Die Städtische Jugend-Musikschule Tilsit
von Sigmar Becker

Dieser Bericht ist leider nur von kurzen Erinnerungen geprägt und sagt nichts über die Geschichte dieser Institution. Tilsit besaß eine beachtete und für Ostpreußen (vielleicht) einmalige Bildungseinrichtung, die Städtische Jugend-Musikschule Tilsit in einem großen Haus in der Arndtstraße, direkt neben dem Gartenrestaurant "Jakobsruh" der Familie Podehl. Die Schule müßte Ende der dreißiger Jahre/Anfang der vierziger Jahre gegründet worden sein. Sie nahm Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren auf.

Es wurden Rhythmische Erziehung, Tanz, Gesang und Instrumentalausbildung geboten. Die Schule besaß neben einem guten Lehrkörper eine erstklassige Ausstattung mit allen Musikinstrumenten, Noten, Musikanlagen, Ballettsaal, Gymnastikraum und vielen Leihinstrumenten, die man von ihrer Größe her noch nach Hause tragen konnte. Ich besuchte die Musikschule von 1941 an, als ich sechs Jahre alt war, bis zur Flucht 1944. Durch den Krieg bedingt, unterrichteten immer mehr Pädagoginnen, weil die Männer ja zum Militär eingezogen waren. Lediglich ein paar alte Lehrer im Rentenalter stellten sich weiterhin zur Verfügung. Die monatliche Gebühr war sehr niedrig, also für alle Volksschichten erschwinglich. Leihinstrumente kosteten nichts.

In meinem ersten Jahr kam ich in die Klasse "Rhythmische Erziehung". Es gefiel mir nicht besonders, denn ich kam noch nicht an ein Instrument ran. So tummelte ich mich im Sportzeug als einziger Junge mit acht Mädchen, die durchweg alle einmal Tänzerinnen werden wollten. Unser Gehör, das Taktgefühl, Notenkunde, der Gesang und viel Gymnastik mit tänzerischen Übungen wurden geschult. Mein Vater, der Musiker und an der Front war, hielt aber diese Grundausbildung für sehr wertvoll. Später sah ich dann ein, daß es richtig war.

Nach einem Jahr kam ich dann in eine Geigen-Klasse. Da ich mit sieben Jahren noch sehr klein war, empfing ich eine "Halbe Geige", die die kleinste Form dieses Instruments ist und die ich zum Üben nach Hause nehmen durfte. Nun machte es richtig Spaß. Wenn ich mit dem kleinen Geigenkasten durch Jakobsruhe zum Unterricht ging, kannten mich schon einige Parkbesucher und waren nett zu mir. Sehr gut waren meine Lehrerinnen Frau Groneberg und Frau Klinger, von denen ich viel mitbekam, vor allem auch das Notenlesen.

Nach zwei Jahren erhielt ich dann eine "Dreiviertel-Geige", weil ich gewachsen war. Wenn mein Vater Fronturlaub hatte, musizierten wir gemeinsam, und er ließ es sich nicht nehmen, auch immer bei der Musikschule vorbeizuschauen, wo man ihn und er alle dort Tätigen kannte.

Die Bombenangriffe 1943 und 1944 hat nach meiner Erinnerung die Musikschule unversehrt überstanden.

Wie so vieles aus Tilsit, lebt sie nur noch in unserer Erinnerung fort. Es ist nicht vorzustellen, was man dort alles hätte lernen können.!

Autor: © 2003 Siegmar Becker (Text und Bild)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 33/2003

Schulen



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011