Moritzhöhe - Moritzkehmen
von Alfred Rubbel

Moritzkehmen, der südlichste Vorort von Tilsit, wurde 1922 in den Stadtkreis eingemeindet. Die Gemeindefläche, die 387 ha umfasste, war in unserer Zeit in dem der Stadt zugewandten Nordteil ein städtisch beeinflußtes Wohngebiet. Der Südteil war ländlich-dörflich geblieben. Nur grob bestimmbar bleibt das Alter des Ortes, der, etwa in der ausgehenden Ordenszeit, also im 15. oder 16. Jahrhundert, seinen Namen erhalten haben könnte.

An dem von dem Namenspatron MORITZ herzuleitenden Namen wurde das prussisch/schalauische Wort KEMAS = HOF angefügt. Moritzkehmen hätte zu deutsch MORITZHOF geheißen. Die unsinnige Eindeutschungsaktion 1938 machte daraus MORITZHÖHE, wohl deshalb, weil dort Moränenhügel waren.

Wer hätte der Namenspatron MORITZ sein können? Moritz, von Mauritz abgeleitet, ist ein christlicher Name, damit ist auszuschließen, daß er alt-prussisch ist.

1231 betraten Ritterbrüder des Deutschen Ordens preussisches Gebiet. Über 200 Jahre dauerte die Unterwerfung der preussischen Stämme. Beiderseits der Memel saßen die Schalauer. Die Ordensburg Tilsit, Baubeginn etwa 1408, Sitz eines Pflegers, war Zwingburg und Stützpunkt für die berüchtigten Litauerreisen. Viele Schalauer entzogen sich der Gewalt des Ordens, indem sie zu ihren nördlichen Nachbarn, den Szameiten (Litauern) flohen. Das schalauische Gebiet war stark entvölkert. Der Orden war bemüht die Urbevölkerung zu halten und in seinen Dienst zu nehmen. Die prussische Familie PERKAU (PERSZKAUEN, PERSCHKAU, von PERSCHKAU) bot sich dem Orden an, um sich Überleben und Vorteile zu sichern. Die Perschkaus haben es verstanden, über Generationen in der Ordens- und Nachordenszeit zu einer im Tilsiter Raum bedeutenden Familie aufzusteigen.

HANS PERSCHKAU, Vater des MORITZ PERSCHKAU, taucht 1486 in den Aufschreibungen des Ordens auf.
MORITZ PERSCHKAU wird 1486 für "treue Dienste" mit dem Gut Senteinen (schalauisch SINTHINE) beliehen. Die Gutsgröße umfaßt 12 Hufen/Hüben (1 Hufe = 16 ha), dies sind 192 ha oder 768 preussische Morgen. Moritz hat 1497 weiteres Land erhalten und dürfte wohl der Großgrundbesitzer in diesem Raum gewesen sein.

MORITZ von PERSCHKAU wird am 29. 3. 1529, also 4 Jahre nach der Umwandlung des Ordens in ein weltliches Herzogtum, Burggraf zu Tilsit. Mit dieser Berufung ist vermutlich auch seine Nobilitierung durch Herzog Albrecht verbunden.
1552, zur Stadtgründung, ist Eberhard von Freiberg Burghauptmann und Amtshauptmann zu Tilsit, ein "Deutscher". Der Name Perschkau ist bis 1572 dort nachgewiesen.

MORITZ von PERSCHKAU könnte damals den Wunsch gehabt haben, nachdem er Besitz in KALLISKAPPEN (Kalikappen), BENEDICTFELD (Bendiglauken) und auch in Tilsit als Lehen erworben hat, sich als der Bedeutendste seiner Familie mit einem Ortsnamen der Nachwelt zu überliefern, zumal Angehörige der Familie, Brüder oder Söhne, auch erheblichen Landbesitz hatten, so in Schilleningken, Splitter und Stolbeck. Meine Hypothese wird von dieser Tatsache gestützt: MORITZ saß in SENTEINEN, dies war als Vorwerk dem Domänenamt Ballgarden zugehörig. Moritz, zuletzt genannt 1572 bei der Erbhuldigung des Adels für Kurfürst Johann Georg von Brandenburg (und Herzog von Preussen), sei um diese Zeit "alt und schwach" gewesen. Wenn meine Theorie richtig ist, dürfte zum Ende des Jahrhunderts Moritzkehmen seinen Namen erhalten haben.

In der "Topographie von Preussen" von 1785 wird Moritzkehmen erstmals als "Erbfreydorf mit Wassermühle an der Tilszele" erwähnt. In den "Präsentationstabellen" von 1736, in der alle Alt- und Neubauern zwecks Steuer- und Abgabenordnung aufgeführt worden sind, fehlen Senteinen und Moritzkehmen als Orte. Dies hat seinen Grund darin, daß auf Domänenland keine abgabepflichtigen Bauern saßen. Mit der "Repeuplierung" nach der Pest ab 1712 wurde das Vorwerk Senteinen "abgebaut", d.h. aufgelöst. Das Land wurde an Siedler zu unterschiedlichsten Rechtsformen vergeben. Das Gut Moritzkehmen dürfte danach entstanden sein, vermutlich erst viel später. Auf der "Schrötter-Karte" von 1803 ist das Gut noch nicht verzeichnet, wohl, wo es später lag, eine Ziegelei. Oft war es so, daß man dort, wo man umfangreich bauen wollte, zunächst eine Ziegelei für die Baustoffe einrichtete. Aus diesem Zustand der Gutsgebäude, alle massiv gebaut und den Wirtschaftsabläufen noch bis 1945 genügend, könnte zu schließen sein, daß Mitte 19. Jahrhunderts das Gut Moritzkehmen entstanden ist.

Der letzte Gutsbesitzer war die Familie Gerull.

Autor : © 2001 Alfred Rubbel
Quelle : "Tilsiter Rundbrief " Nr. 31/2001

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verfaßt am 15.07.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011