ein beliebter Treffpunkt auf der "Hohen"...
Cafe und Konditorei Gesien
von Manfred Gesien

"Lass" uns mal die Hohe laufen" war vielen Tilsitern ein wohl vertrauter Spruch. Offenbar ist diese Aufforderung aber auch heute noch nicht ganz vergessen, wurde sie doch vor kurzem in einem Fernsehbericht von Ulla Lachauer über das jetzige Tilsit noch einmal zitiert. Was muss das doch ein spezielles Vergnügen gewesen sein, beim Schaufensterbummel die Hohe Straße auf und ab zu spazieren und dabei zu sehen und gesehen zu werden. So "stolzierten" meine beiden Tanten, Erna Gesien und Lotty Bronsert, gerne die "Hohe" rauf und runter, angetan mit ihrem Sonntagsstaat und ausgestattet mit breiten Hüten, jeweils einer Fuchsstola, wobei die Fuchsköpfe vorne ineinander gelegt waren, und mit Netzhandschuhen. Das muss schon ein toller Anblick gewesen sein! Nun bin ich erst 1943 in Tilsit geboren worden und kann daher alles nur aus den Erzählungen meiner inzwischen 88jährigen Mutter wiedergeben, die 1939 meinen Vater, Alfred Gesien, heiratete und 1942 aus dem Rheinland nach Tilsit zog. Aber ihre Berichte über das alte Tilsit spiegeln doch auch heute noch ihre große Liebe und Sehnsucht nach dieser gutbürgerlichen und anheimelnden Stadt wieder.


Bild 1: Die einst bekannte Kondidoreit in der Hohen Straße

Die Konditorei Gesien mit ihrem Cafe (Bild Nr. 1) lag etwa in der Mitte der Hohen Straße und lud daher bestens zum Verweilen ein. Sie wurde Ende des vorvorigen Jahrhunderts, also vor 1900, von meinem Großvater, Albert Gesien, erworben und hätte vor einigen Jahren 100jähriges Jubiläum gefeiert. Doch die Kriegsereignisse ließen daraus keine fünfzig Jahre werden. Nach dem Erwerb wurde das Geschäft im Rahmen mehrerer kleiner Veränderungen zu der in den vierziger Jahren bekannten Größe ausgebaut. Mit dem Tod meines Großvaters 1937 ging die Verantwortung auf meine Großmutter, Gertrud Gesien, über, die mit Hilfe ihrer Schwiegertochter, die Konditorei und das Cafe allein weiterführte. Gertrud Gesien war eine recht energische und kaufmännisch begabte Frau, die nach dem Kriege in ärmlichen Verhältnissen - als "Pracher", wie sie sich ausdrückte - in Erfurt lebte und dort 1963 verstarb. Den Verlust ihrer Heimat hat sie, wie viele Ihrer Landsleute, nie verwinden können. Ein altes Foto aus den 30er Jahren zeigt Gesien's als gutbürgerliche Familie. Neben den Eltern, Albert und Gertrud Gesien, posieren die Kinder (von links) Lotty, Walter, Ernst und Alfred. (Bild Nr. 3) Nicht nur die Lage, sondern auch das Ambiente, machten das Cafe Gesien zu einem beliebten Treffpunkt der Tilsiter. Hektik - die schnelle Tasse Kaffee - waren unbekannt, vielmehr standen Ruhe und Gemütlichkeit im Vordergrund. Frisch Verliebte führten hier ihre Damen aus, Verlobungen und Jahrestage wurden gefeiert oder man kehrte einfach nach getanem Vergnügen, nämlich dem "Hohe Laufen", dort zu Kaffee und Kuchen ein. Aber auch Kinder waren gern gesehene Gäste, wenn sie für ein Dittchen -10 Pfennige - "Schrabbels" in der Tüte kauften, süße, wohl schmeckende Reste von Torten, Kuchen und Plätzchen.


Bild 3: Dieses Foto aus den dreißiger Jahren zeigt die Familie Gesien. Neben den Eltern
Albert und Gertrud Gesien posieren die Kinder (v.l.) Lotty, Walter, Ernst und Alfred

Dass man nicht nur gerne hier verweilte, sondern sich auch gerne zeigte, verdeutlicht eine Episode, die kürzlich von einer damals jungen Dame zum Besten gegeben wurde. Sie hatte sich entsprechend ausstaffiert, um als mondän gelten zu können. Auf dem Kopf trug sie ein kleines Hütchen mit einem damals modernen Schleier, der die Augenpartie interessant erscheinen lassen sollte. Nun hatte sie Kuchen gegessen und Kaffee getrunken und wollte sich als Höhepunkt ihres Aufenthaltes im Cafe eine Zigarette anstecken. Dabei stellte sie sich allerdings etwas ungeschickt an, so dass ihr Schleier in Brand geriet. Geistesgegenwärtig riss sie sich das Hütchen vom Kopf, warf es auf den Boden und trat die kleinen Flammen aus. Kaum jemand hatte das Missgeschick bemerkt, aber ihr Verlangen nach großen Auftritten war ein für alle Male gestillt.


Das Cafe war täglich von 8 bis 23 Uhr geöffnet. Nach eigenen Angaben war es die "Führende Konditorei bester Qualitätswaren", bekannt für hervorragende Baumkuchen, Torten und Speiseeis. Vierzehn Angestellte kümmerten sich in Backstube, Küche, Verkaufsraum und Cafe um die Gäste. In Sommerzeiten wurden Tische und Stühle auf den breiten Bürgersteig vor dem Cafe gestellt, so dass man in frischer Luft und mit Blick auf die Vorbeispazierenden seinen Kaffee genießen konnte. Rechts und links der Eingangstür waren Schaufenster, in denen das umfangreiche Kuchen- und Torten-Angebot präsentiert werden konnte. Wer hier genauer hinschaute, konnte über viele Jahre kunstvolle Kreationen aus Zuckermasse erblicken. Künstler war der Sohn der Inhaberin, Walter Gesien, der seinen Beruf in Köln erlernte, leider aber durch einen Betriebsunfall in der Backstube schon 1941 verstarb. Er modellierte maßstabsgetreu Skulpturen und Sehenswürdigkeiten, für die er zahlreiche Auszeichnungen und Goldmedaillen erhielt, wie den alten Fritz mit seinen Windspielen, den Überseedampfer Bremen, einen Elch oder ein chinesisches Teeservice en miniature. Das einzige uns erhaltene Foto einer solchen Kreation ist die Nachbildung eines zauberhaften Märchenbrunnens, der noch heute in Düsseldorf im Hofgarten bewundert werden kann. (BildNr. 4)









Bild 4:
Walter Gesien hat diese Skulptur eines Märchenbrunnens aus einer Zuckermasse maßstabsgerecht Modeliert.







Trat man durch die Eingangstür, so gelangte man links in den Verkaufsraum, wo Kuchen und Torten ausgestellt und - auch im Straßenverkauf - verkauft wurden und Speiseeis in zahlreichen Sorten erhältlich war. Rechts von der Eingangstür schloss sich der Gastraum an. Er war in mehrere Räume unterteilt.

Im Hintergrund war ein kleines Zimmer, in dem sich nach Erzählungen meiner Mutter, Tag für Tag unter anderem die Gattinnen der Honoratioren der Stadt nebst meiner Großmutter einfanden. Was mag da "geschabbert" und wohl auch über Bekannte und weniger Bekannte gelästert worden sein? Die Damen besaßen Sitzfleisch, wollte doch keine als erste gehen, um nicht den Zurückgebliebenen Gelegenheit zu Lästerungen über sich selbst zu geben. Meine Großmutter überblickte von ihrem Platz aus den Gastraum und konnte, wenn notwendig, in das Geschehen eingreifen. Fühlte sie, dass ein Gast zu lange auf Bedienung warten musste, offenbar einen Wunsch hatte oder sonst etwas nicht in Ordnung war, so brauchte sie nur mit ihrem Ehering an das vor ihr stehende Glas zu klopfen. Prompt war eine Bedienung zur Stelle, um nach dem Rechten zu sehen oder sich um den Gast zu kümmern.


Bild 2: Der Gastraum. Durch das große Innenfenster konnte die Inhaberin von ihrem
Platz aus das Geschehen im Gastraum gut überblicken

Weiter gerade aus war ein abgeschlossener Raum, in dem sich häufig Angehörige des Militärs zu geselligen Abenden trafen. Rechts im Hintergrund führte eine kleine Treppe zur Kegelbahn, die allerdings in den Kriegszeiten nur sehr selten benutzt wurde. Die Küche lag ein Stockwerk höher und war mit dem Ladenlokal über einen Aufzug verbunden. Die Gasträume waren mit einer Reihe kleiner runder Tische mit heller Marmorplatte ausgestattet, sowie Sesseln, die mit hellrotem Samt bezogen waren. Es muss wohl ein hübscher gemütlicher Anblick gewesen sein, der viele Gäste zu einem längeren Verweilen einlud, als es meiner Großmutter manchmal recht sein konnte. (Bild Nr. 2) Dass sie mit ihrem resoluten und praktisch denkenden Geschäftssinn das Cafe nicht nur zur Blüte gebracht, sondern auch vor manchem Schaden bewahrt hat, beweist folgende Überlieferung: Einen tiefen Einschnitt in der Geschichte Tilsits stellte die Besetzung der Stadt durch Russen im ersten Weltkrieg dar. Plünderungen von Geschäften und Diebstähle waren in der Anfangszeit an der Tagesordnung. Die Konditorei war in den ersten Tagen verschont worden. Damit es so blieb, musste nach außen der Eindruck erweckt werden, als wenn schon Russen mit ihrer "Arbeit" fertig geworden seien. Also brachte meine Großmutter in den Schaufenstern alles durcheinander, warf zerknülltes und zerrissenes Papier und sonstige Abfälle hinein und sorgte auch im Cafe durch Umstürzen der Tische und Stühle für ein wildes Durcheinander. Die vorbeikommenden Russen ließen sich tatsächlich von dem chaotischen Anblick täuschen und so blieb das Cafe und die Konditorei unbehelligt.

Nun waren Russen während der Besatzungszeit (Anm.:1.Weltkrieg) auch gerne Gäste im Cafe. Nicht immer trinkfest, kam es manchmal zu heftiger Randale. Der Dichter Robert Barkowski hat in humoristischen Versen diese Zeit in "Ut miene Russetied" beschrieben und unter anderem folgendes erwähnt: "Een frecher Lömmel wurd mal wild, schlog biem Gesien önt Kaiserbild." Dieses Kaiserbild mit der zersprungenen Glasscheibe gab es tatsächlich, es stand bis zuletzt auf dem Dachboden oberhalb der Konditorei.

Nur wenig ist von damals erhalten geblieben. Eine Kaffeetasse aus dem Cafe, ein paar vergilbte Fotos und zahlreiche Erinnerungen leuchten aus der Vergangenheit zu uns herüber und lassen eine glückliche Zeit wieder lebendig werden. Eine Rarität besonderer Art sollte hier jedoch noch Erwähnung finden, nämlich eine Speisekarte aus der Konditorei Gesien. Da gab es kalte und warme Speisen, wie ein Frühstück - Kaffee, Tee oder Fleischbrühe, dazu ein Ei oder eine Pastete und ein Butterbrot für 75 Pfennig - ein Kännchen Kaffee für 60 Pfennig, ein Glas Milch für 10 Pfennig oder ein belegtes Brot mit Lachs oder Sardellen für 60 Pfennig. Dazu Eis und Eisgetränke – ein Eis-Früchte-Becher mit Sahne war für 90 Pfennige zu haben – oder Bier der Tilsiter Aktien-Brauerei mit 0,25 l für 22,5 Pfennige.







Bild links:
Preise in RM vor rd. 70 Jahren.
Auszug aus der Getränkekarte der Konditorei Gesien









Autor: © 2005 Manfred Gesien (einschl. eingesandter Bilder)
Quelle: Tilsiter Rundbrief Nr. 35/2005

Handel und Verkehr



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 14.12.2005
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 25. Januar 2011