| Juni 2011 | |
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von Erika Wennig
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Ruhig gleitet die Fähre durch die Fluten der Ostsee. Ihr Ziel ist Klaipeda (Memel). Mein Ziel ist Tilsit (Sowjetsk). Sinnend stehe ich auf dem Hubschrauberdeck an der Reling und schicke meine fragenden Gedanken voraus. Wie wird sich die Begegnung mit der Stadt meiner Kindheit gestalten? Im Sommer 1944, vor 67 Jahren mußte meine Familie sie als Flüchtling verlassen, so wie viele Familien mit uns. Nun endlich, im Juni 2011 bin ich zu einem Wiedersehen aufgebrochen.
Obwohl allein reisend, fühle ich mich gut aufgehoben in einer harmonischen Reisegruppe, die kompetent, unterhaltend und liebevoll geleitet wird von der charmanten Linda von der Heide. Von Memel aus begibt sich unsere Gruppe per Bus durch Litauen im ehemaligen Memelland. Von Ferne grüßt als erstes die Königin-Luise-Brücke, zwar ohne die bekannten Brückenbogen, aber mit ihrem markanten Portal. Mit Herzklopfen „begrüße" ich die Memel, den Grenzfluß, an dessen Gestaden ich frohe Kinderbadefreuden erlebte. Und wieder die Frage: Was erwartet mich im heutigen Sowjetsk? Die nächsten Tage werden zum Wechselbad der Gefühle. Vom angenehmen Hotel „Kronos" aus - befremdlich hier unübersehbare Relikte aus Sowjetzeiten (z. B. überdimensional großes Wandbild Breschnews) bereitet uns die Stadtführerin Dusha während einer Stadtrundfahrt erste interessante Eindrücke der vertrauten und doch auch fremden Stadt. Vieles wird wiedererkannt, vieles ist verändert, neu. Das war zu erwarten. Freudige Momente beim Anblick alter restaurierter Gebäude wechseln sich ab mit Erschrecken über offensichtlichen Verfall. Berührend für uns alle ist der Besuch auf dem Waldfriedhof und dem gemeinsamen Gedenken der Toten der Stadt Tilsit. Bewegende Worte spricht der Senior unserer Gruppe, Willi Narewsky (97 J.). |
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Ein emotionaler Höhepunkt ist für mich das Suchen und Finden der Stätten meiner Kindheit im Bereich „überm Teich". Die Brücke über den Schloßmühlenteich führt mich dorthin. Aufgeregt folge ich dem bekannten Straßenverlauf. Es gibt sie noch, die Straßen - Wasserstraße, Sommerstraße, Moltkestraße, Roonstraße usw., zwar mit russischen Namen, aber mit erkennbar ursprünglicher Bebauung.
Ein prächtiges Sportforum steht an der Stelle der ehemaligen Sportanlagen und Tennisplätze. Das alte Realgymnasium (Lazarett zu Sowjetzeiten) steht leer, verfällt. Schade! Dagegen ziehen Neubauten in der Moltkestraße den Blick an und wenden ihn ab von ruinösen ehemaligen Villen. Etwas weiter, in der Sommerstraße entdecke ich voller Freude das wunderbar restaurierte Backsteingebäude der ehemaligen Neustädtischen Volksschule. Hier wurde ich 1941 eingeschult. Auch heute gehen russische Kinder hier zur Schule. Neugier treibt mich voran. Da steht sie, die ehemalige Taubstummenanstalt, Wirkungsstätte meiner Eltern. Hier hatte auch ich erste Kontakte mit gehörlosen Kindern, die mich, der Tradition folgend, ebenfalls den Beruf der Gehörlosenlehrerin wählen ließen. Heute beherbergt das riesige Backsteingebäude russische Waisenkinder. |
![]() Bild: Ehem. Neustädtische Volksschule |
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Am nächsten Tag führt mich mein Weg noch einmal in die Moltkestraße, die heutige Uliza Gastello. In einem Artikel im 36. "Tilsiter Rundbrief" hatte ich über das Haus "Kroschka Delfin" gelesen, das mit deutscher Hilfe restauriert wurde. Es beherbergt heute ein Zentrum für Familienhilfe und für familiengelöste Kinder. Nun stehe ich vor diesem Haus, dem Haus, in dem meine Familie bis zur Flucht gelebt hat. Durch einen Telefonanruf angemeldet und „bewaffnet" mit einem ins Russische übersetzten Text, der mein Anliegen darstellt, drücke ich mit Herzklopfen den Klingelknopf. Und nun erlebe ich die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft. Von drei überaus freundlichen Mitarbeiterinnen werde ich empfangen und die Treppe hinauf in die obere Etage an einen gedeckten Teetisch geführt. Ich befinde mich wirklich in unserer ehemaligen Wohnung! Unfaßbar! Überwältigt von meinen Gefühlen versuche ich ein Gespräch. Die Kommunikation gestaltet sich etwas schwierig. Aber wenn ein Gemisch aus Russisch, Englisch und Deutsch nicht ausreicht, so helfen Mimik, Gestik und viel Gelächter weiter. So erleben wir vier Frauen eine frohe Teestunde. Bereitwillig führen sie mich durch alle Räume unserer ehemaligen Wohnung, die jetzt u. a. die Chefetage mit Büroräumen umfaßt. Ich entdecke viele bekannte bauliche Details, die natürlich heute anders genutzt sind. Es folgt eine Führung durch das ganze Haus bis in den Keller. Beglückt stelle ich fest, daß das ganze Haus innen und außen wunderbar restauriert und kindgerecht eingerichtet ist. Kinder, die hier leben dürfen, können dies in einer geschmackvollen, umsorgten und liebevollen Atmosphäre tun. |
![]() Bild: Kinderheim „Kroschka Delfin", Uliza Gastello 13 (vorher Moltkestr. 8) |
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Voller Dankbarkeit verabschiede ich mich von den drei Damen, von Larissa, der stellvertretenden Leiterin, von Lena - der Verwaltungsleiterin und von Nadja, einer Erzieherin. In meiner Tasche finden rührende, kleine, von den Kindern gebastelte Geschenke Platz. Es ist eine freundschaftliche Begegnung entstanden, ungeachtet der Ländergrenzen und der durch den Krieg beiderseits entstandenen Wunden. Wie wundervoll! Mit frohen Gedanken beschäftigt wandere ich vorbei am ehemaligen Realgymnasium weiter zur Tilse. Hier finde ich sie wieder, die Flußlandschaft, an der ich mit meinem Vater Radausflüge unternahm und dort durch ihn in die Geheimnisse der Natur eingeführt wurde. |
![]() Bild: Schloßmühlenteich |
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Beim abschließenden Spaziergang am altvertrauten Schloßmühlenteich erinnere ich mich ans Schlittschuhlaufen im eisigen Winter. Ob russische Kinder heutzutage ähnliche Winterfreuden genießen? Zum Abschied grüßt noch einmal der Elch von seinem neuen Standort am Hohen Tor. Mein Resümee - die Stadt Tilsit ist Geschichte, ihr Andenken bewahrt im Museum. Die Stadt Sowjetsk lebt. Mögen viele Generationen junger Russen ihre Schulabschlüsse am Elch feiern in einer friedlichen, durch Optimismus und Aufbauwillen geprägten Stadt an der Memel. |
| Autor: © 2011 Erika Wennig - 38820 Halberstadt Quelle: "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2012 Seite 113 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz |