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von Hans Dzieran
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Wohnraum war knapp im Tilsit der frühen zwanziger Jahre. Krieg und Inflation hatten den privaten Wohnungsbau zum Erliegen gebracht, niemand konnte mehr in den Bau von Wohngebäuden investieren. Selbst Wohnungsgesellschaften wie der Wohnungsbauverein Tilsit (zu 1 der Anm.) die Ostpreußische Bau- und Siedlungsgesellschaft und die Gagfah Berlin (zu 2 der Anm.) traten auf der Stelle. Auch Wohnungsbau-Genossenschaften wie später die Gemeinnützige Baugenossenschaft oder die Beamten- und Kriegerheimstättengenossenschaft hatten sich noch nicht etabliert (zu 3 der Anm.). So stand nun die Stadt in der Pflicht, den kommunalen Wohnungsbau als öffentliche Aufgabe auf die Tagesordnung zu setzen. Es war die Zeit, als Kommunalpolitiker, Architekten und Städtebauer sich mit neuen Ideen zu Wort meldeten. Sie forderten die Abkehr von der engen Zeilenbebauung, forderten stattdessen die Schaffung moderner, gesunder und lebenswerter Quartiere mit neuen Wohnformen. Eines dieser Modelle sah beispielsweise eine großzügig angelegte Blockbebauung vor - ein geschlossenes Wohnkarree mit geräumigem Innenhof, der ausreichend Durchlüftung, Besonnung und Grün garantierte. Die Grundrißformen der Wohnungen sollten familiengerecht, hygienisch und rational sein. Das klang fortschrittlich und zukunftsorientiert. |
![]() Abb. 1: Die Lage des Marienblocks im Westteil des Stadtgebietes (Auszug aus dem Tilsiter Stadtplan) |
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Es war bestimmt eine gute Entscheidung der Tilsiter Stadtoberen, dieses Modell in die Tat umzusetzen und trotz knapper Kassen die Stadt zum Bauherrn zu machen. Äußerst günstig wirkte sich aus, daß ein großflächiges und zusammenhängendes Baugrundstück mit dem eingeebneten Marienfriedhof zur Verfügung stand (Abb. 1). Es befand sich in städtischem Besitz, also war ein kostspieliger Grunderwerb nicht erforderlich. Das Areal lehnte sich an die Gründerzeitbauten der Lindenstraße an, war verkehrsmäßig erschlossen, lag am Rande des Parks Jakobsruh und war dennoch stadtnah. Auf der Grundlage dieser günstigen Voraussetzungen begann die Erarbeitung des Projekts (Abb. 2). Es sah ein dreigeschossiges geschlossenes Vieleck mit 13 Aufgängen und einer Ladeneinheit vor. Zwei Torwege führten in einen weitflächigen Innenhof, der mit Grünflächen, Bäumen, einem Bolzplatz und mehreren Sandkästen viele Spiel- und Sportmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche bot. Außerdem gab es Rasen mit Wäschepfählen, separate Klopfstangen, Aschekästen und einen Rundweg für Fuhrwerke zur Kohleanfuhr und Müllentsorgung. |
![]() Abb. 2: Das Grobprojekt Marienblock ( Zeichnung Hans Dzieran) |
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Baubeginn muß wohl 1924/1925 gewesen sein, Die Fassaden wiesen eine klare Gliederung auf, ohne ornamentale Verzierungen, sparsam aufgelockert durch wenige geometrische Figuren wie Dreiecke und Kreise (Abb. 3). Da spielten nicht nur wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle - nein, neue gestalterische Formen sollten zum Ausdruck gebracht werden. Der pastellfarbene Außenputz wirkte angenehm gegenüber dem Grau der Vorkriegsbauten. Die Wohnungen verfügten über einen hohen Ausstattungsstandard. Sie hatten Kinderzimmer, Innen-WC, teilweise Balkons. Jede Wohnung besaß ein Badezimmer, was zur damaligen Zeit durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern eine echte Errungenschaft war. Zu jeder Wohnung gehörte ein Keller und eine Bodenkammer. Die Wohnungen in der Marienstraße hatten dreiteilige, sogenannte Berliner Fenster (Abb. 4). Sonderwünsche fanden Berücksichtigung. So erhielt z. B. eine Wohnung in der Adolf-Post-Straße 1, die für Pfarrer Kittmann vorgesehen war, zwei Wohnungstüren, damit sein Dienstzimmer einen separaten Eingang hatte. Die ersten Mieter zogen im Jahre 1926 ein. Als |
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Abb. 4: Die Wohnungen in der Marienstraße mit den Aufgängen Nr. 11, 11a und 12. Im Hintergrund das Wohnhaus Sudermannstraße/Ecke Marienstraße. |
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Die Höhe der Mieten wurde für die damalige Zeit nicht gerade niedrig angesetzt. Der abgebildete Mietvertrag weist für eine Vierzimmer-Wohnung mit Bad und Balkon eine Monatsmiete von 65 Reichsmark aus (Abb. 12). Bei der Wohnungsvergabe war die Stadt angesichts der prekären Wohnungsnot vorrangig an Unterbringung von öffentlich Bediensteten und Beamten interessiert. Von den Reichsbehörden bekam sie für jede Beamtenwohnung einen Bauzuschuß von 4.000 Reichsmark. Diese Vergabepraxis prägte die soziale Struktur der Bewohner des Marienblocks. Nach dem Einwohnerbuch der Stadt Tiisit von 1930 waren 23% der Mieter Polizeibeamte, 18% städtische Beamte und Angestellte, 15% Postbeamte, 9% Zoll- und Finanzbeamte, 9% Lehrer, der Rest waren Kaufleute, Handelsvertreter, Handwerksmeister und Beamtenwitwen. |
![]() Abb. 5: Blick von der Marienstraße auf den Hauseingang Parkstraße Nr. 1. Links die Parkstraße |
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Da die Zahl der Kinder aller Altersstufen recht hoch war, wird man wohl von rund 250 Bewohnern ausgehen können. Im Verlaufe der 30er Jahre gab es versetzungsbedingte Weg- und Zuzüge, doch an der sozialen Zusammensetzung änderte sich nichts. Die jeweiligen Behörden verfügten über ihre Wohnungen und belegten sie bei Mieterwechsel entsprechend neu. Das Einwohnerbuch von 1939 weist zwar vielfach andere Namen, aber keine anderen Berufe aus. Das änderte sich auch nicht nach Ausbruch des Krieges. |
![]() Abb. 6: Die Parkstraße mit den Eingängen Nr. 2, 3 und 4. Zum Teil sind hier noch die alten dreiteiligen , sogenannten Berliner Fenster vorhanden. |
![]() Abb. 7: Der Wohnteil Parkstraße in der Gegenrichtung |
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Allerdings ließen die Wochen vor dem Ostfeldzug den Marienblock nicht unberührt. Mal war es bespannte Artillerie, die ihre Pferde in den Hof einstellten, dann waren es Luftnachrichteneinheiten, die ihre Telegraphenstangen auf dem Hof sortierten, und immer gab es Einquartierung. Die Bombenangriffe vom Sommer 1944 brachten dem Marienblock schwere Schäden. Die Aufgänge Adolf-Post-Straße 2-4 wurden völlig zerstört, andere Wohnungen erlitten Teilschäden und Glasbruch. Im Oktober 1944 mußten die letzten Bewohner ihre Wohnungen räumen und die Stadt verlassen. 18 Jahre lang hatten viele im Marienblock gewohnt und sie hatten sich darin wohl gefühlt. Nun zogen dort neue Hausherren ein. Die Zerstörungen in der Adolf-Post-Straße, nun Estradni Pere-Ulok, schloß man erst in den 70er Jahren mit einem fünfgeschossigen Lückenbau, der sich in das harmonische Ensemble überhaupt nicht einfügt (Abb. 8). Der einst grüne Innenhof wurde betoniert und versiegelt (Abb. 9). Ansonsten ist der Wohnblock, der nun 70 Jahre auf dem Buckel hat, noch einigermaßen in Schuß, besser jedenfalls, als einige nach dem Krieg errichtete Wohnbauten. Die diesem Beitrag beigefügten Fotos aus der Jetztzeit lassen noch die einstige Schönheit des Marienblocks erahnen. |
![]() Abb. 8: Die teilweise zerbombte Adolf-Post-Straße wurde von den Russen durch einen fünfgeschossigen Lückenbau geschlossen. |
![]() Abb. 9: Heutiger Blick in den Innenhof. Die einstigen Rasenflächen sind durch Beton versiegelt. |
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Ehemalige Bewohner, die hier eine glückliche Kindheit verbrachten, treffen sich als "Crew von Jakobsruh" regelmäßig. Darüber wurde in den Tilsiter Rundbriefen Nr. 27, 28 und 31 berichtet. Sie bewahren die Erinnerung an ihr Kinderparadies. Auch dieser Beitrag soll dafür sorgen, daß der Marienblock als städtebauliche Besonderheit der Stadt Tilsit nicht in Vergessenheit gerät. Gedankt sei allen ehemaligen Bewohnern für ihre Hinweise und Reminiszenzen. |
![]() Abb. 12 |
| Anmerkungen: 1) Wohnungsbauverein: Jägerstraße 17-21, Magazinstraße 17-21 u.a. Ostpr. Bau- u. Siedlungsgesellschaft: Grünwalder Straße 110-115, Grünes Tor 1-12 u.a. 2) Gagfah Berlin: Friedrichstraße 28-33 u.a. 3) Gemeinnützige Baugenossenschaft: 7 Häuser in der Stiftstraße, 2 in der Metzstraße Beamten- und Kriegerheimstättengenossenschaft: 10 Häuser in der Ringstraße, 5 Häuser in der Steinmetzstraße |
| Autor: Hans Dzieran Bilder: Hans Dzieran, Regine Dzieran, Guenther Scharkus, Dieter Rosenberg Quelle: Tilsiter Rundbrief Nr. 34/2004 |