Als Drogist bei Ewald Ewert & Co.
von Karl Kudszus

Mein Vater war Stellwerksmeister bei der Reichsbahn in Tilsit. Wir wohnten einige Jahre in der Lützowstraße und nach einer Versetzung nach Labiau und Rückkehr in der Kleffelstraße. Meine Schulferien verbrachte ich bei meinen Großeltern in Tilsit-Preußen.


Bild links:
Für viele Tilsiter noch eine vertrauten Adresse.


Mein Großvater war Milchkutscher auf dem Gut Kairies in Tilsit-Preußen. Täglich in den Morgenstunden fuhr er die Milch mit dem Wagen und seinen beiden braunen Rappen zur Tilsiter Molkerei. Ich durfte mitfahren. Die Hin- und Rückfahrt dauerte über zwei Stunden. Bis zum Jahre 1938, also bis zum Beginn meiner Lehrzeit als Drogist bei der Firma Ewald Ewert & Co. in Tilsit, Deutsche Straße 50, war ich in den Sommerferien in Tilsit-Preußen.

Die Drogistenfachschule besuchte ich vom Jahre 1938 bis 1940 in Insterburg und im letzten Lehrjahr von 1940 bis 1941 die Drogistenfachschule in der Handelsschule Tilsit in der Stolbecker Straße.

An einem Schultag erschien für den Unterricht von 12 bis 13 Uhr zu uns kein Lehrer. Wir Schüler beschlossen, geschlossen zum Cafe Juckel zu gehen. Wir machten es uns in den Sesseln bequem und verlangten von dem Ober je ein Korn, der 10 Reichspfennige kostete. Er kontrollierte unsere Ausweise, ob wir wohl 18 Jahre jung waren. Wir waren es. Dieser eine Korn hatte mich aber sehr benebelt. Es war ca. 13 Uhr, und wir warteten an der Haltestelle auf die Straßenbahn. Zu meinen Schulkameraden sagte ich: "Seit wann haben wir zwei Straßenbahnlinien?". Ich sah wohl alles doppelt. In der Hohen Straße stieg ich aus der Bahn, um zur Firma zu gehen, bei der ich in Vollverpflegung war. Dem Geschäft schloss sich eine Gaststätte an, und ich ging in letztere, die von einem Ehepaar geführt wurde, in Richtung Toilette. Der Aufenthalt dauerte wohl etwas länger, und der Wirt sprach zu mir: "Karlchen, willst du einen Cognak?" Danach steigerte sich bei mir nochmals das Unwohlsein. Mein Zustand hatte sich wohl bei den Kollegen im Geschäft herumgesprochen.


Bild links: Karl Kudszus als Drogistenlehrling im Jahre 1941

Zum Mittagessen bin ich nicht gegangen, denn die Mahlzeiten wurden im Speisezimmer des Herrn Ewert eingenommen. Wir waren fünf weibliche und zwei männliche Drogisten im Geschäft.

Die Drogistinnen die an dem Tag in der Dunkelkammer die Fotoarbeiten machten, nahmen mich zu sich in die Dunkelkammer und zogen mich somit aus dem Blickfeld. Bis ca. 19 Uhr habe ich dort auf einem Stuhl gesessen, eine Couch gab es nicht.

Zum Abendessen bin ich gegangen. Von keinem habe ich je eine Äußerung über mein unsolides Verhalten, auch nicht von der Geschäftsführung, gehört.

Im März 1939 kam das Memelland wieder zu Deutschland. Im Geschäft machte sich der Umsatz bemerkbar. Die Frauen aus dem Memelland kauften u.a. bei uns für 20 RPf. "Brauns Stoffarben". Die Kleidung wurde umgefärbt. Die Männer aus dem Memelland verlangten "Reichels Likör-Essenzen". Die gab es in den verschiedensten Geschmacksrichtungen. Damit wurde der "Selbstgebrannte" veredelt.

Vor dem Geschäft an der Straße befand sich die Shell-Tankstelle und ca. 100 m weiter in Richtung der Memel, das Tanklager mit Gleisanschluß. Die Waggons mit ca. 20.000 Liter Diesel wurden in 200-Liter-Fässer gefüllt. Die Schiffahrt wurde bedient und auch andere Kunden. Die Tankstelle wurde von einem Tankwart geleitet, der ein leidenschaftlicher Jäger war. Er suchte zur Vertretung am Sonntag einen von uns. Ich meldete mich dazu. Dienstzeit war von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr. Dafür bekam ich 5 RM von ihm. Am Montag kam er dann zur Arbeit mit einem prall gefüllten Rucksack und sagte uns, er hätte einen Elch geschossen und wir könnten von ihm Elchwurst haben. Er wurde von uns ausgelacht. Das wäre wohl ein "Elch mit Schweif", den er angeblich geschossen hätte.


Die Belegschaft der Firma Eweco während einer Feier im Jahre 1941

Auch die Gastwirte im Memelland, die Verkäufer von Dieselkraftstoff waren, wurden von unserer Firma beliefert. Mit einem Kesselwagen, gefüllt mit einigen Tausend Liter Diesel und bespannt von zwei kräftigen Pferden, ging es auf Tour. Mehrere Tage waren wir unterwegs, im Wechsel mit meinem Freund Conny (Conrad Streit). Ich war zuständig für den Verkauf und der Kutscher für die Fahrt und für die Versorgung der Pferde. Geschlafen haben wir bei Gastwirten in der Scheune. War der Kesselwagen leer, ging es heimwärts.

Von April 1941 bis April 1942 war ich Filialleiter der Firma in Argenhof. Von dort aus sah ich im Juni die Bombardierung Tilsits durch russische Flugzeuge. Auf das erste Bahngleis neben unserer Wohnung, in dem Zweifamilienhaus, fiel eine Bombe und zerstörte die Wohnung erheblich. Im April 1942 wurde ich Soldat und erlebte den Krieg und die Nachkriegszeit mit all den schrecklichen Begleiterscheinungen.

Autor : © 2003 Karl Kudszus (Text und Bilder)
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 33/2003 Seite 70ff

Handel und Verkehr



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011