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von Siegmar Becker
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Ich kann mir gut vorstellen, daß ich mit diesem Artikel vielen alten Mitbürgern von Tilsit eine Freude bereite, weil es hier um eine Kapelle geht, zu deren Melodien sie zauberhaft schöne Stunden verlebten, sich kennen- und lieben gelernt und natürlich auch getanzt hatten. Tilsit war nicht reich an Tanzkapellen, und so kam es, daß die Kapelle Becker stadtbekannt und beliebt wurde. Die drei ältesten Söhne gingen ihrer Schwester voran. Paul Becker erhielt die beste Ausbildung der Familie, er schloß 1921 an der Herzog-Albrecht-Schule mit der Mittleren Reife bei Rektor Marold und Klassenlehrer Schaefer ab. Nach diesem Schulabschluß mußte er in der väterlichen Bäckerei eine dreijährige Bäcker- und Konditoren-Lehre absolvieren, denn der Vater bestand bei allen drei Söhnen darauf, daß sie erst einmal einen "anständigen Beruf" erlernten. |
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Paul Becker war ein kontaktfreudiger und über alle Maßen humorvoller Mensch. Aus der Öde der Backstube heraus faßte er den Entschluß, das Spiel auf einem Musikinstrument zu erlernen und später Musiker zu werden. Sein Vater war dagegen und steuerte nichts dazu bei. So kaufte sich der Sohn von seinem kargen Lohn als Geselle eine Geige und ging ein paar Häuser weiter zur Klavier- und Geigenschule des Herrn Trampler. Hier zeigte sich eine große Begabung für Musik, die allen Beckerschen Kindern in die Wiege gelegt worden war, ohne daß jemand der Vorfahren etwas vorgegeben hatte. Nach gutem Start kaufte sich Becker noch eine Querflöte sowie ein Saxophon und erlernte diese Instrumente bei Musiklehrer Scherzer von 1924-1927. Er hatte erkannt, daß seine große Chance darin lag, zum Tanz aufzuspielen und nicht nur klassisch verwendet zu werden. Seinen jüngeren Bruder Bruno konnte er animieren, die Instrumente Schlagzeug, Xylophon und Banjo zu erlernen, auf denen dieser dann meisterhaft spielte. Vielleicht können sich unsere älteren Leser noch an seine Soli auf dem Xylophon in der Kapelle Becker erinnern, die er stets mit begeistert geforderten Zugaben spielte. |
![]() Die Kapelle Becker im Jahre 1930. von links: Bruno Becker, Wille Bumblat, Rudolf Kopitz und Paul Becker. |
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Nach abgeschlossener Ausbildung bei Herrn Scherzer Ende 1927 erhielt Paul Becker kurzfristige Engagements am Stadttheater, das später in Grenzlandtheater umbenannt wurde. Zusätzlich erlernte er den Gebrauch der Klarinette, die dann sein Lieblingsinstrument werden sollte. 1928 gründete er die "Kapelle Paul Becker" und erhielt von der Reichsmusikkammer die Lizenz. Für die Kapellmeisterprüfung nahm er Unterricht in Musiktheorie bei Kapellmeister Carl Zeuner aus Leipzig, der jahrelang in Tilsit lebte und unterrichtete, sowie bei dem bekannten Tilsiter Musikdirektor Wilhelmi. Die Prüfung vor der Reichsmusikkammer war dann kein Problem mehr. |
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Die Kapelle bestand anfangs aus vier Mann: Paul Becker (Flöte, Saxophon, Klarinette, Violine), seinem Bruder Bruno Becker (Schlagzeug, Xylophon, Vibraphon, Banjo), einem 1. Geiger Willi Bumblat und Rudolf Kopitz (Piano). Kopitz spielte zusammen mit den beiden Beckers am längsten in der Kapelle. Sie gehörten auch zu dem Bar-Trio, das mit Paul Becker an der Violine immer wieder in der "Barberina", einem der bekanntesten Tanzcafes in Tilsit, auftrat. Kopitz, ein großer, blonder Tilsiter, war ein exzellenter Pianist. Er sollte noch zu einer schillernden Figur der Zeitgeschichte werden. Schon sehr früh war dieser gebildete Mann in die NSDAP eingetreten. Noch lange vor dem Kriege gab er den Beruf als Musiker auf und folgte dem Ruf zur Gauleitung nach Königsberg, wo er letztendlich als Stellvertreter des Gauleiters Koch fungierte. Den Zusammenbruch soll er nicht überlebt haben. |
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Anfang der dreißiger Jahre herrschte auch in der Musikerbranche große Arbeitslosigkeit. Hin und wieder zerbrach die Kapelle, und die einzelnen Musiker mußten sich anderweitig verwenden lassen. Sie spielten u.a. am Grenzlandtheater, aber auch wiederum geschlossen bei Dampferfahrten auf der Memel sowie bei großen Feiern reicher Bürger und Organisationen. Die Kapelle Becker hatte trotzdem von 1927 bis 1935 ihre festen Verträge mit dem Bahnhofsgarten Tilsit. Der dortige Besitzer Otto Hecht war ein Verehrer dieser Musik und schätzte die Zuverlässigkeit des Kapellmeisters. Auch ab 1935, als Gustav Podehl von Hecht das bekannte "Etablissement Jakobsruhe" mit der Kapelle Becker übernommen hatte, hielt Hecht zu "seiner" Kapelle und holte sie nebenbei immer wieder in den "Bahnhofsgarten". Paul Becker wie auch sein Bruder Bruno waren Nichtraucher und haben sich grundsätzlich während der Arbeit nicht betrunken, obwohl die Verlockung durch spendierte "Lagen" groß war. Alkoholiker, die er wegen Unzuverlässigkeit nicht mochte, hat Paul Becker stets entlassen. |
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Der "Erste Geiger", früher auch "Stehgeiger" genannt, war sein wichtigster Mitarbeiter, und hier hatte Becker immer ausgezeichnete Leute unter Vertrag. Bekannt war jahrelang der dicke Geiger John (Ausgesprochen "Dschonn" wie im Englischen), der leider Mitte der dreißiger Jahre wegen Homosexualität ins KZ kam und dort bald verstarb. Rudi Kopitz konnte ihn trotz seiner Bemühungen bei der Gauleitung nicht retten. Johns Nachfolger wurde der lange, schlanke Geiger Schwidder, eine paganinihafte Künstlernatur, an der Paul Becker oftmals die nachlässige Kleidung (obwohl für alle Musiker einheitlich geschneidert) bemängeln mußte. Wenn Schwidder geigte, dann ging er in die tiefsten Gefühlswinkel der Zuhörer, und Becker ließ auf ein ernstes trauriges Stück schnell etwas Fröhliches folgen, weil er den Frohsinn liebte und die Menschen immer erfreuen wollte. Auch Schwidder verstarb noch in den dreißiger Jahren an einem Lungenleiden. Zu Weihnachten 1931 heiratete Paul Becker die Tochter eines Stukkateurs, die Kontoristin Hertha Biebereit, die er bei der Liedertafel (Wer kennt sie nicht?) kennengelernt hatte. Es wurde eine wunderbare, harmonische Ehe, aus der 1935 der Verfasser dieses Artikels sowie 1940 die Tochter Brigitte hervorgingen. Das junge Paar bezog eine große Wohnung in der Luisenallee 5, in der die Musiker ein- und ausgingen. |
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Die Kapelle war in den dreißiger Jahren auf manchmal bis zu 9 Mann vergrößert worden, weil Posaunisten, Trompeter und Baßgeiger hinzukamen. Man spielte jetzt auch an der Putschine im Gartenrestaurant "Sonnenbad", im "Cafe Kuhlins" im Stadtwald sowie in Stadtheide im "Waldschlößchen". Becker engagierte zur Bereicherung des Programms der Tanztees und Abendveranstaltungen Unterhaltungskünstler wie Sänger, Artisten, Zauberer, Tanzpaare und Conferenciers. Das hielt ihn nicht davon ab, selbst mit Couplets und lustigen Gedichten zur Stimmung beizutragen. Die Stammgäste seiner Tanzabende gewöhnten sich an, wenn die Stimmung gestiegen war, laut zu rufen: "Herr Kapellmeister: magrietsch, magrietschl", was ja auf ostpreußisch soviel wie "Zugabe" heißt, und dann ging er ans Mikrophon. Er kostete es aus, Menschen froh zu stimmen und meinte oft zu anderen, er habe den schönsten Beruf der Welt.Typische Werbung von damals, in der guten "alten" Zeit. Als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, änderte sich auch in Tilsit einiges. Die SA-Ortsgruppe hatte den Ehrgeiz, einen Musikzug für ihre Aufmärsche und Veranstaltungen aufzustellen. So riesig viele Blechmusiker hatte Tilsit nicht; die Theatermusiker waren zum Teil zu alt für solche Märsche sowie durch die Entlassung der jüdischen Mitglieder dezimiert. Nicht ohne Betreiben von Rudi Kopitz, der schon lange Mitglied der SA war und sich riesig grämte, daß er als Pianist nicht mitmarschieren konnte, landete Paul Becker, dem grundsätzlich alles Militärische zuwider war, als Klarinettist in diesem Tilsiter Musikzug. Für die Kapelle war sein Mitmachen von Vorteil, denn nun gab es vonseiten der Partei Rückenwind und gutlaufende Verpflichtungen mit Arbeit und Brot. |
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Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 bescherte der Garnisonsstadt Tilsit wieder volle Kasernen. Das führte auch dazu, daß an den Wochenenden die Tanz-Etablissements gut gefüllt waren, weil die Soldaten mit ihren Mädchen ausgingen. Jakobsruh, der Bahnhofsgarten sowie die Gastwirtschaft "Schäferei" in der Sommerstraße, wo die Kapelle Becker spielte, sind oft geradezu überfüllt gewesen. |
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1937 hatte sich die Kapelle Becker bei Eisbeinessen durch die Gäste in "Jakobsruh" überreden lassen, im Laufe der Nächte auch Jazzmusik zu spielen. Es handelte sich um modernen Swing aus den USA, der in Deutschland als "Negerjazz" strikt verboten war. Die Nazi-Regierung hatte über die Reichsmusikkammer in jeder Stadt "Städtische Musikbeauftragte" eingesetzt, die per Fragebogen über jede Veranstaltung nach Berlin zu berichten hatten. |
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Paul Becker, der Antimilitarist, folgte schweren Herzens diesem Hinweis. Im März 1938 zog er nach bestandener Musterung sofort als Flaksoldat zur Grundausbildung in Tilsit und auf dem Fliegerhorst Jesau/Ostpr. ein. Als Gefreiter kam er nach ein paar Monaten wieder nach Hause. Die Kapelle durfte weiterhin in "Jakobsruh" und in der "Schäferei" spielen. Dann fädelte Kopitz, der von den Besetzungsplänen im Sudetenland erfahren hatte, hinter den Kulissen ein, daß Paul Becker im Herbst 1938 wieder bei der Flak diente, die ins Sudetenland einrückte. Das ganze dauerte nur einige Wochen, und danach wurde die Einheit mit großen Ehren wieder in Tilsit begrüßt. Becker durfte wieder nach Hause und fand dort eine unangenehme Vorladung vor. Zu dem gegen ihn anhängigen Verfahren vor der Reichsmusikkammer Königsberg fuhr er mit Genehmigung seines Kompaniechefs in Uniform. Dort machte diese Uniform und die dazu getragene Sudetenland-Medaille, eine der ersten Kriegsauszeichnungen, die Beckers einziger Orden bleiben sollte, erst einmal Eindruck. Als Paul Becker sein damaliges Fehlverhalten zutiefst bedauerte und anklingen ließ, auch als Soldat für das Luftwaffen-Stabsmusikkorps Königsberg, eine der besten Militärkapellen Deutschlands, zur Verfügung zu stehen, wurde das Verfahren mit nur einer Verwarnung abgeschlossen. Noch am gleichen Tage schickte man ihn zum Leiter des Musikkorps, einem im Majorsrang stehenden Ostpreußen, der ihm eine Klarinette in die Hand drückte, sich vorspielen ließ und ihn zufrieden in seine Kartei aufnahm. In Tilsit zurück, vergrößerte Becker seine Kapelle und ging im Sommer 1939 mit ihr auf Ostpreußen-Tournee. Man spielte im Strandbad Insterburg, in Schloßberg (Pilkallen), Ragnit, Allenstein und sogar in Königsberg. Die Zeitungsberichte waren sehr gut. |
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Nach Kriegsbeginn zerfiel die Kapelle immer wieder und mußte stets umgegliedert werde. Paul Becker mußte viel improvisieren, manchmal bediente er alleine mangels eines Schlagzeugers (sein Bruder Bruno war Fliegersoldat in Jesau geworden) mit den Händen das Saxophon und mit den Füßen die große Trommel mit dem Becken. Anfang der vierziger Jahre mußte die Kapelle Becker aufgelöst werden. Man zog Paul Becker zum Stabsmusikkorps Königsberg als Saxophonisten/ Klarinettisten ein, und er war damit zufrieden. In den Sommermonaten spielten die Soldaten immer sonntags nachmittags im Königsberger Tiergarten. Ab 1942 mußte Paul Becker an die Ostfront nach Rußland. Die schweren Jahre überstand er gut bis fast an das bittere Ende. Seine Familie wurde 1944 über Allenstein nach Pfaffengrün/Vogtland evakuiert und überlebte den Krieg dort. In der letzten Kriegswoche, am 30. April 1945, ist der Unteroffizier Paul Becker in der Nähe von Burg Stargard/Mecklenburg gefallen. Er und weitere sechs Kameraden wurden erst nach Monaten von einer Pilzsammlerin in einer Schonung gefunden und auf Geheiß der Russen irgendwo im Wald verscharrt. Keine Stelle dort erinnert an ihn, nur in den Herzen einiger alter Tilsiter, denen er schöne Stunden bereitete, lebt er noch fort. |
| Autor: © 1996 Siegmar Becker (Text und Bilder) Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 26/1996 |