Es war einmal auf der "Deutschen Straße"
von Rudolf Kukla

Womit sollte ich jetzt wohl beginnen; mit der "Reise nach Tilsit", dem Spielfilm mit der Söderbaum, als man zur "Deutschen" hinlief , um einen Blick auf die bekannten Schauspieler während der Dreharbeiten zu erhaschen? - Das war 1939.

Nein: - Mit etwas früherer Zeit will ich anfangen, unbescheidener Weise mich selbst in die Darstellung mit einbeziehend.
Nun, abgesehen vom beliebten Bummel durch die Budengassen zur Jahrmarktszeit, ging es auf der "Deutschen" etwas weniger lebhaft zu als auf der "Hohen". Trotzdem vermittelte sie ihre eigenen, unbestreitbaren Reize. Den ersten dieser Reize erfuhr ich im Alter von wohl nur fünf Jahren, als ich dort mit meinem um drei Jahre älteren Bruder einen Gemischtwarenladen ansteuerte. - Wenn ich heute nur noch wüßte, wo der sich genau befand!? Immerhin prägten sich mir diese Gemischtwaren recht gut ein, weil sich dort auch Düfte vermischten, die z. ß. den großen Holzfässern, direkt neben der Ladentheke entströmten und gleichfalls alles im Laden Gemischte umgaben: Gewürzgurken und Salzheringe! Den Geruch empfand ich als gar nicht so unangenehm, aus heutiger Sicht dem Gewerbe sogar eher angemessener als die sterile Desinfektionsatmosphäre neuzeitlicher Supermärkte: was verkauft wurde, danach roch es eben, basta!

Während ich interessiert die Inhalte der ominösen Fässer inspizierte, ließ mein Bruder sie unbeirrt rechts liegen und begab sich zu einer länglichen, rot-weißgestreiften Pappschachtel, in der sich etwa 50 cm lange, grellbunte Schlangen aneinander reihten. Angeblich handelte es sich um fast naturgetreue Nachbildungen von Ringelnattern, Kreuzottern und Kobras, bestehend aus geschäumter Zuckergelatine , u. U . "Hamburger Speck" oder "Marshmellows" gemäß. Mangels der Potenzen einer neuzeitlichen High-Tech-Schaumschlägerei - also aus dem fast Nichts recht Großes aufzublähen - hatte man von jenen Schlangen bei einem Abbiß, sogar nach mehreren Kaubemühungen, tatsächlich noch einen relativ vollen Mund.

Für vier Pfennige unseres Taschengeldes von 50 bzw. 30 Pfennigen pro Woche erstanden wir jedenfalls zwei jener bunten Prachtexemplare, welche sogar zwei schwarze Liebesperlen als Augen besaßen. Letztere entfernte mein Bruder sofort von meiner "Kreuzotter" , weil jene mir, dem Jüngeren, unbekömmlich seien, und er sie zu meinem Wohl besser selbst essen müsse! Zumal mir eine solche Begründung kaum einleuchten wollte, versenkte ich die zukünftig erworbenen Reptile blitzschnell in eine meiner Hosentaschen, welche noch nicht gänzlich von allerlei tagsüber Gefundenem angefüllt war: Erstens vermochte diese Maßnahme einen unerwünschten Fremdappetit einzuschränken - zweitens hielt der Puderklebschutz für den Zuckergummischaum immerhin einige Zeit vor, ehe sich in der Tasche eine Totalverklebung ergab. Das gehörte eben in den Bereich der Lernprozesse, denen man wohl zu allen Lebzeiten ausgesetzt ist! Weniger interessant erschienen mir Vaters Erklärungen zum Napoleon-Haus, denn welcher Sucher und Finder richtet schon gerne den Blick nach oben, z.B. auf die imposanten Urnen am Dachrand des Gebäudes? Da lobte man sich doch besser das Haus Nr. 21, dessen vierstufige Portaltreppe zwei steinerne Löwen flankierten, unbedingt zum Reiten darauf verlockend. Leider dauerte dieser Spaß nie sehr lange, weil nämlich schon bald nach dem Aufsitzen die Vertreibung durch den unter lautem Geschimpf geschwungenen Aufwischkodder erfolgte. Der diente dann aber dazu, die schwarzen Streifen zu entfernen, welche unsere Gummiabsätze hinterließen , nachdem wir den viel zu trägen Viechern die Sporen gegeben hatten.

Nahe dabei unterhielt der Retter unserer familiären Wehwehchen, Dr. Lengemann, seine Praxis. Vor ihm, bis zu dessen Ruhestand, war es Dr. Woede aus der "Hohen" gewesen. Dr. Woede wohnte und praktizierte in einem hochherrschaftlichen Haus, dessen breite , teppichbelegte Treppenzüge ein Wandgeländer aus dicken, mit rotem Samt umhüllten Seilen begleitete. Er unternahm damals seine Hausbesuche per Fahrrad , bekleidet mit gestreiften Stresemannhosen, schwarzem Gehrock und Zylinder. - Ein ungemein stilvoller Mensch, - auch als Person und Charakter!

Bild links:
Deutsche Straße Nr. 21. Das Haus mit dem steinernen Löwen stand unter Denkmalschutz
(Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Nun ja, das Älterwerden bleibt nicht aus, und damit verloren dann auch die Schlangen und Löwen mehr und mehr ihre Zugkraft. Vornehmlich für meinen Bruder traten an deren Stelle nun die beiden Fahrradgeschäfte von Altmann und Lorenscheid. Eifrig wurden die Vor- und Nachteile der damals erhältlichen Bereifungen diskutiert: Vollballon, Halbballon oder Viertelballon, je nach deren unterschiedlichen Größen und darin unterbringbaren Luftmengen.

Mit langfristig angelegter Taktik und Geduld gelang es meinem Bruder endlich, Vaters feste Sparsamkeit aufzuweichen, worauf dann ein kompaktes Zweirad namens "Torpedo" mit gleichnamiger Freilaufnabe in unser Familienidyll Einzug hielt.
Schon wenige Tage danach waren Rahmen und Vorderrad verbogen: Dieses geschah beim Wettfahren im von der Fabrikstraße bis zur Mühlenteichanlage reichenden, langgestreckten Garten der Eltern eines seiner Schulfreunde, -und da waren ihm seine noch unausgereifte Bremstechnik und das Tor zur Oberbürgermeister-Pohl-Promenade einfach im Wege gewesen. Bei ihm erwiesen sich Dr. Lengemann für die Kopfbeule, bei seinem Wocken die Firma Altmann als zuständige Heiler. Ansonsten ergab sich nichts Unangenehmes mehr - was den Eltern hoch anzurechnen war. Mutter nahm sogar freudig das Angebot Tante Lottes an, deren Fahrrad zu übernehmen - und das war gewiß ein Hochqualitätsprodukt der Firma "Rixe", ausgerüstet mit allem Komfort und sogar den besonders von Damen bevorzugten Vollballonreifen.


Um nun Familienausflüge per Rad unternehmen zu können, lieh sich Vater zunächst ein altes Stahlroß von einem noch sparsameren Bekannten aus, entschloß sich, nach schlechten Erfahrungen damit, dann aber doch, ein repräsentatives Vehikel namens "Polo" mit "Durexnabe"' von Lorenscheid zu erwerben; - rotbraun lackiert, mit goldenen Zierstreifen überall herum. Dazu gab es zunächst für mich einen Querstangensattel auf Vaters Rad und für Mutter nach langem hin und her schließlich auch den "Rako",- einen Radkoffer aus bestem Vulkanfiber, formal zum Gepäckträger ihrer "Rixe" ganz genau passend. Darin wurden also Marschverpflegung und Verbandszeug verpackt. Auf den kopfsteingepflasterten Straßen, wie auch unserer Fabrikstraße, war Mutter mit ihren weich federnden Vollballonreifen zweifellos im Vorteil. Hingegen auf der ebenen, bogengepflasterten "Deutschen" blieb sie jedoch wegen der kleineren Durchmesser ihrer Räder immer etwas hinter uns zurück. Weil es nun aber Fahrrädern bisweilen an der die Senkrechte einhaltenden Stabilität mangelt, waren hin und wider einige Hautabschürfungen unvermeidbar. Hier half nur eine Salbe, schneller und gründlicher als alle anderen zu jener Zeit - und diese gab es nur als das auf der Welt einmalige Produkt exklusiv von einer der Tilsiter Apotheken. War es nun die Kronen-, Falken- oder Grüne Apotheke?


Die Häuserzeile Deutsche Straße 33 bis 37.
V.r.n.L.: Die Fleischerei Ernst Schoeppe, die Bäckerei Paul Nadzeika,
das Fahrrad- und Motorradgeschäft Walter Tennigkeit
(in diesem Haus wohnte u.a. der Dentist Gustav Wilma)
und links daneben das Lebensmittelgeschäft Arno Ehleben ( Foto: Klaus Peter Wilma)

Ich kann mich nur noch an diese hell-lehmfarbene, etwas herbe riechende Salbe erinnern - und sie hieß "Antiseptische Bor-Zink-Paste"; - stets dabei, immer zur Hand!

Schließlich, kurz vor Kriegsbeginn: Bei Raudies und Bugenings ersetzten wir unsere ausgewachsenen Uniformstücke. Eigentlich galt aber meines Bruders Interesse nunmehr der Eisenwarenhandlung Struwe. Warum? - Ach ja, dort waren Luftbüchsen erhältlich, mit allem Zubehör und schönen Holzschäften. Er erreichte sein Ziel auf fast genau dieselbe Weise, wie es ihm beim Fahrrad gelungen war, - und zu Weihnachten 1938 bekam er dann das Schießgewehr. Es hatte sogar eine Knicksicherung! Dazu kam noch ein Kugelfang mit einem Stoß Zielscheiben. Struwes spendierten außerdem, also margrietsch, sechs immer wieder verwendbare Puschelpfeile und ein Döschen Zylinder-Bleigeschosse dazu.

Als das Scheibenschießen schließlich zu langweilig geworden war, schossen wir die Flugzeuge ab, welche sich unter unserer Kinderzimmerdecke angesammelt hatten. Zwar waren diese einst lange und mühevoll aus Papp-Vorlagebögen geschnitten, geformt und zusammengeklebt worden, - aber es war ja nun Krieg! Anscheinend war Mutter auch froh darüber, daß diesen so kleinen Staubfängern der Garaus gemacht wurde. - Somit gab sie deren Abschuß frei, zumal eine Renovierung des Kinderzimmers nötig geworden war.

Außerdem hatte Vater noch eine Tüte Gips im Hause, womit der Maler dann die Spuren aller Fehl- und Durchschüsse in Zimmerdecke und -wänden relativ mühelos würde beseitigen können. Kurz vor dem erfolgreichen Ende unserer "Flugabwehrmaßnahmen" ging aber der Büchse dank defekten Druckkolbens die Luft aus!. Mangels noch erhältlicher Ersatzteile erübrigte sich jeglicher Reparaturwunsch. Deswegen also verträumte der Schießprügel nun den Rest seiner Tage in einem Winkel der Abstellkammer. Es vergingen dann nur noch wenige Jahre, bis die "Deutsche", gesäumt von Ruinen und trotz der Breite von Trümmerteilen verunstaltet, dem Betrachter einen wahrhaft traurigen Anblick bot. - Mein Bruder war Soldat geworden, in einem Krieg, aus dem es für ihn keine Wiederkehr gab.

Autor: © 1997 Rudolf Kukla
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 27/1997

Heimatberichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 26. Januar 2011