Meine Zeit beim E-Werk- in Tilsit
von Georg Krieger

Als ich den Bericht von Walter Westphal "Es quietscht und bimmelt" las, bimmelte es bei mir, denn ich war ja von 1936 bis 1940 im E-Werk, allerdings im kaufmännischen Bereich, tätig.

Nach Erlangung der Mittleren Reife hatte ich mich auf einem sogenannten "gebrochenen Briefbogen" beworben, wurde angenommen und begann eine Lehre zum Industriekaufmann.

Der Betrieb machte auf mich schon am ersten Arbeitstag einen äußerst gepflegten Eindruck, sowohl in den Büroräumen als auch durch die Grünanlagen.

Zunächst wurde ich in der Abteilung "Stromabrechnung" eingesetzt. Sie hat mich nicht gerade sehr begeistert. Da saßen vier Mitarbeiter an Schreibtischen, die entlang der Wand standen, so dass die Beschäftigten, sofern sie nicht gerade tätig waren, entweder auf die Wand oder zu einem Fenster hinausschauen konnten. Sie hatten große Listen, etwa
DIN A 3, vor sich liegen und addierten den ganzen Tag! Es handelte sich um die Inkassolisten der Zählerableser, die damals täglich unterwegs waren, die Zähler ablasen und gleichzeitig kassierten. Diese Listen, die im Durchschreibeverfahren mit Tintenstift geführt wurden, mussten nachgerechnet werden. Oft stimmten sie nicht. Meine erste Tätigkeit bestand natürlich darin, auch zu addieren. Ich muss gestehen, dass ich - auch in der HAT- nicht unbedingt ein Freund der Mathematik gewesen war.

Nach Absolvierung dieser Abteilung wurde ich in die Verkaufs- und Installationsabteilung versetzt. Hier war die Tätigkeit sehr interessant und abwechslungsreich. So wurde beispielsweise zu dieser Zeit das elektrische Kochen modern. Der Slogan "Erprobt, bewährt, Elektroherd" wurde der Schlager. Eine Musterküche mit einer Werbedame nahm sich der Hausfrauen an, die modern gedacht hatten und sich von den üblichen Gaskochern mit Schlauch losgelöst hatten.

Ich durfte verkaufen, ob Lampen, Glühlampen, Elektrogeräte, den Monteuren musste Material ausgegeben werden usw. Es machte mir Spaß.

Als nächstes kam ich in die Mahnabteilung, die im Kassenraum untergebracht war. Als ich mich am ersten Tag an meinen Schreibtisch setzte, ertönte eine Alarmsirene. Ich erschrak natürlich. Lächelnd kam der Kassierer zu mir und erklärte mir, dass unter der Schreibtischschublade ein Alarmknopf angebracht war, der im Falle eines Überfalls betätigt werden konnte, ohne dass der Räuber etwas gemerkt hätte. Den Alarm konnte man leicht mit dem Knie auslösen.

Auch in dieser Abteilung wurde viel gerechnet, aber allmählich machte die Tätigkeit mir Spaß. Hier blieb ich auch bis zu meinem Ausscheiden.

Am 1. September 1939, ich war schon als Kaufmannsgehilfe tätig, begann der Krieg. Zusammen mit einigen jungen Kollegen marschierte ich spontan während der Arbeitszeit zum Wehrbezirkskommando in der Bahnhofstraße, um mich mit den anderen freiwillig zu melden. Nach Rückkehr zu unserem Betrieb empfing uns der Personalchef und machte uns ganz militärisch (er war ja Reserveoffizier) fertig. In strengem Ton machte er uns klar, dass wir ja kein Schnürsenkelladen wären, sondern ein kriegswichtiger Betrieb, der gerade in Kriegszeiten besonders wichtig wäre.


Das einstige Herzstück der Elektrizitätswerk und Straßenbahn A.G. Tilksit:
eine liegende offengebaute Hanomag-Einkurbel-Verband-Dampfmaschine mit 1950 PS.
Foto: Hanomag,Hannover-Linden - eingesandt vonDr. Dieter Förster

Unser Patriotismus war wieder dem Alltag gewichen und die Freiwilligenmeldungen wurden rückgängig gemacht. Monate später kam dann die offizielle Einberufung.

Vielseitig interessiert wie ich war, faszinierte mich auch der Straßenbahnbetrieb. Die Wagenführer bzw. Schaffner wurden auch als Kassenboten eingesetzt, so dass ich sie näher kennen lernte. Ich kannte mich in der Wagenhalle, in der Werkstatt sowie im Maschinenhaus des E-Werks gut aus.

Bezeichnend für die Gewissenhaftigkeit der Straßenbahner war beispielsweise: Bevor eine Bahn in der Stolbecker Straße den Bahnübergang passierte, stieg der Wagenführer aus und vergewisserte sich, ob kein Zug nahte, stieg wieder in seinen Wagen und überquerte das Gleiskreuz.

Benutzt habe ich die Tilsiter Straßenbahn allerdings wenig, obwohl ich Freifahrt hatte. Meine Ziele waren meistens nicht mit einer Bahn zu erreichen. Das Gleisnetz führte bekanntlich vom Engelsberg durch die Ragniter Straße, die Hohe Straße, Bahnhofstraße, Kleffelstraße, Stolbecker Straße zum Waldfriedhof Früher fuhr sie noch durch die Deutsche Straße, die Landwehrstraße, die Clausiusstraße. Es war eine gemütliche Bahn.

Ironie des Schicksals oder Zufall? Nach Kriegsende bin ich in Karlsruhe gelandet. Um zu Lebensmittelkarten zu gelangen, musste man arbeiten. So wurde ich zunächst Schaffner bei der Karlsruher Straßenbahn!

Die Zeit ist schon lange vorbei. Dank des Tilsiter Rundbriefes werden Erinnerungen an Zeiten, die schon Jahrzehnte zurückliegen, geweckt und geraten dadurch nicht in Vergessenheit.

Autor : Georg Krieger
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 34/2004

Handel und Verkehr



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 20.01.2005
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letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011