| Eine Hommage an die "Stadt ohne gleichen" | |
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von Hans-Günther Schönwald
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Es sind nunmehr 54 Jahre vergangen, seitdem ich als 12jähriger 1944 meine Heimatstadt verlassen mußte. Unsere letzte Wohnung in Tilsit bis August 1944 befand sich in der Dragonerstraße 9c, unmittelbar am Kapellenfriedhof. Dieses große moderne Wohnviertel an der Ecke Stolbecker Straße/Dragonerstraße bestand aus drei selbständigen Wohngruppen mit vier- bis fünfgeschossigen Häusern. Große Innenhöfe mit Toreinfahrten verbanden diese Wohngruppen miteinander. Betrat man z.B. ein Haus in der Stolbecker Straße, konnte man das Wohnviertel auf der anderen Seite, in der Dragonerstraße, wieder verlassen. Für uns Gnosen boten die labyrinthartigen Innenhöfe mit ihren vielen Möglichkeiten des Zutritts ideale Bedingungen für Versteck- und Greifspiele. Auch unsere Eltern haben sich hier wohlgefühlt. Dafür zeugte das schöne Wohnumfeld mit den alten Lindenbäumen im oberen Teil der Dragonerstraße und der große Baumbestand des Kapellenfriedhofes. Auch die gepflegte Parkanlage des Irrgartens mit der Reformierten Kirche und dem Evangelischen Frauenstift in unmittelbarer Nähe der Dragonerstraße haben dazu beigetragen. |
![]() Bild links: Stolbecker Straße 1/ Ecke Dragonerstraße (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit) |
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Die Geschäfte für "Muttchens schnellen Einkauf" befanden sich alle in dem Teil der Stolbecker Straße, der zu unserem Wohnviertel gehörte. Es wurde im Süden durch die Stolbecker Straße mit dem Grenzland-Theater und dem Elektrizitätswerk begrenzt. Im Norden war der Kapellenfriedhof die Grenze. Für 10 Pfennige konnten wir Gnosen Abfallkuchen beim Bäckermeister an der Ecke kaufen. So nannten wir die Schnittränder von Blechkuchen, die man beim Bäcker billig erstehen konnte. Den Lorbassen und Marjellchens haben diese Kuchenreste jedenfalls gut geschmeckt. Ich erinnere mich noch sehr gut an das große Kolonialwarengeschäft KNOLL, wo wir unseren täglichen Bedarf an Lebensmitteln decken konnten. An der "stumpfen Ecke", wie wir den Geschäftseingang an der Einmündung Stolbecker Straße/Dragonerstraße nannten, hatte die Steinmetz-Firma PELZ ihr Verkaufsbüro. Dahinter befand sich die Werkstatt und das Lager mit Steinrohlingen, aus denen Grabsteine gefertigt wurden. In überdachten Buchten lagerten große Mengen Kieselsteine in den Farben Weiß, Grau und Anthrazit. Wenn es regnete, verkrochen wir Gnosen uns in diese Buchten und spielten mit den Kieselsteinen. Gegenüber dem Steinmetz hatte die bekannte Tilsiter Firma OPEL-TAUBERT ihren Sitz. Sie war die größte Reparaturwerkstatt in Tilsit für LKW's und PKW's. Alles was in und um die Werkstatt geschah, war für uns Gnosen von großem Interesse. Einmal waren es die Reparaturarbeiten in der Werkstatt, die unsere Neugier weckte. Ein anderes Mal interessierten wir uns für die LKW's, die auf dem Parkplatz abgestellt wurden. Diese Fahrzeuge waren oft nicht abgeschlossen. Wenn sich die Gelegenheit dazu bot, kletterten wir Gnosen in die Fahrhäuser und kurbelten am Steuer der Fahrzeuge. Wenn man den Fußschalter des Anlassers betätigte, bewegte sich der LKW. Manchmal waren es nur wenige Zentimeter .Mehr gaben die arg beanspruchten Starter-Batterien nicht her. Manche Batterie wurde so von uns Lorbassen nahezu entladen. Der günstigste Zeitpunkt für den Einstieg in die LKW's war der Sonnabend nachmittag und der Sonntag. An diesen Tagen war die Werkstatt geschlossen. Trotzdem mußten wir ständig darauf gefaßt sein, vom Chef der Firma oder einem seiner Mitarbeiter bei ihren Kontrollen erwischt zu werden. Schließlich waren unsere Aktivitäten nicht unbemerkt geblieben. |
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In den Sommermonaten verbrachte wir Kinder die schulfreie Zeit häufig an der Memel. Am Städtischen Hafen, in der Nähe der großen Eisenbahnbrücke, gab es am Memelufer mehrere "nicht offizielle" Badestellen. Sie boten alles, was sonnen- und badehungrige Tilsiter Lorbasse und Marjellchens sich wünschten: grüne Wiesen zum Sonnenbaden, feiner hellgelber Sand zum Herumtoben und zum Bauen von Burgen sowie dichte Weidenbüsche zum Versteckspielen. Oft spielten wir auch auf den Spickdämmen an der Memel. Die gefährlichen Sogstrudel an der Spitze dieser Dämme haben uns Gnosen jedoch damals nicht sonderlich beeindruckt. Wir kannten aber ihre Gefährlichkeit und waren deshalb sehr vorsichtig, wenn wir den Damm betraten. An der stadtseitigen Einfahrt zur Eisenbahnbrücke stand ein turmartiges Gebäude, das in die Konstruktion der Brücke einbezogen war. Zu Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wurde auf den Brückenturm eine Vierling-Flak stationiert. Flak-Soldaten sicherten Tag und Nacht diesen strategisch wichtigen Eisenbahnübergang über die Memel. Beim Baden sahen wir Gnosen oft neugierig zu, wie die Soldaten das Waffen-Exerzieren an ihrer Vierling-Flak durchführten. Wir beobachteten, wie sie mit den Ferngläsern aufmerksam den Himmel nach russischen Flugzeugen absuchten. Auch junge Frauen, die an der Memel badeten oder sich mitunter barbrüstig hinter Weidenbüschen versteckt sonnten, waren beliebte Beobachtungsobjekte der Soldaten. |
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Von unserem Wohnhaus in der Dragonerstraße führte ein Weg zwischen dem Friedhof 1 und 2 des Evangelischen Kapellenfriedhofes zu einem hangartigen Gelände, das in nördlicher Richtung, zur Memel, stark abfiel. Die Bewohner aus der Stolbecker Straße/Dragonerstraße nannten dieses Gebiet "Bellevue" - schöne Aussicht. In den Sommermonaten verlockte dieses landschaftlich schöne Terrain die Einwohner der umliegenden Häuser zu erholsamen Spaziergängen, die bis an die Memel ausgedehnt werden konnten. Das Memelufer und der Städtische Hafen waren nur ca. 600 m entfernt. Im Winter war dieses Gebiet für uns Gnosen aus der Dragonerstraße ein bevorzugter Rodelplatz. Auf der "Stukerbahn" am Hang der "Bellevue" vergnügten wir uns bei Schlittenfahrten oder beim "Schorren". In der Mitte des Hanges durchschnitt ein querverlaufender Weg die Rodelbahn. Bei der Abfahrt wirkte dieser Weg wie ein Sprungbrett. Unsere Schlitten hoben sich jedesmal mit einem mächtigen Satz in die Luft und knallten dann mit voller Wucht auf den Hang. "Stukern" nannten wir dieses Vergnügen, das immer so ein eigenartiges Kribbeln im Bauch verursachte, wenn sich unsere Schlitten in die Luft hoben.Am Ende des Hanges stoppte der schon erwähnte Zaun am Lagerhof unsere Abfahrt. Beulen, zerschundene Kniescheiben sowie angebrochene Schlitten waren durchaus keine Seltenheit, wenn einmal die "Fußbremse" versagte. |
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Hinter dem Lagerhof, an seiner Nordseite, befand sich der Städtische Hafen. Zwischen dem Lagerhof und dem Hafengelände führte ein Gleisanschluß am Schlachthof vorbei bis zum Hafenspeicher. Auf diesem Gleis wurden manchmal Kesselwagen abgestellt, in denen sich Melasse befand. Melasse ist eine braune, süßklebrige Masse, ein Endprodukt aus der Zuckergewinnung, das zur Herstellung von Spiritus verwendet wird. An den "süßen" Abfüllstutzen dieser Kesselwagen haben wir Lorbasse uns solange gütlich getan, bis uns fast schlecht wurde. Gelegentlich füllten wir auch leere Gläser mit dieser Melasse und nahmen sie mit nach Hause. Auf dem Damm an der Einfahrt zum Hafen hatte in einem zweigeschossigen Gebäude der "Reichswasserschutz", die Wasserschutzpolizei in Tilsit, sein Domizil. Aus diesem Gebäude ließ sich das Hafengelände und der dazugehörende Memel-Abschnitt sehr gut beobachten und kontrollieren. Gefährliche Sogstrudel an den Spickdämmen der Memel konnten Badende zum Verhängnis werden. Wenn die Sicherheitslage es erforderte, waren die Beamten der Wasserschutzpolizei mit ihren schnellen Motorbooten in kurzer Zeit am Ort des Geschehens, um zu helfen oder die "Sünder" zu verwarnen. Wir Gnosen hatten für den "Reichswasserschutz" unseren eigenen Namen - "Reichswassertopp". Bei dem großen Respekt, den wir vor der Wasserschutzpolizei hatten, wagten wir nie, die kontrollierenden Beamten mit diesen Namen zu bezeichnen. |
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Es kam vor, daß an der Uferböschung des Hafens ein herrenloser Kahn lag, der nicht angeschlossen war. Das reizte uns, mit diesem Kahn eine Hafenrundfahrt zu unternehmen. "Kahnchefahren" war unser Stichwort. Zum Paddeln benutzten wir Bretter oder Lauten. Holz gab es ja genug im Hafengelände. Solche Hafenfahrten waren nicht ganz ungefährlich, wenn der Zustand eines Kahnes seine Verwendung zum "Kahnchefahren" nicht so ohne weiteres zuließ. Ein mit Wasser vollgelaufener Kahn deutete auf undichte Stellen hin. Im Hafen konnte er, beladen mit uns Lorbassen aus der Dragonerstraße, schnell versinken. Deshalb dichteten wir ihn mit teergetränkten Lappen oder Grasbüscheln nach seiner "Trockenlegung" ab. In den meisten Fällen hatten wir bei unseren mühevollen Vorbereitungen die Rechnung jedoch ohne den Wirt gemacht. Der "Reichswasserschutz" hatte unser Treiben von seiner überhöhten Position auf dem Damm bereits bemerkt und reagierte unverzüglich. Es kam auch vor, daß ein Patrouillenboot zufällig gerade von einer Kontrollfahrt auf der Memel zu seinem Liegeplatz am Damm zurückkehrte und uns Lortbasse beim "Kahnchefahren" im Hafen erblickte. Ehe wir uns versahen, hatte das Boot der Wasserschutzpolizei in schneller Fahrt an unserem Kahn angelegt. Wie begossene Pudel mußten wir die "Standpauke" der Beamten über uns ergehen lassen. Vorsorglich bugsierten sie dann unser Wasserfahrzeug mitsamt seiner Besatzung an das rettende Ufer. So endeten unsere Kahnfahrten meistens schon nach wenigen Paddelschlägen. |
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Es war zum Abschluß des Schuljahres 1943/44, einen Tag vor den Sommerferien. Mein Klassenlehrer, Studienrat Harbrucker, übereichte mir, dem Schüler der Klasse 1 des Staatlichen Gymnasiums in Tilsit, das Jahreszeugnis. Seine an mich gerichteten Bemerkungen vor der Klasse sind auf meinem Zeugnis, das ich wie ein kostbares Kleinod hüte, dokumentiert: "Das Streben auf körperlichem Gebiet war gut. Geistig hätte er etwas gleichmäßiger arbeiten können, doch hat der Gesamterfolg im vergangenen Schuljahr zur Versetzung in die Klasse 2 ausgereicht." Verlegen und mit rotem Kopf vernahm ich damals die mahnenden Worte meines Klassenlehrers bei der Zeugnisübergabe. Erleichtert packte ich mein "Giftblatt" ein und verließ zusammen mit den anderen Schülern das rote Backsteingebäude in der Oberst-Hoffmann-Straße. Auf dem Heimweg dachte ich frohen Herzens daran, daß ich das Gymnasium erst wieder nach acht Wochen betreten würde. Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite und ließ auf schöne und erlebnisreiche Ferientage hoffen. Meine Gedanken eilten der Zeit voraus. Mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft sah ich mich schon am sonnendurchfluteten Memelstrand, am Hafen oder in Ubermemel baden. Es sollte jedoch anders kommen. An jenem Tag konnte ich nicht ahnen, daß sich meine Erwartungen so nicht erfüllen würden. |
| Autor: © 1998 Hans-Günther Schönwald Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 28/1998 |