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von Alfred Rubbel
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Die Gedenkveranstaltungen zum Friedensschluss von Tilsit am 7. und 9. Juli 1807 zwischen Preußen, Russland und Frankreich, liefen in Tilsit bzw. Sowjetsk am 6. und 7. Juli 2007 ohne französische Beteiligung ab, obwohl die bestimmende Initiative von Frankreich kam. Es blieb letztlich bei einem Stadtfest mit historischem Hintergrund für die heutigen Bewohner unserer Stadt. Es dürfte bekannt sein, dass Preußen -Deutschland in seiner Form der Neuzeit gab es noch nicht - nach Napoleons Absichten ausgelöscht werden sollte. Zar Alexander hat dies, aus welchen Gründen auch immer, verhindert. Bei den Vorbereitungen für diese Gedenkveranstaltung war man bemüht, historische Relikte jener Zeit vor 200 Jahren in Tilsit zu finden. Es gab kein Gebäude, das Bezug hatte. Aber es gibt ein Naturdenkmal aus jener Zeit, die Napoleonslinde auf dem Drangowskiberg in Senteinen. Die Existenz dieses Baumes ist den wenigsten Tilsitern bekannt gewesen. Erst mit der Sonderschrift der Stadtgemeinschaft Tilsit "Senteinen und der Drangowskiberg" von 1993 wurde man aufmerksam und damit begannen auch die Zweifel an der Authentizität der Napoleonslinde. Die wenigen, meist älteren Mitbürger, besonders die aus Kallkappen, Senteinen und Moritzkehmen, hatten keine Bedenken. Schulunterricht und vor allem die Beschriftung in dem deutschen Kartenwerk 1 : 25 000 (Messtischblatt), Karte Tilsit, Nr. 0097 ließen keine Zweifel dahingehend zu, dass die Linde ohne jeden historischen Bezug zu Napoleon sei. Dagegen steht die Meinung des Direktors des Stadtmuseums in Tilsit/Sowjetsk, Georgy Ignatov, der die Benennung des Naturdenkmales für unbewiesen hält. Zugegeben, es ist nicht bekannt, ob es dazu sichere Quellen gibt. Hier muss, wie in der Wissenschaft in solchen Fällen üblich, hypothetisch verfahren werden. Was stützt unsere/meine Bejahung? |
![]() Kartenausschnitt, vergrößert, aus der Karte 1:25000 Nr. 0097 Tilsit. Im Mittelpunkt als Naturdenkmal die Napleons-linde bei der Höhe 42. |
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1. Das Vorhandensein einer alten Linde in einem Gelände, in dem nachweislich Kaiser Napoleon mit Zar Alexander eine Revue der französischen Garde abnahm; 2. Das deutsche Kartenwerk 1:25000 galt und gilt immer noch als das genaueste Kartenwerk, das auf konventionelle Weise entstand. Eine Beschriftung ohne Prüfung der Herkunft eines Namens schließe ich aus. Mir wurde dazu vom Deutschen Bundesamt für Kartographie und Geodäsie als Quelle für solche Eintragungen als möglich genannt: Befragungen und Hinweise vor Ort, Auswertung von Aufzeichnungen. Das Messtischblatt basiert größtenteils auf der sog, "Schrötter"-Karte von 1803. 3. Die Beschaffenheit des Baumes, in dessen Schatten ich groß geworden bin, war damals, etwa 1925 schon ein altes, respektables Gewächs. Auch sein Standraum war ein besonderer. Der Garten des Gasthauses Drangowski war ein Rechteck von 120 m Seitenlänge und in vier gleichgroße Quadrate aufgeteilt. Drei davon waren mit Hecken eingefriedet und trugen Obstbaumbestand, nur die nordwestliche Fläche hatte in der Mitte eine Erdaufschüttung von ca. 3 m Höhe, auf ihr steht die Linde, auch heute noch. Es kann kaum in Abrede gestellt werden, dass der Baum sich durch seine Plazierung von dem Umfeld abheben sollte. |
![]() Die Napoleonslinde auf dem Drangowskibergin Seinteinen bei Tilsit, gepfanzt,geschätz, um die Zeit des Friensschlussesvon Tilsit 1807. |
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4. Mein Freund Georgy, mit dem ich stundenlang über die Napoleonslinde diskutiert habe, brachte diesen Einspruch vor: Ihm sei von Deutschen gesagt worden, dass in der Nachnapoleonszeit vor Gaststätten Linden gepflanzt und dazu behauptet wurde, Napoleon sei hier eingekehrt, damit hoffte man, die Besucherfrequenz zu erhöhen. Wenn dies stimmt, dann ist auch diese Nachahmung ein Beweis dafür, dass es eine echte Napoleonslinde geben musste. Das Gasthaus Drangowski mit seinem barocken Seitengiebel, war zuvor das Herrenhaus der -Familie von Derengowski-Gleichen, die um 1670 das Gut Senteinen besaß. In einer Landreform um 1785 wird das Domänenamt Ballgarden aufgelöst und das Vorwerk Senteinen, vorher Gut Senteinen, aufgeteilt. Das Herrenhaus wurde der "Senteinsche Krug". Dieser Funktionswandel hat das stilvolle Herrenhaus zu einem Krug werden lassen. Haus und Umfeld behielten ihre herausgehobene Bedeutung. |
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5. Der verstorbene russische Historiker, Professor Rutman, erwähnt in seinem Buch "Von Tilsit und Sowjetsk", dass Napoleon mit allen Mitteln versucht habe, Alexander von seiner Bündnistreue gegenüber Preußen abzubringen. So soll Napoleon befohlen haben, einen Lindenbaum, der in zwei Ästen ausläuft - diese sollen Russland und Frankreich symbolisieren -, erhöht auf einer Aufschüttung zu pflanzen. Ort und Zeitpunkt nennt diese mündliche Überlieferung, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch präsent war, nicht.
6. Im Stadtmuseum wurde 2006 eine französische Farblithographie gezeigt. Dargestellt ist eine Revueaufstellung französischer Soldaten auf einem Feld. Napoleon und Alexander nehmen reitend diese Truppenaufstellung ab. Am oberen Bildrand wird der obere Teil eines Kirchturmes sichtbar. Bekannt ist, dass die Garden in Moritzkehmen und Senteinen im Feldquartier lagerten. Der Kirchturm könnte der Turm der St. Michaeliskirche des Klosters Drangowski sein. Damit ist erwiesen, dass Napoleon dort war. 7. Dr. Ing. Thalmann, Direktor der Stadt. E-Werke Tilsit und erfolgreicher Hobbyhistoriker, der, wie keiner vor und nach ihm die Geschichte unserer Stadt aufgehellt hat, schreibt 1923 im Band l seiner "Bau- und Kulturgeschichte Tilsits" auf Seite 20 dies: ". . . Die beiden höchsten Punkte Tilsits liegen bei Gut Punkt, Ballgarden mit 38,8 m und bei der sog. "Napoleonslinde" am Gasthaus Drangowski mit 42m...."Thalmann hat sicher nichts in seine Arbeit übernommen, was unseriös war. |
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8. Der Hinweis, dass die Napoleonslinde nur im Tilsiter Stadtplan ausgewiesen sei, bedarf der Ergänzung, dass die Eintragung das amtliche preußische Kartenwerk zur Grundlage habe. 9. Mein Versuch, historische Ursprünge der Napoleonslinde nachzuweisen, beruht nicht auf frankophilen Neigungen, sondern soll herausstellen, dass wir Tilsiter keiner Schimäre erlegen waren. Aus verschiedensten Veröffentlichungen wurde erkennbar, dass Frankreich 2007 bemüht war, den Frieden von Tilsit 1807 als europäischen Fortschritt herauszustellen. Es ist nachträglich vorstellbar, dass dieser Versuch, von französischer Seite recht unbekümmert eingeleitet, bei der russischen Seite schon Erstaunen hervorrief. Die Nachricht, dass der französische Botschafter in Moskau persönlich nach Tilsit zur Erkundung gereist sein soll, deutet doch darauf hin, dass Frankreich mit einem spektakulären Ereignis auf sich hinzuweisen gewillt war. Auch die These "Friede von Tilsit - Modell für die Ordnung Europa heute", die auftauchte, dürfte kaum Beifall von russischer Seite erhalten haben. Wer sich für die folgende Entwicklung interessierte, wird sich erinnern, dass mit der Zeit das ursprüngliche Vorhaben schrumpfte, nicht nur weil die litauische Seite die Inanspruchnahme der Memelmitte für das Nachspiel der Herrscherbegegnung auf den Flößen ablehnte. Ab jetzt möchte ich mit einer spekulativen Theorie aufwarten, die sowohl erklären könnte, warum die anspruchsvolle Gedenkveranstaltung letztlich ohne jede französische Beteiligung zu einem Stadtfest schrumpfte als auch die beharrliche Verneinung, es möglicherweise in Senteinen doch mit einem Napoleon zu tun zu haben. Wenn es so sein könnte, lieber Georgy Ignatov, habe ich Verständnis für Deine vorgetragenen Zweifel, allerdings kann ich von meinem Urteil, noch steht die Napoleonslinde auf dem Drangowskiberg in Senteinen, nicht abrücken. |
| Autor: © 2008 Alfred Rubbel Quelle: "Tilsiter Rundbrief" Nr. 38/2008 |
| Kartenmaterial: Der Ort ist auf folgenden Landkarten verzeichnet:
Die Karten sind unter folgender Internetadresse zu beziehen: www.bkg.bund.de |