Die Kinos in der Hohen Straße
von Ingolf Koehler

Wer in früheren, friedlichen Zeiten durch die Hohe Straße flanierte und dabei die Strecke vom Hohen Tor bis zur Wasserstraße bevorzugte, kam stets an den drei, allen Tilsitern bekannten, Kinos vorbei. Beim Betrachten der Szenenfotos vor den Kinos oder im Foyer, ließ er sich dann oft einstimmen auf einen Besuch des jeweiligen Films. Hinter der "Bücherstube am Hohen Tor", dem Papierwarengeschäft Matthias, der Gaststätte Struwecker und dem Haushaltswarengeschäft Wels & Neitz folgte das Luisen-Theater, das kleinste Kino der Stadt, im Volksmund auch liebevoll "Flohkino" genannt. Dieses Kino wurde besonders von Jugendlichen bevorzugt, weil die dort gezeigten Filme oft auf den Geschmack der jungen Generation ausgerichtet waren, aber auch die Preise spielten eine Rolle. Hier lagen die Eintrittspreise um einige Dittchen niedriger und waren damit dem oft knapp bemessenen Taschengeld der Jugendlichen mehr angepasst, vor allem dann, wenn man die Eintrittskarte für den "dritten Platz" kaufte. Das waren die ersten drei oder vier Reihen.

Man überquerte die Langgasse, kam vorbei am Hotel "Königlicher Hof", sowie an einigen Geschäften und erreichte das Capitol, ein Kino, das größer und moderner war, als das Luisen-Theater. Nur durch das Schuhgeschäft Wartelski/Salamander war das Capitol vom Lichtspielhaus getrennt. Auf dieses Lichtspielhaus soll nun näher eingegangen werden. Frau Erika Schwaner geb. Hosse, sind wir dankbar dafür, daß sie uns hierfür wichtige Informationen liefern konnte. Frau Schwaner ist die Tochter des letzten Kinobesitzers Karl Hosse. Erika Schwaner lebt heute in der Nähe von Hamburg.



Bild links: Das Lichtspielhaus vor 1934
(Bild: Einsenderin Erika Schwaner)



Die Geschichte des Lichtspielhauses begann damit, daß sich der Großvater von Erika Schwaner, Albert Mack, im Sommer des Jahres 1912 entschloß, auf seinem Grundstück Hohe Straße Nr. 62 ein modernes Geschäftshaus mit Läden, vermietbaren Wohnungen und einem großen Filmtheater zu errichten. In jenen Jahren kannte man nur das "Kinomatographen-Theater", in dem man die Anfangserzeugnisse der Filmindustrie laufen ließ. Entgegen allen Unkenrufen über die Rentabilität eines solchen Unternehmens, hatte Albert Mack Vertrauen zur technischen Weiterentwicklung der Filmindustrie. Der Erfolg gab ihm Recht. So wurde das Lichtspielhaus am 20. Oktober 1912 eröffnet. Im Jahr 1929 erfolgte der große Umbau mit der Erweiterung in Richtung Gartenstraße und der technischen Anpassung an die bevorstehende Einführung des Tonfilms. Seit dem Tod von Albert Mack im Jahr 1923 leitete seine Tochter Hildegard die Betriebe. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1927 mit dem Ingenieur Karl Hosse übertrug sie diese Leitung ihrem Mann. Inzwischen wurden auch die beiden anderen Filmtheater eröffnet.

Im Jahr 1934 wurde das Lichtspielhaus zum letzten Mal umfassend renoiert und auf den neuesten technischen Stand gebracht. Wegen dieser Renovierungsarbeiten wurde das Filmtheater am 10. Mai 1934 geschlossen und am 20. Juli wieder eröffnet. Über Einzelheiten der Renovierung innen und außen hatte die Tilsiter Allgemeine Zeitung am Tage der Wiedereröffnung ausführlich berichtet. So wurden die schadhaften Wandflächen im Vorführsaal überarbeitet, mit Blattgold und danach mit einer farblosen Lackschicht überzogen. Viele Tilsiter, die einst Zuschauer in diesem Kino waren, werden sich an diese Wanddekoration erinnern. Die Bühnen-Bildfläche gestaltete man mit den Farben Silber und rot. Gravierende Veränderung gab es auch an der Fassade und im Eingangsbereich. Der Eingang erhielt ein drei Meter ausladendes Kragdach, und die darüber liegende Wohnung der Familie Hosse wurde über dem Kragdach durch einen eineinhalb Meter vorspringenden Erker erweitert. Das Kragdach über dem Eingang wurde in Friedenszeiten abends durch eine umlaufende Neonröhre erleuchtet.



Bild links : Der Neubau in der Hohen Straße, an dem einst das Capitol und das Lichtspielhaus ihren Standort hatten. Hier die Rückseite des Gebäudes von der Gartenstraße aus gesehen.
(Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)


Am äußeren Rand dieses Schutzdaches prangte weithin (und abends in Leuchtschrift) sichtbar die Buchstabenreihe LICHTSPIELHAUS. Die in so kurzer Zeit durchgeführten Renovierungsarbeiten sind ein gutes Beispiel für die Leistungsfähigkeit und das künstlerische Scharfen des Tilsiter Handwerks. Für den Entwurf und die Bauleitung war der bekannte Architekt Dipl-lng. F. Wlotzka verantwortlich. Die Malerarbeiten, insbeondere an Decken und Wänden im Theaterraum, führte der Dekorationsmaler Julius Wossylus aus, während für die gesamten Bauarbeiten am Grundstück Hohe Straße 62 und Gartenstraße 10 die Firma Werner Osteroth zuständig war. Die Osram-Philips-Neon-Anlage wurde von der AEG installiert. Die Stahlkonstruktion lieferte und montierte die Firma E. Thies. Die Tischlerarbeiten führte Erich Zimmer, die Glaserarbeien die Firma Schloße, die Dachdecker- und Klempnerarbeiten die Firma M. Hürtgen und die Stuck-und Plattenarbeiten die Firma Pelz aus.

Mit dieser Neugestaltung gehörte das Tilsiter Lichtspielhaus zu den schönsten und geschmackvollsten Filmtheatern Ostpreußens. Dabei muß erwähnt werden, daß die beiden großen Tilsiter Filmtheater bei der Belieferung mit neuen Filmen bevorzugt wurden. Einige bekannte Filme wurden hier uraufgeführt.

Mit Ende des zweiten Weltkrieges erlebte auch die Geschichte der Tilsiter Kinos ein trauriges Ende.

Am 27. Juli 1944 wurde das Lichtspielhaus wegen Bombenschäden geschlossen. Ebenfalls wegen Bombenschäden mußte das Capitol vom 27. Juli bis zum 24. August schließen. Nach einigen Improvisationen wurde hier am 25. und 26, August wieder gespielt, bevor das Kino nach Zerstörung des Vorderhauses, des Büros und der Kasse seinen Betrieb endgültig einstellen mußte.


Das Luisen-Theater war vom 27. Juli bis zum 18. August geschlossen. Vom 19. bis zum 26. August und vom 1. September bis zum 19. Oktober 1944 (!) wurde erneut gespielt. Mit dem letzten Spieltag und der Räumung der Stadt verließ die Familie Hosse die Stadt am 19. Oktober. Als Filmvorführer entging Karl Hosse dem Kriegseinsatz an der Ostfront und wurde nach der Räumung Tilsits in Deutsch-Eylau erneut und zwar bis zum 19. Januar 1945 als Filmvorführer eingesetzt, bevor er eines Nachts alarmiert wurde und zu Fuß bei Glatteis fliehen mußte. Nach den Fluchtwirren war die Familie Ende Januar 1945 in Sachsen wiedervereint. Erwähnenswert ist noch, daß Personalunterlagen, wie Renten, Versicherungsunterlagen u.a. der Betriebsangehörigen trotz der Bombenangriffe nach Seelow/Mark Brandenburg gebracht werden konnten. Dieses erleichterte vielen Betriebsangehörigen das Geltendmachen ihrer Ansprüche.

Bild rechts: Das Gebäude des früheren Luisen-Theaters. Hier befindet sich heute ein Musik-College. Das Haus wurde 2003 renoviert und ist ein weiteres Beispiel dafür, daß man der alten deutschen Bausubstanz immer noch ein attraktives Äußeres verleihen kann. (Foto: Ingolf Koehler)

Was geschah mit den Tilsiter Kinos nach Eroberung der Stadt durch die Sowjetunion? Das Capitol war nur noch eine Ruine und wurde abgetragen. Das Lichtspielhaus wurde notdürftig wieder hergerichtet und als Kino "Spartak" eröffnet. Wegen zunehmender Baufälligkeit fiel auch dieses Filmtheater der Abrißbirne zum Opfer. An dessen Stelle entstand im Jahr 1998 ein Wohnhaus . Das Haus, in dem sich das Luisen-Theater befand, hat den Krieg relativ gut überstanden. Schäden wurden beseitigt. In diesem Haus, mit den bekannten Laubengängen, arbeitet seit vielen Jahren sehr engagiert ein Musik-College. Der einstige Kinosaal dient heute als Konzertsaal, in dem sich auch deutsche Touristen, nach Öffnung der Grenze zum Königsberger Gebiet, von der Leistungsfähigkeit der Musiker überzeugen konnten.

Autor: © 2003 Ingolf Koehler
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 33/2003

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011