Meine Schulzeit in der Tilsiter Cecilienschule
von Hildegard Podzuhn

Von der Neustädtischen Schule wurde ich 1935 zur Cecilienschule umgeschult. Mein Schulweg führte mich von der Stiftstraße in die Fabrikstraße, vorbei an der Loge "Zu den drei Erzvätern", am Waisenhaus, an der Salemgemeinde, über die Grünstraße und zur Oberst-Hoffmann-Straße zur Ecke Langgasse/Fabrikstraße, wo sich die Schule befand. Der Schule gegenüber war die Polizeidirektion. Davor befand sich das Arbeitsamt.

Durch die Umschulung musste man sich von einigen Mitschülerinnen trennen, da einige in der alten Schule verblieben, während andere zur Königin-Luisen-Schule wechselten. Von anderen Schulen kamen neue Schülerinnen hinzu. So ergaben sich im Laufe der Jahre neue Freundschaften. Ich war sehr traurig, als ich mich von meiner besten Freundin, Ortrud Goetzke, trennen musste, die zur Königin-Luisen-Schule wechselte. Bis dahin hatten wir unsere Kindheit gemeinsam verbracht, zumal unsere Eltern auch befreundet waren und so mancher Ausflug nach Waldkrug gemeinsam unternommen wurde. Außerdem waren beide Väter Mitglied im Tilsiter Gesangverein bei Herrn Wilhelmi. Der Laden von Herrn Goetzke in der Clausiusstraße war oft Treffpunkt der Sangesbrüder. Unsere Freundschaft hat trotz Krieg und Flucht bestanden, bis der Tod einige Lücken hinterließ. Durch Zufall fanden wir uns wieder während der Fahrt mit dem Dampfer von Glücksburg nach Flensburg.

Meine Klasse war die 6 b. Klassenlehrerin war Fräulein Toni Tolkmitt (Spitzname „Tolle") Bei ihr hatten wir Englisch. Zum Lesen hatte sie immer ein Stielglas, mit dem sie immer sehr würdig aussah. Zu ihren Besonderheiten gehörte die Zettelwirtschaft. Es war immer sehr erstaunlich, wenn sie unter den vielen Zetteln immer den richtigen fand. Mit ihr hatte ich nach dem Krieg noch ganz kurz Verbindung. Einen letzten Geburtstagsgruß konnte ich ihr noch zum 27. Januar 1946 senden.


Die Stadt. Mädchen-Mittelschule wurde im Jahr 1884 erbaut. Sie befand sich in der Fabrikstraße 33 gegenüber der Polizeidirektion und an der Ecke Langgasse. 1912 erhielt sie den Namen Cäcilienschule, später Cecilienschule. Sie gehört zu den wenigen Tilsiter Schulen, die den Krieg und seine Folgen nicht überstanden haben. Die Aufnahme entstand im Jahr 1937.
Einsenderin: Erika Jansen-Hartges

Es war eine schöne Zeit an der Schule. Wir hatten nette Lehrer und Lehrerinnen, die uns viel beigebracht haben. Es wurde in den Fächern Deutsch, Mathematik, Physik, Zeichnen, Biologie, Geschichte, Erdkunde, Religion, Sport, Handarbeit und Stenographie unterrichtet. Außerdem wurde uns bei der Privatschule Behrens & Mosel ein Schreibmaschinenkursus angeboten.

Religion hatten wir bei Herrn Naraschewski, den wir leider oft geärgert haben. Sein Leitspruch war: "Gut Tochterchen, setz dich!" Erdkunde vermittelte Herr Dill, genannt "Fullstop". Der Physikunterricht bei Herrn Richter fand im Physikraum statt. Biologie brachte uns Fräulein Quednau bei. Sie war sehr streng. Bio war mein Lieblingsfach. Oft gingen wir in den Schulgarten, der sich in der Nähe der Katholischen Kirche befand. Dort verrichteten wir ein wenig Gartenarbeit. Im Herbst, wenn die Äpfel reifwaren, steckten wir uns die schönen roten Äpfel in unsere Puffärmel, um später gut davon zu haben. Während des Krieges mussten wir Heilkräuter sammeln, was mir Spaß machte. Wir hatten unseren Schrebergarten in Moritzhöhe, wo es viel Wiesenblumen und somit reichlich Heilkräuter gab. Die gesammelten Heilkräuter wurden dann von Fräulein Quednau gewogen, und es gab für die gesammelte Menge eine entsprechende Anzahl von Punkten, die sich auf die Zensur auswirkte. Leider schummelten einige Schüler, die nichts gesammelt hatten, hinter dem Rücken der Lehrerin und nahmen aus dem Bestand ihren Anteil heraus und kamen dadurch ohne Mühe zu guten Zensuren. Diese Schummelei gab es auch schon früher. Handarbeit hatten wir bei Frau Kalenke. Es wurde gestickt, gestrickt und gehäkelt. Sport wurde ebenfalls bei Frau Kalenke getrieben, gelegentlich auch bei Fräulein Wisbar. Geräteturnen war nicht so sehr meine Stärke, dafür umso mehr Völkerball. Dabei ging es oft hart zu. Die härtesten Bälle warf immer Lore Schaal.



Die Klasse 6b im Jahr 1941.
Obere Reihe: Charlotte Passenheim/Neumann, Lore Schaal †, Herta Weschkalnis, Irmgard Tröder, Ilse Kuprat (?), Eva Jonat (?), Lieselotte Werner †, Motzkus, Hanna Singer, Margot Grube †, Hildegard Keiluweit/Podzuhn;
2. Reihe: Inge Sudau, Lieselotte Killutat/Kaufmann †, Waltraud Redetzki †, Edith Lorenscheid,
Helga Pauls †, Christa Schultz-Berndt, Elfriede Vongehr, Dora Hoppe/Wesche, Ingrid Webrat, Dora Peiser †, Dora Scheller †, Irmgard Raudonat, Hilde Naujoks †;
Vordere Reihe: Helga Thiel, Hilde Aschmoneit, Lehrerin Toni Tolkmit †, Anneliese Kersties, Hilde Gronau, Friedchen Tautorat. Einsenderin: Hildegard Podzuhn

Im Sommer ging es zu den Sportplätzen "überm Teich". Dort war ich in meinem Element. Laufen, Springen und Ballweitwurf gehörten zu meinen Lieblingsdisziplinen. Manche Urkunde für gute Leistungen gab es bei den großen Sportfesten im Hindenburgstadion. Der Zeichenunterricht fand bei Fräulein Buttkus im Zeichensaal statt. Auch Scherenschnitt wurde uns beigebracht. In der letzten Klasse hatte ich "Hans im Glück" in Scherenschnitt als Märchenbuch fabriziert. Fräulein Luttkus war eine überzeugte Gegnerin von Kitsch. Bei Herrn Stachel gab es Musikunterricht.

Wir lernten viele schöne Volkslieder kennen. Bis Herr Stachel die Aula betrat, spielte Christa Schultz-Berndt auf dem Harmonium die bekannten Schlager der damaligen Zeit u.a. "Hofkonzert im Hinterhaus". Herr Block brachte uns Geschichte und Fräulein Deskau Stenographie bei. Deutschunterricht hatten wir bei Herrn Schneller. Er war der Rektor der Schule und bei uns Schülerinnen sehr beliebt. Eine besondere Liebe hatte er für Wilhelm Busch. Viele Balladen und Gedichte haben wir bei ihm gelernt, wobei auch die Dichter selbst nicht zu kurz kamen. Mathematik brachte uns Herr Nesslinger bei, später Herr Baumgart. Wenn eine Schülerin eine seiner Fragen nicht beantworten konnte, benutzte Herr Baumgart gerne folgenden Ausspruch: "Kannst geh'n Filzschuh wichsen"! Wir hatten ihn alle gern, wegen seiner humorvollen Art.

Die Pausen wurden auf dem Schulhof verbracht. Wenn Herr Lindemann Aufsicht hatte, ging es sehr streng zu. Kein Stück Papier durfte liegen bleiben, und schön in Reih und Glied ging es wieder ins Schulgebäude hinein.

Wir hatten eine schöne Aula, in der manche Veranstaltung stattfand. Die Schule besaß auch ein Kartenzimmer und eine Bibliothek, für die ich einige Zeit zuständig war. Sobald man wusste, dass man versetzt wurde, dann wurden die Schulbücher in die nachfolgende Klasse abgesetzt und die von der höheren Klasse nach Möglichkeit angekauft. Das Geld war bei vielen Eltern knapp, da auch Schulgeld gezahlt werden musste.

Als das Memelland im Jahr 1939 von Litauen an Deutschland zurückgegeben wurde, kamen neue Schülerinnen hinzu. Ich erinnere mich noch an Waltraut Reiser, Hilde Naujoks und Doris Nitschmann. Einige Schülerinnen verließen uns schon nach der dritten Klasse. Die Eltern von Gerda Luttkus waren Schausteller auf dem Jahrmarkt. Oft bekamen wir von Gerda Freikarten. Am Interessantesten war ihr Wohnwagen, der, wenn in Tilsit Jahrmarkt war, auf dem Schlossplatz stand. Wir waren überrascht, wie gemütlich es darin war. Wer kannte damals schon Wohnwagen?

1939 wurden einige von uns in der Kreuzkirche konfirmiert. Wir bekamen dafür einige Tage frei. Zu der Zeit wurden gerade auf dem Schenkendorfplatz einige Szenen für den Film "Die Reise nach Tilsit" gedreht. Alle sind wir verbotener Weise zum Schenkendorfplatz gegangen, um Kristina Söderbaum und Veit Harlan zu sehen. In der Schule gab es einen Rüffel, aber das war uns die Sache wert.

Durch die Kriegsereignisse fiel unsere Schulabschlussprüfung aus. So erhielten wir unser Abschlusszeugnis ohne Prüfung. Den Abschluss feierten wir im Cafe Juckel in der Stolbecker Straße. Kurz vor dem Ende der Schulzeit wurden wir noch bei der Polizeidirektion für leichte Karteiarbeiten eingesetzt. Diese Arbeit hat uns viel Spaß gemacht. Wir waren eine gute Klassengemeinschaft. Es ist schade, daß von den „Ehemaligen" zu den Tilsiter-Treffen kaum jemand kommt. Die meisten ehemaligen Schülerinnen und Schüler Tilsiter Schulen haben sich zu Schulgemeinschaften zusammengeschlossen, nur unsere Schule leider nicht. Seit dem Tod von Christel Schmidt läuft in dieser Beziehung nichts mehr.

Folgende Namen der Schüler sind mir in Erinnerung geblieben: Hilde Aschmoneit, Anneliese Kersties, Irmgard Raudonat, Lore Schaal, Irmgard Tröder, Edith Lorenscheid, Edith Lorst, Charlotte Passenheim, Hanna Singer, Lieselotte Killutat, Margot Grube, Dora Hoppe, Hildegard Gronau, Lieselotte Werner, Waltraud Redetzki, Helga Pauls, Christa Schultz-Berndt, Ingrid Webrat, Herta Waschkalnis, Doris Nitschmann, Hilde Naujoks, Friedchen Tautorat, Elfriede Vongehr, Christa Schweriner, Frida Delkus, Eva Schneidereit, Ilse Uckermark, Inge Sudau und Helga Thiel.

Falls meine Erinnerungen nach so langer Zeit Fehler aufweisen, bitte ich um Entschuldigung.

Autor: © 2008 Hildegard Podzuhn
Quelle:
"Tilsiter Rundbrief" Nr. 38/2008

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 02.12.2008
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letzte Änderung dieser Seite : Montag, 24. Januar 2011