Geschichte der Baptistengemeinde
von Harry Goetzke (†)

Etwas zögernd betraten wir drei Geschwister den großen Kirchenraum der Baptistengemeinde in Tilsit. Aber da hatte uns auch schon Frau Wilhelmine Jansen, die Gattin des damaligen Predigers und Ältesten der Gemeinde, Bernhard Jansen, entdeckt und kam mit ihrer ältesten Tochter Ella auf uns zu. "Fein, Friedel, daß du gekommen bist und auch deine Brüder mitgebracht hast!" Ella Jansen war eine Mitschülerin meiner Schwester Elfriede in der Cecilien-Schule und von dieser zum Besuch der Sonntagsschule eingeladen worden. Da Friedel verständlicherweise nicht allein dorthin gehen wollte, bat sie ihre beiden Brüder, mitzukommen. Auch Mutter war durchaus für unseren "Begleitschutz", übergab jedem von uns einen Dittchen für die zu erwartende Kollekte - und erwartungsvoll auf das Neue in unserem jungen Dasein, eine Sonntagsschule in der uns bis dahin unbekannten Baptistengemeinde zu erleben, stiebelten wir los.

Allerdings wußten wir damals noch nicht, daß sich an jenem Tage eine Kinderfreundschaft, auch mit Ellas drei Geschwistern, über Jahre hinweg, bis zu unserem Wegzug aus Tilsit, entwickeln würde. Oft wurden wir drei zu Jansens eingeladen, oder die Kinder kamen zu uns nach Hause, und es wurden dann bei fröhlichem Beisammensein sowohl in der Rosenstraße, als auch in der Stolbecker- und später in der Landwehrstraße, recht schöne und kurzweilige Nachmittage.

Für mich selber waren die späteren Gespräche mit Herrn Jansen, durch den ich auch Einblick in den geschichtlichen Werdegang und zahlreiche einzelne Sitzungsprotokolle der Tilsiter Baptistengemeinde erhielt, von großem Wert und Interesse.
Sofort an jenem ersten Sonntag konnte ich feststellen, daß während der Sonntagsschule die uns bekannten Texte aus dem Neuen Testament behandelt wurden, wie wir diese in unseren weltlichen Schulen durchnahmen und erlernten - vergleichsweise jedoch etwas mehr zum Nachdenken anregend. Sicher lag darin auch der eigentliche Sinn des sonntäglichen Unterrichts für die Jugend.

Doch nun zum eigentlichen Thema, der Geschichte der Tilsiter Baptistengemeinde:

Gegenüber den in unserer Heimatstadt bereits länger präsenten Kirchengemeinden beider Konfessionen war die Baptistengemeinde, deren Geburtsjahr das Jahr 1848 war und mit 12 Seelen ihre Glaubenstätigkeit aufnahm, eine verhältnismäßig recht junge Gemeinde. Nachdem diese auf 66 Mitglieder angewachsen war, wurde am 8. April 1851 von J. Dörksen eine erste offizielle Eingabe um Genehmigung zum Abhalten von Gottesdienst an die Stadtverwaltung gerichtet - und abgelehnt. Der Grund: Der 1818 in Elbing geborene Dörksen war von der bereits lange existierenden amerikanischen Missions-Gesellschaft angestellt, um den ersten Predigern, die das Evangelium in baptistischem Sinne nach Tilsit und Umgebung brachten, nämlich Carl Albrecht und Friedrich Lenkeit, in deren Pioniertätigkeit zu helfen. Ein zweiter Versuch, die behördliche Genehmigung zu erlangen, wurde am 19. Dezember 1851 von Friedrich Lenkeit und Julius Marenholz gestellt und sofort genehmigt. Aus der Chronik der Gemeinde war zu entnehmen, daß die städtischen Behörden den Baptisten in den Folgezeiten stets entgegengekommen sind und diesen niemals irgendwelche Schwierigkeiten bereitet haben.

Im gleichen Jahre (1851) war an die Stadtverwaltung eine Meldung ergangen, daß im Schloßmühlenteich eine Taufe stattgefunden habe. Als Täuflinge hat die Chronik festgehalten:
1. die Kanalschiffersfrau Rehwald aus Tilsit-Preußen,
2. den Schuhmacher Gottlieb Dittßun aus Tilsit,
3. den Matrosen Gottlieb Liedtke aus Kalwen.

Die damals nächtliche Taufe wurde von Prediger Hülse aus Memel vollzogen. Zum Ritual der Taufe innerhalb der Baptistengemeinde muß man wissen, daß sich diese von den anderen kirchlichen Gemeinschaften dadurch unterscheidet, daß die Gläubigen nur durch Untertauchen getauft und als Glieder in die Gemeinde aufgenommen werden können. Nach der baptistischen Glaubenslehre wird die Kindertaufe, wie diese in unseren evangelischen und katholischen Kirchen praktiziert wird, strikt abgelehnt. Gleich zu Anfang ihrer Tätigkeit in Tilsit unternahmen die baptistischen Vorstände den Versuch, eine Sonntagsschule zu gründen. Zu diesem Zwecke versammelte erstmalig W. Heppner in seiner Wohnung, Dammstraße Nr. 1, Kinder um sich, um diesen Gedanken zu verwirklichen. Um Gottesdienste in der notwendigen Form abhalten zu können, war schon lange die Frage nach einem geeigneten Raum dringlich geworden. Ihr erstes eigenes Heim erhielt die junge Gemeinde 1856 in dem nach einem Brand neuerbauten Hause des Fleischermeisters Gumball in der Fleischerstraße. In seinen Neubau hatte Gumball einen Saal für die Gemeinde mit einbauen lassen.


Nachdem am 22. März 1856 Gustav Klempel als Prediger für die Baptistengemeinde nach Tilsit berufen wurde, war unter dessen Leitung innerhalb des immer umfangreicher gewordenen Missionsdienstes auch der Mitgliederstand der Gemeinde sehr schnell angewachsen. Die Anstellung Klempels geschah nicht mehr seitens der amerikanischen Baptisten-Missionsgesellschaft, sondern die Preußische Vereinigung hatte jetzt ihre Tätigkeit für die deutschen Gebiete aufgenommen. Das Gehalt für Klempel betrug damals 600,- Mark oder 200 Taler.
Am 15. April 1859 konnte Klempel 15 weitere Gemeindemitglieder im Memelstrom taufen. Als nächstes beauftragte jener rührige Vorsitzende den Vorstand, den bereits erwähnten Kindergottesdienst in Form einer Sonntagsschule zu festigen. So konnte im Jahre 1861 die Sonntagsschule mit 35 Kindern als ein fester Missionszweig der Gemeinde angesehen werden. Bis in die Neuzeit hinein wurden auch Kinder von Nichtmitgliedern, sofern sich diese am Kindergottesdienst beteiligen wollten, gern aufgenommen, keinesfalls jedoch hinausgeschickt.

Im Verlauf der Jahre und mit stetem Anwachsen der Gemeinde, die 1872 in Tilsit und der näheren Umgebung bereits 102 Mitglieder zählte, war der Gumballsche Saal zu klein geworden. In einem Aufruf ließ Klempel wissen: "Die Eisenbahnbrücke über den Memelstrom in Tilsit ist fertig und dem Verkehr übergeben. Aber unser Versammlungsraum ist seit langem zu klein und nur noch ein Notbehelf. Die Menschen aber sollen das Evangelium hören. Finden sie keinen größeren Raum, so fehlt die Brücke zu ihnen. Darum helft uns, diese Brücke zu bauen und sendet Eure Gaben, Eure Spenden ein!" Klempels Aufruf verblieb nicht ungehört und bereits am 9. Februar 1873 wurde eine fünfköpfige Kommission eingesetzt, deren Aufgabe es war, nach einem neuen Betsaal zu suchen. Am 28. Januar 1876 konnte endlich der Kauf eines neuen Grundstücks zum Preise von 15.000 Mark abgeschlossen werden. Zwar wünschte man, den Bau bereits im kommenden Frühjahr desselben Jahres zu beziehen, jedoch konnte der Einzug erst am 8. Oktober 1876 in das neue Gemeindehaus, das in der Teichstraße Nr.7, später Ballgarden Nr. 11 gelegen hatte, erfolgen.




Bild links:
Die Baptisten-Kapelle vor der Zerstörung
(Bild: Einsenderin: Erika Janzen-Hartges)



Inzwischen hatte Klempel, der zunächst in Ragnit wohnte, seine Wohnung nach Ickschen bei Ragnit verlegt. Dort standen ihm ein kleines Haus und 6 Morgen Land zur Verfügung, das die Gemeinde für ihn käuflich erworben hatte. Seine weiten Missionstouren hatte Klempel zunächst zu Fuß gemacht, konnte sich später aber Pferd und Wagen anschaffen, um damit seine sich immer neu und weiter ausdehnenden Arbeitsgebiete erreichen zu können.

Überspringen wir jetzt einige Jahre des weiterhin zügigen Aufbaus der Tilsiter Gemeinde. Dort, sowie in der näheren Umgebung zählte diese 1882 bereits 166 Mitglieder und war im Jahre 1885 auf 261 Baptisten angewachsen. Eine derartige Entfaltung der Gemeinde brachte es natürlich mit sich, daß zur Entlastung Klempels ein weiterer Prediger berufen werden mußte. Beinahe, einstimmig wurde vom Vorstand beschlossen, Carl Ekrut als zweiten Prediger für die Gemeinde anzustellen. Ekrut sollte auch die Vertretung Klempels in der Gemeindeleitung übernehmen. Recht bald hatte sich aber herausgestellt, daß die Gemeindearbeit infolge irgendwelcher Umstände, wahrscheinlich wegen Überarbeitung, vernachlässigt war. Jetzt wurde dem Prediger Franz die Vertretung Klempels übertragen. Wenn in den Folgejahren auch kurzfristig weitere Hilfskräfte zur Verfügung standen, so zeigte es sich bald, daß Klempel, der seit seinem Amtsantritt als Missionar im Jahre 1856 Großartiges leistete, in sämtlichen Gemeindeangelegenheiten unersetzbar war. Seines vorgerückten Alters wegen bat Klempel schließlich in der Gemeindestunde vom 28. Dezember 1890, ihn von der Leitung der Gemeinde zu entbinden. Zur Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten wurde ihm zunächst Ferdinand Mitzkeit als Hilfe zugeteilt.

Erst am 25. November 1894 konnte Otto Faltin das Amt des nunmehrigen Predigers und Leiters der Gemeinde übernehmen. Im gleichen Jahre trat Klempel in den wohlverdienten Ruhestand. Bereits 10 Jahre später gab er im Alter von 89 Jahren nach einem arbeitsreichen Leben seine Seele seinem Schöpfer zurück. Seine letzte Ruhestätte fand er, sowie auch seine Gattin, die Predigerfrau Emilie Klempel geb. Hassar, die ihrer Mildtätigkeit wegen insbesondere bei den Armen sehr beliebt war, auf dem Friedhof der Fleischer- und Schuhmacherinnung - uns alten Tilsitern als der "Bracksche Friedhof " bekannt. Ebenfalls wurden dort die Baptisten-Prediger Albrecht, Faltin und Böhme beerdigt. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß sich auch die Tochter der Eheleute Klempel, die spätere Frau Kelletat, die oft zu Fuß meilenweit das Essen zu den Armen trug, um die Gemeinde sehr verdient gemacht hatte.

Unter Klempels Nachfolgern, es seien hier vorerst Otto Faltin, C. Freudenberg, Ernst Schirrmann und J. Lübeck benannt, war auch weiterhin ein jährlicher Zuwachs des Mitgliederbestandes zu verzeichnen. So betrug dieser im Jahre 1899 bereits 256 Seelen. Ebenfalls hatte die noch von Klempel gefestigte Sonntagsschule stets einen erfreulichen Zuspruch zu verzeichnen und war bis zum Jahre 1899 auf 147 Kinder-angewachsen.

Bereits am 28. Februar 1899 hatte die Gemeinde den Kauf eines weiteren Grundstücks für den Bau einer Kapelle beschlossen, die groß genug sein sollte, um auch in späteren Jahren eine ständig anwachsende Mitgliederzahl aufzunehmen. Am 3.Oktober 1899 war das Grundstück in der Rosenstraße 9 zum Bau der neuen Kapelle angekauft worden. Die Bau- und Darlehnskasse hatte für den Neubau einen Betrag von 4.000 Mark bewilligt. Hinzu kam der Erlös des alten Grundstücks in der Teichstraße und natürlich ein weiterer Eigenanteil. Aus den Protokollen, die später von Herrn Jansen verwahrt wurden, war zu entnehmen, daß die Einweihung des neuen und großzügig erstellen Neubaus, so, wie wir alle diesen in Tilsit noch gekannt haben, am 17. Dezember 1899 stattgefunden hatte. Zur feierlichen Einweihung waren der Bürgermeister der Stadt, die Ratsherren, der Polizeichef und weitere Vertreter der städtischen Behörden eingeladen worden. Als sich um 9 Uhr die Pforte des neuen Gotteshauses öffnete, zeigte es sich, daß der Kirchenraum, in dem für 550 Personen Platz geschaffen war, am Einweihungstage zu klein war, zumal mehr als 800 Menschen gekommen waren, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Nach einer Begrüßung der Festteilnehmer durch den zu jener Zeit amtierenden Prediger Lübeck, folgte durch Prediger Meyer aus Memel die Weihepredigt. Eine besondere Note erhielt das Fest, als um 11.30 Uhr die Sonntagsschule singend in das neue Gotteshaus einzog. Nach einer weiteren Predigt durch den Gastprediger Weinhold am Nachmittag, folgten die öffentlichen Feierlichkeiten, an denen zahlreiche Tilsiter teilnahmen und die sich bis in die späten Abendstunden hinzogen.


Missionszweig innerhalb der Tilsiter Baptistengemeinde war zunächst die Sonntagsschule, die im Laufe der Folgejahre bis auf 260 Kinder angewachsen war. Bereits vor Gründung der Sonntagsschule durch Klempel im Jahre 1861, hatte er weitdenkend 1859 den Gesangverein gegründet und als Musikfreund die Lieder selber mittels einer Flöte eingeübt. Nach mir vorliegenden Unterlagen hatte sich auch der Gesangverein der Gemeinde großartig entfaltet, so daß zu einer Gedenkfeier anläßlich seines 65-jährigen Bestehens am 5.April 1925 das Oratorium von Ed.B. Scheve "Tod und Auferstehung Christi" unter großer Teilnahme auch auswärtiger Baptistengemeinden und einer interessierten Tilsiter Bevölkerung aufgeführt werden konnte. In einem vielbeachteten und ausführlichen Artikel hatte die Tilsiter Allgemeine Zeitung in deren Ausgabe Nr. 82 vom 7. April 1925 die Aufführung des Oratoriums unter der Leitung von Emil Linde als Dirigent besonders anerkennend herausgestellt.

Dem Gesangverein und besonders seinem Dirigenten Emil Linde verdankte die Gemeinde die Beschaffung einer Orgel, die am 2. Juli 1911 eingeweiht wurde. Die Kosten betrugen damals 3.200 Mark, die in drei Raten bezahlt werden konnten. Erbaut war die Orgel von Herrn Janott aus Neutomischel und wurde besonders von Gerhard Linde, einem Sohn des Dirigenten Emil Linde, der sich auch als Komponist hervortat, bedient.

Einen weiteren Missionszweig bildete der von Prediger C. Freudenberg im Jahre 1867 gegründete Jünglingsverein, der u.a. die Aufgabe hatte, Mission durch Veranstaltung von Festen und später auch Veranstaltungen von Soldatenabenden insbesondere durch Verbreitung von Friedensboten zu treiben.

Noch unter dem Prediger Ernst Schirrmann wurde innerhalb der Gemeinde im Jahre 1892 ein Jungfrauenverein gegründet, deren Mitglieder sich insbesondere karikativen Aufgaben widmete. Eine von beiden Vereinen, dem Jünglings und dem Jungfrauenverein im Gemeindegarten erbaute Laube, an die ich mich selber noch gut erinnere und die uns zusammen mit den Kindern des letzten Predigers Jansen oft als Spielplatz diente, wurde am 13. Juli 1924 eingeweiht.

Einen weiteren Zweig der Gemeindearbeit bildete der aus 28 Mitgliedern bestehende und zuletzt von Frau Elisabeth Wenger geleitete Frauenverein.

Auch dem Frauenverein, der die Bezeichnung "Tabeaverein" führte, unterstanden in der Hauptsache karikative Aufgaben. Insbesondere hatten sich die Mitglieder des Frauenvereins während des ersten Weltkrieges segensreich betätigt. Als Gründungstag dieses Missionszweiges darf der 7. März 1904 angesehen werden, allerdings war ein "Schwesternmissionsverein" bereits 1876 tätig. Die Chronik der Gemeinde besagt, daß 34 Mitglieder an den Kämpfen des ersten Weltkrieges teilgenommen hatten. Den Gefallenen, nämlich Ernst Bellmann, Heinrichswalde, Paul Nelaimischkies aus Alloningken, Ernst Schulz, Senteinen, Benno Stuhlert aus Tilsit und Oskar Barkowski aus Gintscheiten war in der Chronik ein ehrendes Gedenken zuteil geworden.

Ihre Blütezeit erlebte die Gemeinde nach dem ersten Weltkrieg. Sehr viele Prediger und Älteste, sowie Mitglieder der Vorstände, der einzelnen vorstehend aufgeführten Missionzweige sorgten zumeist aufopfernd für steten Mitgliederzuwachs und für das Ansehen der Baptistengemeinde in Tilsit, zu der viele Mitglieder der Nachbarorte gehörten. Im Jahre 1924 zählte die Tilsiter Gemeinde bereits 555 Mitglieder und war bis 1944 auf mehr als 600 Seelen angewachsen.

Am 24. Mai 1925 übernahm Herr B. Jansen, der bisher in Berlin, Schmidstraße gewohnt hatte, seinen Dienst als Ältester und Prediger in der Tilsiter Gemeinde.
Herrn Jansen verdanke ich sehr viele Einzelheiten aus der Geschichte der Tilsiter Baptisten, die dankenswerterweise noch durch Aufzeichnungen von unserem jetzt in Nürnberg wohnenden Landsmann Kieselbach ergänzt werden konnten.


Bild links
Die Kapelle der Baptistengemeinde im Jahre 1998. Das Gebäude wurde nach dem Kriege zweckentfremdet. Der Haupteingang wurde zugemauert, doch die deutsche Inschrift ist noch deutlich zu erkennen.
(Bild:Dr. Reinhard Bollmus)

Der Stolz der jeweiligen Ältesten und Prediger, der zumeist energievollen Tätigkeit der Vorstände, sowie der Gemeindemitglieder selber, war die sich aus kleinsten Anfängen heraus entwickelnde Aufwärtsbewegung und die Achtung, deren sich die Baptisten seitens der Tilsiter Behörden und weitester Bevölkerungskreise erfreuen durften. Einen berechtigten Stolz durften die Gemeindemitglieder auch über den großartigen Bau ihres Gotteshauses, der Baptistenkirche in der Rosenstraße 9, empfinden. Schreiten wir alten Tilsiter heute durch die Straßen unserer Stadt, die einmal mit ihren Häusern, mit ihren Denkmälern und Plätzen, mit ihrem Memelstrom und den Brücken, mit all ihren liebenswerten Menschen vieler Generationen den Begriff formen ließen :"Tilsit die Stadt ohne gleichen" und biegen in die Rosenstraße ein, so entdecken wir dort noch heute die Ruine der einstigen Baptistenkirche. Eigenartigerweise wurde sie nicht so vollkommen zerstört, wie sämtliche anderen Kirchen Tilsits. Die Außenmauern stehen noch, über dem einstigen Portal ist die Inschrift "Baptisten-Gemeinde" zu erkennen. Hat etwa amerikanischer Einfluß eine vollständige Zerstörung verhindert? Ausgeschlossen wäre das nicht, wenn man bedenkt, daß es sehr viele Baptisten in Amerika gibt.

Wie dem allem auch sei: Zu den vielen und unvergänglichen Kulturgütern unserer Heimatstadt Tilsit gehörte auch die Baptistenkirche und -gemeinde. Daß uns und den Generationen, die nach uns kommen werden, auch eine Erinnerung daran bleibt, soll der Sinn meines vorstehenden Beitrages sein. Zugleich danke ich der Familie des Predigers Jansen, durch die ich Einblick in die Protokolle der Gemeinde bekam. Mein Dank gilt ferner unserem Landsmann Gerhard Kieselbach für dessen wertvolle Aufzeichnungen. Einen herzlichen Dank sage ich an dieser Stelle Herrn Dr. Bollmus, der mir anläßlich seines diesjährigen Tilsit-Besuches bestens gelungene Fotos der Ruine der Baptistenkirche, wie diese sich heute darstellt, sowie einen historischen Stadtplan mitbrachte.

Autor: © 1998 Harry Goetzke (†)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 29/1999

Kirchen in Tilsit



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 01.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 19. Februar 2011