Rund um die Graf-Keyserlingk-Allee
von Else Wiechert

Seit ich im Juni 1992 nach über 48 Jahren wieder in Tilsit war, wurden alte Erinnerungen geweckt. Schließlich haben wir dort unsere Kindheit und Jugendzeit verlebt. Die Allee war und ist auch heute noch eine schöne grüne Straße, ganz am westlichen Stadtrand von Tilsit, zwischen Waldfriedhof und Rennplatz, auf dem Weg zum Stadtwald. Auch ein Teil der Birken, die wir so sehr liebten, stehen heute noch. Sie begrenzten ursprünglich weite Teile der Straße.
Im Frühjahr 1917, als unser Vater im ersten Weltkrieg gefallen war, zog unser Muttchen mit uns vier kleinen Kindern in die Graf-Keyserlingk-Allee. Unser Großvater Hoffmann war in Alt-Weynothen Lehrer. Er hatte uns das Häuschen besorgt. Es war unser eigenes, und wir genossen dort unsere Kinder- und Jugendzeit. Natürlich war es beschwerlich, so weit außerhalb der Stadt zu wohnen, besonders während unserer Schul- und Jugendzeit. Die Endstation der Straßenbahn war damals noch nicht beim Waldfriedhof, sondern schon viel früher an der Ecke Schwedenstraße in der Splitterer Straße. Während der ersten Schuljahre waren wir ja noch klein. Da hatten wir oft Mühe, die Straßenbahn rechtzeitig zu erreichen. Wenn wir Pech hatten und die Bahn eingestellt war, mußten wir die 6 km bis zur Schule zu Fuß gehen oder durch den Schnee stapfen.


Die Graf-Keyserlingk-Allee im Jahre 1942 (Bild: Alfred Denk)

Die Graf-Keyserlingk-Allee begann dort, wo die Splitterer Straße aufhörte und die Schillgaller-/Schwedenfelder Straße begann. Wenn man von der Stadt kam, ging zuerst nach rechts der Weg zum alten Schwedenfriedhof ab. Nach links ging's dann im rechten Winkel in die Graf-Keyserlingk-Allee. So verlief auch unsere Stadtführung, als wir im Juni 1992 dort waren. Alles war noch erkennbar. Links auf der Waldfriedhofseite standen noch die vier alten Häuser. Sie waren wohl auch bewohnt. Dann kam der Eingang zum Waldfriedhof mit dem früher sehr ansehnlichen Verwaltungsgebäude, das heute blau gestrichen ist und als Apotheke genutzt wird.

Auf der anderen Seite begann dann der Rennplatz. Am Wöhlerschen Haus vorbei führte ein Fuß- und Radfahrweg zum Haupteingang des Rennplatzes. Der Rennplatz zog sich bis zu dem Querweg hin, der rechts zum Flugplatz führte und nach links über die Verbindungsstraßen zur Hindenburgstraße, die dann später über die Schmalupp und den Bahn-Viadukt zur Stadt führte. Das war, als wir größer waren, im Sommer unser Fahrradweg zur Schule.
Vorne an der Keyserlingk-Allee stand noch ein Doppelhaus und ein früheres Bauernhaus, später befand sich darin ein kleiner Kolonialwarenladen. Dieses Haus von Szameitats ist das einzige in dieser Reihe, das dem Krieg zum Opfer gefallen ist. Alle Häuser sind mehr oder weniger gut hergerichtet. Die Gärten sind größtenteils gepflegt. Nur unser Haus ist von sehr viel Wildwuchs umgeben aber innen gut renoviert. Von außen ist so gut wie nichts hergerichtet. Das Dach ist mit Blech abgedeckt, aber die jetzigen Bewohner wollen es weiter verbessern. Als einziges Blühendes fanden wir noch vorne am Eingang die Pfingstrosen unseres Muttchen. Sie hatten die ca. 50 Jahre überstanden und blühten sogar. Auch im Zimmer war ein Strauß davon in der Vase.

Die Straße führt dann weiter bis zum Stadtwald und wird auch jetzt befahren. Die Siedlungshäuser, die in dieser Gegend vor dem Krieg bis zum Stadtwald gebaut wurden, und auch das Wasserwerk in Stadtheide, sind zum größten Teil erhalten. Jenseits der Bahnüberführung begann dann der Stadtwald mit der Försterei. Nochmal zurück zu unserem Teil der Straße: Wir konnten von unserem Haus aus den gesamten Rennplatz bis zur Tribüne übersehen. Das war natürlich bei Rennveranstaltungen interessant. Vor allem die langen Bahnen außen herum waren uns wichtig. Der Wassergraben und eine Hürde waren direkt in unserer Nähe. Als Kinder wetteten wir im Geiste immer mit, wer fehlerfrei ist und wer gewinnt. Jetzt besteht der Rennplatz an der Keyserlingk-Allee-Seite aus Gärten.


Der Waldfriedhof einst, mit dem Krematorium (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit).

Den Waldfriedhof behalten wir lieber so in Erinnerung, wie er früher war. Es wurde in den letzten Jahren in deutsch-russischer Zusammenarbeit eine schlichte Gedenkstätte errichtet, damit das Andenken an unsere dort ruhenden Angehörigen nicht ganz in Vergessenheit gerät. 1992 war es beim besten Willen und bei genauester Ortskenntnis nicht möglich, wenigstens die Stelle der Gräber unserer Angehörigen zu finden. Wir kannten auf dem Waldfriedhof jeden Weg und Steg, jedes mit Grünhecken eingefaßte Gräberfeld, auch die wichtigsten Einzelgrabanlagen, die meistens sehr ansehnlich waren. Es war ja ein großer herrlicher Park mit wundervollen Bäumen und sehr schönen Blumenanlagen. In der Fliederzeit bewunderten wir immer die riesengroßen, so vollblühenden Fliederbüsche, und im frühen Frühjahr entzückten uns immer die blauen Teppiche mit den massenhaft blühenden Szillas. Den Kuckuck hörten wir dort sehr früh, weil es anscheinend viele davon gab. Das früher sehr schöne Krematoriums-Gebäude mit der herrlichen Kuppel ist nicht mehr da. Einige Trümmer markieren die Stelle. Dahinter war das auch jetzt noch wunderschöne Naturparadies, das alle, die dort wohnten, so liebten, vor allem natürlich wir Kinder. In der Ausbuchtung des Splitterer Mühlenteiches, gleich unterhalb des Krematoriums, haben wir alle schwimmen gelernt. Jetzt ist alles zugewachsen mit riesengroßen gelben Wasseriris und Rohrkolben. Frösche quakten und jede Menge Schmetterlinge flatterten herum und die Bienen summten. Alte Jugenderinnerungen stiegen auf. Dieses Naturparadies kann man nicht vergessen. Ich glaube, daß es nur den dort in der Nähe wohnenden Tilsitern bekannt war. Dort befand sich ein Wiesen- und Ackergelände, das bis zur Schmalupp hinunterreichte, ein Flüßchen, das in den Wäldern von Schilleningken entsprang und hier unterhalb des Krematoriums in den Mühlenteich floß.





Bild links:
Der Eingang zur heutigen Gedenkstätte des Waldfriedhofes. Diese Gedenkstätte wurde von der Stadtgemeinschaft mit den heutigen Bewohnern Tilsits projektiert
.
(Bild: Ingolf Koehler)






Hier am Beginn des Teiches war ein großes Moorgebiet mit vielen jetzt schon lange unter Naturschutz stehenden Wasser- und Moorpflanzen, z. B. Sumpfcala, Fieberklee, Pfeilkraut oder Froschlöffel. Das Gelände war sehr ergiebig, wenn wir für die Naturkunde in der Schule seltene Pflanzen brauchten. Als Kinder gingen wir gerne an die Schmalupp zum Baden. Um dort heranzukommen, mußten wir aber diesen Streifen Moorgebiet überqueren. Schuhe und Strümpfe wurden ausgezogen. Dann wurde geprüft, wie tief wir einsanken, und dann wateten wir vorsichtig hinüber. Es waren vielleicht 30 Meter, je nachdem, wo man ging. Nach der Flußmündung zu wurde der Streifen immer breiter und auch weicher. Wenn wir die Schmalupp erreicht hatten, waren wir froh. Als Kinder konnten wir dort gut baden. Schön war es dort auch, wenn das Wollgras blühte und die Kiebitze zu beobachten waren.

Im Winter war dieses Moorgebiet in Verbindung mit dem Mühlenteich ein herrliches Schlittschuh-Paradies. Bis zur Bruderschen Mühle hin spielte sich hier den ganzen Winter über ein reges Wintersport-Treiben ab. Da das Gelände hinter dem Krematorium zum Teich hin steil abfiel, gab es dort auch eine wunderbare Rodelbahn, die natürlich viel benutzt wurde. Da wir es auch zum Stadtwald nicht so weit hatten, wurde auch in dieser Richtung viel unternommen. Mit dem Fahrrad waren es ein paar Minuten und zu Fuß keine halbe Stunde. Ab und zu wagten wir uns auch über die Grenze zum Schilleningker Wald. Auch nach der anderen Seite zur Memel hin hatten wir unbegrenzte Möglichkeiten zum Wandern, Radfahren und Schwimmen. Schön, daß sich diese Straße mit dem vielen Grün doch nicht so stark verändert hat, wie andere Straßen in der Stadt. Es gibt dort zum Glück auch keine häßlichen Plattenhäuser, wie es sie vielfach in anderen Stadtteilen gibt. Wenn ich daran denke, bin ich froh, daß uns mit dem Moorgebiet an der Schmalupp-Mündung ein Stück Vergangenheit geblieben ist.

Autor: © 1997 Else Wiechert geb. Denk
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 27/1997
Die "Graf Keyserlingk-Allee" - Woher kommt der Name?

Heimatberichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 26. Januar 2011