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Erinnerungen eines nicht immer folgsamen Schülers
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von Horst Wowereit
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Die Senteiner Schule bestand aus zwei getrennt liegenden Gebäuden. Die alte und die neue Schule. Sie beherbergten insgesamt vier Klassen, in denen alle Kinder aus dem Einzugsbereich von der 1. bis zur 8. Abgangsklasse, die später zu einer Oberstufe ausgebaut wurde, unterrichtet wurden. Zur alten Schule gehörten Stall und Scheune sowie ein separates Kellergewölbe, in dem das Hauswasserwerk später eingebaut wurde. Vorher kam das Wasser aus einem Brunnen, der 1992 noch - oder schon wieder in Betrieb war. Zur Schule gehörte ein Toilettentrakt (Plumsklo). Die Schule wurde zu Beginn meiner Schulzeit im Winter mittels zweier hoher Kachelöfen beheizt. Im ersten Stock befand sich eine Lehrerwohnung. |
Unsere Schule hat viele Lehrerinnen und Lehrer kommen und gehen sehen. In Erinnerung geblieben sind:
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Dem Lehrer Zabbee müßte ein besonderes Andenken gewidmet werden. Er kam in den 20er Jahren zur Schule, wohnte auch dort und hat bis zum bitteren Ende seine Pflicht getan. Durch seine Hände sind wohl alle heute noch lebenden Schülerinnen und Schüler gegangen. Oft hat er zwei und mehr Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet. |
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Wie sahen wir Schüler nun unsere Schulzeit? - Ich glaube, daß mit Abweichungen die Schüler diese Zeit immer zwiespältig erlebt haben. Einmal mit dem wachsenden Bewußtsein und gefordert von den Eltern, daß lernen zur Erziehung für den weiteren Lebensweg notwendig ist und dazu gehört. Trotzdem schwankte man zwischen Pflicht und Freiheit. So ist es ganz natürlich, daß es unter uns Lorbasse, Bowkes, Luntrusse, Labommel und Rabauken gab. Seltsam, daß es für die Mädchen nur die Bezeichnung Marjellchens und einige Namen aus dem Tier- und Pflanzenreich gab. Unser Anmarschweg zur Schule war oft sehr weit und nicht nur im Winter beschwerlich. So kam es vor, daß man zu spät zum Unterricht kam. Die Lehrer hatten ein feines Gespür dafür, wo höhere Gewalt oder Nachlässigkeit der Grund war. Entsprechend wurde man dann auch behandelt. |
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Nachsitzen, Strafarbeit und Eckenstehen sowie handfeste Ermahnung war das Ergebnis. Vergessene Hausaufgaben, sprich Faulheit und Unaufmerksamkeit zogen ebenfalls eine Bestrafung nach sich. In den Pausen wurde getobt, die Mädchen machten Spiele, und es wurden Pläne für den Nachmittag gemacht oder Verabredungen zum Angeln getroffen. Waren die Schulstunden zu Ende, lockte die Freiheit. Es ist nicht zu leugnen, dass wir Kinder naturverbunden und wißbegierig waren. So zog sich der Heimweg oft in die Länge. Besonders im Frühjahr mußte man die Straßengräben kontrollieren, ob die Poggerätschkes (Frösche) schon laichten, die Stichlinge bereits fangfähig waren oder welche Blumen schon blühten. Natürlich waren auch Besuche bei Klassenkameraden anzutreten, um den neuen Wurf der Kaninchen zu begutachten oder so nicht bereits im Unterricht geschehen, die von Lehrern und Eltern gleichsam geschaßten Schmöker zu tauschen. |
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Eine meiner unauslöschlichen Erinnerungen ist mein "Erster Schultag". Ich wurde in der "Neuen Schule" eingeschult. Meine Klassenlehrerin war Frl. Reichenbach. In Begleitung, meistens eines Elternteils, wurden wir von der Lehrerin freundlich empfangen und konnten uns einen Platz aussuchen. Da ich sehr naturverbunden veranlagt war, setzte ich mich an ein Fenster, vor dem Weidenbäume standen, vergaß alles um mich herum und schaute den Meisen zu, die in dem noch kahlen Geäst turnten. So merkte ich auch nicht, daß der Ernst des Lebens bereits begonnen hatte, - bis ich meinen Vornamen rufen hörte. Nun gut, es gibt mehrere gleiche Vornamen dachte ich, aber als dann mein ganzer Name genannt wurde, merkte ich, daß meine Wenigkeit gemeint war. Ordnungsgemäß meldete ich mich mit "Hier, Frl. Lehrerin." Frl. Reichenbach sah mich mit übergeschlagenen Beinen sitzen und fragte: "Wie sitzt du da?" Da ich von zu Hause aus zur Höflichkeit erzogen war, antwortete ich: "Danke, sehr gut, Frl. Reichenbach!" - Erfolg: Ich wurde in die Ecke gestellt. |
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Es ist wohl verständlich, wenn mir die Freude an der Schule schon in der ersten Stunde verdorben war. An eine weitere Begebenheit denke ich heute noch mit gemischten Gefühlen. Unsere Klasse war, wie vorbestimmt, zur "Alten Schule" umgezogen. Auch hier standen, wie in der "Neuen Schule", stabile viereckige Holzpapierkörbe mit Deckel für das Butterbrotpapier bereit. Da ich zu dieser Zeit dünn und klein war, kam ich in einer Pause auf eine ausgefallene Idee. Um mein Ansehen bei den Klassenkameraden zu stärken, stahl ich mich kurz vor Pausenende ins Klassenzimmer und versteckte mich in dem Papierkorb, der neben dem Katheder stand. Die Unterrichtsstunde begann. Langsam hob ich den Deckel und die Marjellchens und Bowkes fingen an zu gnittern. Herr Zabbee forderte Ruhe. Schon senkte ich den Deckel, um ihn nach ein paar Sekunden erneut zu öffnen. Erneutes, jetzt schon unverschämtes Lachen der Luntrusse hatte Lehrer Zabbee auf die Fährte gebracht. Als ich nun nochmals den Deckel heben wollte, bekam ich diesen nicht mehr hoch. Panik ergriff mich. Schreiend versuchte ich wiederholt aus meinem Gefängnis zu entfliehen. Endlich klappte es, der Deckel öffnete sich, und ich saß unter dem Gebrüll der Lorbasse auf dem Papierkorb. Lehrer Zabbee, der die Sachlage erkannt hatte, beendete meine Vorstellung dadurch, daß er sich auf den Papierkorb setzte und mich gebührend empfing. |
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Unsere Schule wurde gelegentlich von Erwachsenen und Kindern, ja auch von uns als "Klumpengymnasium" bezeichnet. Vielleicht deshalb, weil es wie in ländlichen Schulen bei uns üblich war, im Sommer barfuß (wir konnten gar nicht die Zeit erwarten) und im Herbst und Winter auf Schlorren oder Holzpantinen, mit denen man herrlich auf dem Eis schorren konnte, zum Unterricht zu gehen. Selbst heute ist es, nicht nur im ländlichen Bereich, ja selbst in den Städten üblich, auf Latschen und Schlorren - hier Klotschen genannt - sich zu bewegen. |
![]() Die alte Senteiner Schule im Jahre 1993. Das Gebäude wurde einige Jahre danach abgebrochen ( Foto: Horst Wowereit) |
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Das war unsere Schule, oft als unbequem empfunden und doch geliebt. Hier wurde uns nicht nur das Grundwissen vermittelt, sondern auch der Grundstock für unsere weitere Entwicklung gelegt. Man achtete nicht nur darauf, daß der Lehrplan abgearbeitet wurde, sondern auch darauf, daß wir begriffen, welche Bedeutung Moral, Treue, Ehrlichkeit, Höflich- und Sauberkeit im Leben haben. Dazu hat neben unserem Elternhaus, vor allen Dingen die Einsatzfreude und das Verständnis von Lehrerinnen und Lehrern beigetragen. Kommt man heute nach 50 und mehr Jahren mit Mitschülerinnen und Mitschülern zusammen, so stellt man fest, daß wir alle unseren Lebensweg meisterten. Haben wir uns doch in Beruf und Gemeinschaft als wertvolle, vertrauenswürdige Bürger unseres geliebten Ostpreußen bewährt. |
| Autor: © 2002 Horst Wowereit Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 32/2002 |