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von Dr. Kurt Abromeit
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Der Park von Jakobsruh (ursprünglich: Jakobsruhe) in Tilsit war eine Kulturleistung nach dem Vorbild der englischen Parks, als er am Anfang des 19. Jahrhunderts in Tilsit entstand. Auch die Schäferpoesie der Romantik (Robinson und Rousseau) hatten seine Gestaltung beeinflußt - als Gegengewicht gegen die damals schon aufkommende Technik; sie fing mit Eisenbahn und Dampfschiff an. Der neue Park entstand im Südwesten der Stadt aus der alten Putschine, losen Fichten- und Kiefernbeständen, allgemeinem Weide- und Ödland in Anlehnung und als Übergang zum nahen Stadtwald. Daraus entwickelte sich unter der Obhut des rührigen "Garten- und Verschönerungsvereins" eine Parkanlage in Kunstform mit Alleen und Wegen, alten Baumbeständen, Sträuchern, Grünflächen und Blumenrabatten in der wärmeren Jahreszeit. Vom Frühling bis zum Herbst erhielten sie in der Gartengestaltung ihre lebensgemeinschaftliche Ordnung, mit der Zeit aufeinander abgestimmt wie ein lebender Organismus. So brachte der Park die Natur in die Stadt als ihr Spiegel und Widerbild mit Frühlingserwachen, Sommer, Herbst und Winterruhe. Er wurde zu einer bekannten Sehenswürdigkeit, zu einem lebensbestimmenden Wahrzeichen, zur Seele von Tilsit. Ihn durften unsere Augen nach über einem Jahrhundert Wachstumszeit als eine botanische Einheit mit seiner Baum- und Pflanzenwelt als Augenöffner für die gärtnerische Kunst bewundern, als einen Park mit leiser Melancholie, mit Maß und Würde. |
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Er schenkte dem Besucher die Naturnähe, dem Vogel- und Insektenliebhaber seine Freuden. Jakobsruh war ein Park zum Sehen, zum Bewundern, zum Träumen, zum Nachdenken, je nach der persönlichen Gestimmtheit des Wanderers; er war auch so etwas wie die gute Stube der Tilsiter. Wenn ein Park eine organische Ganzheit ist wie ein Lebewesen, dann durfte man ihn nicht so behandeln, wie es nach unserer Vertreibung geschehen ist. Bei meinem ersten Besuch (in das noch verbotene Tilsit) wirkte er entfremdet und heruntergekommen. Er zeigte sich als eine zufällige Ansammlung von nichtssagenden jüngeren Bäumen und Sträuchern mit grünen Lichtungen. Das, was einst als Kulturpark geschaffen wurde, war zu einem sich selbst überlassenen Wildpark ausgewuchert. Die kunstvolle, ordnende Hand der Parkgestaltung fehlte. Man hatte Jakobsruh entzaubert, seine einmalige lebensgemeinschaftliche Ordnung zerstört. Es wurde gefrevelt, als die alten Baumbestände der Kastanien, Buchen, Eichen und Eschen der Axt und Säge zum Opfer fielen. Mit einem Wort: Auch die Entzauberung der einstigen grünen Seele von Tilsit ist gelungen. Nicht ein Abglanz mehr erinnert uns an das Alte, Einstige, auch hier ideell Verlorene aus der deutschen Vergangenheit. |
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So geht der erste Anblick beim Wiedersehen mit Jakobsruh, einem neuen Volkspark der Russen, dem deutschen Besucher zu Herzen. Man sieht zuerst die schnellwachsenden Erlenbestände in Richtung zum einstigen Schützenhaus an der Lindenstraße, mit eingestreuten Grünflächen, auf denen sich Kinder und Erwachsene an den hier installierten Karussells, Luftschaukeln und Kleineisenbahnen wie auf einem Rummelplatz vergnügen, im Grünen eingebettet. Das bürgerliche, alte Jakobsruh entsprach offensichtlich nicht dem Geschmack seiner neuen Herren, sie machten daraus eine volkstümliche Freizeitanlage nach eigener Manier. |
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So bleibt uns auch hier nur die Rückwendung in die Vergangenheit, um die Enttäuschung des ersten Wiedersehens zu überwinden. Dieser Weg, der in das Innere jedes Menschen führt, trägt uns in der Erinnerung in die 20er Jahre nach dem ersten Weltkrieg zurück, in das Reich einstiger Jugendträume, Gefühle und Glückseligkeiten - die Trauer war noch fern. Wir gingen dorthin nicht als Verbraucher, sondern als Bewunderer, weil wir hier des Wunderbaren in seiner naturhaften Gestaltung als Symbol inne wurden, für den Geist, der sich auf besondere Art entfaltet. Unser "Heimatgedenken" möchte nun jenes Stück Welt retten, in dem für uns die eigentliche Lebensqualität liegt. Sie ist seit der frühen Kindheit untrennbar verbunden mit Erfahrungen, die sich nicht nur an Menschen, sondern auch an die heimatliche Landschaft und die Natur knüpfen. Es führt dazu, daß auch der einstige Park von Jakobsruh uns zeitlebens als ein Stück Heimaterde nahe steht. Doch was in unserer Erinnerung lebt, finden wir nicht mehr: Der alte Park, die einstige Seele von Tilsit, hat sich zu sehr verändert. Ich suche Wegspuren. Die bitteren Worte: nimmermehr - nirgendwo - vergebens werden mächtig in uns. Es bleiben nur die Traumpfade der Erinnerung in dem fremdgewordenen Jakobsruh. Und auch hier wird uns bewußt: Man findet immer nur das, was in uns noch lebt, wir machen eine Reise durch das eigene Ich! So trägt jeder ältere Tilsiter immer noch sein eigenes Jakobsruh in sich. Es besteht gleichsam aus verschiedenen Erinnerungsschichten: So sehen wir uns noch als Kind an der Hand der Eltern. Die Lust am Sehen und Schauen wurde so früh geweckt. Dann als Jugendlicher bei Indianerspielen in den heimlichen Außenbezirken des Parks durch die Putschine bis zum nahen Stadtwald, und schließlich sehe ich mich als Erwachsener, als ich meiner stadtfremden jungen Frau den Park von Jakobsruh zeige. |
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Nur die Sonne stand in den Baumkronen wie einst, und der Wind rauschte im Blättergrün, doch hat sich der Zauber der einstigen Stimmungswelt verflüchtigt. Vergebens sucht das Auge die alten über hundertjährigen Baumriesen, die Überhalter, zu den nicht nur wir, sondern schon Geschlechter vor uns aufgeschaut hatten. Auch andere Bausteine der Erinnerung sucht man vergebens: die gepflegten Parkwege, den Blumen- und Rosengarten mit den altmodischen Ruhebänken, die Blumenrabatten, die jahreszeitlich in allen Farben leuchteten, im Frühjahr die Schneeglöckchen und Krokusse, wenn der Schnee schmolz. Bald stieg aus den Beeten die Pracht der gelben und roten Tulpen, es leuchteten die Zinnien, Malven und später die Herbstastern, bis zu den glühenden Dahlien im Herbst, früher Georgine genannt. (So hieß auch die meistgelesene Bauernzeitung in Ostpreußen.) So hatte jede Jahreszeit im Park ihre Blumen, ehe die Blütenpracht im ersten Frost erlosch, und bald ging auch das Grün aus dem Park. Unauffällig wechselte der Park sein Gesicht für die winterliche Landschaft. So brachte Jakobsruh die Natur in die Stadt - mit Frühlingserwachen, Sommer, Herbst und Winterruhe. |
![]() Das "Etabblissement Jakobsruh" vor dem 1.Weltkrieg. Die Straßenbahnlinie zwischen dem Hohen Tor und diesem Lokal wurde anläßlich der Gewerbeausstellung im Jahre 1905 in Betrieb genommen aber wenige Jahre danach aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingestellt. (Bild: Einsender: Siegmar Becker) |
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Der Park lockte zu allen Jahreszeiten. Tagsüber traf man Spaziergänger und auch verliebte Paare, die in verschwiegenen Ecken ihre Traumpfade gingen - und von der Zukunft träumten. Pirol und Kuckuck hausten in den Randbezirken im Waldesdunkel schattiger Heimlichkeit. Kleine Vögel huschten im Gezweig und Gesträuch des Parks, Vogelliebhaber hatten ihre Freude. Dazu kamen die Klanglaute, Gerüche, Farben und Empfindungen, die sich mit dem Namen Jakobsruh verbanden - für jeden von uns. Auf dem einstigen veränderten Hauptweg vermisse ich als Übergang über das kleine Wasser die Steinbrücke mit der Trauerweide, deren Äste sich in dem dunklen Gewässer spiegelten, das zum Verweilen einlud. Viele Augen haben hier in den unbewegten Spiegel des Wassers geschaut. Heute fehlen Brücke und Steinbrüstung und das Wasser verläuft sich in schmutzigen Rinnen. Von der Vogelwelt begegnen uns tröstlich Buchfinken, Amseln und Singdrosseln. |
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Wir suchen die einstige Hauptallee, weiter die kleine Anhöhe, dessen schattige Heimlichkeit das Standbild der Königin Luise einrahmte. Auch ihre lichte Marmorgestalt, die verehrte Ikone der Tilsiter, steht nicht mehr. Sie verkörperte das geschichtliche Gedächtnis der Tilsiter an eine schwere Zeit für unser einstiges Valterland. Ihr Denkmal galt als Symbol im einstigen Kampf gegen die napoleonische Gewaltherrschaft. Hier ist auch heute ein einsamer Ort: darüber nur der Flügelschlag eines hohen Vogels und das Raunen des Windes in den Wipfeln der Kiefern. Ich sehe niemand hier. Und die Gedanken erinnern sich an die Geschichte: Die Königin, die erst 17jährig den preußischen Kronprinzen heiratete, der vier Jahre später als Friedrich Wilhelm III. den preußischen Thron bestieg. "Von da ab", schreibt der Zeitzeuge von der Marwitz, "bis zu ihrem Tode zeigte sich an der Kronprinzessin der nie dagewesene Triumph der Schönheit und Anmut." Ihr Mann hatte gegenüber seinen Vorgängern, dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm l. und Friedrich dem Großen, einen schweren Stand. "Bei alledem", sagt Marwitz, "stand die Königin doch wieder hoch über ihrem Gemahl. Sie hatte ein wahres preußisches Herz und wahre Regentenehre. Alles, was groß und edel war, zog sie an." |
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Immer war ehrfurchtsvolles Schweigen um die lichtvolle Gestalt aus hellem Marmor, die der Bildhauer Professor Eberlein geschaffen hatte. (Das Standbild wurde am 22. 9. 1900 von Kaiser Wilhelm II. persönlich enthüllt.) Uns berührte als Jugendliche besonders ihre winterliche Flucht vor den französischen Soldaten über die Kurische Nehrung nach Memel und ihre Begegnung mit Napoleon in unserer Heimatstadt Tilsit. Der Kaiser, heißt es, war persönlich beeindruckt, doch blieb er bei den harten Bedingungen des Tilsiter Friedens am 6. Juli 1807 unerbittlich. Es bildete sich der Mythos von der unerschrockenen Königin, die sich der Gewaltpolitik Napoleons widersetzte - und Preußen stieg wieder auf. So ist von dem Feldmarschall Blücher das Wort überliefert, daß er nach der Schlacht bei Waterloo, die Napoleons Niedergang besiegelte, beim Anblick der weißen Fahnen in Paris (acht Jahre nach Tilsit) aussprach: "Jetzt endlich ist Luise gerächt!" So hat sich im preußischen Geschichtsbild nur eine Frau behauptet: die Königin Luise, die zur Ikone von Tilsit wurde. Davon zeugten noch die Gedenknamen: Königin-Luise-Haus, Luisenbrücke, Luisenschule, Luisentheater, Luisenapotheke, Luisenbund und die Luisenallee in Tilsit. Die Königin wurde zu einer Leitfigur für Frauen und Mädchen, nicht nur in Tilsit. Wo einst das Denkmal stand, ist es still. Es war der einstige "Herzmittelpunkt" des Parks. |
![]() Das Litauerhaus in Jakobsruh (Mai 1943 Bild:Alfred Denk ) |
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Ein weiterer Anziehungspunkt war das Heimathäuschen im Park, das ursprünglich als Litauerhäuschen erbaut wurde. Es zeigte uns den ländlichen Baustil in unserer Heimat in der damaligen Kriegs- und Domänenkammer "Litthauen", wie der spätere Regierungsbezirk Gumbinnen vorher amtlich hieß, bevor er 1808 in den Regierungsbezirk "Preußisch-Litthauen" umbenannt wurde. Als der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm l. seinen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, zur Inspektion und zum Kennenlernen in unsere Heimat schickte, reiste dieser offiziell nach "Litthauen", wie es im Reisebericht hieß. (Das kann die jüngere Tilsiter Fluchtgeneration nicht mehr wissen.) Also bleiben wir geschichtstreuer beim alten Namen Litauerhäuschen, auch im Sinne von Dr. Wilhelm Storost-Vydunas. |
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Die Bitternis dieses Wiedersehens begleitet uns auf dem Heimweg. Nur die Erinnerung bewahrt die Bilder, Eindrücke und Empfindungen, die wir nicht mehr wiederfanden. Doch bleiben sie als das unverlierbare "Innenbild" des Einstigen - trotz der bitteren Worte nimmermehr - nirgendwo - vergebens -, als wir den einstigen Park von Jakobsruh verlassen. Wir haben die Tilsiter Vergangenheit in unsere Gegenwart aufgehoben, dadurch ist unser Leben reicher geworden. |
| Autor : © 1995 Dr. Kurt Abromeit Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 25/1995 |
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