Die Große Gerberstraße
von Günter Wendel

Prachtstraßen, wie die Hohe oder die Deutsche Straße, waren über Tilsit hinaus bekannt. Doch wer kannte außerhalb der Stadtgrenzen schon die Große Gerberstraße, jene Straße, welche die Clausiusstraße mit der Stiftstraße verband? Querstraßen waren die Kleine Gerberstraße und die Tuchmacherstraße.

15 Jahre wohnte ich in der Großen Gerberstraße und zwar von der Geburt bis zur Flucht im Jahre 1944. Manches ist mir aus dieser Zeit noch in Erinnerung geblieben. Am Anfang der Straße, also wenige Meter östlich von der Stiftstraße entfernt, befand sich das Baugeschäft "Wilhelm Westphal". Graue Häuser und Kopfsteinpflaster prägten das Straßenbild. Belebende Elemente waren die Lebensmittelgeschäfte von Martin Stölger und Paul Schiemann. Artur Haupt verkaufte "Milch - Butter -Käse". Auch eine Bäckerei und ein Friseur fehlten nicht. Vor einem Haus an der Südseite der Straße war ein Schild mit einem großen Stiefel nicht zu übersehen. Hier hatte Schuhmacher Johann Tolusch seine Werkstatt. Mit Gemüse und Blumen versorgte uns die Gärtnerei von Fräulein Oswald. Die weithin hörbare, mit Dampf betriebene Sirene der benachbarten Möbelfabrik Kehler signalisierte Beginn und Ende der Arbeitszeit.

In der Nähe von unserer Straße war der Schloßmühlenteich mit der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade. In jenem Straßenabschnitt, in dem ich wohnte, waren die Wohnverhältnisse sehr einfach. Vorratskammer und Keller fehlten. Abort und Abwasserentsorgung lagen außerhalb des Hauses. Im Haus gab es auch einige Einraumwohnungen mit Küche und Flur, die z.T. von vier Personen bewohnt waren. Derartige Wohnverhältnisse sind Gott sei Dank in Deutschland heute nur noch selten anzutreffen. Das Haus Große Gerberstraße Nr. 17 gehörte Frau Frida Knoch. Es wurde bewohnt von den Familien Melikewitz, Blaeth, Antnowitz, Radischat, Guddat, Wendel Janz, Dowideit, Rosenberg und Stars. Für 20 m Wohnfläche (Zimmer mit Küche) zahlte man damals 18,00 RM Miete. In den Nebenhäusern wohnten die Familien Bendrien, Breßlein, Bungies, Friederici, Gedrat, Giedigkeit, Knoch, Lubbe, Lymandt, Patlapps und Poek.

Bild oben:
Blick auf das Wohnhaus mit der früheren Adresse: Große Gerberstraße 17

Ein Original war Emil Bendrien, ein lustiger Holzschuhmacher. Bei den Bombenangriffen auf Tilsit flüchtete er zum Schloßmühlenteich und stieg bis zur Hüfte ins Wasser. Auf die Frage, weshalb er das tue, gab er zur Antwort: "Das ist der beste Schutz gegen Bombensplitter." So ernst die Lage auch war, Lachen mußten wir trotzdem darüber.

Ein Wiedersehen mit Tilsit gab es für mich in den Jahren 1989 und 1994. Mein Geburtshaus steht noch. Im Flurbereich hat sich nichts geändert, weder der Farbanstrich noch die Holztreppen. Nur die Fenster sind neu. In unserer Wohnung wohnt jetzt ein junges Ehepaar mit Sohn. Die Große Gerberstraße, wie ich sie kannte, gibt es nicht mehr. Es fehlen die vertrauten Stimmen und Gesichter. Nur der Bereich der Stiftstraße zwischen der Großen Gerberstraße und der Neustädtischen Schule ist in seiner alten Form noch relativ gut erhalten. Beim Anblick meines Elternhauses wurden erneut alte Erinnerungen wach, so u.a. diese: Der Inhaber des benachbarten Baugeschäfts war Baumeister Wilhelm Westphal, ein stattlicher aber energischer Herr. Er war zuweilen ungehalten, wenn Unbefugte seinen Bauhof betraten. Um dieses zu verhindern, hielt er zwei Hunde: "Treff" als Hofhund und "Prinz", eine Art Schäferhund, der frei herumlief. Wenn wir Kinder den Bauhof als Abkürzung zur Fabrikstraße benutzen wollten, bellte "Treff", und "Prinz" brauchte dann nur noch zu erscheinen. Wir mußten dann unser Vorhaben aufgeben.


Die Große Gerberstraße im Sommer 1995.
Das grüne Wohnhaus im Hintergrund stammt aus
früherer Zeit und gehört zur Stiftstraße

Interessant war auch der kleine Aufbau auf einem Schuppen des Bauhofes. Man flüsterte: Die hübsche Tochter des Chefs soll sich dort sonnen, um sich ihre zarte Haut bräunen zu lassen; aber jeder Versuch, sie dort zu beobachten, schlug immer fehl, wenn die beiden Hunde erschienen. Die Tochter des Chefs war eine sehr sozial eingestellte Persönlichkeit. Sie nahm sich zweier Kinder aus der Nachbarschaft an, deren Eltern vor der Vertreibung ein hartes Schicksal ereilte.


Auch Schulerinnerungen wurden wieder lebendig. Ich besuchte die Neustädtische Schule. Bekannte Lehrer waren die Herren Witt, Weichler, Dietrich, Pöppel und natürlich Schulrat und Schulleiter Klein. Herr Pöppel war mein Klassenlehrer und ich sein "Lieblingsschüler" - warum, war mir schleierhaft, wegen guter Leistung und guten Benehmens, das mag ich bezweifeln. Herr Pöppel war Vorsitzender des Tilsiter Taubenvereins. Sein Taubenschlag befand sich auf dem Dachboden der Schule. Ich war nicht nur sein Lieblingsschüler, sondern auch sein Taubenpfleger. Während der Pausen mußte ich die Tauben tränken, füttern ggf. auch einfangen und den Taubenschlag säubern. Somit waren auch etliche Sommerferien dahin, denn ich war ja "Taubenwart". Vorteile hatte ich dabei keine, denn P. hatte eine besondere Lehrmethode. Sein Markenzeichen war der Stock; nicht etwa der Rohrstock, sondern der Eisbeerstock aus dem Schulgarten. Waren die Schularbeiten mangelhaft, gab es Hiebe. Trotzdem kam ich relativ gut davon. Eines Tages waren die Stöcke "verbraucht". Ich bekam den Auftrag, Stöcke aus dem Schulgarten zu holen. Fünf Stöcke schnitt ich ab und übergab sie dem Lehrer. Danach wollte ich mich setzen. Herr Pöppel hielt mich aber am Ohr fest und sprach: "Günter, deine Schularbeiten . . ." Ich ahnte, was jetzt kommt. Weder hatte ich etwas gelernt, noch geschrieben. So wurde dann der von mir beschaffte Stock auf meiner Hand und auf dem Hosenboden eingeweiht.

Meine Rachegedanken als Lieblingsschüler gingen mir durch den Kopf. Diese Schmach! Pöppel hatte eine gute Schlagtechnik. Wegen einer Balgerei mußte meine Mutter eines Tages zum Lehrer Pöppel gehen, weil ich einen Mitschüler verprügelt hatte. Mutter beklagte sich beim Lehrer darüber, daß sie immer mit mir Ärger hatte. Darauf der Lehrer: "Frau Wedel, Günter ist ein guter, fleißiger Junge. Sie werden später noch viel Freude an ihm haben." (Im Nachhinein betrachtet, hatte P. vielleicht recht.)

Autor: © 1994 Günter Wendel (Texdt und Bilder)
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 26/1996

Heimatberichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 26. Januar 2011