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Vor hundert Jahren entstand die Königin Luise-Brücke
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von Hans Dzieran
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Schon seit der Ordenszeit besaß Tilsit dank seiner geografischen Lage eine große Bedeutung für Wirtschaft und Verkehr. Hier war der Schnittpunkt zweier bedeutender Handelswege. Das war einmal der mächtige Memelstrom als Wasserstraße und zum anderen die Landverbindung ins Baltikum, die an dieser Stelle den geeigneten Übergang über die Memel fand, denn östlich von Tilsit erschwerten diluviale Steilhänge und im Westen die sumpfige Niederung des Deltas eine Stromüberquerung. Die Überquerung der Memel wurde ursprünglich mit Hilfe von Fähren bewerkstelligt. Die erste Fährverbindung ließ Herzog Albrecht um 1600 errichten. Sie reichte schon bald nicht mehr aus, und nach dringenden Bitten der Stadt erhielt diese die herzogliche Genehmigung zum Bau einer eigenen Fähre, der sogenannten Stadtfähre. Dennoch hatten beide Fähren Mühe, den ständig wachsenden Handelsverkehr zu bewältigen, zumal bei Eisgang und Hochwasser der Übergang zum Erliegen kam. Nur bei Dauerfrost erlaubte das tragfähige Eis eine Verbindung zwischen beiden Ufern. Abhilfe konnte nur eine Brücke schaffen. Erst die Ereignisse des Siebenjährigen Krieges führten zum Bau einer Brücke über den Memelstrom. Die Russen hatten 1758 Tilsit erobert und hielten Ostpreußen vier Jahre lang besetzt. Es waren nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern vorrangig militärstrategische Erfordernisse, die zum Bau einer Floßbrücke durch russsische Pioniertruppen führten. Sie wurde beim Abzug der Russen wieder zerstört. Doch inzwischen hatten die Tilsiter den Vorteil einer Brücke kennen und schätzen gelernt und wurden beim König vorstellig. Friedrich der Große willigte ein und gab eine neue Brücke in Auftrag. Sie wurde im Jahre 1767 in Betrieb genommen. Es war eine 340 m lange Schiffsbrücke, die auf 36 Pontons ruhte. Sie ermöglichte einen aufblühenden Handel und Wandel. Zu Zeiten des Tilsiter Jahrmarkts strömten so viele Fuhrwerke aus dem nördlichen Umland über die Brücke wie aus dem südlichen Kreisgebiet. Lebhafter Verkehr herrschte auch während der Heuernten. Zahlreiche Landwirte hatten ihre Wiesen auf der rechten Memelseite und transportierten das Heu über die Brücke zum Tilsiter Heeresproviantamt oder auf ihre Höfe. Von großem Nachteil war, daß die Brücke bei den enorm anwachsenden Warenströmen zweimal täglich auseinandergeschwenkt werden mußte, um Schiffe, Boydaks und Holzflöße durchzulassen. Und vor Beginn des Winters wurde sie ganz abgeschwenkt und ruhte bis zum Frühjahr im Tilszelehafen. Der Verkehr über die Memel wurde dann von der Königlichen Trajektanstalt notdürftig mit Hilfe von Fährkähnen oder -schütten durchgeführt. Bei starkem Eisgang oder Hochwasser kam der Verkehr völlig zum Erliegen. Deshalb brachte der Bau einer Eisenbahnbrücke über den Memelstrom im Jahre 1875 eine gewisse Erleichterung. Sie verfügte auch über eine Fahrbahn für Fuhrwerke, die außerhalb der Zugverkehrszeiten genutzt werden durfte. |
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Doch um die Jahrhundertwende wurde immer deutlicher, daß ein moderner Brückenübergang geschaffen werden mußte, der den wachsenden Ansprüchen von Handel, Verkehr und Schiffahrt gerecht wurde. Den Bemühungen von Oberbürgermeister Pohl, Landrat von Schlenther und des Tilsiter Bürgervereins war es zu verdanken, daß der Staat als Bauherr gewonnen werden konnte. Im Spätherbst des Jahres 1904 begann die Herstellung der sieben massiven Brückenpfeiler aus Naturstein. Sie schufen die Voraussetzung, der starken Strömung und den Schwemmsandböden der Uferregion Paroli zu bieten. Im Folgejahr brachte die Breslauer Firma Beuchel & Co den Stahlbau auf. Die fachwerkartige, harmonisch gegliederte Konstruktion gewährleistete eine hohe Belastbarkeit der Brücke. Drei elegante Stahlbögen von je 105 Meter Länge schwangen sich über den Strom. Ihre mittlere Höhe betrug 19 Meter. Die Fahrbahn hatte eine Breite von 7,20 Metern. An der Südauffahrt befand sich ein 12 m breiter Schiffsdurchlaß mit einer Zugbrücke. Die auf dem ersten Brückenpfeiler befindlichen Maschinenhäuschen ermöglichten das Hochziehen und Senken der einarmigen Klappe in jeweils einer Minute. Die Brücke hatte eine Gesamtlänge von 416 Metern. Beeindruckend war das stadtwärtige Brückenportal. Es bestand aus Sandstein und war von zwei Türmen flankiert, die in ihrer barocken Gestaltung der benachbarten Deutschordenskirche angepasst waren. Es wurde zum Wahrzeichen der Stadt und fasziniert noch heute ihre Besucher. Ein Bronzerelief der Königin Luise mit der darunter befindlichen Inschrift KÖNIGIN LUISE-BRÜCKE krönte das Portal. Die Baukosten der Brücke beliefen sich auf 1,8 Millionen Mark. |
Der 18. Oktober 1907 war ein denkwürdiger Tag. Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen war nach Tilsit gekommen, um die neue Brücke einzuweihen. Zwölf Uhr mittags hatten sich Ehrengäste und Behördenvertreter auf der Brücke eingefunden. Tausende von Tilsitern säumten den Platz vor der Brücke. Ein Sängerchor intonierte „Lobe den Herren" und „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", worauf das Bauwerk feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde. Voller Begeisterung strömten die Menschen auf die Brücke. Viele nutzten auch Dampferfahrten, um die Brücke vom Strom aus in Augenschein zu nehmen. Bis in die Abendstunden feierte die begeisterte Menge bei den Klängen eines Promenadenkonzerts die Brückenweihe.
Zur Erinnerung an das denkwürdige Ereignis wurde eine Medaille herausgegeben. Sie hatte einen Durchmesser von 5 cm und trug auf der Vorderseite eine Abbildung der Bücke mit dem Datum der Einweihung und dem Schriftzug „Königin Luise-Brücke über die Memel, Tilsit". Auf der Rückseite befand sich ein Porträt der Königin Luise. |
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Die ersten sieben Jahre nach der Einweihung trug die Königin Luise-Brücke zu einem enormen Wirtschaftsaufschwung bei. Doch dann drohte Ungemach. Der erste Weltkrieg brach aus. Um die Russen am Eindringen nach Ostpreußen zu hindern, wollte das Militär die Brücke sprengen. Nur durch das Verhandlungsgeschick des Oberbürgermeisters blieb die Brücke unversehrt. Als nach wenigen Wochen die Russen abziehen mußten, waren sie es, die die Brücke zerstören wollten. Ein kühner Vorstoß von Hauptmann Fletcher rettete die Brücke. Der Vertrag von Versailles machte die Memel zum Grenzstrom. Das jenseitige Memelland annektierten die Litauer. Mitten auf der Brücke kennzeichneten die Wappen mit dem deutschen Adler und dem litauischen Reiter den Grenzverlauf. Von nun an bestimmte zwei Jahrzehnte lang der kleine Grenzverkehr das Bild auf der Brücke. Im März 1939 erlebte die Königin Luise-Brücke einen denkwürdigen Tag. Soldaten der Tilsiter Garnison marschierten über die Brücke ins befreite Memelland. Zwei Jahre später zogen erneut Wehrmachtskolonnen über die Brücke. Der Feldzug gegen die Sowjetunion hatte begonnen. Die Brücke mußte in den nächsten Jahren vorrangig militärische Aufgaben erfüllen, bis im Oktober 1944 noch einmal deutsche Truppenteile die Brücke überquerten, diesmal aber in umgekehrter Richtung. Die Wehrmacht zog sich auf das südliche Memelufer zurück und bezog dort eine Abwehrstellung. Am 22. Oktober kam damit für die Königin Luise-Brücke das Aus. Sie wurde von einem Pioniertrupp der 6. Panzerdivision gesprengt und sollte das Vordringen der Russen stoppen. |
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Für die Rote Armee war nach der Einnahme von Tilsit der Bau eines neuen Überganges über die Memel von absoluter Dringlichkeit. Sowjetische Pioniere hatten bereits in der Vorbereitungsphase der Offensive Holz in den Wäldern des Memellandes eingeschlagen und Pfosten und Balken für den Brückenbau vorbereitet. In kürzester Frist entstand eine Pfahlbrücke, mit deren Hilfe Truppenverstärkungen und Nachschub für die weiteren Kampfhandlungen herangeführt werden konnte. Ihre Lebensdauer war allerdings kurz. Sie wurde im Frühjahr 1946 von Wassermassen und Eisschollen weggerissen. Es galt nun, eine dauerhaftere Lösung zu schaffen und die gesprengte Luisenbrücke wiederherzustellen. Spezialisten aus dem namhaften Kiewer Schweißinstitut kamen nach Tilsit und zerlegten mit Schneidbrennern die Im Wasser liegenden Brückenteile. Die alten Brückenpfeiler wurden saniert und neue betoniert. Gleichzeitig begann die Fertigung, einer Holzkonstruktion unter militärischem Kommando. Die Ordenskirche wurde zum Sägewerk umfunktioniert. Hierher lieferte ein Transportbataillon in rascher Folge Langholz aus dem Trappöner Forst an. Ein Bauregiment war mit dem Zuschneiden der hölzernen Bogenteile und des Fahrbahnbelages beschäftigt und nahm Montagearbeiten vor. Zeitweilig waren 3000 Soldaten beim Brückenbau eingesetzt. Bereits im Juli 1947 war die neue Brücke fertiggestellt. |
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Sie sah mit ihren drei hölzernen Bogen der alten Luisenbrücke täuschend ähnlich. Die Freigabe für den Verkehr nahm der Kommandeur des Baltischen Wehrbezirks vor. Am erhalten gebliebenen Portal wurde das Porträt der Königin Luise demontiert und durch das Staatswappen der Sowjetunion ersetzt. 18 Jahre lang rollte der Verkehr über das neue Bauwerk. Der ständig steigende Güterverkehr mit immer schwerer werdenden Fahrzeugen forderte sein Tribut. Zuletzt ächzte und wackelte der Bohlenbelag bedenklich. Den Rest besorgte 1965 ein Schwimmkran, der beim Durchfahren die Brücke mit seinem Ausleger beschädigte. Sie mußte für den Verkehr gesperrt werden und wurde noch im gleichen Jahr abgerissen. Eine zeitgemäße Lösung mußte her. Es entstand eine nüchterne Betonbrücke in Stahl-Kastenträgerkonstruktion. Interessen des Denkmalschutzes blieben unberücksichtigt. Nur das südliche Brückenportal erinnerte an den einstigen Stolz der Stadt. Aber selbst dieser Anblick unterlag nach dem Fall der Sowjetunion erheblichen Einschränkungen. Mit der neuen Zollgrenze zu Litauen entstand im Jahre 1992 vor dem Portal ein großes Abfertigungsterminal. |
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Im Verlauf der europäischen Osterweiterung erhielt die Brücke zur Jahrtausendwende von der EU den Status "Brücke des Friedens" verliehen. Davon kündet am Memelufer ein Gedenkstein in englischer, litauischer und russischer Sprache. Eine Inschrift in deutscher Sprache sucht man vergeblich - an die deutsche Vergangenheit der Brücke soll wohl nicht erinnert werden. Immerhin gelangte das Brückenportal im Jahre 2003 auf die Liste der kulturhistorischen Denkmäler. Die damit einhergehenden Restaurierungsarbeiten fanden ihren Höhepunkt mit der Anbringung des Porträts der Königin Luise am ursprünglichen Ort. Auch für die Sanierung der arg ramponierten Fahrbahn flossen finanzielle Mittel. Die litauische Firma „Viadukt" trug einen neuen Asphaltbelag auf und erneuerte die Gehwege und Geländer. Die Buchstaben KÖNIGIN LUISE-BRÜCKE werden noch gefertigt und sollen in Kürze anbracht werden. Am 13, Oktober dieses Jahres vollendet sich ein Jahrhundert, seitdem die Brücke entstand. Die Russen messen dem Jubiläum ziemliche Bedeutung bei. Auch wir, die wir einst am Memelstrom zu Hause waren, werden an diesem Tage der Königin Luise-Brücke und ihrer wechselvollen Geschichte gedenken. |
| Autor: © 2007 Hans Dzieran (Text und Bilder) Quelle: Heimatrundbrief "Land an der Memel" Nr. 80/2007 |