Die "Graf Keyserlingk-Allee"
Woher stammt der Name?
von Heinz Kebesch

Die "Graf Keyserlingk-Allee" in Tilsit zweigte von der Splitterer Straße ab, führte am Waldfriedhof und Rennplatz vorbei, um in die Hindenburgstraße einzumünden. Der Name dieser Allee ist auf die preußische adelige Familie von Keyserlingk zurückzuführen. Hierzu wäre zu bemerken, daß Heinrich Christian Reichsgraf von Keyserlingk (1727-1787) der Sohn des als Kunstmäzen und Musikliebhabers zu seiner Zeit weithin bekannten Grafen Hermann Carl Keyserlingk war, der in russischen Diensten als russischer Gesandter in Dresden und Warschau residierte. Als Verehrer und einflussreicher Förderer von Johann Sebastian Bach erwirkte er für ihn die Stellung als Hofkomponist am preußischen Hof. Sein Sohn, Graf Heinrich Christian, hatte bereits mit 13 Jahren die Universität Leipzig bezogen, um sich später auf Reisen in Italien, Frankreich und England weiterzubilden. Zunächst in sächsischen Diensten, trat er in die Österreichs über und auf Wunsch der russischen Zarin Katharina in russische Dienste. Im Jahre 1763 heiratete er Charlotte Caroline Amalie Gräfin Keyserlingk, die Witwe des Grafen Gebhard Johann von Keyserlingk, eine geborene Gräfin Truchseß zu Waldburg. Ihr gehörte die Grafschaft Rautenburg an der Gilge (Ostpreußen). Auf Rautenburg, Puschkeiten oder Kapustigall (Waldburg) verlebte die Familie von Keyserlingk die Sommermonate. Im Winter wohnten sie in ihrem Königsberger Palais am Schloßteich. Wissenschaftler und Künstler aus Königsberg (Pr.) waren häufig Gäste der Familie Keyserlingk. Kant, Hamann, Hippel, Scheffner, Kraus, der Astronom Bernoulli gehörten zur wissenschaftlichen Tafelrunde, die im deutschen Osten zu dieser Zeit kaum ihresgleichen gehabt haben dürfte. Die geistreichen Gespräche fanden ihren Abschluß mit einem Abendkonzert.

In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, daß weder die Kirchenmusik noch die damaligen öffentlichen Konzerte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts möglich gewesen wären, wenn nicht ebenfalls die Hausmusik als Kunstrichtung entsprechende Grundlagen gab. In Ostpreußen wurde diese durch Musikveranstaltungen des preußischen Königshofes, ebenfalls in den Häusern begüterter bürgerlicher Familien gepflegt. In Königsberg (Pr.) war das Palais des Reichsgrafen Heinrich Christian von Keyserlingk auf dem Roßgarten das bekannte Zentrum des privaten Kunst- und Musiklebens. Dieser "Königsberger Musenhof" des 18. Jahrhunderts war allerdings nicht nur der Mittelpunkt der Musikpflege, sondern auch des geistigen Lebens dieser Zeit. Hervorzuheben wäre, daß sich die Geistes-, Kunst- und Musikgeschichte in Königsberg (Pr.) in dieser Epoche auf folgende wissenschaftliche Fundamente stützte: Das Keyserlingk'sche Palais, die Tafelrunde Immanuel Kants, den Freundeskreis Johann Georg Hamann und die literarisch gut sortierte Buchhandlung Kanter. Dem Rat der Stadt Tilsit ist Anerkennung zu erweisen, daß mit der Namensgebung "Graf Keyserlingk-Allee" die verdienstvolle preußische adelige Familie des Reichsgrafen Heinrich Christian von Keyserlingk gewürdigt wurde.

Autor: © 2005 Heinz Kebesch
Literatur: Ostpreußische Literaturgeschichte mit Danzig und Westpreußen;
                Helmut Motekat - Schildverlag
Quelle: Tilsiter Rundbrief Nr. 35/2005

Graf Keyserlingk-Allee



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 14.12.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 26. Januar 2011