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von Georg Krieger
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Obwohl man in der Stadt wohnte, ging man in die Stadt, wenn man Besorgungen und damit verbundene Einkäufe zu erledigen hatte. Ging die Hausfrau aber speziell zum Einkauf von Wurst und Fleischwaren, beispielsweise zum Fleischermeister Stadie, in die Stadt, ging sie zum Fleischer. Zu einem Einkauf auf dem Markt auf dem Schenkendorfplatz ging man auf den Markt. Das waren so die kleinen Unterschiede. Eine Besonderheit des In-die-Stadt-Gehens war das Hohe Gehen mit Kippen an der Wasserstraße. Das war aber ein Kapitel für sich. Nun versetze ich mich in meinen Erinnerungen um ca. 71 Jahre zurück - ich besuche noch die letzte Klasse der H.A.T .- und gehe in die Stadt. |
![]() Die Heinrichswalderstraße (Bild: Einsender: Manfred Allies) |
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Aus der Heinrichswalder Straße, in der ich wohne, gehe ich in Richtung Thesingplatz. Hier kommen einige Straßen zusammen. Gleich links biegt man in die Reitbahnstraße ein, ein paar Schritte weiter bin ich in der Clausiusstraße. Vor mir sehe ich das Ganguinsche Haus mit der Hefefabrik dahinter. Wenn ich durch die neben der Hefefabrik führende Grabenstraße blicke, sehe ich den roten Backsteinbau des Humanistischen Gymnasiums. Es ist schon ein interessanter Platz. Ich biege nun nach links in die Clausiusstraße ein und gehe, vorbei an der Einmündung der Landwehrstraße mit dem repräsentativen Gebäude der Reichsbank zum Hohen Tor. Hier befindet sich die Bank der Ostpreußischen Landschaft, gegenüber die Kreissparkasse. Da ich aber noch kein Bankkonto besitze, sind Banken für mich uninteressant. An der Ecke Oberst-Hoffmann-Straße ist die Buchhandlung Holzner, die mich interessiert. Also gehe ich hinein und schaue mich nach interessanten Neuerscheinungen um. An geschichtlichen Abhandlungen bin ich interessiert. Nun geht es die Hohe entlang. Bekleidungsgeschäfte, wie etwa Brodowski oder Salomon oder das Miedergeschäft von Olga Wegmüller (der Mutter der Schauspielerin Charlotte Susa) interessieren mich noch nicht. Ebenso die Konzert-Cafes Hohenzollern oder Kaiserkrone, jedoch das Schaufenster des Cafe Gesien, denn da werden Kunstwerke aus Marzipan und Zuckerguss ausgestellt, die immer wieder Bewunderung auslösen. |
![]() Tilsits Hauptstraße, die Hohe Straße, um 1915. Links das Verlagshaus der Firma Otto von Mauderrode und die Konditorei Kreuzberger (Bild: O. von Mauderode) |
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Das Papiergeschäft von Mauderode, das zum gleichnamigen Zeitungsverlag gehört, ist mein nächstes Ziel. Hier gibt es Schulartikel aller Art. Und als Schüler braucht man ja immer etwas. Weiter gehe ich die Hohe entlang in Richtung Fletcherplatz. Zuvor geht es am Sckenkendorfplatz mit der Litauischen Kirche mit Blick auf das Schenkendorf-Denkmal sowie am Rathaus vorbei. Den Fletcherplatz beherrscht das imposante Portal der Königin-Luise-Brücke, genannt Luisen-Brücke. Vor der Grenzabfertigung hat sich eine Schlange von Leuten, vorwiegend Frauen, gebildet, die im Rahmen des Kleinen Grenzverkehrs in Übermemel preiswerte landwirtschaftliche Erzeugnisse, wie Butter, Eier, Fleisch einkaufen. Mit einer speziellen Grenzkarte erfolgt ein erleichterter Grenzübergang. Kinder benötigten keine Grenzpapiere. Nachdem ich nun schon da bin, gehe ich ungehindert an der Schlange vorbei, marschiere über die Brücke, wo auf der Mitte der mit Gold markierte Grenzpfosten und die beiden Staatswappen sind. Auf der litauischen Seite gibt mir jedoch ein freundlicher litauischer Zöllner in einem deutsch-litauischen Kauderwelsch zu verstehen, dass Kinder nur in Begleitung Erwachsener die Grenze passieren dürfen. Von diesem misslungenen Grenzübertritt werde ich natürlich niemand etwas erzählen. Also wieder zum Fletcherplatz. Ich gehe nun in die Deutsche Straße, vorbei am Stadthaus an der Ecke Packhofstraße bis zum Schenkendorfplatz, wo bekanntlich rechts das Rathaus steht, dahinter die Feuerwache. Ein Feuerwehrauto steht davor. Wahrscheinlich wird es nur gewartet, denn es erklingt weder das typische Läuten noch das Trompetensignal. |
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Das bekannte Weinhaus Sanio an der Ecke Bäckergasse, das den Honoratioren vorbehalten ist, wird ignoriert. Die Deutsche, zwar die breiteste der Tilsiter Straßen, die z.Zt. zu einer Via Triumphalis mit einem besonderen Pflaster und mit Baumreihen umgestaltet wird, ist für mich nicht so interessant, wie etwa die Hohe. So biege ich in den Schenkendorfplatz mit den beiden Eckhäusern der Falken-Apotheke und dem Blaurockschen Haus, in dem sich das KAISERS KAFFEEGESCHÄFT befindet, ein. Am Schenkendorfplatz mache ich noch einen kurzen Abstecher in das kleine Geschäft von Walerade Schwan. Hier gibt es neben Schulartikeln auch Lakritzen u.a. zu Pfennig-Beträgen. Den Ladeninhaber sehen wir Schüler als Unikum an. Wieder gehe ich an der Litauischen bzw. Landkirche vorbei zur Hohen. An der Ecke Hohe/Kirchenstraße, die jetzt Saarstraße heißt, steht die Bürgerhalle. Mein Weg führt mich nun durch die Hohe in Richtung Hohes Tor. |
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Die beiden Kinos, Lichtspielhaus und Capitol lasse ich links liegen, da nur Filme "über 18" angeboten werden, also für mich nicht "zugelassen". Im Luisen-Theater, auch "Floh-Kino" genannt, werden in der Regel Filme gebracht, die auch für meinen Jahrgang zugänglich sind, zumal der Eintrittspreis für "Rasiersitz" 30 Rpf beträgt. Inzwischen bin ich wieder am Hohen Tor angelangt und gehe, vorbei an der Reichsbank bis zum Thesingplatz, um in die Heinrichswalder Straße einzubiegen, wo ich im Haus Nr. 13 bei meinen Eltern wohne. Natürlich konnte ich an einem Tag nicht das ganze Stadtgebiet durchstreifen. Außerdem wollte ich ja nur meinen Erinnerungen freien Lauf lassen und in die Stadt gehen. Manches ist in vielen, vielen Jahre in Vergessenheit geraten, viele Erinnerungen aber, deren Aufzählung ins Unendliche gehen würden, bleiben jedoch erhalten. |
| Autor: © 2005 Georg Krieger Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 35/2005 |