Die evangelischen Kirchen im Stadtkreis Tilsit 

Deutsche Kirche - ev.luth ( Alte Kirche, Stadtkirche, Deutschordenskirche)
Deutsche Kirche Tilsit vor 1944

Eine deutsche evangelische Kirche ist in den Archivalien schon um 1538 erwähnt. Wahrscheinlich stammte der wohl in Holz ausgeführte Bau noch aus vor-reformatorischer Zeit. Wegen Baufälligkeit wurde er 1598 abgebrochen; 1610 wurde der Neubau durch den Königsberger Theologieprofessor Andreas Pouchenius eingeweiht.

Diese Kirche war ein dreischiffiges chorloses orientiertes Rechteck, zunächst mit westlichem Turm, der 1699 abgerissen und 1702 durch einen massiven Turm mit dreifachem barockem Kuppelhelm, der auf acht Eichenkugeln ruhte, ersetzt wurde. Die südliche Vorhalle mit geschwungenem Giebel wurde 1700 angefügt. Der Innenraum gliederte sich in das mit einem flachen Korbbogengewölbe abschließende Mittelschiff und in die beiden flachgedeckten Seitenschiffe mit den Emporen an der Nord- und Südwand.

Bild oben: Deutschordenskirche vor 1944 ( Bild: Fritz Brix)

Die Kirche verfügte über eine reiche Ausstattung aus dem 17. Jahrhundert: Der zwischen 1611 und 1650 entstandene geschnitzte Altar zeigte in der Mitte das von Friedrich Keßler 1833 gemalte Bild "Jesus bei Maria und Martha". Die hölzerne von einer geschnitzten Mosesfigur getragene Kanzel von 1677 wurde 1706 staffiert. Aus den Jahren 1638 und 1662 stammten die Beichtstühle, aus der Zeit um 1620 die reich geschnitzte Taufkammer.
Zur Ausstattung gehörten ferner eine Reihe Epitaphien und Bildnisse u. a. der Pfarrer Johann Flottwell (gest. 1658) und Johann Friedrich Rosenbaum (gest. 1818) und des Kantors Georg Motz (gest. 1733).
Zwei 1674 gegossene Glocken hatten schon in dem Holzturm gehangen und waren 1702 in den neuen Turm übernommen worden. Ihre Inschriften lauteten
SERVA DEVS VERBVM TVVM ET FRANGE VIRES HOSTIVM COMMVNI SVMPTU REI PVB TILSENSIS FVSA ANNO 1674; DA PACEM DOMINE IN DIEBVS NOSTRIS LIBERALI SVMPTV JOELIS PVSCHEN ET VXORIS VRSVLAE GRVNAWIN FVSA ANNO 1674.

Beide Güsse stammten aus der Werkstatt des Johannes von Marienwerder. Die dritte Glocke mit der Inschrift GLORIA IN EXCELSIS SENATVS ET CIVITAS TILSENSIS sprang und mußte 1896 umgegossen werden. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie abgegeben. Durch Sammlungen der Evangelischen Frauenhilfe wurde 1925 der Guß einer neuen Glocke bei Schilling-Apolda möglich, die die Inschrift EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE trug.

Die erste Orgel wurde bereits 1575 durch Burghart Wiechart aus Paderborn gebaut. Ein späteres Werk von 1755 wurde 1880 erweitert. Im Laufe ihrer Geschichte ist die Kirche mehrfach renoviert worden. Vor 1854 stand die Kanzel am westlichen der beiden nördlichen Mittelpfeiler, danach wurde sie an den östlichen versetzt. Das Maßwerk der Fenster wurde nach einer eigenhändigen Revisionszeichnung von Stüler ausgeführt. Die Uhrglocken stammten aus dem Jahre 1721. Der Turm wurde 1878 restauriert.
Bild rechts: Deutsche Ordenskirche - Innenansicht (Bild: Archiv Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit)

Deutsche Kirche in Tilsit 1963






Deutsche Kirche im Jahre 1947 (Bild: Einsenderin: Irmgard Boywitt)



Bei Kriegsende war die Kirche nahezu unversehrt. Die hölzerne Innenausstattung wurde vollständig zur Gewinnung von Brennholz entwendent(1952).
Von 1956 bis Anfang der 60er Jahre diente die Kirche als Altstoffsammelstelle. Der Dach wurde undicht, der Dachstuhl verottete und die Kirche begann schnell zu verfallen.
1965 wurde die Kirche in Brand gesetzt und anschließend abgerissen.An Stelle der Deutschen Kirche befindet sich heute ein leerer Platz.


Litauische Kirche(Landkirche)
Litauische Kirche in Tilsit vor 1944


Litauische Kirche vor 1944 (Bild: Archiv Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit)



Bevor die Litthauer (spätestens 1553) eine eigene Kirche bekamen, sprechen die archiva-lischen Quellen von einem "Predigtstuhl", unter dem man sich einen kanzelartigen überdachten Aufbau vorzustellen hat. Die neue, neben der deutschen errichtete litauische Kirche war ein Fachwerkbau ohne Turm und Glocken. Sie wurde während des Neubaues der deutschen Kirche auch durch die Deutschen benutzt.

Nach mehreren Reparaturen im 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die Litauische Kirche wegen Baufälligkeit abgerissen und 1757 durch einen Neubau nach dem Entwurf des Landbaumeisters Karl Ludwig Bergius ersetzt. Diese Kirche auf ovalem Grundriß war von einem turmartigen Dachreiter gekrönt. Innen trugen toskanische Säulen das hölzerne Tonnengewölbe. Die Seitenschiffe waren flach gedeckt.

Der Kanzelaltar im Osten war in die Säulenarchitektur einbezogen; von der Nord- zur Südwand zogen sich Emporen entlang. 1853 und 1927 wurden Wiederherstellungsarbeiten durchgeführt. Erst 1860 erhielt die Kirche eine Orgel, die von Sauer in Frankfurt/Oder erbaut worden war. Erst nach Bauarbeiten 1818 hatte die Kirche zwei Glocken aus der Königsberger Werkstatt Copinus erhalten; 1892 sprang die eine Glocke und wurde 1893 von Reschke in Rastenburg umgegossen; die kleine Glocke wurde später durch einen Guß von Schilling-Apolda ersetzt.

Die litauische Kirche überstand den Krieg ohne Beschädigungen. Wahrscheinlich wurde sie im Winter 1949/50 von Kindern angezündet.
Sie brannte aus und wurde 1951/52 endgültig abgerissen.

Von der Kirche ist heute nichts mehr zu sehen.


Neue (Kreuz-) Kirche
Kreuzkiche in Tilsit vor 1944

Nachdem schon 1899 der Beschluß zum Bau einer neuen Kirche gefaßt worden war, fand am 16. Mai 1909 die Grundsteinlegung statt. Der Kirchbau wurde ausgeführt nach einem Entwurf des Architekten Siebold aus Bethel. Es war ein unverputztes Backsteingebäude mit einem die seitliche Verlängerung der Giebelwand bildenden, nach oben spitz auslaufenden Turm im neugotischen Stil.

Der Innenraum mit ungleichen Seitenschiffen war gewölbt. Seitlich waren Emporen eingebaut. Der rechteckige Chorraum war durch einen Triumphbogen vom Hauptschiff getrennt, die Kanzel befand sich links vom Altar, über dem. sich ein Kruzifix erhob.


Bild links: Neu (Kreuz-)Kirche vor 1944 (Bild: Fritz Brix)

Das Wandgemälde im Chorraum zeigte den "Auferstehenden Christus". Die Orgel wurde von der Firma Walcker in Ludwigsburg erbaut; der Guß der drei Glocken erfolgte in der Werkstatt von Schilling in Apolda. Am 6. Februar 1911 wurde die Kirche eingeweiht.

Die Kirche war nach dem Kriege nach heil.
Seit den 70er Jahren wurde sie als Werkhalle einer Fabrik(der Betrieb unterlag der Geheimhaltung) genutzt.
Heute befindet sich das Gebäude in privater Hand.

Der gesamte obere Tal des Daches wurde abgetragen, innen und außen entstanden viele Anbauten und eine Menge zusätzlicher Fenster.Die Kirche ist jetzt mit weiteren Betriebsgebäuden umbaut.


Reformierte Kirche

Die Reformierten, die ihre Andachten zunächst im Schloß hatten abhalten dürfen, erhielten 1703 die Erlaubnis zur Errichtung eines eigenen Gebäudes, in dem sich auch ein Andachtssaal befand. 1898 wurde der Kirchbau begonnen, der am 18. Mai 1900 eingeweiht wurde. Es war ein Gebäude im neugotischen Stil mit seitlichem, schiefergedecktem Turm. Der gewölbte Innenraum gliederte sich in Haupt- und Nebenschiff mit Empore und Orgelempore. Der Altarraum mit dem einfachen Altartisch war durch einen Triumphbogen vom Hauptschiff getrennt, links vom Altar stand auf gewundener Säule die Kanzel. Die Orgel war ein Werk des Elbinger Orgelbauers Terletzki. Die Kirche hatte zwei Glocken.




Bild rechts:
Reformierte Kirchen - das Innere vor 1944
(Bild: Einsenderin Ruth Arnd


Reformierte Kirche in Tilsit 1991

Die Kirche wurde durch den Krieg beschädigt. Allmählich verfiel sie. Das Dach war noch erhalten.

1975 wurde die Kirche - mit Ausnahme des Turmes -völlig abgerissen.



Das Bild links um 1995: Reformierte Kirche der gebliebene Turm ( Foto: Harry Goetzke)




Evangelische Kapelle

Die 1645 gestiftete Kapelle wurde 1771 abgebrochen und 1774 wieder aufgebaut als ein verputzter Ziegelbau mit Dachreiter.
Der Innenraum, in den drei kleine Chöre eingezogen waren, hatte eine flache Holzdecke. Links von Altar befand sich die Kanzel; beide waren ursprünglich vereinigt gewesen.
Zwei Glocken, von dnene die eine 1771 von dem Stadtältermann Christoph Erhard Sperber gestiftet worden war, hatten in einem Glockenstuhl am westlichen Giebelende gehangen; später wurden sie im Dachreiter untergebracht.

1878 wurde die Kapelle instand gesetzt. Sie diente ab 1896 der Stadtgemeinde als Hilfskirche. Die Orgel war ein Bau von Wittek in Elbing.



Quelle :
1) Tilsit-Ragnit ( Stadt und Landkreis) - Ein ostpreußisches Heimatbuch von Fritz Brix - Holzner-Verlag, Würzburg 1971
2) Verschiedene Berichte von Mitgliedern der Stadtgemeinschaft Tilsit bzw. der Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit

Tipp:
Vergessene Kulturen : Kirchen in Nord-Ostpreußen von Anatolij Bachtin und Gerhard Doliesen
Herausgeber : Ost-Akademie Lüneburg ; Husum-Verlag ISBN 3-88042-849-2
Diese Dokumentation kann ich jedem Ostpreußenfreund nur empfehlen !
Kirchen in Tilsit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.01.2001
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011