Die Reformierte Kirche
von Harry Goetzke (†)

Wie alle anderen Kirchen in unserer Heimatstadt, gibt es auch die reformierte Kirche heute nicht mehr, mit Ausnahme eines Restes des Glockenturmes.

Bevor wir uns der Kirche selber zuwenden, ist es wohl notwendig, sich kurz mit der reformierten Gemeinde selber und deren über Jahrhunderte wechselvollen Geschichte und Existenzkampf zu befassen. Den meisten unserer Erlebnisgeneration dürfte es noch bekannt sein, daß es vor allen Dingen Schotten und einige Engländer gewesen sind, die die reformierte Gemeinde in unserer Stadt gründeten. Die genauen Heimatorte sowie warum und auf welchem Wege die Schotten und Engländer nach Tilsit kamen, ist heute nur schwer nachzuvollziehen. Recht bald hatten sich auch nach Tilsit zugewanderte Deutsche aus der Pfalz, aus Hessen, aus Anhalt, ferner aus Bremen, aber auch aus der Schweiz der Gemeinde zugesellt. Zeugnis davon, daß sich bereits kurz nach der Stadtgründung Tilsits durch Herzog Albrecht im 16. Jahrhundert schottische Kaufleute hier angesiedelt hatten, geben die Namen wie: Ritsch (auch Rizsch, Rehtzsch), Barclay, Irving oder Hamelton.

Als die Zahl der Reformierten, denen sich, wie erwähnt, bald gebürtige deutsche Bürger, Offiziere und Soldaten der Garnison zugesellten, zunahm, konnte das Verlangen nach einem eigenen, reformierten Gottesdienst, wie es die Lutherischen bereits seit langem besaßen, nicht ausbleiben. Vor allen Dingen waren es die schottischen Neubürger Tilsits, die mit dem religiösen Trieb und Glaubenseifer ihres Volkes sowie dem calvinistischen Geist der ersten Bekenner den Mangel gottesdienstlicher Betätigung nicht länger als unbedingt nötig hinnehmen wollten.

Zu allererst war es dann auch der im Jahre 1663 nach Tilsit gekommene Alexander Krichton, der beherzt und voller Energie ans Werk ging, die Reformierten sammelte und die Seele der Kolonie wurde. Für zunächst gelegentliche Gottesdienste stellte Krichton sein Haus zur Verfügung.

Mit Zustandekommen der ersten Gottesdienste begann auch die Zeit ernster Sorgen für die Tilsiter Reformierten (Chronist Bernhard Roquette). Ein Abhalten von Gottesdiensten in Privathäusern war strengstens verboten. Auf Grund dieses Verbots konnten Anfeindungen nicht ausbleiben. Bereits 1665 wurde beim samländischen Konsistorium eine Klage wegen "Eigenmächtigkeiten" der Reformierten eingereicht, das daraufhin beim Kurfürsten ein striktes Verbot der reformierten Gottesdienste ersuchte. Unter Führung des Leutnants von Chapelle parierten die Reformierten aber sehr geschickt gegen den drohenden Schlag und erbaten beim Kurfürsten die Erlaubnis, ihnen die Feier der heiligen Kommunion im Schloß zu Tilsit zu gestatten. Bereits am 18. Juli entsprach der Kurfürst der Bitte und ließ gleichzeitig wissen: "Es sei sein Wille, eine Kirche für die Reformierten bauen zu lassen, jedoch sei die Ausführung des Planes der schwierigen Zeiten wegen nicht möglich!" Über das nun gesicherte Recht, den Gottesdienst frei ausüben zu dürfen, herrschte bei den Reformierten verständliche Freude. Man schloß sich zu einer Bruderschaft zusammen, in dem vorwiegend das Bekenntnis das einigende Band war.

Bei dem nunmehrigen Anwachsen der Gemeinde, besonders um 1670, machte sich das Fehlen ordentlicher kirchlicher Versorgung durch einen amtierenden Geistlichen besonders bemerkbar. Nach "fußfälliger" Bitte durch Wilhelm Ritsch beim Großen Kurfürsten, konnte durch Erlaß vom 18. März 1679 die Anstellung eines reformierten Predigers in Tilsit mit einem Gehalt von 200 Talern aus der Staatskasse genehmigt werden. Durch den Königsberger Hofprediger Blaspiel wurde auf Wunsch der Gemeinde am 11. Oktober 1679 Alexander D e n n i s im großen Saal des Schlosses als erster ordentlicher Geistlicher der Reformierten eingeführt. Damit war die Bruderschaft als Kirchengemeinde konstituiert, und der 11. Oktober 1679 gilt als Geburtstag der reformierten Gemeinde in Tilsit!
Alexander Dennis trat mit voller Tatkraft sein Amt an und konnte es mit lebhaftem Eifer 20 Jahre lang verwalten.

Nachdem der Kurfürst für den Gottesdienst ein größeres Zimmer im Schloß zur Verfügung gestellt hatte, stifteten Königsberger Glaubensgenossen drei Fenster zur Ausstattung. Eine Kanzel, die später in der eigentlichen Kirche gegenüber dem Theater ihren Ehrenplatz erhielt, wurde der Gemeinde von Wilhelm Ritsch geschenkt.

Für den Bestand des Bekenntnisses der Reformierten war es unerläßlich, daß deren Kinder von klein auf im Glauben ihrer Väter unterrichtet wurden. So brauchte man eine Schule, wie auch jede Kirche eine solche hatte. Als Bauplatz für die Schule wurde der Gemeinde ein in der Hohen Straße, am sogenannten Töpfermarkt, unbenutzt liegender Platz zugewiesen. Mit dem Bau konnte 1701 begonnen werden, der nach Daraufsetzung eines oberen Stockwerkes 1703 vollendet war. Im oberen Stockwerk befand sich ein die gesamte Breite des Hauses einnehmender Saal, der nach der Kirchen- und der Wachtstraße je vier Fenster hatte. Am 28. Oktober 1706 erhielt die Gemeinde die Erlaubnis des Königs, ihren Gottesdienst in den Saal des Schulhauses zu verlegen, da der Raum im Schloß zu klein geworden war. Im Herbst 1709 brach von Litauen her die furchtbare Gottesgeißel, die Pest, herein, die bis zum Jahre 1711 andauerte. Ganze Familien starben in wenigen Tagen aus, und auch sämtliche Kirchenälteste der Gemeinde waren der Pest erlegen. Den unersetzlichsten Verlust erlitt sie durch den Tod Johann Irwings, der 33 Jahre lang der Gemeinde als Ältester vorgestanden hatte, als letzter der ehrwürdigen Gestalten der Gründer der Gemeinde und echter Repräsentant der schottischen Kolonie.


Als die Pestzeit dem Ältesten Johann Irwing den Gedanken an einen vielleicht baldigen Tod nahelegte, setzte er ein Testament auf, in welchem er seiner Gemeinde den achten Teil seines ansehnlichen Vermögens von 325 000 Gulden vermachte. Es war der letzte Treuebeweis jenes hochherzigen Mannes, dessen Name durch alle Jahrhunderte mit der Verwaltung der Gemeinde verknüpft geblieben ist.

Nach völligem Abklingen der Pest, wandte insbesondere König Friedrich Wilhelm I. eine großartige Besiedlungsarbeit dem entvölkerten Lande zu. In den leergewordenen Häusern unserer Stadt, in Ragnit und deren Umgebung siedelten sich viele Fremdlinge aus der Pfalz, aus Nassau und der deutschen und französischen Schweiz an. Auch einige Schotten traten wieder neu hinzu. Insbesondere zur Zeit des Wiederaufbaus nach der Pest schuldeten die Reformierten den Hohenzollern-Fürsten größten Dank, durch deren Schutz und Fürsorge sie zu erneutem kirchlichen Bestand kommen konnten. Als im Jahre 1710 den Reformierten das Recht zugestanden wurde, in den Magistrat gewählt zu werden und damit die volle bürgerliche Gleichberechtigung erhielten, waren auch die schweren Kämpfe um ihr Daseinsrecht beendet.

Mit weiterer Vergrößerung der Gemeinde unter dem Prediger Ephraim von Irwing (1735-1786) war auch der bisherige Schulraum in der Hohen Straße/ Töpfermarkt zu klein geworden und konnte am 1. Juli 1743 zusammen mit einer Rektorwohnung in das Haus Garnisonstraße 216 verlegt werden. Im gleichen Jahre 1743 wurde Antrag und Zeichnung zum Bau einer ordentlichen Kirche eingereicht, zumal auch der Betsaal am Töpfermarkt für die Menge der Kirchenbesucher zu klein geworden war. Als Bauplatz wurde das Patzkersche Haus unmittelbar neben dem bisherigen Kirchengebäude in der Hohen Straße angekauft. So gut der Gedanke, eine eigene Kirche zu bauen, auch war, die Gesamtkosten dafür erwiesen sich zu hoch. Auf Drängen der Behörden mußte das angekaufte Haus mit Verlust wieder verkauft werden. Für 1000 Mark erwarb es die litauische Gemeinde und baute darauf 1757 die litauische oder Landkirche in Tilsit.

Während des Siebenjährigen Krieges besetzten die Russen 1757/58 Tilsit und behielten unsere Stadt bis 1762 in Besitz. Erst 1762 schloß Zar Peter II. mit Preußen Frieden und gab das Land an König Friedrich II. (Friedrich der Große) zurück. Das kirchliche Leben der Gemeinde konnte in bisheriger Form weitergehen, jedoch konnte der Kirchensaal die Zuhörer kaum noch fassen, zumal auch viele Lutherische die Vorträge des Predigers Irwing gern hörten. Die Notwendigkeit, eine neue Kirche zu bauen, wurde immer größer, ebenfalls verstärkte sich der Wunsch nach einem eigenen Kirchhof. So berechtigt diese Wünsche auch waren, es fehlten überall die Mittel, um diese realisieren zu können.

Als Nachfolger des sich in jeder Weise um die Gemeinde verdient gemachten Predigers Ephraim Irwing wurde am Neujahrstage 1786 Johann Gottfried von Lauwitz in sein Amt eingeführt. Von Lauwitz brachte den Geist seiner Zeit mit und versuchte in die inzwischen unmodern gewordenen Verhältnisse der Amtsführung sowie in das kirchliche Leben der Gemeinde praktisch und kräftig durchgreifend zeitgemäße Neuerungen einzuführen.
An dieser Stelle dürfen wir einige Jahrzehnte im Bestehen der reformierten Gemeinde in Tilsit überspringen und uns dem 19. Jahrhundert zuwenden. Die Leitung der reformierten Gemeinde in Tilsit lag zu jener Zeit in Händen von Constantin Wilhelm Behr. Ihm fiel die Aufgabe zu, der Gemeinde in den schweren Jahren von 1806 bis 1815 zu dienen.
Ein seit langem gehegter Wunsch König Friedrich Wilhelm III., in seinem Lande die beiden evangelischen Konfessionen durch Vereinigung zu einer Union zusammenzuführen, konnte nicht entsprochen werden. Nochmals dürfen wir einige Jahrzehnte reger Tätigkeit der reformierten Gemeinde und ihrer Vorsteher überspringen und uns nunmehr dem Neubau der Kirche und des Pfarrhauses, so wie wir beides in Erinnerung haben, zuwenden.

Nachdem Prediger Albert Wilhelm Behr (1842-1887) aus gesundheitlichen Gründen 1883 die Superintendentur niedergelegt hatte, wurde am 8. Januar 1888 Prediger Bernhard Ewald Roquette für die Tilsiter Gemeinde in sein Amt eingeführt. Sofort wurde von vielen Seiten her an den neuen Geistlichen der Wunsch herangetragen, eine neue Kirche zu erhalten. Trotz mehrfacher Reparaturen und Anstriche war der seit 1707 für die Gottesdienste der Gemeinde benutzte Saal im Schulgebäude kaum noch verwendbar geworden. Seitens des Kirchenrates wurde 1888 bei der königlichen Regierung in Gumbinnen sowie dem Konsistorium in Königsberg der Neubau einer Kirche angeregt. Nach Zustimmung der Behörden wurde der Bau einer Kirche mit Pfarrhaus beschlossen. Als Bauplätze wurde der Irrgarten für die Kirche und das ehemals Sklowersche Scheunengrundstück bestimmt. Unter Leitung des Bauinspektors Heise und des Regierungsbaumeisters Janssen konnte im Sommer 1898 mit dem Bau begonnen werden. Bereits vor Weihnachten des gleichen Jahres konnte das Pfarrhaus mit dem Dach versehen werden. Der Turmkopf der Kirche wurde am 17. August 1899 aufgesetzt.

Unter Anwesenheit des Regierungspräsidenten Hegel, des Oberbürgermeisters Pohl und anderer namhafter Persönlichkeiten konnte die Kirche am 18. Mai 1900 feierlich eingeweiht werden.

Die 1669 von Wilhelm Ritsch gestiftete Kanzel sowie die Orgel waren bereits in den neuen Kirchenraum gebracht worden. Die restlichen Geräte wurden von der Gemeinde in feierlichem Zuge durch die Kirchen- und Deutsche Straße zur neuen Kirche getragen. Von weitem grüßte der Klang der neuen Glocken, vom Turme wehten die Fahnen. Nach Empfang des Schlüssels durch den Geistlichen Roquette öffnete dieser mit dem Psalmspruch: "Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!"

Am 22. Mai 1900 konnte auch das Pfarrhaus bezogen werden. Unmittelbar vor dem Deutschen Tor, rings von Bäumen umgeben, lag die Kirche im Irrgarten. Von der Stolbecker- und dem Kapellenweg her war sie - durch die Bäume vom Straßenlärm geschützt - bequem zugänglich. Den Haupteingang sowie den Turm kehrte sie ostwärts der Deutschen Straße zu. Der Turm bot mit seiner Spitze und den vier Ecktürmchen von der Deutschen Straße her weithin sichtbar einen gefälligen Abschluß. Das Hauptschiff und das auf der Nordseite liegende Seitenschiff wurden durch zwei glatte und zwei Meter hohe Säulen getrennt. Im Seitenschiff sowie über dem Haupteingang waren Emporen angebracht. Auf der Empore über dem Haupteingang stand die Orgel aus der Fabrik Sauer in Frankfurt a. d. Oder mit 14 klingenden Stimmen, zwei Manualen und einem Pedal. Die Länge des Hauptschiffes mit vier Fenstern aus Kathedralglas betrug 19,15 m, die Breite 9,45 m und die Höhe 9,25 m. Das Seitenschiff war 14 m lang und 3 m breit.


Da ich die reformierte Kirche ihrer Nähe unserer Wohnung in der Stolbecker Straße wegen öfter besucht hatte, ist mir deren Ausstattung im Innern wenigstens einigermaßen in Erinnerung geblieben. Besuchte man die Kirche, insbesondere während der Wintertage, anläßlich eines Abendgottesdienstes, so wirkte der gesamte Raum durch dessen elektrische Beleuchtung, nämlich der drei Kronleuchter mit je zehn Lampen im Hauptschiff, sowie weiterer im Seitenschiff und in der Chornische, besonders stimmungsvoll auf den Besucher. In einem Anbau neben der Chornische lag die Sakristei mit dem Abendmahlstisch, der ebenfalls noch aus der alten Kirche stammte.

Als beeindruckend durfte auch die Größe des Kirchenraumes bezeichnet werden, faßte er doch mehr als 420 Sitzplätze, ferner über 100 Stehplätze. Der in der Nordostecke stehende Turm war durch eine Tür im Seitenschiff erreichbar und hatte eine Höhe bis zum Kreuz von 47,70 m. Ausschließlich der Vorhalle war die Kirche 26,70 m lang und hatte eine Breite von etwa 13 m. Die Höhe bis zum Dachfirst betrug 16,42 m. Nur wenige Minuten von der Kirche entfernt stand das Pfarrhaus. Wie die Kirche selber, war es im Ziegelrohbau mit weißen Mörtelfugen errichtet. Die Mauerabsätze und Fensterschrägen waren mit grünglasierten Ziegeln und das Dach mit Schiefer abgedeckt.

Noch heute denke ich an den letzten Prediger der reformierten Kirche, Herrn Paul Arndt, zurück, der mir einiges aus der wechselvollen Geschichte erzählen konnte und mich auf Besonderheiten der Kirche, insbesondere auf die wertvollen Altertümer aus den vergangenen Jahrhunderten, aufmerksam machte. Es ist selbstverständlich, daß im Laufe der Jahrzehnte einiges in Vergessenheit geraten ist und ich zur Erstellung vorstehenden Berichtes in einigen Chroniken und einer Festschrift zur Feier des 250. Bestehens der reformierten Gemeinde in Tilsit forschen mußte.

Es war der 6. August des Jahres 1995, ein Sonntagmorgen, als ich auf einer Bank vor dem Rest des einstigen Glockenturmes der reformierten Kirche saß und viele Erinnerungen an meine Jugendjahre an mir vorüberziehen ließ. Natürlich nahm Tilsit, wie unsere Heimatstadt schon so oft, dabei den ganz besonderen Platz ein und ich war dankbar, nochmals hier weilen zu dürfen. Ein Russe setzte sich zu mir auf die Bank und fragte: "Wie alt Kirche?" Da er etwas Deutsch, aber auch Englisch verstehen konnte, war uns eine kurze Unterhaltung möglich und ich sagte ihm, daß die Kirche im Jahre 1900 erbaut worden war. "Jetzt kaputt, schade", meinte er und: "Warum?" - Ja, warum??

Bild links: Geblieben ist der Turm der Kirche mit der abgeflachten Spitze (1995)


Autor: © 1995 Harry Goetzke (†)
Bild: Ruth Arndt (1x) - Harry Goetzke (1x)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 25/1995

Kirchen in Tilsit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 19. Februar 2011