Eine Besichtigung der historischen Stadt am Memelstrom
von Heinz Kebesch

Während des Rundganges durch die Stadt Tilsit soll über die Geschichte, über kulturelle und städtebauliche Entwicklungen und ihre Lage am Memelstrom berichtet werden.

Durch die bevorzugte Lage am Strom im Nordosten der Provinz Ostpreußen war Tilsit nicht nur das Zentrum aller Wasserstraßen im unteren Memelstromgebiet, sondern auch infolge der günstigen Landverkehrslage wirtschaftlicher Mittelpunkt einschließlich der angrenzenden Landkreise Tilsit-Ragnit und Memelniederung (Elchniederung).
Die Geschichte der Stadt Tilsit besagt, daß am 2.12.1551 in der alten Stadtkirche zu Tilse in Anwesenheit des Herzogs Albrecht von Preußen und vor der aus 200 Personen bestehenden Bürgerschaft von Tilse erstmalig eine "Kür" gehalten wurde, das heißt, Rat und Gericht wurden gewählt und vom Herzog bestätigt und vereidigt. Durch das von Herzog Albrecht von Preußen am 2.11.1552 erteilte Fundationsprivileg erhielt der bisherige Marktflecken Tilse Stadt- und Handelsgerichtsname. Die Planung der Stadt Tilsit hatte sich Herzog Albrecht vorbehalten. Die damalige Lange Gasse, spätere Deutsche Straße und die Littisch Gasse, spätere Hohe Straße, wurden als Hauptstraßen des ehemaligen Marktfleckens Tilse für die nunmehr gegründete Stadt Tilsit bestimmt. Sie liefen an der Brücke, die zur Burg führte, zusammen. Im Westen wurde die Stadt durch einen Wall und Graben befestigt. Seit der Stadtgründung von Tilsit galt, wie in den früher gegründeten Städten des Deutschen Ordens, kulmisches Recht.

Beginnen wir unseren Rundgang am Bahnhofsplatz. Entlang der belebten Bahnhofstraße erreichen wir die von 1873 bis 1878 im Stil der wilhelminischen Epoche erbaute mächtige, große Reiterkaserne, welche im Jahre 1879 von den Prinz-Albrecht-Dragonern (den blauen Dragonern) bezogen wurde. Keinesfalls hat dieser Kasernenbau etwas mit der Erwartung eines Krieges zu tun. Es ist auch völlig unrichtig, wie eine Schrift ausdrückt, daß es sich um eine sogenannte "Bismarck'sche" Kaserne handelt. Im Volksmund wurde sie die "Dagoner- oder Reiterkaserne" genannt.

Unser Weg führt uns weiter von der Bahnhofstraße zum Herzog-Albrecht-Platz. Wir sehen hier den im Jahre 1912 erbauten Gerichtsbrunnen, auf dem sich ein etwa 20 Zentner schwerer, gußeiserner Adler befindet. Nach historischer Überlieferung handelt es sich um ein Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. Dieser Adler war ursprünglich für den Mittelpfeiler des 1836 erbauten Hohen Tores bestimmt, statt dessen fand er vorerst auf dem 1835 erstellten Packhofgebäude (Packhofstraße 2) seinen Platz. Erst nach Erbauung des Gerichtsbrunnens im Jahre 1912 erhielt der Adler hier seinen endgültigen Standort. Von hier aus gehen wir zur früheren Stelle des Hohen Tores. Im Jahre 1679 wurde es errichtet, 1836 neu gestaltet und dann im Jahre 1861 auch im Interesse des immer stärker aufkommenden innerstädtischen Verkehrs beseitigt. Das Hohe Tor, ebenfalls das Deutsche Tor, dessen früheren Standort wir noch sehen werden, bildeten im Westen der Stadt die Ein- und Ausgänge. Die Tore waren von Stadtsoldaten bewacht. Für die eingeführten Waren nach Tilsit wurden damals Zollgebühren erhoben.

Abgesehen davon, daß am Platz des früheren Hohen Tores sechs verkehrsbedeutende Straßen zusammentreffen und zwar die Gerichtsstraße, Angerpromenade, Kasernenstraße, Hohe Straße als Hauptverkehrsstraße Tilsits, Oberst-Hoffmann-Straße und Clausiusstraße, befinden sich hier in der nächsten Umgebung bedeutende Behörden für die Öffentlichkeit, die Bank der Ostpreußischen Landschaft, das Land- und Amtsgericht, die Zweigstelle der Reichsbank, die Kreissparkasse Tilsit-Ragnit und in einiger Entfernung die im Jahre 1835 im neuklassizistischen Stil erbaute Tilsiter Hauptpost. Dieser gegenüber das Elternhaus von Max von Schenkendorf, Hohe Straße 39. Vermutlich wird es wenig bekannt sein, daß unsere Stadt im Zuge der Entwicklung eine dreitorige Stadt war. Dies waren das Hohe-, das Deutsche- und das Brückentor. Das Brückentor lag bei der Deutschen Kirche diesseits der zur Schloßfreiheit führenden Tilszelebrücke. Man nannte diese Brücke auch die Börsenbrücke, denn daneben stand damals die Tilsiter Kaufmannsbörse. Allerdings wurde dieses Haus im Jahre 1820 infolge städtebaulicher Planungen beseitigt. Daraus könnte angenommen werden, daß in Tilsit schon zu früheren Zeiten die Wirtschaft und der Handel eine durchaus dominierende Rolle spielten.

Nunmehr erreichen wir durch die auf dem ehemaligen zugeschütteten Stadtgraben angelegte Angerpromenade den früheren Standort des Deutschen Tores. Als die Niederunger Chaussee fertiggestellt war, wurde auch das Deutsche Tor im Jahre 1863 niedergelegt. Aber die Bezeichnungen Hohes Tor und Deutsches Tor haben die Zeiten überdauert. Seitlich der Angerpromenade erblicken wird den Anger, den größten Platz der heutigen Innenstadt, der aufgrund der Stadtrechtsurkunde vom 2.11.1552 der Stadt Tilsit übereignet wurde. Der heutige Anger wurde im Jahre 1928 seitens der Stadt Tilsit und des 1823 gegründeten "Gartenbauvereins" zu dieser schönen, sehenswerten Garten- und Parkanlage mit Ruhebänken gestaltet. Das Elchstandbild wurde ebenfalls diesem Platz gewidmet und 1928 eingeweiht. Damit sollte die Verbundenheit der Stadt Tilsit mit der Bevölkerung und Natur der Memelniederung (Elchniederung) dokumentiert werden.


Rechts die Deutsche Straße. Davor der Fletscherplatz, als dieser noch "Getreidemarkt" hieß.
(Bild: Einsender: H. Cssalner)

An der Nordseite des Angers sehen wir das im Jahre 1892/93 durch den Rat der Stadt und mit finanzieller Unterstützung Tilsiter Bürger erbaute Stadttheater, dessen Darbietungen auf hoher künstlerischer Stufe stehen. Vorläufer war die im 19. Jahrhundert in der Deutschen Straße/Ecke Langgasse erbaute Heckertsche Bühne. Für die Bürger der Stadt Tilsit und Umgebung war mit dem Bau des Stadttheaters am Anger eine Kultur- und Kunststätte geschaffen worden, die sich großer Beliebtheit erfreute, denn Tilsit war immer eine theaterfreudige und musikliebende Stadt. Im Jahre 1903 erhielt das Stadttheater infolge großen Zuspruchs durch einen zweckentsprechenden inneren Umbau 650 Plätze. Mit der Renovierung des Stadttheaters im Jahre 1935/36 wurde der Innenraum und der äußere Bereich modernisiert und änderte seinen Namen in Grenzlandtheater.

Werfen wir noch einen Blick auf die im Jahre 1898 im neugotischen Stil erbaute Reformierte Kirche und das 1894 erstellte Kriegerdenkmal. Wir begeben uns nun zur Hospitalstraße. Vor uns befindet sich der im Jahre 1891 erbaute Städtische Schlachthof; ein bedeutender Wirtschaftsbetrieb für die Versorgung der Bevölkerung der Stadt. Im Jahre 1909/10 wurde dieser durch eine betriebseigene, elektrische Anlage, Eisfabrikation, ein Kühlhaus, eine Verkaufshalle mit 160 Ständen und um eine Städtische Volksküche modernisiert und erweitert. Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß die Städtische Volksküche gemäß ihres sozialen Engagements auch an bedürftige Bürger der Stadt Tilsit preiswerte Mahlzeiten für ein paar Dittchen, wie man bei uns so sagte, verabreichte. Schauen wir die Hospitalstraße hinunter, so sehen wir bereits die glitzernden Wellen des Memelstromes und das gegenüberliegende Ufer mit den Weideflächen, sowie die aus dem Wasser herausragenden Spickdämme von Übermemel.


Die Deutsche Straße, als am Deutschen Tor noch reges Marktleben herrschte.
(Bild: Einsenderin: Dora Jahnke)

Jetzt kommen wir zur Deutschen Straße. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß im Rahmen der Stadtentwicklung nicht ohne Grund der Rat der Stadt die frühere Lange Gasse, spätere Deutsche Straße, in einer Breite von 100 Fuß (35 m) erstellen ließ, um den hier seinerzeit stattfindenden Wochenmarkt und jährlichen Herbstjahrmarkt eine ordnungsgemäße Durchführung zu gewährleisten. Im Laufe der Zeit verlagerte sich dann der Wochenmarkt auf den Schenkendorfplatz und der Herbstjahrmarkt auf den Ludendorff- und Fletcherplatz mit Verkaufsbuden in der naheliegenden Deutschen Straße.

Nunmehr befinden wir uns vor dem Wohnhaus Deutsche Straße 27/Ecke Langgasse. Hier stand im 18. Jahrhundert eine überwiegend aus Holz erbaute Garnisonskirche. Sie fiel im Laufe der Jahrzehnte städtebaulichen Planungen zum Opfer.
Europa wurde um 1800 von Ereignissen beherrscht, wie sie sich gegensätzlicher kaum denken lassen. Alte Dynastien verschwanden, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hörte auf zu bestehen, schwedische und spanische Herrscher wurden beseitigt, und in Frankreich erreichte die Revolution von 1793 ihren Höhepunkt. Auch unsere Heimatstadt Tilsit trat Anfang 1800 in den Brennpunkt historischer Ereignisse.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Deutschen Straße erblicken wir das von Justizkommissionsrat Siehr erbaute Wohnhaus Deutsche Straße 24 mit den auf dem Dachsims stehenden vier Urnen. Hier bezog Napoleon, nachdem er seine erste Unterkunft im Schützenhaus in Tilsit nach einigen Tagen aufgab, vom 25.6. bis zum 9.7.1807 sein endgültiges Quartier, um in Tilsit mit Zar Alexander von Rußland und dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. Frieden zu schließen. Die Geschichte besagt, daß durch den Friedensvertrag von Tilsit im Jahre 1807 Napoleons weitere Eroberungsabsichten in Europa vorerst Halt geboten wurden. Immer denkwürdig geblieben ist die Begegnung Napoleons mit dem Zaren von Rußland auf einem Floß auf der Memel, während dem preußischen Königspaar die Demütigung zugemutet wurde, unbeteiligt an der Zusammenkunft am Ufer des Memelstromes das Ende der Zeremonie abwarten zu müssen. Preußen mußte dann auch den Preis für die Vereinbarung des Friedens zwischen den Franzosen und Russen zahlen, die am 7.7. zwischen Frankreich und Rußland und am 9.7.1807 zwischen Frankreich und Preußen abgeschlossen wurde. Preußen blieben nach dem Diktat Napoleons nur seine Gebiete ostwärts der Elbe. Die westlich der Elbe gelegenen Länder wurden zum Königreich Westfalen zusammengefaßt und unter französische Herrschaft gestellt. Der "Tilsiter Friede" brachte damit einen Tiefpunkt der preußischen Geschichte.



Hohe Straße/Ecke Langgasse, als das Hotel "Königlicher Hof" noch "Russischer Hof" hieß.
(Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Die Bedeutung des Friedens von Tilsit ist nicht nur von Napoleon bestimmt worden; an ihr sind auch alle europäischen Staatsmänner damaliger Zeit beteiligt gewesen. Die Frage ist, ob der Friede zu Tilsit eine Epoche oder nur ein Moment in der Geschichte dieser Zeit sein könnte. Das Schicksal Napoleons, der katastrophale, verlustreiche Rückzug der "Grande Armee" aus Rußland im Jahre 1812, hat Rußlands europäische Großmachtstellung nicht nur begründet, sondern zeigte andererseits bereits in entscheidenden politischen Bereichen die ersten Anzeichen der Beendigung der Macht Napoleons in Europa. Die Konvention bei Tauroggen am 30.12.1812 zwischen dem preußischen Generalleutnant von York und dem russischen General Diebitsch war das Signal zur Erhebung gegen Napoleon und Ausgangspunkt des Befreiungskampfes. Am 1.1.1813 zog dann Generalleutnant von York mit seinen preußischen Truppen kampflos in das von Franzosen geräumte Tilsit ein. Die finanzielle Belastung durch die französische Besatzung in Tilsit belief sich im Jahre 1807 auf rund 766.000 Taler.

Vor uns liegt die Sprindgasse, zu früheren Zeiten auch "Fährgasse" genannt, denn am darunterliegenden Memelufer legte die Stadtfähre an, die zur Überquerung des Stromes nach Übermemel diente. Bereits um 1600 bestand eine von Herzog Albrecht genehmigte und eingerichtete Schloß oder Amtsfähre unterhalb der heutigen Packhofstraße. Zu diesen Zeiten gab es über den Memelstrom keine Brücken. In diesem historischen Zusammenhang sei auf das in Tilsit an der Deutschen Straße/Ecke Sprindgasse im Jahre 1515/16 erbaute Franziskanerkloster hingewiesen, das Anfang der Reformation im Jahre 1524 beseitigt wurde. Das älteste Wohnhaus der Stadt könnte das im Jahre 1553 erbaute Wohn- und Geschäftshaus Deutsche Straße 21/Ecke Sprindgasse sein, dessen Fundamente die wuchtigen Kellergewölbe des ehemaligen Klosters bildeten. In diesem Eckhaus des Kaufmanns Hintz (spätere Möbelfabrik Schulz) nahm Zar Alexander von Rußland am 25.5.1807, während der Friedensverhandlungen mit Napoleon, Quartier.

Bild links: In der deutsche Straße, als vor dem Hotel Kaiserhof noch Pferd und Auto einträchtig nebeneinander parkten (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Bevor wir bei der Wasserstraße zum Memelufer und zu den städt. Hafenanlagen abbiegen, wollen wir noch auf die gegenüberliegende im Jahre 1824 von dem Apotheker Johann Wächter im neuklassizistischen Stil erbaute "Grüne oder Wächtersche Apotheke" einen Blick werfen und eine kleine Ruhepause einlegen. Somit gelangen wir nun zum Memelufer.
Auf dem Memelstrom herrscht wie immer ein reger Verkehr, bedingt durch die Raddampfer der Tilsiter Reedereien, Boydaks mit Holz beladen und lange Holzflöße, die für die Zellstoff-Fabrik bestimmt sind. Der große Hafenspeicher und die Hafenanlagen mit Gleisanschlüssen zu der Reichsbahn wurden von der Magistrats-Bauabteilung geplant, erbaut und im Jahre 1928 dem Verkehr übergeben. Lasen wir auch hier die Historie sprechen. Im Jahre 1767 wurde, um den umfangreichen Verkehr über den Memelstrom zu bewältigen, eine Schiffsbrücke in einer Länge von 340 m auf 36 Prähmen erbaut. Allerdings war es erforderlich, die Schiffsbrücke vor Beginn der jährlichen Hochwasserzeiten und zum Winteranfang abzuschwenken. Dadurch ergaben sich für den Verkehr, Handel und die Wirtschaft Tilsits und auch für die Gebiete in Übermemel erhebliche Schwierigkeiten.
Daher erbaute man im Jahre 1875 die stromabwärts gelegene mächtige Eisenbahnbrücke mit ihren fünf großen Bögen und einem Drehbrückenteil in einer Länge von 536 m als längste aller Memelbrücken.

Rechts von uns sehen wir die formschöne Königin-Luise-Brücke. Bei unserem weiteren Rundgang werden wir diese Brücke noch näher kennenlernen.
Durch die Bäckergasse, deren Name daran erinnert, daß einstmals hier die Bäckerbänke standen, gelangen wir zum Rathaus der Stadt Tilsit. Von hieraus können wir bereits den Schenkendorfplatz wahrnehmen.

Die Stadtgründungsurkunde gab den Platz für das erste Rathaus in Tilsit an, das 1565 in der damaligen Langen Gasse, späteren Deutschen Straße, errichtet wurde. Dieses, der Renaissanceperiode angehörende, in Fachwerk erbaute Rathaus wurde jedoch im Jahre 1755 wegen Baufälligkeit abgebrochen. Am 5.6.1753 fand die Grundsteinlegung des heutigen Rathauses statt, das im Jahre 1752 als Barockbau vollendet wurde. Es ist nicht zufällig, daß die Spitze des Turmes den preußischen Adler trägt. Die von hier sichtbare Turmspitze der Deutschen Kirche in der Wetterfahne zeigt den kurbrandenburgischen Adler. Unter diesem Zeichen vereinten sich Westbalten (Prußen), Norddeutsche, Litauer, Salzburger, Schweizer, west- und süddeutsche Siedler zu einer friedlichen, zielstrebigen und fortschrittlichen Lebensgemeinschaft, zum Aufbau ihrer von ihnen gewählten neuen Heimat am Memelstrom. Zu der bedeutsamen Barockgruppe Tilsits gehören nicht nur das vor uns befindliche Rathaus, sondern auch die gegenüberliegenden Eckgebäude des Schenkendorfplatzes, das "Blaurocksche Haus", Deutsche Straße 68 und die "Falkenapotheke", Deutsche Straße 69. Wir befinden uns nun auf dem Schenkendorfplatz, dem früheren Buttermarkt, auf dem wie vor Jahrhunderten Wochenmarkt gehalten wird. Vor uns das am 21.9.1890 geweihte Denkmal des am 19.12.1783 in Tilsit geborenen Freiheitskämpfers und Dichters Gottlob Ferdinand Maximilian Gottfried von Schenkendorf, der am 11.12.1817 bereits mit 34 Jahren in Koblenz gestorben ist. Die eine Seite des Sockels des Denkmals, wie wir sehen können, trägt den Schwur des Dichters:

      "Ich will mein Wort nicht brechen,
      will predigen und sprechen
      vom Kaiser und vom Reich."

Seine Vaterlandslieder und Gedichte gaben der preußischen Bevölkerung und ihren tapferen Söhnen moralischen Rückhalt im Befreiungskrieg 1813. Für ihn galt das Wort Schillers:

      "Nichtswürdig ist der Mann;
      der nicht sein Alles setzt
      an seines Landes Ehre."

Nach Ausbruch des Befreiungskrieges trat von Schenkendorf als Freiwilliger in die Kürassierbrigade von Boeder ein. Hier entstand sein bekanntes Reiterlied:

      "Erhebt euch von der Erde,
      ihr Schläfer aus der Ruh'."

Seine Hymne "Freiheit, die ich meine" ist bezeichnend für das Ideal seines Jahrhunderts. Anläßlich der Enthüllung des Denkmals im Jahre 1890, das der Tilsiter Künstler Engelke schuf, erhielt der Marktplatz zu Ehren des großen Sohnes der Stadt Tilsit den Namen "Schenkendorfplatz". Wir verlassen den Schenkendorfplatz und stehen vor der Landkirche oder auch im Volksmund "Litauische Kirche" genannt.

Am 6.7.1757 war die Grundsteinlegung. Im Jahre 1760 war dieser in der Architektur selten vorkommende länglich-runde Barockbau vollendet. Während der Besatzungszeit im siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) durch russische Truppen wurde dieser Kirchenbau sowohl von der russischen Zarin Elisabeth als auch von dem baltisch-russischen Gouverneur Baron von Korff mit finanziellen Mitteln unterstützt. Auf der anderen Straßenseite erblicken wir die Bürgerhalle, kenntlich an dem schmucken Säulenportal. Von der Empfangshalle werfen wir einen Blick in den sehenswerten großen Saal, der 1881 fertiggestellt wurde und als der größte damals in Ostpreußen galt. Die künstlerisch wertvollen von dem Tilsiter Maler Henry Muttray geschaffenen Wandgemälde zeigen alte Tilsiter Stadtansichten. Im übrigen wurde auch in der Bürgerhalle annehmbares Amateurtheater gespielt. Im Garten der Bürgerhalle veranstaltet die Bürgergesellschaft in den Sommermonaten Konzerte und Feste.

Durch die Packhofstraße, in der früher Pferdemarkt stattfand, gelangen wir, vorbei am zweiten Verwaltungsgebäude der Stadtverwaltung Tilsit -Deutsche Straße/Ecke Packhofstraße -, zur Deutschen Kirche. Aus der Geschichte ist zu berichten, daß die bereits im Marktflecken Tilse vorhanden gewesene aus Holz erbaute Kirche im Jahre 1598 infolge Baufälligkeit abgebrochen wurde. An derselben Stelle entstand im Jahre 1610 die Deutsche Kirche. Der vorerst aus Holz erstellte Turm wurde in den Jahren 1695 bis 1699 durch den jetzigen wohlgeformten Turm ersetzt, dessen mit Kupfer bekleideter Turmhelm schöne Formen herrlichen Barocks zeigt. Seine Gesamthöhe von der Straßenoberkante bis zur Kreuzesspitze beträgt 63 Meter. Eine meisterhafte, eindrucksvolle Arbeit des damaligen Architekten und der daran beteiligten Handwerker. Die größte der drei Glocken der Deutschen Kirche mußte im ersten Weltkrieg abgeliefert werden. Dank gesammelter Spenden Tilsiter Bürger konnte diese jedoch nach dem ersten Weltkrieg durch eine neue Glocke ersetzt werden. Nun erklang wieder das volle Geläut der drei Glocken mit "dis, fis und gis". Der Innenraum der Kirche ist reich an Werken der Holzbildhauerkunst aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der im Jahre 1611 in den Formen deutscher Renaissance hergestellte Altar zeigt eine hervorragende künstlerische Arbeit. Die erste Orgel baute Burghart Wiechart aus Paderborn, die 1755 und 1880 erweitert wurde. Man kann mit Recht sagen, daß die Deutsche Kirche in ihrer markanten Silhouette ein weit sichtbares, überragendes Wahrzeichen unserer Stadt Tilsit ist. Das zweistöckige Gebäude neben der Deutschen Kirche war das erste Tilsiter Gymnasium, das ab 1812 den Namen "Königliches Gymnasium" führte. Im Jahre 1824 fiel es einem Feuer zum Opfer und wurde 1829 wieder aufgebaut.

Wir wollen uns nun auf die Königin-Luise-Brücke begeben, die ebenfalls ein charakteristisches Wahrzeichen unserer Stadt ist. Sie erinnert auch in etwa an die sehenswerte Hohenzollernbrücke der Stadt Köln am Rhein. Die Königin-Luise-Brücke weist eine Länge von 416 m auf und schwingt sich in drei je rund 100 m langen Bögen von 18 m Höhe über den Strom. Dazu gehören die zwei kleinen Vorbrücken und die etwa 12 m lange Zugbrücke für mastentragende Schiffe. Das stadtseitige Portal mit den beiden Türmchen zeigt ein wohlgeformtes Bild künstlerischer Architektur.
Das Porträt unserer verehrten Landesmutter, der preußischen Königin Luise, erscheint inmitten des Portals, darunter der Name "Königin-Luise-Brücke". Sie trat nach Fertigstellung im Jahre 1907 an die Stelle der Schiffsbrücke. Im übrigen ermöglichte der Bau der Königin-Luise-Brücke die Anschlußstrecke an die bereits im Jahre 1902 eröffnete Kleinbahnlinie Pogegen-Mikieten-Schmalleningken. Die Königin-Luise-Brücke und die Eisenbahnbrücke sind bedeutende Verbindungswege von West nach Ost. Durch das Versailler Friedensdiktat (1919) war die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Litauen Mitte des Memelstromes festgesetzt worden. Daher trägt auch, wie wir sehen können, die Königin-Luise-Brücke in der Mitte das Hoheitszeichen des Deutschen Reiches und das der Republik Litauen.

Von hier aus bietet der Engels- und der Schloßberg mit den sandigen Badestränden und kleinen romantischen von Weidenbüschen umgrenzten Ufern, sowie die entferntere Kummabucht ein schönes Naturpanorama. Die Erhebung des Rombinus, des althistorischen Götterberges, ist dagegen nur schwach erkennbar.

Stromabwärts erblicken wir die umfangreichen Kaianlagen mit dem großen Hafenspeicher und dem Dampfer-, Boydak- und Floßverkehr. Die Deutsche Kirche, der Rathausturm, die Türme der sonstigen Kirchen der Stadt, die in der Ferne rauchenden Schornsteine der Zellstoff-Fabrik und die Eisenbahnbrücke prägen den von hieraus erkennbaren Teil des Stadtbildes. Wir verlassen die Königin-Luise-Brücke. Die Schloßmühlenstraße führt uns zum "Luisenhaus", in welchem am 6.7.1807 die erste Zusammenkunft zwischen Königin Luise und Napoleon stattfand. Die Namen Schloßmühlenstraße und Schloßplatz lassen erkennen, daß wir uns im ehemaligen Burgbezirk befinden.

Von der Dammstraße gelangen wir zur Schleusenbrücke und können bereits einen Teil des Schloßmühlenteiches sehen, dessen Regulierung durch eine mit der Schleusenbrücke verbundene Schleuse in den fiskalischen Hafen mit Abfluß in den Memelstrom gesichert ist.
Wir gehen nun hinauf zum weit sichtbaren Backsteinbau des Landratsamtes, wo zur Zeit des Deutschen Ordens der Viehhof, später die Domäne Ballgarden lag. Das in der Nähe befindliche Schützenhaus mit dem darunterliegenden Schützengarten wollen wir nun besichtigen. Von dieser Stelle haben wir einen wunderbaren Ausblick über den romantisch gelegenen Schloßmühlenteich mit seinen von schattenspendenden Bäumen umsäumten, gepflegten Teichanlagen. Die der Natur und Landschaft angepaßte Teichbrücke in einer gut gelungenen Holzkonstruktion stellt außerdem eine günstige Verbindung vom Stadtzentrum zum südlichen Stadtteil "Überm Teich" dar. Es ist Sommer. Die Sonne spiegelt sich in den kleinen Wellen der glitzernen Wasserfläche wider. Ruderboote des Bootverleihs Pacht ziehen gemächlich dahin. Im Winter dagegen verzaubert Frost und Schnee den Teich in eine wundervolle Eisfläche, die ideale Möglichkeiten zum Schlittschuhlaufen bietet. Die Teichanlagen führen uns zur Roonstraße, die an den beiden Sportplätzen vorübergeht. Wir erreichen das im Jahre 1913 erbaute Realgymnasium (naturwissenschaftlichmathematisches). Dieser imposante Neubau war notwendig geworden, da das alte Schulgebäude des Realgymnasiums in der Schulstraße den schulischen Anforderungen nicht mehr entsprach.

Ein kurzer Weg, und wir gelangen zu der an der Bismarckstraße befindlichen Stadtgärtnerei mit dem bei den Tilsiter Bürger beliebten botanischen Schulgarten und Palmenhaus. Unterhalb der Bismarckstraße fließt die liebliche Tilszele, deren Quelle im südlichen Teil des Kreises Tilsit-Ragnit liegt, und zwar in dem Wäldchen von Meldienen-Patilßen, das von der Bahnstation Paballen (Eisenbahnstrecke Tilsit-Szillen-Grünheide-lnsterburg-Königsberg) nur etwa 5 km entfernt liegt. In diesem von Erlen, Birken und Fichten gebildeten Wäldchen fließen einige Bäche zusammen und bilden das Flüßchen Tilszele, von dem unsere Stadt seinen Namen erhalten hat. Von ihrer Quelle hat sie ungefähr 27 km bis zu ihrer Mündung (Schloßmühlenteich) zurückzulegen. Wir verdanken ihr insbesondere die Entstehung des Schloßmühlenteichers. Der im Jahre 1562 amtierende Tilsiter Amtshauptmann Kaspar von Nostiz ließ auf Anordnung des Herzogs Albrecht die Tilszelemündung (spätere Schleusenbrücke) aufstauen und schuf damit aus wirtschaftlichen Gründen den Schloßmühlenteich, um eine Wassermühle anzulegen. So wurde das Nützliche und das Angenehme - Schloßmühlenteich mit den Anlagen als Naturschönheit der Stadt Tilsit -miteinander verbunden.


Nunmehr erreichen wir durch die Bismarckstraße das naheliegende Gartenrestaurant "Schäferei" mit den Tennisplätzen am Schloßmühlenteich. Hier wollen wir eine kleine Verschnaufpause einlegen, zumal uns auch das sommerliche, warme Wetter dazu einlädt. Anschließend überqueren wir die Pfennigbrücke und gelangen durch den kleinen, gepflegten Johann-Wächter-Park, die Luisenallee zum Stadtpark Jakobsruhe. Der Stadtpark Jakobsruhe wurde aus einem Ödland zu dieser heutigen prachtvollen Parkanlage mit gepflegten Gehwegen und Rasenflächen, kleinen Teichen, Laub- und Nadelbäumen, Ziersträuchern, Blumenrabatten und Ruhebänken gestaltet. Das Könen-, Adolph-Post- und Adolf-Heydenreich-Denkmal, sowie der Dr. Nagel-Gedenkstein bewahren die Erinnerung derer, die sich um die Entstehung des Parkes Jakobsruhe und auch um die Organisation der Gewerbeausstellung im Jahre 1891 besondere Verdienste erworben haben. Die Jahn-Eiche auf dem ehemaligen Ausstellungsplatz wurde im Jahre 1878 zum Gedenken an Turnvater Jahns hundertsten Geburtstag gepflanzt.


Tilsit am 29.Juli 1937 als in der Sommerstraße Nr. 14 dieses Foto vom
Gartenrestaurant "Schäferei" entstand (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Im Südteil des Parkes zwischen Tannen- und Kieferngrün wurde das aus weißem Marmor von Professor Bildhauer Gustav Eberlein geschaffene Denkmal der Königin Luise am 22.9.1900 in Anwesenheit des deutschen Kaisers Wilhelm II. und seinem Gefolge, zahlreichen Ehrengästen und einer großen Anzahl Bürger der Stadt eingeweiht. Eine weitere erfolgreiche Gewerbeausstellung fand im Jahre 1905 im Park von Jakobsruhe statt, ebenso ein beachtliches Musikfest im Jahre 1910.
Das vor uns befindliche große Parkrestaurant mit den gepflegten Gesellschaftsräumen betreten wir durch die an der Südseite gelegene Gartenhalle und können von hier aus den großen Springbrunnen mit seinen Wasserspielen betrachten.

Wir verlassen nun diese Oase der Ruhe und Erholung, den Park von Jakobsruhe. Sodann gelangen wir über die Arndt- und Lindenstraße, vorbei an der in französischem Barock erbauten "Frank'schen Villa", zu der an der Clausiusstraße im Jahre 1909 erbauten und 1911 geweihten Kreuzkirche mit dem spitz auslaufenden Turm im neugotischen Stil. Unser Weg führt uns weiter über den Thesingplatz zu der in der Grabenstraße bekannten "Ostdeutschen Hefefabrik", einem aufstrebenden Tilsiter Wirtschaftsbetrieb, und zum Staatl. Gymnasium (humanistisches) in der Oberst-Hoffmann-Straße. Am 5.3.1900 wurde das Gymnasium in Anwesenheit des Oberpräsidenten von Ostpreußen, des Präsidenten von Bismarck, dem Sohn des ehemaligen Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck, der in seiner Amtszeit stets bestrebt war, den Frieden in Europa zu bewahren, eingeweiht.


Die Straße "Am Anger" als man an den 1.Weltkrieg noch nicht dachte
(Bild: Einsender: Günter Statkus)

Wir haben wieder das Hohe Tor erreicht und beenden unseren Rundgang durch die Stadt Tilsit.

Historische und kulturelle Stätten, bedeutende Gebäude meisterhafter, künstlerischer Architektur, Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten haben wir während unseres Rundganges kennengelernt. Über alle Zeiten bewiesen Ratsherren und Verwaltungsdienststellen der Stadtverwaltung Tilsit fortschrittliche und bürgerfreundliche Kommunalpolitik, verbunden mit Unternehmungsgeist, Fleiß, Umsicht und Treue der Tilsiter Bürger zu ihrer Stadt am Memelstrom, der Grenzstadt im Deutschen Osten.

Wir Tilsiter lieben unsere Heimatstadt und werden sie immer in unserem Herzen bewahren.

Autor: © 2000 Heinz Kebesch
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000

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verfaßt am 15.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011