Wir in der Luisenallee
von Siegmar Becker

Am Ostersonntag, dem 21. April 1935, bin ich in der Luisenallee 5 als Sohn des Kapellmeisters Paul Becker und seiner Ehefrau Hertha geb. Biebereit, die aus der Arndtstraße stammt, geboren. Ich war eine schwere Geburt. Die stadtbekannte Hebamme Frau Spoede und meine Großmutter Ida Biebereit, eine Bauerntochter, die sich gut mit medizinischer Hilfe und natürlichen Heilmitteln auskannte, waren bei meiner Mutter. Als die Lage fast hoffnungslos für Mutter und Kind wurde, ließ Frau Spoede unseren (ebenfalls stadtbekannten) Hausarzt Dr. Kaiser verständigen. Dieser holte mich als Zangengeburt mit viel Mühe ins Leben. Eine Narbe und zwei Dellen am Schädel erinnern heute noch an mein Glück, aber auch an die fachliche Leistung unseres Arztes. Mutter und Kind erholten sich schnell, und Dr. Kaiser besuchte uns oft. Wenn ich ihn später als Schüler irgendwo traf, grüßte ich ihn in der vorgeschriebenen Weise mit "Heil Hitler, Herr Doktor!", worauf er mir einmal sagte "Tachche, Herr Doktor reicht auch, aber nur bei mir. Verstanden?" Ich verstand. Im Juli 1935 wurde ich durch Pfarrer Kittmann in der Kreuzkirche getauft.

Das Haus Luisenallee 5 liegt direkt am Park von Jakobsruhe, an der Ecke Sudermannstraße. Heute heißt die Luisenallee "Straße der Kosmonauten" (Uliza Kosmonautow), welch großer Name für eine so kurze Straße!

Meine Kindheit verlief sehr harmonisch. 1940 wurde dann noch meine Schwester Brigitte geboren. In unserem Hause wohnten sehr nette Familien. Es gab einen hilfsbereiten Kontakt untereinander, nicht erst ab den nächtlichen Treffen im Keller bei Alarm. Bewohner waren die Familien Lehnert, (der Sohn Günter, ein Jahr älter als ich, war mein bester Freund und Spielkamerad bis zur Flucht - leider habe ich nie wieder etwas von ihm gehört), Frischmuth (Herr F. war Berufssoldat in der Tilsiter Kaserne), Schiller (Beamter der Kriminalpolizei seit langen Jahren, der viele "Pappenheimer" unserer Stadt kannte), Thiel (Holzkaufmann), Panzig (Frau P. war wie eine zweite Mutter zu mir), Lottermoser und Wrobel. Ich wuchs fast im Park auf, erst im Kinderwagen, später dann bei fast täglichen Spaziergängen, im Winter dick angezogen auf dem Schlitten. Fast täglich wurden wir durch Marschgesang oder Spielmannszugmusik förmlich auf die vor dem Hause, nur durch eine schmale Grünanlage getrennte, verlaufende Grünwalder Straße getrieben, wo die Dragoner zu Pferde oder die Infanterie zum Exerzierplatz marschierten. Manchmal war auch der allseits bekannte Kesselpauker auf seinem Pferd dabei. Das war ein kostenloses Schauspiel, auch gegen Abend, wenn sie zurückmarschierten. Für uns Jungen war es ein besonderes Erlebnis, wenn der Spielmannszug der HJ die Grünwalder Straße mit Musik entlangmarschierte. Direkt vor unserem Hause stand das Kriegerdenkmal des Infanterie-Regiments 41 für die Gefallenen des 1.Weltkriegs.

Mein Großvater Julius Becker hatte seine Wohnung und seine Bäckerei gleich um die Ecke in der Clausiusstraße. Die paar Meter zu ihm rannte ich meistens. Ich war fast täglich mal bei meinen Großeltern. Besonders Opa, der 1942 starb und in Tilsit begraben ist, verwöhnte mich sehr. Er hatte immer etwas Leckeres für mich gebacken; nicht nur zu Weihnachten herrliche Pfefferkuchenhäuser, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die dann oft einen abgefütterten Bowke zum Mittagessen zurück bekam. Opa machte sich nur Sorgen um mich, weil ich stets rannte. Zu meiner Mutter sagte er oft: "Paß op dem Jung op, de rennt toveel, de Lorbaß ward sonst dampig." Er meinte wohl Lunge und Bronchien. Es hat nichts geholfen, ich bin als Läufer bis heute gerne und auch gut gelaufen.

Auf dem Weg zur Clausiusstraße kam man an der Ecke beim Kolonialwarenladen Piplat vorbei, wo wir eigentlich alles kauften. Wenn Frau Piplat mich sah, mußte ich zu ihr in den Laden kommen und ihr ein Lied vorsingen. Am liebsten hörte sie "Die blauen Dragoner, sie reiten". Das brachte mir natürlich Sahnebonbons ein, manchmal auch "e Dittche" von anwesenden Kunden, und meiner Mutter war das alles peinlich. Einmal, im Alter von vier Jahren, wollte ich stolz für Mutter alleine einkaufen gehen. Sie brauchte schnell fürs Mittagessen ein Bund Petersilie. Ich rannte los, sang Frau Piplat schnell noch was vor und vergaß dabei wohl das Wort "Petersilie". So kehrte ich nach Hause zurück ...... mit einem Päckchen Persil! Ansonsten spielte ich viel vor dem Haus auf der Straße, im Winter, mit dem Schlitten, im Sommer mit Kreisel und Peitsche oder aber mit den anderen Kindern mit Murmeln, die es auch bei Piplats gab.

Das gab es sonst noch alles in Tilsit, das ich mit Familie erleben durfte: Zirkus, Rummel, Paraden, Fahrten an das Haff mit dem Dampfer, Kino und Veranstaltungen auf dem nahe gelegenen Thingplatz.

Vor unserem Haus fiel mir mal beim Spielen "e Dittche" in den Gully, ich heulte darüber. Als ich nach über 47 Jahren 1991 illegal - als bestimmt einer der ganz wenigen - wieder Tilsit besuchte, fand ich noch den alten Gully mit dem gußeisernen Deckel einer Firma aus Rathenow. Da hatte ich wieder feuchte Augen.

1941 wurde ich in der Meerwischer Schule an der Rheyländer Allee eingeschult. Über die Schule berichte ich gesondert.

Noch vor meiner Schulzeit gingen meine Eltern, meist mit mir im Kinderwagen, über die Königin-Luise-Brücke nach Übermemel in Litauen zum Einkaufen. Sie brauchten dafür wegen des Zolls eine blaue, zweisprachige Grenzkarte, die der Polizeidirektor in Tilsit Dudeck, später Hoppe, ausstellte. Sie war gebührenpflichtig, in ihr wurden die täglich verzollten Waren eingetragen. Selbst Personen unter 15 Jahren wurden in ihr vermerkt. Man kaufte besonders ländliche Produkte in Litauen wesentlich billiger ein und hatte dann nur auf deutscher Seite zu verzollen, was eine Freigrenze überschritt. Mal ehrlich: Wer von uns damaligen Kindern hat auf der Brücke nicht schon mal auf "e Pfundche Butter" im Kinderwagen gesessen?

Meine ersten Schuljahre gingen dahin. Zum Spielen bevorzugte ich die damals üblichen Elastolin-Soldaten, von denen es in einem Spielwarenladen in der Hohen Straße ganze Kompanien gab. Auch Ausschneidebogen mit Soldaten waren sehr beliebt. Es war ja inzwischen Krieg, und wir wurden schon zu späteren Soldaten erzogen. Tilsit als Garnisonstadt bot ohnehin täglich viele Uniformierte, und im Verlaufe des Krieges fragten wir Jungens dann hin und wieder Fronturlauber, was sie da für Orden trugen. Günter Lehnert, mein Spielkamerad, fragte mal einen Infanterie-Leutnant, wofür er seine etlichen Orden bekommen hätte. "Für mein Bein" war die Antwort des Krückenträgers.

Wie andere Jungen auch, bastelte ich Schiffe, Panzer und Flugzeuge aus den Basteibogen, und bald waren alle Fensterbretter unserer Wohnung belegt.

1942 gab es öfter Fliegeralarm, und man verbrachte oft einige Nachtstunden im Luftschutzkeller. Trotzdem ging am Morgen danach das gewohnte Leben weiter. Es wurde gearbeitet, auch der Schulunterricht fand fast immer pünktlich statt. (In heutigen Zeiten mit heutigen Bürgern ist das undenkbar.) Über meine Erlebnisse in den schrecklichen Bombennächten berichte ich extra.

Nach den schweren Bombenangriffen im Juli 1944 wurde meine Mutter mit uns zwei Kindern nach Allenstein evakuiert, obwohl unsere Wohnung in der Luisenallee 5 wieder instandgesetzt worden war. Meine Großeltern blieben noch in der Stadt und sahen in unserer Wohnung nach dem Rechten. Als wir mit Kinderwagen und Handgepäck auf dem Tilsiter Bahnhof im Zug saßen, sang vor der Abfahrt ein Frauen-BDM-Chor das Lied "Nun ade, du mein lieb Heimatland". Viele Frauen weinten, und mir kam später immer dieser Abschied in Erinnerung, wenn ich das Lied hörte. Es sollte ein Abschied für immer werden. Erst 1991 sah ich Tilsit und die ehemalige Luisenallee wieder. Beide trugen einen fremden Namen, und trotzdem war ich für ein paar Stunden wieder zu Hause.

Autor : © 2003 Siegmar Becker
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 33/2003

Heimatberichte



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verfaßt am 05.03.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 26. Januar 2011