. Eine weithin sichtbare Beschriftung, die auf dem gestohlenen Kleid befestigt wurde, erklärte die Begründung jener Maßnahme. Durch jenes Exempel, das viele Bürger gesehen hatten, wurden Habgier und Diebstahl eingedämmt. |
|
Jener Winter 1709/1710 hatte die Krankheit nicht gemildert. Im Gegenteil, mit Eintritt des neuen Jahres begann sie in der Stadt noch schrecklicher zu wüten. Da ein Pesthaus nicht mehr reichte, mußte für die Einrichtung eines weiteren gesorgt werden. In jenem Winter war auch der Pestchirurg verstorben, ein zweiter erlag ebenfalls durch den ständigen Umgang mit den Erkrankten und dem aufreibenden Dienst. Erst ein Dritter überlebte die Seuche. Ebenfalls wurde es immer schwerer, Nachersatz für jene Pestträger zu finden, die infolge ihrer Tätigkeit verstorben waren. Die Häuser der Erkrankten wurden durch schwarze oder weiße Kreuze gekennzeichnet. Die Gräber füllte man mit Kalk aus, mit dem aber recht bald sparsam umgegangen werden mußte, da es zu viele Gräber gab, die ausgefüllt werden mußten. Als eine weitere Vorsichtsmaßnahme mußten alle Hunde und herumstreunenden Katzen erschossen werden. Für die damals in Tilsit wohnenden Litauer wurde der Gottesdienst in der Kapelle vor dem Deutschen Tor abgehalten. |
|
Als sich im Monat März die Seuche etwas lockerte, wurde sofort mit vollem Eifer die Bepflasterung der Straßen in Angriff genommen. Noch aber wich die Pest nicht. Im Gegenteil, in den Schreckensmonaten Juni, Juli und August waren wieder mehr Todesfälle zu verzeichnen. Fast noch schlimmer als in Tilsit hatte der benachbarte Ort Ragnit unter der Pest zu leiden. Hier hatte die Seuche bis 1711 gewütet und gemäß einer Statistik hatte sie in jenen drei Jahren 30 024 Todesopfer gefordert. In diesen Schreckensjahren hatte die Krankheit in ganz Ostpreußen gewütet. Ganze Dörfer bis hin zu den abgelegensten Ortschaften der Kurischen Nehrung waren damals ausgestorben. Lediglich Rastenburg und Pr. Holland waren wie durch ein Wunder verschont geblieben. Über Danzig war die Krankheit nach Königsberg gelangt. Aus einem Bericht von Reinhold Grube ist zu entnehmen, daß dort der Winter 1709 von unvorstellbarer Härte gewesen ist und zusammen mit den an der Pest Verstorbenen wöchentlich mehrere Hundert Opfer zu beklagen waren. Noch im Mai war die Erde so voller Eis, daß dort kein Gras wachsen konnte und zu Pfingsten noch keine Blume zu sehen war. Die Wintersaat war in der ganzen Region erfroren, die Acker mußten umgepflügt und die Sommersaat eingepflügt werden. Zu der sich im ganzen Lande ausbreitenden Krankheit hatte sich nunmehr auch Hungersnot und Teuerung gesellt. Als in Tilsit die Pest im Oktober 1710 bis auf wenige Fälle erloschen war, waren wohl mehr als die Hälfte der Einwohner der Stadt der Seuche zum Opfer gefallen. Aus einem Verzeichnis aller an der Pest im ganzen Königreich Preußen Verstorbenen geht hervor, daß die Krankheit insgesamt 241.171 Todesopfer gefordert hatte. Allein in Tilsit waren in jenen Jahren 24.177 Menschen an der Pest gestorben. Von der deutsch-lutherischen Stadt- und der reformierten Kirche sind noch die Kirchenlisten vorhanden, aus denen sich ergibt, daß allein in beiden Pfarrgemeinden 1237 Pfarrangehörige an jener grausamen Krankheit sterben mußten. Bei der lutherischen Stadtkirche konnte das Kirchenbuch nur bis zum Oktober 1710 geführt werden, weil die Prediger jener Kirche ebenfalls an der Pest gestorben waren. |
|
Um der als Folge der Pest erstandenen Entvölkerung in ganz Preußen entgegen zu wirken, siedelte König Friedrich Wilhelm l. viele Salzburger, die aus Glaubensgründen ihre angestammte Heimat verlassen mußten, in Ostpreußen an. In die Städte, Dörfer und Ämter der Hauptämter Insterburg, Ragnit und Tilsit wurden damals mehr als 15.000 Salzburger, aber auch Mennoniten verlegt. Von jener Katastrophe aus den Jahren 1709/1710 an bis zum Jahre 1807 herrschte in Altpreußen und auch in Tilsit Ruhe. Unsere Stadt konnte sich, wenn auch langsam, von den Schrecken der Pestjahre erholen. Bei planvollem Wirken der Stadtverwaltungen in den Folgejahren des "schwarzen Todes" schufen fleißige Bürger ein Tilsit, in dem jene Unglücksjahre und Ihre Todesopfer zwar nicht vergessen, jedoch die Weiterentwicklung ihrer Stadt und das wohl ihrer Familien als oberste Verpflichtung angesehen wurden. |
| Quelle: Harry Goetzke † aus Tilsiter Rundbrief Nr. 32/2002 |