"Immanuelkirche" in Tilsit ( 1905 und 2000)
von Martin Bromnach

Im März des Jahres 1897 kam ein Pastor der damaligen Evangelischen Gemeinschaft von Insterburg nach Tilsit und gründete eine Gemeinde. Im Hause Hohe Straße 77 trafen sich zunächst 20 Personen Bald gab es einen Chor, eine Jugendgruppe und eine Sonntagsschule mit 80 Kindern, die von 8 Lehrern betreut wurden.

Um die Jahrhundertwende kehrten ausgewanderte Schweizer aus Amerika nach Europa zurück. Familie Zürcher zog in den Tilsiter Raum und errichtete in Augustlauken eine Meierei. In Tilsit kaufte sie ein Grundstück und stellte es der Evangelischen Gemeinschaft, der sie angehörte, zum Bau einer Kirche zur Verfügung.

Alsbald wurde mit dem Bau einer Kirche begonnen. Entlang der Querstraße, der Nordseite des Humanistischen Gymnasiums gegenüber, entstand das Gebäude mit Turm aus glattroten Ziegelsteinen. Der Kirchenraum bot Platz für etwa 400 Personen. Ein Seitenflügel nahm den Gemeindesaal und die Wohnung des Kirchendieners auf. Für den Pastor wurde über dem Kirchenraum eine Wohnung gebaut, darüber zwei weitere kleine Wohnungen, die vermietet werden konnten. Die Baukosten für das gesamte, solide gebaute Haus, betrugen rund 40.000 Mark. Am Sonntag, dem 15. Oktober 1905, fand sich eine große Gemeinde ein, um ihr Gotteshaus einzuweihen.

Bild links:
Immanuelkirche in der Kossinastraße 5-6; eingeweiht am 15.Okt. 1905




Baumeister Strebel überreichte dem damaligen Distriktsvorsteher Niethammer einen blinkenden Schlüssel. Mit ihm wurde das Portal der Kirche geöffnet. Alsbald füllte sich die Kirche bis auf den letzten Platz. Thema der Weihepredigt war: "Unsere Kirche, ein Friedenshort". Danach wurde der Weiheakt vollzogen, wobei die neue Gottesdienststätte den Namen "Immanuelkirche" erhielt. Mittags hielt die Sonntagsschule ihren Einzug, nachmittags fand ein weiterer Gottesdienst statt und am Abend desselben Tages versammelten sich Chöre aus Tilsit, Heinrichswalde, Augustlauken, Insterburg und Königsberg zu einem Gesanggottesdienst. Der Einweihungsbericht schließt mit dem bewegenden Satz: "So hat nun in jener ostdeutschen Stadt, die einst, der edlen Königin Luise von Preußen in bedrängter Stunde Zuflucht bot, auch die Schwalbe der Evangelischen Gemeinschaft ein Nest gefunden. Ihr Glück ist groß."

Nach Jahren gedeihlicher Entwicklung, brachte der 1. Weltkrieg mit seinen bitteren Nachwehen für Ostpreußen erhebliche Schwierigkeiten. Durch Errichtung des polnischen Korridors wurde Ostpreußen zu einer Insel. In einem Bericht vom November 1922 heißt es schließlich: Jetzt ist hier, in der sonst so viel Nahrung erzeugenden Gegend, alles so rar und teuer, daß an viele Menschen ganz ernstlich die Frage herantritt "Was werden wir essen - womit uns kleiden?" Die allgemeine Teuerung wird durch die Abtrennung des Memellandes noch verschärft.

Auf Trennung und Teuerung nimmt auch das Tilsiter Notgeld Bezug. Dieses von den Städten ausgegebene "Notgeld" bringt in freimütigen, derben Worten die Volksstimmung zum Ausdruck. Auf dem Markschein sieht man auf der Rückseite die Grenze mit dem litauischen Adler darüber. Links ist das Stadtbild und rechts eine fette Kuh zu sehen, die über die Memel sieht und brüllt: "Hüben Tilsit, die Stadt ohne gleichen drüben Butter, die nicht zu erreichen". Auf dem Halbmarkschein finden sich die Worte: "Fünfzig Pfennig gilt der Zettel, heute ist das nur ein Bettel. Früher gab's dafür, man lese: Ein Pfund Tilsiter fetten Käse".

Es folgten wieder Jahre des Wachstums, bis sich der neue Geist bemerkbar machte. Die junge Generation wurde politisch in Anspruch genommen und blieb dadurch der Gemeinde fern, die Chöre litten unter den Veranstaltungen und Diensten der politischen Verbände. Wenn auch zunächst noch nicht erkennbar, wurden die Gottesdienste überwacht. Die NSV (Volkswohlfahrt) nahm der Gemeinde deren Fürsorge für Bedürftige und Alte zumeist ab. Bei den 300 Kindern der Sonntagsschule konnte zunehmend nicht mehr die Kenntnis von Liedern und biblischen Sprüchen vorausgesetzt werden.

Der Niedergang der Gemeinde nahm immer dramatischere Formen an und fand seinen Höhepunkt mit der Zerstörung der Kirche in der Kossinnastraße, so hieß die Querstraße inzwischen, dem Einmarsch der russischen Armee und der Vertreibung aller Bewohner. Damit war auch das Ende der Gemeinde gekommen, die einmal zu den größten der Evangelischen Gemeinschaft in Deutschland gehört hatte.


55 Jahre sind seitdem vergangen. Seit dem 21. Mai 2000 gibt es wieder eine "Immanuelkirche" in Tilsit. So zu lesen im Schaukasten vor einem Haus in der Waldstraße, gleich hinter dem Viadukt. "Immanuel heißt: Mit uns ist Gott!" betonte die jetzige Gemeindepastorin Natalia Botowa im Einweihungsgottesdienst. Das neue Haus ist bescheidener als das frühere Gebäude. 1999 konnte die Kirche ein nicht fertiggestelltes Gebäude erwerben. Fleißige Hände haben daraus ein kleines Schmuckstück gemacht. Der Gemeindesaal bietet Platz für 40 Personen. Kinder und Jugendliche haben einen Raum im Obergeschoss. Außerdem wohnt das Pastorenehepaar im Haus.


Immanuelkirche in der Waldstraße (heute: u.Lesnaja 12a); eingeweiht am 21.Mai 2000.
Davor: Pastorin Natalja Botowa mit ihrem Mann


In der kurzen Zeit des Bestehens hat sich ein reges und vielfältiges Gemeindeleben entwickelt. Die Pastorin sieht es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, Grundkenntnisse über den christlichen Glauben zu vermitteln. Dazu trägt auch eine originelle Form der Bibelstunde bei. "Englisch und die Bibel". Unter Anleitung einer Sprachlehrerin lernen die Teilnehmer die englische Sprache durch den Gebrauch biblischer Texte. Außerdem hat die Gemeinde Kontakt zu Sozialeinrichtungen der Stadt und hilft im humanitären Bereich, unter anderem einigen kinderreichen Familien. Am Einweihungsgottesdienst nahm sogar Dr. Rüdiger Minor teil, der als Bischof von Moskau aus alle Gemeinden der Kirche in Osteuropa betreut. Bischof Minor ist Deutscher und war bis zur Wende Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in der DDR.

Durch den Zusammenschluß der Evangelischen Gemeinschaft und der Methodistenkirche, die ebenfalls eine Gemeinde in Tilsit hatte, entstand weltweit 1968 die Evangelisch-methodistische Kirche. Handgeschriebene und gedruckte Unterlagen, die diesem Bericht zugrunde liegen, ebenso wie das Foto der Kirche von 1905, fanden sich im Kirchenarchiv in Reutlingen.

Autor: © 2000 Martin Bromnach (Text und Bilder)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000

Kirchen in Tilsit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011