| zur Geschichte | |
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von Dr. Kurt Abromeit (†)
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Viele Nordostpreußen, auch Tilsiter, haben unter ihren Vorfahren bis zum Jahre 1722 Salzburger Emigranten. (Auch mein Ur-Urgroßvater väterlicherseits, ein Landwirt in Kallwehlen a.d. Memel, hatte eine Salzburgerin geheiratet). Wie kam es zu der großen Einwanderung in unsere Heimat? Der Schwarze Tod, wie man die Pest auch nannte, hatte 1709/10 in den damaligen lithauischen Ämtern Tilsit, Ragnit und Insterburg, dem Land zwischen Memel und Pregel, verheerend gewütet. Es hatte schon vom Deutschen Orden im 14. Jahrhundert den für uns heute unverständlichen Namen "Lithauen" oder "Litthauen" erhalten, den auch die preußischen Herzöge und dann Könige übernahmen. (Dieser geschichtliche Name für unsere ehemalige Heimat führt heute zu Irritationen). Die Pest, eine schreckliche Seuche des Mittelalters, kam von Litauen/Polen über die Grenze. Ganze Dörfer wurden menschenleer. Ihr waren in den letzten drei Jahren schwere Mißernten vorausgegangen, die Gesundheit und Widerstandskraft der Menschen geschwächt hatten. So wurden sie zu leichten Opfern der Pest. Allein zwischen Memel und Pregel starben über 30.000 Menschen. (Ganz Preußen hatte damals nur 2,2 Mill. Einwohner). Im früheren lithauischen Amt Tilsit, zu dem auch die Kirchspiele Coadjuthen und Plaschken gehörten, starben allein im Pestjahr 1710 an die 17.266 Personen. (Tilsit selbst hatte damals nur etwas über 3000 Einwohner). In der Gegend bei Tilsit in Heydekrug-Schaaken starben - man möchte es heute kaum glauben - alle Menschen. Niemand überlebte. |
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Es war noch die vorindustrielle Zeit, in der das volkswirtschaftliche Einkommen fast ausschließlich von der Landwirtschaft erwirtschaftet wurde, denn fast alle Menschen lebten und arbeiteten damals auf dem Lande: als Bauern, Landwirte, Landarbeiter und dörfliche Handwerker.(Heute sind es nur noch knapp drei Prozent der arbeitenden Bevölkerung). Sie wurden von der Industrialisierung verdrängt. Nach der Pest verödeten früher blühende Dörfer und Landstriche. Der Landesherr war damals Friedrich Wilhelm l. Er begann gleich nach dem Ende der Seuche mit der Neubesiedlung der menschenleeren Gebiete. Dazu hob er klugerweise als erstes schon 1720 in den lithauischen Ämtern unserer Heimat die Leibeigenschaft auf. So schuf er die wichtige Voraussetzung für das aufblühende Bauerntum auf eigenem Grund und Boden. (Für das übrige Preußen kamen die Reformen erst später). Zuerst folgten dem Ruf des Königs Schweizer und Mennoniten sowie Siedler aus Franken, Schwaben und Nassau. Die Hugenotten waren in Folge der Aufhebung des Ediktes von Nantes schon früher ins Land gekommen. Hierzu hören wir vom Chronisten Lucanus (1748) im Stil seiner Zeit: "In keiner europäischen Landschaft fand eine stärkere Durchmischung so vieler auswärtiger Völker, von Engel-, Schott- und Holländern, Franzosen, Schweitzern Teutschen, Dänen und Fohlen, der vielen Cur- und liefländischen Familien, und was die dreimaligen Einfälle in Preußen von National Schweden zurück gelassen nicht zu gedenken, als in den Craysen Preußens, vornehmlich aber in Litthauen, zu finden sind." |
![]() Salzburger Einwanderer. Ein zeitgenössischer Kupferstich |
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Nun zur Besiedelung: nach einer Generalvermessung des Landes erhielten die Siedler unentgeltlich 60 preußische Morgen (à 2500 qm), dazu die benötigten landwirtschaftlichen Geräte und das Saatgut für die erste Aussaat. Darüber hinaus gab es die benötigte Viehweide, freie Holzung für den Brennbedarf und Bauholz aus dem Staatswalde für die neu zu errichtenden Gebäude. Zudem wurden für den Häuserbau auch die Mauer- und Dachsteine sowie Kalk frei an die Neusiedler geliefert. Alles in allem ein verlockendes Angebot für landhungrige und strebsame Neusiedler, die hier endlich zum ersehnten eigenen Grundbesitz kamen. Hier bot der König den Einwanderern Chancen, von denen sie zu Hause nicht zu träumen gewagt hätten. Andererseits waren die Ankömmlinge für den König und sein Land ein wertvolles Geschenk. Ihr Arbeitswille und ihre Kaufkraft förderten die aufblühende Wirtschaft in dem durch die Pest menschenleeren Land; ihre Söhne wurden als tüchtige Soldaten für die Armee gebraucht. Ich wiederhole: ganz Preußen hatte zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur 2,2 Mill. Einwohner. Das "Retablement", wie der Wiederaufbau des durch die Pest verwüsteten Landes genannt wurde, umfaßte auch die Neuorganisation der Landesverwaltung, des Schul- und Kirchenwesens. Aufgrund seiner Bemühungen um unsere durch die Pest verwüstete Heimat wurde Friedrich Wilhelm l. damals der "Erretter Ostpreußens" oder auch der "Erretter Lithauens" genannt. (Beheim-Schwarzbach). Sein Sohn, der spätere Friedrich der Große, der im Auftrage seines Vaters mehrere Reisen nach "Lithauen" unternehmen mußte, schreibt hierzu über seinen Vater: "Der preußische Lithauer ist in Europa wenig bekannt, obwohl er verdient, es mehr zu sein; es ist eine Schöpfung meines Vaters (. . .) ich finde in diesem Unternehmen meines Vaters, diese Wüste (nach der Pest) bewohnbar zu machen, wahrhaft Heroisches." |
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Doch mußte die Neubesiedlung unserer Heimat durch verschiedene Bevölkerungsgruppen nach der Pest auch Rückschläge hinnehmen. So mancher Neubauer und Landarbeiter war der harten Arbeit während des Neuanfanges auf dem Lande nicht gewachsen. Sie flohen über die Grenze in das "Polnische", wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß. Gegen diese Wirtschaftsflüchtlinge ging der König mit den schärfsten Mitteln vor. Andererseits störten Grenzübergriffe von Polen und auch Litauern sein Siedlungswerk. Sie stahlen grenzüberschreitend in den Nächten Vieh und, Ackergeräte und anderes Eigentum der Siedler. Daher wurden zum Schutze Bauernwehren aufgestellt, die gemeinsam mit berittenen Militärstreifen die Landesgrenze sicherten. In Preußen begann damals gegenüber Polen und Litauen eine andere Welt. (Beheim-Schwarzbach). Doch spielten die Hauptrolle in der Kolonisationsgeschichte unserer Heimat durch Friedrich Wilhelm I. die vertriebenen Salzburger, die er in das Land holte. Die Vorgeschichte ihrer Emigration ist bekannt und schnell erzählt: im Erzbistum Salzburg hatte Luthers Lehre frühzeitig Wurzeln geschlagen - zum großen Ärger der Gegenreformation unter dem Erzbischof Firmian. Er versuchte es mit Schärfe und Gewalt. Dennoch hatten sich über 20.000 rebellierende Salzburger entgegen der Willkür offen als Evangelische einschreiben lassen. Diese Gläubigen lehnten sich gegen die Schärfe und Gewalt ihrer alten Kirche auf. Sie wurden deswegen innerhalb von drei Monaten des Landes verwiesen. Der letzte Termin war der Georgitag am 23. April 1732. Dann begann ihr Auszug aus ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat des schönen Salzburgerlandes. Sie folgten ihrem religiösen Gewissen und stellten ihren Glauben hoch über alle materiellen Güter: für unsere Zeit heute fast unvorstellbar! |
![]() Bild links: Das Salzburger Zeichen. De Gedenkmünze von 1832 wurde geprägt zur Erinnerung an die Einwanderung vor 100 Jahren Erzbischöfliche "Commissarien" überwachten und begleiteten die ausziehenden Transporte, zu Fuß und mit Pferd und Wagen bis zur Grenze, ehe sie nach Preußen, ihrem neuen "gelobten Land" weiterzogen. Der Hauptstrom der Glaubensflüchtlinge ging in unsere alte Heimat. Im Ganzen zählte die Glaubensemigration rund 20.000 Menschen aus allen Berufsschichten. Doch die meisten waren Bauern und Landarbeiter. |
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Von Berlin führten sie zwei Wege weiter zu ihrem Ziel in Nordostpreußen. Der Landweg ging direkt über Küstrin und Königsberg, während der Wasserweg sie über den Hafen Stettin leitete. Von hier brachten 66 Schiffe in 79 Seetransporten 10.780 Salzburger über den Hafen Pillau nach Königsberg, während 5.533 Salzburger den Landweg wählten: in elf gut organisierten Pferdetrecks mit 1.167 Gespannpferden, die 780 Wagen mit Menschen zogen. Ihr Marschweg aus dem Salzburgischen über Berlin nach Königsberg betrug 1.500 km. Er wurde in knapp drei Monaten vom 2. Juni bis zum 22. August bewältigt - bei durchschnittlichen Tagesleistungen von 20 km. Die beschwerliche Reise forderte auch Opfer: 805 Menschen starben unterwegs auf ihrem Zug in die neue Heimat. Die Emigranten erhielten vom König für Menschen und die mitgeführten Pferde ein tägliches Zehrgeld (Tagegeld). Denen, die auf eigene Kosten reisten, wurde das Zehrgeld später an Ort und Stelle ausgezahlt. Die Salzburger wurden an ihrem Ziel, in der Hauptsache in Preußisch-Lithauen vorübergehend auf Bauernhöfen und bei städtischen Bürgern untergebracht, ehe sie ihre Landzuteilung als selbständige Bauern erhielten. Wohlhabende Salzburger kauften sich neue Bauernhöfe und Häuser in den Städten auf eigene Kosten. Natürlich gab es in dieser Wartezeit auch menschliche Schwierigkeiten mit der alteingesessenen Bevölkerung, die jetzt zusammenrücken und teilen mußte. Hierbei kommen Assoziationen an ähnliche Vertriebenenschicksale nach dem Kriege in Westdeutschland. Darunter wiederum auch die späten Urenkel von Salzburgern, die nach 223 Jahren (in ihrer neuen Heimat Ostpreußen) zum zweitenmal das Vertriebenenschicksal der Heimatlosigkeit erdulden mußten. |
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In Tilsit, das damals - wie schon berichtet - nur etwas über 3000 Seelen (in 600 Häusern) zählte, fanden 147 Salzburger eine neue Heimstatt. In der engeren Umgebung in Ballgarden waren er 232 und im Amt Baubein, das zum Tilsiter Distrikt gehörte, kamen 141 Salzburger unter. Zum Vergleich: Gumbinnen hatte 237 Neuankömmlinge aufgenommen. Die Gebrechlichen wurden in Armenhäusern untergebracht. Zusätzlich baute der König als Stiftung in Gumbinnen ein neues Armenhaus für 100 alte und unvermögende Salzburger. Es hieß das "Salzburgerhospital" und wurde den Salzburgern zur Selbstverwaltung übergeben. Das "Salzburgerhaus", wie es bald hieß, entwickelte sich bald zum geistigen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der Salzburgerkolonie in Preußisch-Lithauen. Unterhalten wurde es von Kirchenkollekten, Spenden und Zinsgeldern angesparter Kapitalien. So bestärkte das "Salzburgerhaus" über die Alten- und Krankenpflege hinaus im ideellen Sinne auch den Zusammenhalt der Salzburger Kolonie in ihrer neuen Heimat Lithauen - wie sie damals schon seit Ordenszeiten hieß. Es sammelte sich mit den Jahren ein beträchtlicher Kapitalfonds in Gumbinnen an, dessen Zinsen zum Ärger der aufsichtsführenden Regierung auch für andere Zwecke verwendet wurden, die nicht mehr im Sinne des königlichen Stifters lagen. Deswegen gab es ein Zerwürfnis der Hospitalleitung mit der Regierung unter dem damaligen Oberpräsidenten Schön. Er war den Salzburgern stets wohlgesonnen, denn von ihm stammt das stolze Urteil über die Salzburger: "Die Provinz Lithauen hat ihren jetzigen Kulturzustand größtenteils den eingewanderten Salzburgern zu verdanken!" Auch der Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt hatte im gleichen Sinne über die Salzburger gesagt: "Es ist ein prächtiges deutsches Volk, die Preußen, besonders die Ostpreußen und was dort von den Salzburgern stammt." |
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So waren die Salzburger erstaunlich schnell in Ostpreußen aufgegangen. Es war keine im heutigen Sinne "multikulturelle" Gesellschaft, obwohl die Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen kamen. Sie ordneten sich nach ihrer Ankunft schnell der einheimischen Landeskultur unter. Das kam auch darin zum Ausdruck, daß ursprünglich deutsche Namen, und auch von Salzburgern, sich litauisierten durch die Endsilbe aitis oder eitis; dann wieder verdeutscht eit oder at. Beispiel: aus dem Salzburger Balzer wurde der Balzeraitis, dann Balzereitis und schließlich Balzereit. Nach einem weiteren Bericht aus dem Jahre 1744 "galten die Salzburger als tüchtige Wirte; viele haben es zum Wohlstand gebracht und können ein behagliches Leben führen (...). Fast allen ist die Tüchtigkeit und Hartnäckigkeit der Väter als Erbteil vermacht." Es wird ihr stolzes Selbstgefühl hervorgehoben - und in einem Schreiben an den König heißt es:"(...) es ist bekannt, daß die Salzburger Colonien nach gesehener Erfahrung für die besten Wirthe in Lithauen allergnädigst anerkannt sind (... ).Sie haben auf alle ersinnliche Art für das allerhöchste Interesse und das allgemein Beste gesorgt (...)." In diesem Sinne hörte man viel Gutes über die Nachkommen der Salzburger, vor allem in Preußisch-Lithauen, unserer Heimat. |
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Ein wichtiges festliches Datum, nicht nur für das Salzburger Hospital, sondern für alle eingewanderten Salzburger, war das einhundertste Erinnerungs- und Jubelfest ihrer Einwanderung. Es wurde am 25. Juli 1832, am Jacobitage, begangen. Zu diesem Tage wurde eine Gedenkmünze geprägt mit der Gestalt der Borussia (neulat. Preußen), wie sie einem vor ihr knieenden Salzburger eine Verleihungsurkunde überreicht. Die Inschrift lautete: "Mir neue Söhne, Euch ein neues Vaterland." Auch in manchem Liedgut lebte die Erinnerung an die südliche Heimat im Salzkammergut in Liedern weiter, wie zum Beispiel: Nach einem Fuder Salz, Nach einem Fuder Schmalz, Nach einem Fuder Mandelkern." Das Holla im Lied meint, den Ort Hallein im Salzburgischen. |
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Bei der Durchsicht des letzten Tilsiter Adreßbuches stößt man nach über 200 Jahren auf eine Vielzahl von Salzburger Namen, die mithalfen, aus der einstigen Kleinstadt Tilsit von 3000 Einwohnern eine blühende Stadt zu machen: der zweitgrößten in Ostpreußen. |
| Autor: © 1998 Kurt Abromeit (†) (Text und Bilder) Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 29/1999 |
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