Die Napoleonslinde, das Ende einer Legende?
Von Alfred Rubbel

Gut 200 Jahre alt ist sie geworden, die Napoleonslinde auf dem Drangowskiberg in Tilsit-Senteinen, als man sie am 22. März des Jahres 2010 fällte. Die Frage nach der Notwendigkeit wird vordergründig wohl damit erklärt, dass der Baum altersschwach und, wie vermeintlich sichtbar, im Stamm hohl war und eine Gefahr darstelle.

Es dürfte bekannt sein, dass es sehr viel alte Bäume gibt, die trotz dieser Alterserscheinung standfest blieben. Wenn sie obendrein noch eine historische Bedeutung hatten, ist man in der Regel behutsamer umgegangen. Sehen wir uns das Bild mit den zersägten Baumteilen an und vergleichen es mit dem Bild der Linde von 2005. Der untere Stammteil, der vornehmlich die Festigkeit vorgibt, scheint weitgehend gesund, die Teile der Baumgabel weisen Fäulnis auf. Auch, und dies schätze ich als gelernter Land- und Forstwirt so, dürfte im Jahr 2009 seine volle Vegetation gehabt haben. Wir haben die Linde zuletzt 2006 besucht, da hatte sie volle Belaubung,

Erkrankungen eines Baumes zeigen sich Jahre vorher bereits an, die Belaubung wird lichter. Grund für die Entfernung dürfte nach meiner Einschätzung hauptsächlich darin zu sehen sein, dass die Linde den Häuslebauer gestört hat:

a) auch weil das Haus nur etwa 20 m entfernt steht und

b) man im kommunalen Bereich nach der Gedenkveranstaltung des Tilsiter Friedens 2007 nachzudenken begann, dies einzige noch verbliebene Relikt von 1807 irgendwie aus seiner Anonymität herauszuheben. Dies könnte den privaten Interessen in Baumnähe zuwiderlaufen.

Die Zweifel an der Authenzität der Napoleonslinde, die, kaum gesichert, vornehmlich von der Museumsleitung des Tilsiter Museums kamen, blieben aus, als vor einigen Monaten in einem kurzen Fernsehspot des NDR die Napoleonslinde von der Museumsleitung vorgestellt wurde.


Umfassend habe ich im 38. Tilsiter Rundbrief über die Napoleonslinde berichtet. Mich hat die Nachricht von der Baumfällung betroffen gemacht. Ich wiederhole mich, wenn ich erneut schreibe, dass ich „im Schatten der Napoleonslinde" groß geworden bin. Mehr als die noch heute erhaltenen Bäume in unserem, dem Napoleonsgarten, hatte die Linde für mich einen hohen mentalen wie historischen Stellenwert.

Ein Stück überkommene Vergangenheit, an dem Erinnerungen an Zuhause festgemacht wurden, gibt es nicht mehr.

Autor: © 2010 Alfred Rubbel
Quelle:
"Tilsiter Rundbrief" Nr 40/2010
Bilder: Jakow Rosenblum

Napoleonslinde



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 09.01.2011
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011