Die Volksschule Tilsit-Senteinen
Erinnerungen eines nicht immer folgsamen Schülers
von Horst Wowereit

Die Senteiner Schule bestand aus zwei getrennt liegenden Gebäuden. Die alte und die neue Schule. Sie beherbergten insgesamt vier Klassen, in denen alle Kinder aus dem Einzugsbereich von der 1. bis zur 8. Abgangsklasse, die später zu einer Oberstufe ausgebaut wurde, unterrichtet wurden.

Zur alten Schule gehörten Stall und Scheune sowie ein separates Kellergewölbe, in dem das Hauswasserwerk später eingebaut wurde. Vorher kam das Wasser aus einem Brunnen, der 1992 noch - oder schon wieder in Betrieb war. Zur Schule gehörte ein Toilettentrakt (Plumsklo). Die Schule wurde zu Beginn meiner Schulzeit im Winter mittels zweier hoher Kachelöfen beheizt. Im ersten Stock befand sich eine Lehrerwohnung.
Die neue Schule ist 1932/33 gebaut. In ihr wurden die ersten Schüler, auch ich, zu Ostern 1933 eingeschult. Sie war ein einstöckiger, schlichter Zweckbau, hatte zwei nebeneinander liegende Klassenzimmer, die von einem Flur Zugang hatten, in dem auch die lange Garderobe angebracht war und in welchem der Ofen für die Zentralheizung stand. Auch diese Schule hatte in einem gesondert stehenden Trakt ihr Plumsklo.

Unsere Schule hat viele Lehrerinnen und Lehrer kommen und gehen sehen. In Erinnerung geblieben sind:
  • Frl. Reichenbach - bei der ich eingeschult wurde, eine freundliche, uns Kindern aufgeschlossene Kraft. 1934 oder 1935 war sie dann von heute auf morgen nicht mehr da. Man sprach unter vorgehaltener Hand, sie wäre wegen ihrer politischen Einstellung ins Gefängnis gebracht worden und hätte sich dort das Leben genommen.
  • Frl. Michael - ihr Kampfmittel war das Lineal u.ä.
  • Frl. Nora Gerlach - sie verehelichte sich und wurde Frau Kara, eine sanfte Person, einfühlsam und von allen geliebt.
  • Frau Kairies - ?
  • Herr Dumschat - gelegentlich jähzornig.
  • Herr Manzel - ein sportlicher Typ.
  • Herr Naujoks - später Neustädtische Schule.
  • Herr Neubauer - Österreicher
  • Herr Barzel – und
  • Herr Walter Zabbee - ein Lehrer im wahrsten Sinne des Wortes.

Dem Lehrer Zabbee müßte ein besonderes Andenken gewidmet werden. Er kam in den 20er Jahren zur Schule, wohnte auch dort und hat bis zum bitteren Ende seine Pflicht getan. Durch seine Hände sind wohl alle heute noch lebenden Schülerinnen und Schüler gegangen. Oft hat er zwei und mehr Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet.
Er war wie ein Vater zu uns, aber er konnte auch strafend wie Zeus sein. Als Klassenlehrer hat er in allen Fächern unterrichtet. Er spielte Geige und konnte exzellent zeichnen. Auch verstand er es, uns ausgelassene und zu jedem Schabernack bereite Bande gefügig zu machen und hat mehrere Rohrstöcke, sprich Haselnußstecken verbraucht. Mit ihm sind wir schwimmen gegangen, haben in anderen Schulen Filme gesehen, gebastelt oder in Turnhallen an Geräten geturnt. Wir sind mit ihm nach Rossitten und Obereißeln mit dem Dampfer gefahren und vieles mehr. Wie freuten wir uns, wenn ein Schulausflug angesagt war und wir mit mehreren Klassen nach Kuhlins, nach Waldschlößchen oder Waldkrug pilgerten. Da bei solchen Gelegenheiten unser Taschengeld knapp bemessen war, geschah es oft, daß die zwei oder fünf Dittchen bald verscherbelt waren. Dann stellte sich als Retter in der Not Lehrer Zabbee ein und gab uns ein befristetes Darlehen. Nach dem Krieg war er Oberlehrer in Trittau/Schleswig-Holstein. Als Ruheständler zog er mit seiner Frau nach Hamburg, wo wir noch erinnerungsfrohen Umgang pflegten.

Wie sahen wir Schüler nun unsere Schulzeit? - Ich glaube, daß mit Abweichungen die Schüler diese Zeit immer zwiespältig erlebt haben. Einmal mit dem wachsenden Bewußtsein und gefordert von den Eltern, daß lernen zur Erziehung für den weiteren Lebensweg notwendig ist und dazu gehört. Trotzdem schwankte man zwischen Pflicht und Freiheit. So ist es ganz natürlich, daß es unter uns Lorbasse, Bowkes, Luntrusse, Labommel und Rabauken gab. Seltsam, daß es für die Mädchen nur die Bezeichnung Marjellchens und einige Namen aus dem Tier- und Pflanzenreich gab.

Unser Anmarschweg zur Schule war oft sehr weit und nicht nur im Winter beschwerlich. So kam es vor, daß man zu spät zum Unterricht kam. Die Lehrer hatten ein feines Gespür dafür, wo höhere Gewalt oder Nachlässigkeit der Grund war. Entsprechend wurde man dann auch behandelt.

Nachsitzen, Strafarbeit und Eckenstehen sowie handfeste Ermahnung war das Ergebnis. Vergessene Hausaufgaben, sprich Faulheit und Unaufmerksamkeit zogen ebenfalls eine Bestrafung nach sich. In den Pausen wurde getobt, die Mädchen machten Spiele, und es wurden Pläne für den Nachmittag gemacht oder Verabredungen zum Angeln getroffen. Waren die Schulstunden zu Ende, lockte die Freiheit. Es ist nicht zu leugnen, dass wir Kinder naturverbunden und wißbegierig waren. So zog sich der Heimweg oft in die Länge. Besonders im Frühjahr mußte man die Straßengräben kontrollieren, ob die Poggerätschkes (Frösche) schon laichten, die Stichlinge bereits fangfähig waren oder welche Blumen schon blühten. Natürlich waren auch Besuche bei Klassenkameraden anzutreten, um den neuen Wurf der Kaninchen zu begutachten oder so nicht bereits im Unterricht geschehen, die von Lehrern und Eltern gleichsam geschaßten Schmöker zu tauschen.
Davon gab es eine ganze Menge. Zum Beispiel SUN KO - TOM SHARK, JÖRN FAROW'S U-BOOT ABENTEUER oder die über alles geliebten ROLF TORRING'S. Im Herbst wußte einer bestimmt, wo die ersten Äpfel und Kruschkes schon reif waren, so daß sich ein Besuch lohnte. Kam man dann endlich nach Hause, war das Essen kalt und der Empfang durch die Eltern entsprechend. Es gäbe noch so vieles zu erzählen. Wer kennt noch die Stuchelbücher? Volle Schulhefte wurden halbseitig nach innen gebogen und mit Oblaten (Tip-Bilder) bestückt, aber nicht alle Seiten. Nun mußte man mit einem entsprechenden Bild in das zwischen den Händen gehaltene Buch hineinstechen. War dort ein Bild, konnte man es behalten. War die Seite leer, mußte man sein Bild hineinlegen.


Eine meiner unauslöschlichen Erinnerungen ist mein "Erster Schultag". Ich wurde in der "Neuen Schule" eingeschult. Meine Klassenlehrerin war Frl. Reichenbach. In Begleitung, meistens eines Elternteils, wurden wir von der Lehrerin freundlich empfangen und konnten uns einen Platz aussuchen. Da ich sehr naturverbunden veranlagt war, setzte ich mich an ein Fenster, vor dem Weidenbäume standen, vergaß alles um mich herum und schaute den Meisen zu, die in dem noch kahlen Geäst turnten. So merkte ich auch nicht, daß der Ernst des Lebens bereits begonnen hatte, - bis ich meinen Vornamen rufen hörte. Nun gut, es gibt mehrere gleiche Vornamen dachte ich, aber als dann mein ganzer Name genannt wurde, merkte ich, daß meine Wenigkeit gemeint war. Ordnungsgemäß meldete ich mich mit "Hier, Frl. Lehrerin." Frl. Reichenbach sah mich mit übergeschlagenen Beinen sitzen und fragte: "Wie sitzt du da?" Da ich von zu Hause aus zur Höflichkeit erzogen war, antwortete ich: "Danke, sehr gut, Frl. Reichenbach!" - Erfolg: Ich wurde in die Ecke gestellt.

Es ist wohl verständlich, wenn mir die Freude an der Schule schon in der ersten Stunde verdorben war. An eine weitere Begebenheit denke ich heute noch mit gemischten Gefühlen. Unsere Klasse war, wie vorbestimmt, zur "Alten Schule" umgezogen. Auch hier standen, wie in der "Neuen Schule", stabile viereckige Holzpapierkörbe mit Deckel für das Butterbrotpapier bereit. Da ich zu dieser Zeit dünn und klein war, kam ich in einer Pause auf eine ausgefallene Idee. Um mein Ansehen bei den Klassenkameraden zu stärken, stahl ich mich kurz vor Pausenende ins Klassenzimmer und versteckte mich in dem Papierkorb, der neben dem Katheder stand. Die Unterrichtsstunde begann. Langsam hob ich den Deckel und die Marjellchens und Bowkes fingen an zu gnittern. Herr Zabbee forderte Ruhe. Schon senkte ich den Deckel, um ihn nach ein paar Sekunden erneut zu öffnen. Erneutes, jetzt schon unverschämtes Lachen der Luntrusse hatte Lehrer Zabbee auf die Fährte gebracht. Als ich nun nochmals den Deckel heben wollte, bekam ich diesen nicht mehr hoch. Panik ergriff mich. Schreiend versuchte ich wiederholt aus meinem Gefängnis zu entfliehen. Endlich klappte es, der Deckel öffnete sich, und ich saß unter dem Gebrüll der Lorbasse auf dem Papierkorb. Lehrer Zabbee, der die Sachlage erkannt hatte, beendete meine Vorstellung dadurch, daß er sich auf den Papierkorb setzte und mich gebührend empfing.

Unsere Schule wurde gelegentlich von Erwachsenen und Kindern, ja auch von uns als "Klumpengymnasium" bezeichnet. Vielleicht deshalb, weil es wie in ländlichen Schulen bei uns üblich war, im Sommer barfuß (wir konnten gar nicht die Zeit erwarten) und im Herbst und Winter auf Schlorren oder Holzpantinen, mit denen man herrlich auf dem Eis schorren konnte, zum Unterricht zu gehen. Selbst heute ist es, nicht nur im ländlichen Bereich, ja selbst in den Städten üblich, auf Latschen und Schlorren - hier Klotschen genannt - sich zu bewegen.


Die alte Senteiner Schule im Jahre 1993.
Das Gebäude wurde einige Jahre danach abgebrochen ( Foto: Horst Wowereit)

Das war unsere Schule, oft als unbequem empfunden und doch geliebt. Hier wurde uns nicht nur das Grundwissen vermittelt, sondern auch der Grundstock für unsere weitere Entwicklung gelegt. Man achtete nicht nur darauf, daß der Lehrplan abgearbeitet wurde, sondern auch darauf, daß wir begriffen, welche Bedeutung Moral, Treue, Ehrlichkeit, Höflich- und Sauberkeit im Leben haben. Dazu hat neben unserem Elternhaus, vor allen Dingen die Einsatzfreude und das Verständnis von Lehrerinnen und Lehrern beigetragen.

Kommt man heute nach 50 und mehr Jahren mit Mitschülerinnen und Mitschülern zusammen, so stellt man fest, daß wir alle unseren Lebensweg meisterten. Haben wir uns doch in Beruf und Gemeinschaft als wertvolle, vertrauenswürdige Bürger unseres geliebten Ostpreußen bewährt.

Autor: © 2002 Horst Wowereit
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 32/2002

Schulen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.08.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011