zur Geschichte
Die "goldenen zwanziger Jahre" in Tilsit
von Dr. Kurt Abromeit (†)

Die zwanziger Jahre dieses sich neigenden Jahrhunderts sind für unsere Kinder und Enkel eine schon weit hinter dem Horizont versunkene Zeit. Es war im Rückblick ein Wellenschlag der Geschichte vom Ende des ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik bis zum aufkommenden Nationalsozialismus der dreißiger Jahre, den heutige Tilsiter noch erlebten.

Die zwanziger Jahre traten sowohl politisch als auch wirtschaftlich vor der Geschichte ein schweres Erbe an: Da war der tiefe nationale Schock des verlorenen Weltkrieges mit dem Friedensvertrag von Versailles, der eine nicht heilende Wunde hinterließ. Da war die Gebietsabtretung des "polnischen Korridors" an Polen, der Ostpreußen vom Reich trennte - und alle Ostpreußen tief verletzte, nicht zu vergessen die Abtrennung des Memellandes, die Tilsit zur Grenzstadt werden ließ. Da war der Untergang des Deutschen Kaisertums und Reiches, das Bismarck 1872 geschaffen hatte. Und dann kam noch die Revolution von 1918. (Wir erinnern, daß die erste frühe Revolution der Demokratie 1848 in der Frankfurter Paulskirche den Deutschen mißlungen war.)

Die neue Nachkriegsrepublik wurde bei ihrer Gründung nur von einer Dreiparteienkoalition getragen: der SPD, Linksliberalen und den Katholiken. Sie hatten schon im Kaiserreich zuletzt die politische Mehrheit. Nach der Revolution bildeten sie die "Weimarer Koalition" der Nationalversammlung und schufen die Weimarer Verfassung, die sich an die alte Verfassung der Monarchie anlehnte.
Aber schon nach einem Jahr verlor sie bei den ersten republikanischen Reichstagswahlen ihre Mehrheit - und gewann sie niemals wieder. Dazwischen war die (programmwidrige) Revolution von 1918, die von den Linken kam und die Monarchie stürzte. Sie wurde von der Weimarer Koalition mißbilligt und von dem sozialdemokratischen Patrioten Noske niedergeschlagen. Das erzeugte eine erbitterte Daueropposition der linken kommunistischen Revolutionäre, die den Weimarer Staat fortan bekämpften. Dazu kam die Daueropposition von rechts, die den neugeschaffenen Staat der Weimarer Republik ablehnten. So hatten die rechten und linken Gegner der Republik von 1920 bis 1925 die politische Mehrheit im Deutschen Reichstag. Fast kein Jahr verging ohne einen Putschversuch von rechts oder links: dazu gehörte auch der Hitlerputsch von 1923 in München.

Dann kam doch noch die goldenen Kehre: Ein politischer Lichtblick war die Periode der Konsolidierung der Weimarer Republik in den Jahren von 1925 bis 1929 bis zur Weltwirtschaftskrise. Es waren für Hitler die Jahre vollkommener Erfolglosigkeit. Die Ursache war in der Hauptsache die Wahl des Generalfeldmarschalls von Hindenburg im April 1925 zum neuen Reichspräsidenten. Seine Wahl wurde für die Weimarer Republik zum Glücksfall und Rettungsanker: Aus den rechten bisherigen Republikfeinden wurden jetzt "Vernunftrepublikaner".
Eine Mitte-Rechts-Koalition aus Katholiken, Rechtsliberalen und Konservativen bildeten fortan die neue Reichsregierung mit neuem Leistungswillen. Damit war das staatstragende Parteiensystem zum ersten und einzigen Mal auf die politische Breite von rechts und links, doch ohne Kommunisten, ausgedehnt - zum Wohle des Volkes. Von hierher kommt der politische Begriff der "goldenen zwanziger Jahr".

Zum persönlichen: Ich habe die Revolution in Tilsit als Schulanfänger (der Herzog-Albrecht-Schule) erlebt. Meine Erinnerung sieht heute noch auf meinem Schulweg - über mehrere Tage - die zerschlagenen Schaufensterscheiben der von den Revolutionären geplünderten Geschäfte in der Hohen und Deutschen Straße. Dieser frühe Bildeindruck vom Chaos brannte sich unvergeßlich in das Gedächtnis bis heute. Am Abend vorher und nachts schallten Warnschüsse des Militärs gegen die Plünderer durch die Stadt.

Welche Bilder, Erinnerungen und Assoziationen verbinden sich mit den zwanziger Jahren während meiner Schulzeit in Tilsit? Bemerkenswert war politisch die geschlossene Abwehrhaltung aller Menschen gegen den Versailler Friedensvertrag. Er wurde traumatisch als das Hauptübel empfunden und hinterließ eine nicht heilende Wunde. Er wurde nur "Schand- oder Schmachfrieden" genannt. Es blieb über allem die Epochensehnsucht der Menschen aus allen Schichten nach Erneuerung und Wiedererlangung der deutschen Ehre. Das war und blieb das Grundmotiv der zwanziger Jahre in der breiten Bevölkerung.


Die hohen Reparationen an die Sieger lahmten die schon vom Kriege mitgenommenen Wirtschaft, die das Einkommen der breiten Bevölkerung bis zur Armutsgrenze reduzierte - auch im fernen östlichen Tilsit. So wurde der Versailler Friedensvertrag zur Initialkatastrophe für die Deutschen aus allen Schichten. Das Heer der Arbeitslosen - zumeist Familienväter - nahm beängstigend zu und stieg über die Sechs-Millionen-Grenze. Das waren 26% der Bevölkerung. Das war politisch so explosiv, weil es das soziale Netz (wie heute) noch nicht gab. So erhielt ein Familienvater mit Kindern nur 7 Mark "Stempelgeld" für die Woche. Man sah lange Schlangen mit grauen und vergrämten Gesichtern vor dem Arbeitsamt in der Memelstraße, Ecke Langgasse, warten, um sich das wenige Geld abzuholen. Und es gab keine Hoffnung auf Arbeit!

Hinzu kam ein weiteres Übel: Als Deutschland mit seinen überhöhten Reparationen an Frankreich im Rückstand blieb, besetzten fast 100.000 französische und belgische Soldaten am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet - als das wirtschaftliche Zentrum Deutschlands - bis sie erst wieder im Juli 1925 abzogen. Die Besatzer kamen in ein Land des Chaos. Streiks grassierten als Widerstand, die Arbeitslosen hungerten und froren, weil der Ruhrbergbau erst die "Reparationskohle" erfüllen mußte. Es herrschte der politische Terror von Rechts und Links. Dazu kam noch das große Übel der für uns heute unvorstellbaren Inflation. Am 1. Januar 1923 kostete auch in Tilsit der Dollar schon 7260,- Mark, am 20. November die heute kaum vorstellbare Summe von 4,2 Billionen Mark. Kaum zu glauben: ein Liter Milch kostete damals 360 Milliarden Papiergeld!

Im Ruhrkampf starben 140 Deutsche, 180.000 wurden von den Besatzern ausgewiesen. Im Ruhrkampf wurde auch der ehemalige Freikorpsoffizier Albert Leo Schlageter als Führer eines Sabotagetrupps von einem französischen Hinrichtungskommando erschossen. In Tilsit bekam zu seinem Gedenken die Mittelstraße später seinen Namen. Auch wir Tilsiter Schüler bekamen den Ruhrkampf am eigenen Leibe zu spüren, weil der damalige Hauptbrennstoff Kohle nur in geringsten Mengen oder kaum bis nach Tilsit kam. Bald konnten auch die Kachelöfen in den Schulklassen nicht geheizt werden. Wir durften in den ungeheizten Klassen die Wintermäntel und Schals anbehalten. Die Schule fiel nicht aus. Die Franzosenfeindschaft ging um. Unser Französischlehrer Liedtke entschuldigte sich ironisch lächelnd dafür, daß er uns leider im jetzt ungeliebten Französisch unterrichten mußte. Folglich lernten wir noch unwilliger französische Vokabeln als bisher. Auch andere Lehrer zeigten ihren Unwillen über die Franzosen und Belgier im Ruhrkampf. Das Rheinland wurde erst 1930 nach zwölfjähriger Besetzung geräumt. Es brauchte noch viel Zeit, bis Konrad Adenauer und Robert Schumann endlich die Versöhnung mit dem "Erbfeind" Frankreich gelang.

Ein weiterer schwerwiegender Schock war neben der Ruhrbesetzung die galoppierende Inflation. Durch die totale Geldabwertung des gesparten Bank- und Aktienkapitals wurde das Vermögen aller Deutschen vernichtet, auch des kleinen Mannes. Die Armut bemächtigte sich jetzt auch der früher wohlhabenden Schichten des Bürgertums, die, wie damals üblich, im Alter von den Zinsen ihres im Arbeitsleben ersparten Kapitals lebten. Man nannte sie damals "Rentiers". In Tilsit wohnten sie gerne in dem Villenviertel "überm Teich". Betroffen waren hiervon auch Memelländer, die 1923 nach der Litauerbesetzung ihrer Heimat für Deutschland optierten, deshalb ausgewiesen ihren Besitz zumeist unter dem Marktwert verkaufen mußten. Auch sie gehörten zu den Verlierern ihres Vermögens in der Inflation. Im Hintergrund machten jetzt Schieber und gerissene Spekulanten ihre dunklen Geschäfte und wurden als "Inflationsgewinner" reich. Das traf mehr für die großen Städte zu, vor allem für Berlin.

Zu dieser Zeit erlebte auch Tilsit eine nationale Welle, die die von den Zeitumständen enttäuschten Menschen parteilos ergriff. Ich erinnere mich, daß wir Jungen aus allen Schulen spontan schwarz-weiße Preußenbänder am Jackenaufschlag trugen. Der Mythos des Preußentums prägte uns schon früh im Knabenalter. Zu dieser Zeit wurde auch der legendäre Fliegerhauptmann Ammon in Tilsit zu einer Leitfigur patriotisch Enttäuschter. Er scharte junge Männer und Jugendliche um sich, die sich "Ammoniter" nannten. Sie waren vaterländisch gesonnen. Uniformiert trugen sie weiße Hemden, dunkle Breecheshosen mit Wickelgamaschen, helle Windjacke und die blaue Prinz-Heinrich-Mütze. Eine Kapelle mit Trommlern und Pfeifern ging ihren regelmäßigen Umzügen durch die Hohe und Deutsche Straße voran. Als Litauische Freischärler 1923 völkerrechtswidrig auf Drängen der Franzosen das deutsche Memelland besetzten, erbot Ammon sich mit seinen Ammonitern, die Litauer zu vertreiben: Auch die Tilsiter hatte eine Protestwelle aus allen Schichten gegen den Verstoß der Litauer gegen das Völkerrecht ergriffen. Man verbot es Ammon deutscherseits. Er dachte national und wollte, auch später, von Hitler nichts wissen. Er begann als politisch Enttäuschter 1926 ein Studium der Zahnmedizin in Königsberg und verließ Tilsit für immer.


Ab 1924 hatte das Land die tiefe Nachkriegsdepression und die Inflation zumindest äußerlich überwunden. Wenn man heute von den "goldenen zwanziger Jahren" spricht, dann begannen sie damals: vor allem in den Großstädten und der Hauptmetropole Berlin. Handel und Wirtschaft, Kultur, Medien, Künste, Politik und Gesellschaft hatten einen großen Nachholbedarf: Man wollte nach der Misere wieder leben! In Tilsit etablierte sich neu in der Wasserstraße die "Barberina" - mit der ersten "Damenbar". Das hatte es noch nicht gegeben. Auch die Musikcafes "Hohenzollern" und "Kaiserkrone" hatten eine Blütezeit und waren abends brechend voll. Andere erfreuten sich an den Theken der Kneipen und Gaststätten, in denen der Korn (auf dem Wege des Spritschmuggels über die Memel aus Litauen) nur einen Groschen kostete. Auch die Jugend begann damals mit dem frühabendlichen Bummel auf der Hohen Straße, während sich die Jugendlichen im Konfirmandenalter gerne auf der Hauptpromenade im Park von Jakobsruh trafen. Hinzu kam über allem, daß sich die bis dahin zerstrittene Weimarer Republik politisch konsolidierte. Zudem erleichterten amerikanische Kredite die deutschen Reparationszahlungen an Frankreich.

Wir fragen: Was bot uns Tilsit, auch die Stadt "ohnegleichen" genannt, damals als Schulstadt? Die Stadt wies als kollektives Gedächtnis, mit ihrer zu Stein gewordenen Geschichte, ihren Kirchen, Denkmälern und historischen Bauten - wie der Ordensburg als Geburtsort der Stadt und den vom Tilsiter Frieden - in die Heimatgeschichte. Die naturnahe Stadt hatte durch ihr Umland noch einen ländlichen Charakter mit einem ruhigen Atem. Der Memelwind trug oft das tiefe Dampferhorn in die stromnahen Straßen. Man hörte es gerne. Pferdefuhrwerke und "Rollwagen" für den Waren- und Gütertransport rollten hörbar über das Katzen- und Kopfsteinpflaster der Straßen, die ihre Asphaltdecken erst später bekamen. Die ersten Oldtimer und Motorräder wurden neugierig wahrgenommen. Gaslaternen sorgten abends nur für eine spärliche Straßenbeleuchtung. Die schillernden Reklamelichter fehlten noch.

Ein unvergeßliches Spektakel war bei Feuer in der Stadt und bei Feuerwehrübungen die wilde Jagd der schweren Feuerwehrwagen, wenn sie laut klingelnd (wie eine wilde Jagd) vier- und sechsspännig im Galopp über das holprige Straßenpflaster dröhnten. Das Bild kann man nicht vergessen. Das Herz von Tilsit, das unseren Sinn für die Schönheit und Wunder der Natur erweckte, waren als Lichtpunkte der Erinnerung die Memel, der Schloßmühlenteich, der alte Park von Jakobsruh mit der Putschine und dem nahen Stadtwald. Es waren Orte für Jugendspiele und zum Träumen. Sie haben unser lebenslanges Verhältnis zur Natur und unsere Naturempfindung bekräftigt. Die Memel beglückte uns nachaltiger, als wir mit 14 Jahren in das Faltboot steigen durften. Es wurde zur Arche, die uns die verborgene Schönheit unserer Heimat und die Stimmen und Zeichen der Natur auf ihren versteckten und heimlichen Wasserwegen von der Scheschuppe und Jura bis hin zum Kurischen und Frischen Haff offenbarte. Dazu konnten wir als Sechzehnjährige (mit Horst Schulz) sowohl die Elbe als auch den Spreewald mit dem Faltboot in den Sommerferien befahren.

Damals gab es zur Unterhaltung - fast kaum zu glauben - weder Fernsehen noch Radio. Selbst das Telefon war noch beschränkt und selten in Privathaushalten. Daher beflügelte uns mehr die eigene Phantasie, und wir erbauten uns unsere Welt aus eigenen Träumen und Wünschen. Auch das Unterhaltungsgewerbe und der Zeitschriftenmarkt waren noch unterentwickelt. So mußten wir uns in die eigene Phantasie flüchten und lasen zunächst ausdauernd Indianerbücher, Kriminalromane als Groschenhefte und Abenteuerbücher - bis uns zeitgerecht das gute Buch für das ganze Leben zu fesseln begann. Auf diesem Wege boten uns Hilfe neben der Schule, die gute Stadtbücherei in der Wasserstraße/Ecke Goldschmiedestraße. Das frühere städtische Jugendheim in der Memelstraße unter Leitung des ersten Stadtjugendpflegers Paul Saffran wurde gerne besucht, zum Lesen in der Bücherei und Schachspielen. Er hat für sein Jugendheim manche Abendstunde geopfert: Er war ein Augen- und Herzenöffner zum Schönen und Guten. Er ist im Krieg geblieben.

Der Feierabend hatte noch fern der Technik und Hektik des heutigen Lebens seinen eigenen Atem. Statt lauter Radiomusik ertönten ferne Ziehharmonikaklänge von Jakobsruh und den Memelhängen in Tilsit-Preußen. Dann kam Feierabendstimmung in der schon schläfrigen Stadt ohne Motorenlärm auf. Dazu hörte man den hohen Ruf der letzten Mauersegler an den Türmen.


Für Geselligkeit sorgten das Theater, Innungen und Vereine: voran die damals beliebten Sportvereine Lithuania und der V.f.K. Sie rangen damals - ehe sie sich vereinigten - in Gegnerschaft um die Siegerehre im Fußball und der Leichtathletik. Durch die Memel hatte auch der Wassersport einen hohen Rang. Dazu kam im Winter das Angebot der Eisbahnen auf dem Schloßmühlenteich. Ich erinnere daran, daß Tilsit damals Deutscher Eishockeymeister war (mit dem großartigen Mittelstürmer Dr. Thomaschky).
Weitere Höhepunkte des jährlichen Vergnügens waren der Zirkus (Althoff, Krone, Sarassani) und der jährliche Rummel mit seiner Budenherrlichkeit und Achterbahn sowie dem großen herbstlichen Jahrmarkt in der Deutschen Straße. Auch das immer neue bunte Bild des großen Wochenmarktes blieb neben dem Fischmarkt in der Fischgasse in guter Erinnerung. Unsere Generation der frühen zwanziger Jahre wurde noch von der "bündischen Jugend" beeinflußt: eine naturnahe Bewegung, die geistig, seelisch und körperlich für das einfache, naturnahe Leben eintrat - schon lange, lange vor den heutigen Grünen. Hierzu zählte in Tilsit auch der ev. Jungmännerverein unter der Führung von Pfarrer Teicke: Sonntägliche Wanderungen, Wanderfahrten und Freizeitlager stärkten neben dem Sportangebot und winterlichem Turnen das Gemeinschaftsgefühl - und gaben uns viel.

Die Gesellschaftsordnung der zwanziger Jahre war noch festgefügt, was die Begriffe Anstand, Sex und Moral betrifft. Ebenso wie Disziplin und Ordnung, worauf auch die strenge Schule großen Wert legte. Es hat uns nichts geschadet, eher geholfen. Sinn und Halt gaben uns Elternhaus, Religion und Schule, also die Erziehung. Sie gaben uns Leitbilder für das Leben. Es war noch die vormoderne Epoche unserer Zeit.

Unsere Generation war nicht militaristisch, sondern wuchs patriotisch soldatenfreundlich auf. Die sonntäglichen Platzkonzerte der Reiterkapelle (Reiterregiment Nr. 1) fanden auf dem Anger dankbare Zuhörer. Tilsit war als Grenzstadt seit altersher eine soldatenfreundliche Stadt. Es gab damals die Reichswehr mit Berufssoldaten. Ein gern gesehenes Bild wie aus alten Zeiten war für uns Jungen, wenn eine galoppierende Reiterschwadron auf dem Exerzierplatz - damals noch mit gefällter Lanze und Wimpel - eine Übungsattacke ritt: mit schnaubenden Pferden. Wenn die Reiter nach der Übung durch die Hohe Straße mit der Musikkapelle heimwärts zur Kaserne ritten, bewunderten wir am meisten den schneidigen Kesselpauker auf seinem Schimmel, der voraus an der Spitze ritt.

Die "goldenen zwanziger Jahre" gingen 1929 mit der großen Weltwirtschaftskrise zu Ende, ausgelöst vom amerikanischen Börsenkrach. In der zunehmenden Weltwirtschaftsdepression stieg die Zahl der Arbeitslosen wieder an auf über 6 Millionen. Wieder waren es zumeist Familienväter. Es nahmen die politischen und wirtschaftlichen Ängste zu. Sowohl in der Politik als auch im Tagesgeschehen lebte in allem das Gefühl: Es muß anders werden! Darin waren sich alle in sich zerstrittenen Parteien einig. Unsere Jugend war durch die Zeitumstände am Ende der zwanziger Jahre zu einer Jugend ohne Zukunft geworden. Es gab keine Lehrstellen und ein damals teures Studium war für die meisten Eltern unbezahlbar. Die "Tauglichen" meiner Generation wurden daher Berufssoldaten oder gingen zur Preußischen Schutzpolizei, zu denen ich 1930 auch gehörte - auf dem weiteren Wege zum Flugzeugführer bei der frühen Luftwaffe.

Im östlichen Windschatten der Geschichte hörten wir kaum vor 1929 etwas von Hitler. Als erste Fanfare der "politischen Zeitenwende" bekamen wir um diese Zeit staunend den ersten SA-Mann in Uniform als Verkäufer des "Völkischen Beobachter" in der Hohen Straße zu Gesicht. Er kam aus Bayern und wurde Seppl genannt. Die braune Farbe seiner Uniform war unserem Auge fremd und wollte uns nicht gefallen. Es entstand der erste SA-Sturm in Tilsit unter der Führung von Quitzrau. (Er wurde im Rhönputsch verhaftet und war im Kriege Hauptmann beim Heer.) Auch einige ältere Schüler machten, weil es noch keine HJ gab, bei der ersten SA mit. Zum Treffpunkt der Interessenten und Neugierigen wurde das erste SA-Heim in der Schulstraße, auf einem Hinterhof (bei Aschmotat). Der erste bedeutende Redner der Nationalsozialisten in Tilsit war Göring, der Weltkriegsflieger mit dem "pour le merite", der in der brechend vollen Stadthalle damals eine vaterländische Rede hielt. Von den zuhörenden Kommunisten und Sozialdemokraten hörte man keine Kampfvokabeln, und es meldete sich niemand zur Diskussion, was uns enttäuschte. Auch wir waren von der Rede Görings begeistert, als er gegen den "Schandfrieden" von Versailles wetterte und die überhöhe Arbeitslosenzahl geißelte. Das waren, wie ich mich erinnere, die ersten Anfänge des Nationalsozialismus in Tilsit, erst am Ende der zwanziger Jahre. In den geschilderten Jahren, mit der intakten Weimarer Republik von 1925 bis 1929, hatte Hitler noch nichts zu bestellen. Erst in der Septemberwahl 1930 errang er seinen ersten Erfolg. Bis dahin hatte sich der Zeitgeist gegen Hitler kräftig gewehrt - auch in Tilsit.

Das Jugendparadies der Erinnerung - Tilsit die Stadt "ohnegleichen" - ging verloren, wie die Zeichen, die wir dort in die Bäume geritzt haben. Doch bleibt die Heimat, in der die Wiegen und Gräber unserer Vorfahren sind, noch als Erlebnis- und Gefühlszustand, als Inbild in unseren Herzen. Ihre alten Melodien hören wir noch, solange wir leben.

Autor: © 1998 Dr. Kurt Abromeit ()
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 28/1998


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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.07.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Samstag, 19. Februar 2011