| Handel und Verkehr | |
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von Wolfgang Rehm
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Tilsit als Handelsplatz diente zunächst dem Umschlag der Holz- und Landwirtschaftsprodukte gegen die Industrieprodukte und Brennstoffe aus dem Reich. Ebenso bedeutend war der Umschlag von Wasser auf Schiene und umgekehrt. (Die Reichsstraße hatte damals als Handels- und Transportweg noch wenig Bedeutung; ich habe erst im 1. Weltkrieg 1915 das erste Lastauto und zwar ein Militär-Lastauto zu sehen bekommen!) Bedeutend waren für den Kreis Tilsit die Vieh- und Pferdemärkte sowie der seit Jahrhunderten priveligierte Jahrmarkt. Tilsit hatte 1912 bei etwa 45000 Einwohnern rd. 900 Handelsbetriebe, vom "Tante-Emma-Laden" bis zum mehrgeschossigen Kaufhaus und zum internationalen Großhandel, pro Kopf fast anderthalb mal soviel wie Königsberg. Die rasche Entwicklung des Verkehrs in diesen Jahren war nur logisch: Die Kreuzung der größten Wasserstraße im Norden des Reiches, die bis weithinein nach Rußland schiffbar war, mit der einzigen nach Norden ins Baltikum gerichteten Hauptbahn und der dazu parallelen Reichsstraße mußte Tilsit in Zukunft zu einem Verkehrsknoten ganz besonderer Bedeutung machen. |
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Die Bahn nach Rußland über Insterburg-Eydtkuhnen (sog. "Ostbahn") führte in Richtung Minsk-Moskau nach Inner-Rußland; für den Weg in die Baltischen Länder und in die Hauptstadt St. Petersburg war sie ein Umweg und hat Tilsit eher geschadet. 1865 hat ein Tilsiter Konsortium mit Hilfe einer englischen Bahnbau-Gesellschaft den eingleisigen Abzweig Insterburg-Tilsit geschaffen; nach dem Bau der großen Eisenbahnbrücken über die Memel, Uszlenkis und Kurmerszeris 1875 konnte diese Strecke über Pogegen bis Memel fortgeführt werden, mit einem Abzweig über Zaugszargen mit Anschluß über die Grenze nach Schaulen und Riga auf einer 1435-mm-Spur. Die Eisenbahnbrücke über die Memel war sehr weitschauend - auch in ihrem Überbau schon für die volle Breite des zweiten Gleises ausgelegt. Diese zunächst unbenutzte zweite Fahrbahn wurde bis 1907 (Fertigstellung der Königin-Luise-Brücke im Zuge der Reichsstaße) auch von allen Fuhrwerken genutzt, wozu vom Nordkopf der Eisenbahnbrücke extra die "Verbindungschaussee" zur Reichsstraße hochwasserfrei gebaut wurde (spätere Schirrmannstraße, ab 1939). |
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Die beiden Eisenbahnbrücken über Uszlenkis und Kurmerszeris waren für ein späteres zweites Gleis insofern vorbereitet, als sie zwar nicht den zweigleisigen Überbau hatten, aber die Granitpfeiler waren schon für die spätere Gesamtbreite ausgelegt. |
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Daß Tilsit der gegebene Sammler und Verteiler dieses steigenden Bahnverkehrs war, erkannte man wohl auch höheren Orts. So wurde in den Jahren 1911 bis 1913 die Strecke Insterburg-Tilsit zweigleisig ausgebaut und südlich des bisherigen Tilsiter Bahnhofs (etwa ab Höhe der Arndtstraße nach Süden) ein hochmoderner Verschiebebahnhof mit fünf je 600 m langen Zugbildungsgleisen, Ablaufberg und neuem, großen Lok-Betriebswerk gebaut. (Das alte lag hinter der schwarzen Wand an der Kleffelstraße, etwa bei Ende der Landwehrstraße.) Die eingleisige Strecke nach Stadtheide-Labian-Königsberg (die des "Rasenden Litauers", der nur ein bißchen "beschleunigt" war!) wurde vom Nordrand des großen Exerzierplatzes an dessen Südrand verlegt, wo sie, teilweise in einem tiefen Einschnitt, am Rand des Stadtwaldes wieder vor Stadtheide in die bisherige Trasse einmündete. Der Bahnübergang in Gleishöhe im Zuge der Arndtstraße wurde geschlossen und durch einen mächtigen Stahl-Viadukt ersetzt, mit großen Rampen von der Arndtstraße in die spätere Hindenburgstraße und zu der Waggon-Entladestelle. Die Hindenburgstraße war 1914 noch ein Feldweg und wurde erst nach dem 1. Weltkrieg ausgebaut und wenigstens mit einem Bürgersteig versehen. (Das erste Gebäude an dieser neuen Straße wurde 1920/21 die Kalksandsteinfabrik gegenüber dem "Krähenwäldchen"). Der bisherige Damm der Labianer Bahn wurde auf seiner holperigen Krone (alte Schwellen-Vertiefungen) allmählich eingeebnet und war schließlich um 1925 ein guter Promenaden- und Fahrradweg. |
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Der Anschluß-Bahnverkehr in die ländliche Umgebung war schon in den 90er Jahren hergestellt worden: Tilsit-Heinrichswalde-Labian-Königsberg (s. ob.) 1891, Tilsit-Ragnit 1892, dann Ragnit-Pillkallen-Stallupönen mit Anschluß nach Eydtkuhnen 1894. Dazu kamen Kleinbahnen, so Groß-Bitamien-Kaukehmen-Karkeln,Schmalleningken-Wischwill-Willkischken -Mikieten, deren Fortführung Mikieten-Pogegen, betrieben auf einer 1-m-Spur von I.K.B. (Insterburger Klein-Bahnen). Es war nur logisch, daß beim Bau der Luisenbrücke die Kleinbahn-Zufahrt von Mikieten nach Tilsit längs der Reichsstraße (Tauroggener Chaussee) gleich mit vorgesehen wurde; die Kurmerszeris wurde auf der stählernen "Zehn-Bogen-Brücke", die Uszlenkis auf der ebenfalls stählernen "Grauen Brücke" überquert. In Tilsit endete die I.K.B, auf dem Getreidemarkt (später Fletcher-Platz genannt) mit Übergangsgleisen in das Tilsiter Straßenbahn-Netz (auch 1-m-Spur) vor der Deutschen Kirche und mit Zufahrt auf das Memelbollwerk. |
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1900 war die Elektrizitätsversorgung (110 Volt Gleichstrom) für Tilsit geschaffen worden. In der Stolbecker Straße zwischen Dragoner- und Kleffelstraße lag das E-Werk und auch der Betriebsbahnhof der Straßenbahn. Die Straßenbahn fuhr m. W. mit 800 Volt Gleichstrom. 1913/14 wurde die I.K.B.-Strecke Tilsit-Mikieten an dieses Stromnetz angeschlossen. Die Dampfloks der I.K.B., die ich noch erlebt habe, wurden durch zwei elektrische Triebwagen mit Passagierraum ersetzt, die auf zwei Achsen, etwa wie kurze D-Zug-Wagen der alten preußisch-hessischen Staatsbahnen aussahen. Offenbar war der rasante elektrische Anzug dieser Triebwagen im Anfang unterschätzt worden, denn in der S-Kurve hinter der Grauen Brücke kippten kurz nach Inbetriebnahme zwei Güterwagen wegen überhöhter Geschwindigkeit um. Seither hieß die I.K.B, im Volksmund "Ich kippe bald". Der Betriebsbahnhof der I.K.B, lag in Übermemel auf der Ostseite der Taurogger Chaussee, zwischen Luisenbrücke und Verbindung Chaussee. Die Tilsiter Straßenbahn hatte ihren Hauptknoten am Hohen Tor. Ursprünglich gab es folgende Strecken: Deutsche Kirche - Kasernenstraße -Clausiusstraße - Kalikappen (Restaurant "Dreibrücken"). Deutsches Tor (geradeüber von Kenklies) - Kasernenstraße - Clausiusstraße - Landwehrstraße - Arndtstraße (1905 zur Gewerbeausstellung in Jakobsruhe eröffnet). Deutsche Kirche - Splitter (nach 1926 bis Waldfriedhof verlängert) - Kleffelstraße - Bahnhofstraße - Hohe Straße - Fletcherplatz -Ragniter Straße - Engelsberg (Wasserturm). |
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Später ist das Gleisnetz verkleinert, Strecken teils eingezogen, teils verkürzt worden. 1938 ist die Strecke nach Kallkappen durch Bus ersetzt und bis zum Drangowskiberg verlängert worden. Im 1. Weltkrieg wurden bereits 1915 die Kupfer-Oberleitungen entfernt, die Straßenbahn (nicht die l.K.B.!) stillgelegt. In der Ragniter Straße wurden sogar Gleise ausgebaut, die m.W. erst 1924 wieder eingebaut wurden. Ein Sonderfall war 1916/17 die Einrichtung der Überführung landwirtschaftlicher Güter (Heu, Stroh, Getreide usw.) aus Übermemel von der I.K.B, zum Proviantamt und Magazin in der Magazinstraße. Dazu wurden vom Fletcherplatz über Deutsche- und Kasernenstraße - Hohes Tor -Landwehrstraße die Gleise überholt und eine Ersatz-Oberleitung aus Weicheisendraht aufgebracht. Die I.K.B.-Güterwagen mußten vom Fletcherplatz ab mit Straßenbahn-Triebwagen bespannt werden, weil die Fahrdrahtaufhängung nur den Betrieb mit Stromabnehmerstange (mit Rolle) zuließ, die l.K.B.-Triebwagen aber bereits mit Bügel-Stromabnehmern ausgerüstet waren. Rangiert wurde bis zur Arndtstraße. Durch diese Maßnahmen entfiel der unerträgliche stundenlange Rückstau der anliefernden Pferdewagen in der Landwehrstraße bis zur Clausiusstraße. |
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Dem Schiffsverkehr für Ausflugzwecke dienten in Tilsit die Passagier-Raddampfer der O.D.G. (ostdeutsche Dampfschiffahrt-Gesellschaft) "Herold", "Byruta", "Wischwill" und der kleine Schraubendampfer "Gertrud"; Liegeplatz zwischen Luisenbrücke und Haus des Tilsiter Ruderclubs. Stückgut, kombiniert mit Personenverkehr, vor allem stromab ins Memeldelta, bedienten die drei Raddampfer "Schnell", "Cito" und "Rapid" und der Schrauben-Frachtdampfer "Phoenix", der Freitag nachmittags regelmäßig über Labiau nach Königsberg fuhr (Betrieb durch die Speditionsfirma Staats). Im Frühjahr 1914 kam als Neuerwerbung der Salondampfer "Königin Luise" hinzu, der in Größe und Ausstattung den damals modernsten Passagierdampfern der Dresdener Elb-Flotte entsprach. Er konnte jedoch nicht voll ausgelastet werden, und da im Sommer der Krieg ausbrach, ist er mit den anderen Dampfern in Richtung Königsberg evakuiert und danach nicht wieder nach Tilsit zurückverlegt, sondern auf dem Frischen Haff eingesetzt worden |
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Natürlich brauchte Tilsit an der Memel Umschlaganlagen. Von der Luisenbrücke bis zur Langgasse war zu meiner Jugendzeit das massive Ufer-Bollwerk (mit nur einem Kran an der Parkhofstraße) schon fertig, die Fortsetzung bis zur Hospitalstraße und hinter dem Schlachthof mit Bau des Städtischen Hafens (nördlich der Friedhöfe und der Reformierten Kirche) erfolgte erst im 1. Weltkrieg, vornehmlich mit belgischen und französischen Kriegsgefangenen. Damals wurde auch, hinter dem Bahnübergang Stolbecker Straße abzweigend, die Vollspur-Hafenbahn, fast bis zur Wasserstraße, verlegt. |
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Die "Zellstoff" hatte einen Hafen unmittelbar an der Eisenbahnbrücke (Liegeplatz für "Gustl" und andere fabrikeigene Wasserfahrzeuge) und Bootshaus des "Zellstoff-Rudervereins". Außerdem hatte sie einen Holzhafen im Westen der Fabrikgebäude. Dort war auch der Fiskalische Hafen für das Staatliche Wasserbauamt für den Wasserbaubetrieb stromab von Tilsit. Dort befand sich auch der Liegeplatz und ein kleines Bootshaus des "Tilsiter Segel-Clubs", ein zweiter fiskalischer Hafen für den Wasserbau stromauf von Tilsit ist sicher allen bekannt. Er lag als Tilszele-Mündung unterhalb der Schleusenbrücke. Er war auch Liegeplatz des weißen Regierungs-Dampfers "A. Wiebe". |
| Autor: © 2000 Wolfgang Rehm Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 30/2000 |