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von Reinhold Haasler
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Mit welchen Augen sah und wie erlebte ein heranwachsender Junge vom 10. bis zum 19. Lebensjahr unsere Stadt? Erinnerungen in einfachen, schlichten Worten! Ausgangspunkt soll die Stiftstraße sein. Hier bezogen meine Mutter und ich gegen Ende 1932 eine kleine 2 Zimmerwohnung mit Küche und Bad. Mein Vater war schon 1926 gestorben. Ab 1926 bewohnten wir - ich hatte noch drei Geschwister - ein großes Gartengrundstück in der kleinen Hufisensiedlung an der Graf-Keyserlingk-Allee. Die Wohnung in der Stiftstraße gehörte zu einem langgestreckten Häuserblock, der sich von der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade bis zur Großen Gerberstraße hinzog und sieben Eingänge hatte. Jeder Eingang führte zu sechs Wohnungen. Die Erdgeschoßwohnungen hatten noch einen kleinen eingezäunten Vorgarten. |
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Nach diesem Vorwort nun zum "Sehen und Erleben": Auf beiden Seiten der Stiftstraße standen Lindenbäume. Einige davon waren durch ihren Wuchs besonders zum Klettern geeignet. Die Laubkronen waren so verästelt, daß sie in den Vergabelungen zwei bis drei Knirpsen gute Sitzgelegenheiten boten. Von dem dichten Laub gut verdeckt, waren wir nur schwer zu entdecken, selbst aber konnten wir die Fußgänger gut beobachten. Auf dem Bürgersteig, der aus einer wassergebundenen Decke bestand, peitschten wir den Brumiakreisel meterweit durch die Luft oder trieben den Kullerreifen vor uns her. Beliebt war auch das allen Kindern bekannte Murmelspiel mit vielen Varianten. |
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Wenden wir uns nun den Parkanlagen und dem Schloßmühlenteich zu. An der Kreuzung Stiftstraße/Oberbürgermeister-Pohl-Promenade stand ein kleines Häuschen. Drei oder vier gab es davon am Schloßmühlenteich. Im Tilsiter Volksmund wurden sie "Selterbuden" genannt. Für uns Stepkes waren diese Selterbuden ein ständiger Anlaufpunkt:, "Tante, ich möchte für 1 Pfennig zwei Sahnebonbons oder für 2 Pfennig eine Kirsche am Stiel, oder für 5 Pfennig Brause oder Lackritz oder für 10 Pfennige eine Schaumwaffel". Ältere Jahrgänge erstanden schon mal für 10 Pfennige vier Lloyd-Zigaretten. Diese wurden dann in einem Buschversteck "verpafft". In den dunklen Abendstunden verärgerten wir Liebespärchen mit Taschenlampen, die teilweise einen Lichtkegel bis zu 50 m hatten. Dabei gab es schon mal Verfolgungen, aber wir kannten jeden Weg und jeden Busch wie unsere Westentasche und waren meistens wie vom Erdboden verschluckt. Von der Pfennigbrücke aus angelten wir mit einfachem Gerät (Bindfaden und Angelhaken) Rotflosschen, was allerdings nicht erlaubt war. Von der Pfennigbrücke führte ein Weg an der Neustädtischen Schule vorbei zum Tilse-Sportplatz. An derTilszele (später Tilse) gab es ein Freibad, dahinter das Militärbad und das Turnerbad. Der Weg vom Sportplatz bis zur Schule führte am Botanischen Garten vorbei. |
![]() Die Hohe Straße in Höhe des Schenkdorfplatzes. Im Vordergrund eine der bekannten Selterbuden. Rechts die Landkirche (Litauische Kirche). |
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Ja - unsere Penne! Was ist nicht schon alles über sie geschrieben worden! Neun Jahre Realgymnasium gehören zu meinen schönsten Erinnerungen. Nicht immer ging es nach Schulschluß sofort nach Hause Über die hölzerne Mühlenteichbrücke und die Wasserstraße erreichte man die "Hohe", ein Treffpunkt zu jeder Jahreszeit. Magisch angezogen wurden wir "Älteren" in erster Linie von den auch über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannten schönen Tilsiter Mädchen. Ein Kinobesuch im Lichtspielhaus, im Capitol oder im Luisentheater war sozusagen schon Pflicht. Musikfilme, in denen viele bekannte Schlager vorkamen und Lustspiele mit Theo Lingen, Hans Moser, Paul Kemp, Heinz Rühmann, Paul Hörbigerund vielen anderen Filmgrößen, waren besonders beliebt. Kaffee Kreutzberger an der Ecke Wasserstraße wurde von den Schülerinnen und Schülern stark frequentiert, die Conditorei Gesien hingegen eher gemieden. Die Atmosphäre dort war für uns Jugendliche zu "seriös". Die Konzert- und Tanzkaffees Kaiserkrone und Hohenzollern waren für uns Schüler tabu. In der Deutschen Straße lag das Kaffee Winter, zwar etwas abgelegen aber für die "Zweisamkeit" sehr geeignet. |
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Neben kleinen Bierstuben lag nicht weit enfernt davon das zwielichtige "Elysium". In dem Nacht-Kabarett "Barberina" in der Wasserstraße konnte man sich auch als 18jähriger schon mal in Begleitung von Erwachsenen hineinwagen. |
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Und dann die Rummel-Attraktionen auf den Schloß- und Ludendorffplatz: "Homuucolus" der Mann ohne Kopf, die Dame ohne Unterleib, das Box-Zelt, die Steilwandfahrer an der Holzwand oder in einem kugelförmigen Stahlgerüst auch "Todesfahrer" genannt, das Teufelsrad, die rollenden Tonnen, die Achterbahn, und schließlich die Geisterbahn waren die Attraktionen. Welche Freuden brachte die warme Jahreszeit für uns Jugendliche noch? Unsere Memel bot reichlich Abwechslung: Rudern, Paddeln, Segeln, Baden und Sonnen. Gute Schwimmer hängten sich an einen stromaufwärts fahrenden Boydack und ließen sich dann von der Strömung zurücktreiben. Das Nordufer der Memel bot feinsandige Lagerstellen. Nicht zu vergessen ist unsere Dampferflotte. Das kleine Motorboot "Turner" verkehrte in den Sommermonaten fast täglich zwischen den Dampferanlegestellen und dem Schloßberg. Das Tuckergeräusch klingt mir heute noch in den Ohren. Mit den Dampfern Tilsit, Ruß oder Grenzland ging es an Wochenenden nach Unter- und Obereißeln oder in die Elchniederung. Wochenendfahrten zur Kurischen Nehrung nach Schwarzort, Nidden oder Rossitten waren besonders beliebt. Der Weg über die Nehrung zum Ostseestrand war kurz und für viele Wochenendler das Endziel der Reise. |
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Ausflüge mit dem Fahrrad führten u.a. über die Grünwalder Straße an der Putschine vorbei zum Tilsiter Stadtwald zur Villa Kuhlins oder weiter zum Ausflugslokal Waldschlößchen und schließlich über die Chaussee in Richtung Heinrichswalde zum Waldkrug. Holzwippen, niedrige Reckstangen und ein Rundlauf genügten uns zum Vergnügen. Ein Spaziergang zum Stadtwald wurde oft mit Pilzsuche verbunden. Gelböhrchen (Pfifferlinge) und Steinpilze waren die bevorzugten Sorten. Unsere zivile Freizeit wurde durch den uniformierten Dienst im Jungvolk, der an jedem Mittwochnachmittag und auch an Sonnabenden stattfand, eingeengt. Unser Fähnlein versammelte sich am Haupteingang von Jakobsruh, und über den Viadukt marschierten wir mit Gesang zum "Exer". So nannten wir kurz den Exerzierplatz. Zu den dortigen Aktivitäten gehörten das Exerzieren, das Einüben von Marschliedern und Geländespiele. |
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Was bot uns der Winter? Das freie Schlittschuhlaufen war oft nur von kurzer Dauer, denn mit dem Frost setzte meistens auch starker Schneefall ein, und eine dicke Schneedecke lag dann über der Eisfläche. Der Eissportverein auf den Mühlenteich, im Volksmund "Dittchenclub" genannt, hielt nun eine größere Eisfläche frei, die man dann für einige Dittchen benutzen konnte. Herrlich anzusehen waren die jungen Eiskünstlerinnen in ihren weißen und blauen Eislaufkostümen. Eines dieser jungen Mädels ist die jetzige Frau von Horst Mertineit, unseren 1 .Vorsitzenden der Stadtgemeinschaft Tilsit. Wir nannten sie "Schneewittchen". Als dann auf dem Anger eine Spritzbahn angelegt wurde, verlagerte sich das Eisvergnügen nach dort. Zum Ski-Langlauf bot der Stadtwald gute Voraussetzungen. Rodel-Abhänge waren eher bescheiden, aber wo sich eine entsprechende Gelegenheit bot, tummelten sich Scharen von Kindern und Erwachsenen. Im "Sonnenbad" gab es eine künstliche Rodelbahn mit einer Steilwandkurve. |
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In den Wintermonaten bot unser Grenzlandtheater hervorragende Unterhaltung. Operettenaufführungen und Lustspiele wurden von uns Jugendlichen besonders gerne besucht. "Maske in Blau" von Raymond lief eine ganze Saison über die Bühne, und ganz Tilsit summte die beliebten Melodien. Unvergessen ist der im Frühjahr einsetzende Eisgang auf der Memel. Es war schon imponierend, zuzuschauen, wie sich riesige Eisschollen an den mächtigen Pfeilern der Luisenbrücke ineinander und übereinander schoben und meterhoch auftürmten. Nicht nur Tilsiter, sondern auch auswärtige Besucher kamen, um sich dieses alljährlich wiederholende Naturschauspiel anzusehen. Die Zirkusvorstellungen auf dem Pferdemarkt wurden für Groß und Klein ereignisreiche Tage. Last but not least seien dem Sport einige Worte der Erinnerung gewidmet: Die Hauptkampfstätte war das Hindenburgstadion mit seinem Nebenplatz. Sportplatzmeister Kurt Ermisch sorgte mit großem Einsatz für Sauberkeit und Ordnung auf den Plätzen. Fußball- und Handballspiele der Jugendmannschaften fanden selten im Stadion statt. Der große und kleine Roonplatz sowie der Nebenplatz am Stadion waren uns vorbehalten, was aber der Begeisterung keinen Abbruch tat. Gelegentlich wurden auch die Nebenstraßen (verbotenerweise) in Bolzplätze umfunktioniert. |
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Mehr oder weniger stichwortartig habe ich die kleinen Freuden und Abwechslungen geschildert, die unser Tilsit einem heranwachsenden Jungen bot. Diese Schilderung kann nicht vollständig sein, denn jeder von uns hatte dort, wo sein unmittelbares Zuhause war, ob in der Innenstadt, "überm Teich", an der Memel, in Tilsit-Preußen, in Stolbeck, Splitter, Schwedenfeld, Kallkappen oder Senteinen seine eigenen Erlebnisse. |
| Autor: © 2000 Reinhold Haasler Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000 Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit |