Die Loge zu den drei Erzvätern
von Egon Janz

Bei meinem Besuch im Oktober 1995 in Tilsit nahm ich an einer Stadtrundfahrt teil. Heimatforscher Isaak Rutman fragte mich nach Einzelheiten über das Haus in der Fabrikstraße/Ecke Stiftstraße, das wir als die Judenloge kennen. Ich glaubte ihm aus meinem Wissen erschöpfend Auskunft gegeben zu haben; aber bei genaueren Nachforschungen fand ich fast unerschöpfliche Quellen über die Loge zu Tilsit und den Architekten Erich Mendelsohn. Bezeichnend ist, daß über die Arbeiten Mendelsohns drei Dissertationen und eine Magisterarbeit in den 80er und 90er Jahren erschienen sind. Auch besitzt die Sammlung "Preußischer Kulturbesitz" fast den gesamten Nachlaß des Architekten. Er war, so meine ich, im Inneren seines Herzens trotz der Emigration im Jahre 1933 Deutscher geblieben, der in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg seine größten Erfolge von Berlin aus hatte. Nun aber zuerst zu dem Gebäude, das wir die "Judenloge" nannten. Diese Bezeichnung ist nicht ganz richtig. Der eigentliche Name ist "Loge zu den drei Erzvätern". Sie ist nach den drei Stammvätern des israelitischen Volkes benannt. Diese sind Abraham, Isaak und Jakob.


Bild links:
Die Loge zu den drei Erzvätern in der Stiftstraße/Ecke Fabrikstraße
(Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Das Haus gehörte zum Orden B'nai B'rith und wurde wie eine Loge geführt, war aber keine Freimaurerloge. Als Anmerkung sei erwähnt, daß in Tilsit zwei Freimaurerlogen existierten. Dieses waren die Johannis-Loge "Irene" zu Tilsit und die Andreas-Loge "Strenus". Sie wurden bis Mitte 1935 aufgelöst.

Um B'nai B'rith besser zu verstehen, seien hier zwei Lexikaauszüge wiedergegeben:

B'nai B'rith

- (hebr. "Söhne des Bundes"), Abk. U.O.B.B. (United Order B'nai B'rith), unabhängiger Orden mit ethischer und karikativer Zielsetzung, der sich auf Angehörige jüd. Glaubens beschränkt; er wurde 1843 in New York gegründet. Das Ritual steht mit freimaurerischen Ritualen in keinem Zusammenhang.

(Quelle: Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden, dritter Band, 1967)
B'nai B'rith

- ist ein 1843 in New York begründeter Ordensverband, der nur Juden aufnimmt. Er trat in Amerika mit dem Programm auf, die Interessen der jüdischen Bürger zu vertreten und an ihrer moralischen und ethischen Vervollkommnung zu arbeiten. 1869 trat eine Reorganisation ein. Zur Zeit, da in Deutschland die Wogen des Stöckerschen Antisemitismus besonders hochgingen, wurde er nach Deutschland (1882) und anderen europäischen Staaten verpflanzt und nahm in der Folge einen bedeutenden Aufschwung. Der Orden hat seine zentrale Leitung in seinem Ursprungsland Amerika, in den anderen Staaten bestehen Distrikts-Großlogen, die sich wieder auf Logen aufbauen. Der Orden hat in Europa keine Grade, dagegen Erkennungszeichen und ein Ritual, das mit dem freimaurerischen Ritual in keiner Weise identisch ist. Frauen werden nicht aufgenommen, jedoch haben viele Logen Frauenvereinigungen und Jugendbünde angegliedert.
Der Orden ist unpolitisch und hat mit der Freimaurerei nichts weiter gemeinsam als gleichartige, aber auf einen konfessionell engen Kreis beschränkte Tendenzen der ethischen Erziehung seiner Mitglieder und der Karitas. Der von Gegnern der Freimaurerei aus durchsichtigen Gründen immer wieder behauptete Zusammenhang des Ordens mit dieser ist frei erfunden. Manche Freimaurer-Großlogen, auch humanitäre, verbieten ihren Mitgliedern sogar den Beitritt, ebenso wie zu anderen freimaurerähnlichen Verbindungen. Die Leistungen des Ordens, namentlich in karikativer Beziehung, sind mustergültig. Sein Schrifttum bewegt sich auf einer ansehnlichen Höhe. Die Gegnerschaft, die der Orden auch in Freimaurerkreisen findet, ist ganz unbegründet. Er ist auch kein "geheimer" Orden, sondern als Männerbund innerhalb einer Glaubensgemeinschaft zu werten, der nach seinen äußeren Kennzeichen in die gleiche Kategorie gehört wie die Freimaurerei, mit dieser aber sonst weder nach Entstehung noch nach seiner umgrenzten Arbeit, noch organisatorisch etwas zu tun hat.

(Quelle: Lennhoff/Posner "Internationales Freimaurerlexikon", unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1932, Almathea-Verlag Wien/München, 1980)

Tilsit hatte eine große und finanzkräftige jüdische Gemeinde. So sind im Adreßbuch von 1919 bei der Kreis-Synagogen-Gemeinde viele Namen aufgeführt, die uns noch in guter Erinnerung sind. Zum Beispiel: Brauereidirektor Eugen Hirschfeld, Kaufmann Max Bräude, Rechtsanwalt Arthur Ehrlich, die Sägereibesetzer Gebr. Eugen und Louis Laaser und viele andere. Es ist gut vorstellbar, daß diese finanzkräftigen Geschäftsleute, unterstützt vom Mutterorden in Amerika, das stattliche Gebäude in der Fabrikstraße in Auftrag gaben.

Erich Mendelsohn war der Architekt. Er ist als Sohn jüdischer Eltern in Allenstein/Ostpr. geboren. Erich hatte noch fünf Geschwister. Er besuchte die Volksschule und das Humanistische Gymnasium in Allenstein. 1907 begann er ein Volkswirtschaftsstudium. 1908 wechselte er zum Studium der Architektur nach Berlin und München, wo er 1912 sein Diplom erwarb.

1915 heiratete er die jüdische Cellistin Luise Maas, die er in Königsberg kennengelernt hatte. Die Tochter Ester wurde 1916 geboren. Die Architekten am Beginn dieses Jahrhunderts hatten einen neuen Baustoff, den Eisenbeton. Die Antike beherrschte Stütze und Last (Säulen und Kapitale), die Gotik Pfeiler und Wölbung. Neue Materialien ermöglichten eine moderne Formgestaltung. Auch der Expressionismus beeinflußte die Architekten.


Längsschnitt, Querschnitt und Grundriß des einstigen Tempelraumes.
Architekt: Erich Mendelsohn. (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Erich Mendelsohn stand künstlerisch den Expressionisten der Gruppe "Blauen Reiter" nahe. Auch war er mit den Lehrmeistern des Dessauer und Weimarer Bauhauses befreundet. Sein erstes großes Bauwerk war der Potsdamer Einsteinturm. Es folgten viele bedeutende Bauwerke, so z.B. die Hutfabrik Herrmann & Co. in Luckenwalde, die Kaufhäuser Schocken in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz, Universum-Lichtspielhaus in Berlin (heute "Die Schaubühne") und viele andere. 1925 bis 1926 erbaute er die "Loge zu den drei Erzvätern" in Tilsit. Selber schreibt er dazu in "Das Gesamtschaffen des Architekten . . ." Berlin 1930:

"Sehr beschränktes Eckgrundstück. Erdgeschoß: Festräume - Festsaal durch zwei Geschosse. Zwischengeschoß: Spielzimmer und Hausmeisterwohnung. Obergeschoß: Gesellschaftsräume und Logentempel über dem Saal. Der fehlende Logengarten ersetzt durch erhöhte, nicht einzusehende Vorgartenterrasse und Südterrasse vor den Gesellschaftsräumen. Der Eckerker für Saal und Tempelmusik, gleichzeitig städtebaulicher Akzent gegen nachbarlichen Brandgiebel. Material: Stein und Eisen."


Bemerkenswert sind an diesem Gebäude, wie auch an vielen anderen seiner Bauwerke, die waagerecht vorstehenden Ziegelbänder. Wolfgang Pehnt schreibt in dem Buch "Der Einsteinturm in Potsdam": Den Horizontalismus begründete Mendelsohn mit einer Spekulation, die ganz auf das eigene Werk zugeschnitten war. Horizontaltendenzen sah er in der angeblichen Auflösung aller Hierarchien in Politik, Wirtschaft und Kultur am Werk. Laut dieser privatefrKulturphilosophie löst sich "das Übereinander der Staatenpfeiler" zum "horizontalen Nebeneinander der einzelnen Stammelemente" auf.

Der Loge "B'nai B'rith" waren nicht viele segensreiche Jahre vergönnt. Ab 1933 wurden die Logen in Deutschland verboten, und auch die sozialen Arbeitsmöglichkeiten waren stark eingeschränkt. Nach der "Kristallnacht" wurde das Haus öffentlichen Aufgaben der Stadt zugeführt. In den letzten Jahren war dort die Allgemeine Ortskrankenkasse untergebracht. Das Gebäude überstand fast unbeschadet den Krieg.

Den nun in Tilsit lebenden Russen ist die ehemalige Funktion und Bedeutung des Hauses nicht bekannt gewesen. Ich wurde gefragt, ob das früher ein Bordell gewesen wäre. Erst als ich die Bauzeichnung mit dem Davidstern zeigte, akzeptierten sie die ehemals jüdische Einrichtung. Die Russen können mit dem Begriff Loge nichts anfangen. Denn schon 1822 verbot ein russischer "Ukas" die Freimaurerei.


Bild oben: Das Logengebäude heute: Im Hintergrund Wohnhäuser in der Stiftstraße (heute: Straße des 9.Januar - Bild: Egon Janz)

Durch die Russen wurden mehrere Veränderungen am Haus durchgeführt. An der Straßenfront Fabrikstraße, wo früher die obere Terrasse war, hat man die Wand bis zum Dach hochgezogen und mit Fenstern versehen. Dadurch haben sie einen größeren Raum erhalten, dem Aussehen des Hauses aber sehr geschadet. Zwischenzeitlich hat das Gebäude einen rötlichen Anstrich erhalten.

Zur Zeit werden dort Jugendliche in ihrer Freizeit betreut. Im großen Festsaal befindet sich eine Bühne für Aufführungen. Der frühere Logentempel im Obergeschoß ist ein Übungsraum für Ballett. In dem, durch den Ausbau vergrößerten Raum, ist ein Schülerfreizeitsaal für Fernsehen, Videobetrachtung und andere Beschäftigung entstanden. Auch gibt es eine Werkstatt für kleinere Holz- und Metallarbeiten im Obergeschoß.
Unterrichtet und angeleitet werden die Kinder und Jugendlichen durch Lehrerinnen und andere ausgebildete Betreuerinnen.

So bleibt nur zu hoffen, daß dieses Bauwerk, das Europäisches Kulturgut ist, möglichst unverändert weiter erhalten bleibt.

Autor: © 1996 Egon Janz
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 26/1996

Kirchen in Tilsit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011