zur Geschichte
Burg und Marktflecken Tilse
und die Gründung der Stadt Tilsit
von Heinz Kebesch

Einleitung

Die Gebiete der heidnischen Prußenstämme zwischen Weichsel und Memelstrom traten in der Geschichte des Abendlandes erst dann in Erscheinung, als die Kreuzzugsbewegung des Mittelalters in den osteuropäischen Raum überging. Es war die Epoche, wo in den Ländern des Ostseeraumes Heidentum, orthodoxes Christentum östlicher Prägung und die römisch-katholische Kirche aufeinanderstießen. Aus historischer Sicht wäre zu sagen, daß die Prußen (Westbalten) christliche Nachbarn hatten: Im Norden die Dänen, im Westen die Deutschen, im Süden die Polen. Sie befanden sich damals sozusagen im Vormarsch auf das heidnische Nordosteuropa und zwar auf Litauen, Livland, Kurland, Estland und das Land der Prußen, missionierend, herrschaftsbildend und handeltreibend. Die Frühgeschichte der Hanse, das Vordringen deutscher Kaufleute in die östliche Ostsee, ist diesem Zeitraum zuzurechnen. So war die Christianisierung und Kolonisierung des Prußenlandes im 13. Jahrhundert durch den Deutschen Orden unvermeidbar, denn auch für die Prußen war die Zeit eine andere geworden. Von grundsätzlicher Bedeutung war allerdings, daß ihre Mythologie im krassen Gegensatz zum Christentum stand, zur Botschaft der Heiligen Schrift, die den Menschen gegeben und durch Jahrhunderte weitergetragen wurde.

Karte: Die baltischen Völkergruppen um das Jahr 1090

Als im Jahre 1283 n.Chr. die Christianisierung im Prußenland im großen und ganzen zum Abschluß gekommen war, traf das allerdings nicht auf alle heidnischen Völker in Nordosteuropa zu. Das nunmehr christianisierte Ordensland Preußen grenzte zu dieser Zeit an das heidnische Litauen. Litauen reichte mit seinem westlichen Teil und dem Gebiet der Szameiten fast bis an die Küste der Ostsee. Trotz der Kreuzzüge gegen die Litauer und Szameiten im 14. Jahrhundert war es dem Deutschen Orden nicht gelungen, eine Christianisierung durchzuführen, wenn auch das im Grenzbereich der Memelstromgebiete befindliche prußische Schalauen dem Orden zugefallen war. Bei den fortdauernden Auseinandersetzungen mit den Litauern und Szameiten war der Deutsche Orden offensichtlich an die Grenzen seiner Kraft und Möglichkeiten gekommen. Außerdem trat für den Orden durch die Heirat der polnischen Königstochter Jadwiga mit dem litauischen Fürsten Jagiello ein unvorhergesehenes Ereignis ein. Im Ehevertrag vom 14. August 1385 verpflichtete sich der Fürst Jagiello sich selber und alle Nichtchristen seines litauischen Volkes christlich taufen zu lassen. Dadurch wurde gleichzeitig ein christliches Litauen geschaffen. So entfiel für den Deutschen Orden die Christianisierung Litauens.

Somit war der Memelstrom die erreichte Grenze zwischen Litauen und dem preußischen Ordensland. Infolge der immer wieder aufkommenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Litauen und dem Orden, wurde im Jahre 1289 n.Chr. als wichtigster Stützpunkt des Ordens an der Memel die Burg Landeshut erbaut, die später nach dem benachbarten Fließ Raganita-Ragnit benannt wurde. Doch reichte einerseits Ragnit allein nicht aus, um, in den Krisenzeiten den ansässigen Bewohnern ausreichend Schutz zu gewähren, andererseits mußte der Orden eine in etwa sichere Nachschubstraße schaffen, mithin weitere Burgen anlegen. Aus dieser Erwägung heraus ist die Entstehung der Schalauer Burgen, der Burg Caustritten auf dem Tilsiter Schloßberg, der Burg Splitter und der Burg Tilsit zurückzuführen. Es ist aber zwischen einer älteren und jüngeren Schalauer Burg zu unterscheiden. Die ältere, die der Ordenschronist Peter von Dusburg als "castrum Scalowitarum" erwähnt, ist 1293 erbaut und hat in der Nähe des früheren Ragniter Schlosses, das in den Jahren 1397 bis 1403 entstand, am Strom gestanden. Die jüngere "novam domum in terra Schalvensi" erbaute ein Ordensmeister auf dem Pascalwusberg bei dem Dorf Pa Scalwen, denn Pa Scalwen war das Dorf an der Scalwenburg. Allmählich schuf der Orden dadurch einigermaßen Ruhe und Sicherheit. Es ergab sich jedoch für den Orden bald ein wichtiges Problem.

Hochmeister Konrad von Jungingen (1392-1407) betrachtete es als notwendig, die Memelstromgebiete und auch die Wildnisränder durch Ansiedlungen zu beleben. Aus diesem Grunde begünstigte er nicht nur die Einwanderung deutscher Siedler, sondern siedelte auch gefangene Szameiten an, die er durch Gnadenerlasse auszeichnete. So ließen sich zum Beispiel im Jahre 1404 eine Reihe von Kolonisten bei Splitter an der Memel nieder. Durch großzügige Unterstützungen, unentgeltliche Gewährung von Baumaterialien, Saatgetreide und Handwerksgeräte suchte der Hochmeister arbeitsfreudige "Pioniere" in die unerschlossenen Grenzgebiete der Memelstromlandschaften zu ziehen. Ein wohl notwendiges Siedlungsprogramm, das dem Orden große Kosten verursachte. Zu diesen fortschrittlichen Maßnahmen des Hochmeisters Konrad von Jungingen war es dem Orden auch daran gelegen, den nordöstlichen Teil des Landes zu erschließen und entsprechende Verkehrswege auszubauen. Die Verlängerung der Deime von Labiau bis zum Pregel bei Tapiau schuf eine künstliche Wasserverbindung zwischen dem Kurischen Haff und dem Pregel, mithin eine direkte Wasserstraße von Königsberg (Pr.) nach der Seestadt Memel, der Memelniederung und dem verkehrswichtigen Memelstrom. Dadurch wurde der Handelsverkehr in Friedenszeiten in fortschrittliche und normale Bahnen gelenkt.


Die Burg Tilse

In den Jahren 1404 bis 1409 wurde unter der Leitung des Marienburger Baumeisters Nicolaus Fellensteyn, der in jener Zeit beim Deutschen Orden die Stelle eines Bauberaters bekleidete, an der Mündung der Tilszele in den Memelstrom die Burg Tilse errichtet. Hier war der Verwaltungssitz des Deutschen Ordens für die sich unter dem Schutz der Burg gebildete kleine Ansiedlung von deutschen Siedlern und bekehrten Schalauern. Nicht lange sollte die neuerbaute Burg ungestört bleiben.

Am 8. Februar 1411 überfielen, trotz des im Jahre 1411 zu Thorn abgeschlossenen Friedensvertrages, Litauer und Szameiten diese Burganlage, brandschatzten und plünderten diese, ebenfalls die nähere Umgebung. Im Jahre 1412 wurde die Burg Tilse dann wieder aufgebaut. Im Verhältnis zur Burg Ragnit (Sitz des Komturs) war sie nur eine kleine Wehranlage, deren Waffenarsenal im Jahre 1415 lediglich 17 Armbrüste, 11 Lotbüchsen und 3 Steinbüchsen betrug. Der Bau eines massiven Burgbollwerkes erfolgte erst 1670 bis 1671. In dieser Zeit waren in der Burg die Behörden der herzoglichen Verwaltung mit dem Amtshauptmann, die Gerichtsbarkeit und der Kommandeur des ersten Dragonerregiments untergebracht. Im Jahre 1805 verkaufte der preußische Staat die Burganlage für 16500 Taler an Tilsiter Kaufleute. 1842 benutzte man diese Anlage als Holzstapelplatz und für einen gewerblichen Betrieb mit einer Dampf-, Öl- und Mahlmühle. Zwei Jahre später entstand an dieser Stelle eine Papierfabrik. Ein Großfeuer vernichtete die gesamte Anlage am 27. Dezember 1876. Im Jahre 1881 erhielt die Firma J.-C. Keyser die Konzession für die Erstellung eines Kalkbrennofens. Bliebe noch zu sagen, daß von der Burg und dem Schloß nur noch eine Seite der Umfassungsmauer des Nordflügels zur Memel hin übriggeblieben war.


Die Schutzanlage der Burg Tilse (1795)

Der Marktflecken Tilse

Unter dem Schutz der Burg Tilse wurde im Jahre 1511 durch den Hochmeister des Deutschen Ordens Albrecht, Markgraf von Brandenburg-Ansbach, die Siedlung Tilse als Marktflecken begründet. Damit hatte Tilse das Recht des Markthaltens, im Gegensatz zu einem Dorf, das dieses Recht nicht hatte. Die Entwicklung des Handels und der Wirtschaft, nicht zuletzt durch die günstige Lage am Memelstrom, der die wichtige Ost-Westverbindung ermöglichte, aber auch die Landverbindung von Norden nach Süden war für den Marktflecken Tilse von großer Bedeutung. Die ersten Siedler waren deutsche Kaufleute, Krüger (Bierbrauer) und Handwerker. Nach historischen Berichten verlieh der Hochmeister dem Bürger Georg Brendel am 8. Juni 1514 eine Kruggerechtigkeit (Konzession). Im Jahre 1552 kamen nach der Stadtgründung noch 12 Krüge in der "Langen Gassen" (frühere Deutsche Straße) hinzu, die auch gleichzeitig als Herberge für durchreisende Handeltreibende zu dienen hatte. Das waren die Krüger Hans Baumgart, Heinrich Koch, Konrad Verspach, Gallus Klemm, Balthasar Jerichow, Asmus Baumgart, Valentin Neuhof, Christoph Malkwitz, Albrecht Baumgart und Joachim Pole. Die Anzahl der Krüge spricht für einen lebhaften Handel und Verkehr zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Mit Ausnahme der Krüger, die zugleich auch Berufe als Kaufleute und Händler mit Zustimmung der herzoglichen Verwaltung ausüben durften, waren die übrigen Bürger zur Aufrechterhaltung ihres Lebensunterhaltes bei den damals anfänglich schwierigen Verhältnissen in ihrer neuen Heimat gezwungen, sich mehrere Handwerksberufe anzueignen.

In der vorreformatorischen Zeit besaß der Marktflecken bereits eine kleine überwiegend aus Holz erbaute Kirche. Diese befand sich in etwa auf dem Platz der 1610 errichteten Deutschen Kirche. Ferner erfolgte die Erbauung eines Klosters mit einer Kirche des sich in Tilsit angesiedelten Franziskanerordens mit Unterstützung des Hochmeisters Albrecht in den Jahren 1515 und 1516. Infolge der dann eingetretenen Reformation wurde das Kloster am 29. März 1524 beseitigt.

Im Marktflecken waren zunächst zwei Hauptstraßen angelegt, nämlich die 100 Fuß breite "Lange Gasse" (frühere Deutsche Straße) und die bereits vorhandene Landstraße von der Burg Tilse nach Splitter, sowie eine 120 Fuß breite vorgesehene Quer- und Kreuzgasse (frühere Packhofstraße). In dieser Verbindungsstraße sollte der Wochenmarkt gehalten werden, denn diese führte zur Memelauffahrt. Da in dieser Zeit fast der gesamte Verkehr zu Wasser stattfand, wurde Tilsit - entsprechend der Absicht des Ordens - eine wichtige Warenumschlagstelle. Hinzu kam aber noch, daß die bei der Burg über den Memelstrom führende Schloßfähre Handel und Verkehr begünstigte. An die ursprüngliche Form des Marktfleckens Tilse setzten sich im Laufe der Zeit weitere Straßenzüge an. Im Jahre 1549 entstand die frühere Hohe Straße, die ebenso wie die Deutsche Straße bei der zur Burg führenden Tilse-Brücke mündete. Zwischen dem Schenkendorfplatz, der Deutschen Straße, Wasserstraße und Hohen Straße befand sich noch 1551 ein zusammenhängender Block ohne Querstraßen.

Auf Anordnung des Hochmeisters Albrecht wurde der Marktflecken im Jahre 1551 vermessen und ein Bebauungsplan aufgestellt. Es waren darin an neuen Straßen geplant: a) eine östliche Weiterführung der Kobbelgasse über die frühere Wasserstraße bis zur früheren Packhofstraße,

b) die Anlage der früheren Garnisonstraße. Außerdem wurden im Bebauungsplan vorgesehen: Die Schaffung eines Bauplatzes für das zu erbauende Rat- und Gerichtshaus, die Aufteilung der Klosterstätte, die Verlegung des Hospitals von der Klosterstätte vor die Stadt "zu End der Deutschen Gassen" und endlich die Erweiterung der Stadt nach Westen etwa bis zu einer Linie auf der Mitte zwischen der früheren Langgasse und Kasernenstraße.

Die Ortsteile Splitter und Preußen hatten auf dem früheren Tilsiter Gebiet, nördlich und südlich der Memel wohl Acker-, Wiesen und Weidenflächen, soweit diese nicht, wie der Viehhof, die Schäferei, das "Deutsche Feld" längs des Mellebaches (Mehrwisch), die hochmeisterliche Heide und andere zur Burg Tilse gehörten bzw. herrschaftlich waren. Das junge Gemeinwesen Tilse, daß neben Handel und Handwerk auf die Landwirtschaft angewiesen war, befand sich anfänglich in schwieriger Lage, und das Bestreben ging dahin, ausreichenden Landbesitz an Acker, Wiese und Weide, sowie Brenn- und Bauholz zu erhalten. So traten die Bürger des Marktfleckens wiederholt an den Herzog heran, "ihnen zusätzliche Äcker, Wiesen und Weiden" zu überlassen, um ihren Lebensunterhalt besser erarbeiten zu können. Je näher der Zeitpunkt der Stadtwerdung rückte, um so lebhafter wurde der Schriftwechsel der Vertretung des Marktfleckens Tilse durch den Bürger Michael Sucher mit Herzog Albrecht geführt; um so dringlicher versuchten die Einwohner durch Gesuche die zukünftigen Bestimmungen , der zu erlassenen Stadtrechtsurkunde (Gründungsurkunde) für sich günstig zu beeinflussen. Aufgrund dieser begründeten Eingaben der Bürger des Marktfleckens beauftragte der Herzog im Jahre 1547 eine Kommission zur Visitation nach Tilse. Durch den tatkräftigen Einsatz der Bevölkerung des Marktfleckens Tilse trat dann der Erfolg ihrer Bemühungen ein. Der Marktflecken wurde durch die Umwandlung zu einer mit Rechten und Pflichten ausgestatteten Stadtgemeinde durch Herzog Albrecht ernannt.

Stadtgründung und die Stadtrechtsurkunde der Stadt Tilsit

Als eine der jüngeren Städte Ostpreußens erhielt Tilsit die Stadtrechte erst am 2. November 1552 durch Albrecht, Markgraf von Brandenburg-Ansbach, letzter Hochmeister des Deutschen Ordens und erster Herzog von Preußen. Die erste Wahl des Rates und Gerichtes zur Vorbereitung der Stadtgründung fand am 2. Dezember 1551 in der alten Kirche zu Tilse in Anwesenheit des Herzogs und der Bürgerschaft statt.

Rat und Gericht wurden gewählt und vom Herzog vereidigt: Bürgermeister Gallus Klemm, Vertreter Konrad Verspach sowie die Räte Jakob Born, Michael Sucher, Thomas Fischer, Balthasar Jerichow, Ventura Schellenbergk, Paul Klemm, Joachim Pole. Die Schöffenbank (Gericht) mit Schöffenmeister Jeronimus Plato, Vertreter Hans Baumgart und weitere Mitglieder des Gerichts Caspar Königk, Hans Glaser, Melcher Ungermann, Jörge Warskin, Nickel Boltz und Christof Reiffschläger. Die schriftliche Bestätigung der Rechte und Pflichten erhielt die neugegründete Stadt Tilsit nach kulmischem Recht durch die in neuhochdeutscher Sprache verfaßte Stadtrechtsurkunde, die Herzog Albrecht von Preußen am 2. November 1552 in der im Mittelalter üblichen Form unterzeichnete und damit Rechtskraft verlieh:

"Albertus, qui supra manu propria subscripsit." (Albrecht, der diese Urkunde eigenhändig unterschrieben hat.)

Damit ist der 2. November 1552 das Gründungsdatum der Stadt Tilsit. Das Original der Stadtrechtsurkunde mit dem Siegel des Herzogs wurde bis 1945 im Rathaus der Stadt Tilsit in einer Blechschatulle aufbewahrt. Im staatlichen Archiv Göttingen befinden sich beglaubigte Abschriften dieser Urkunde.


Bereits nach Beginn des Einzuges des Deutschen Ordens im Jahre 1231 in das Prußenland wurden die ersten kleinen Städte Thorn und Kulm gegründet. An die Bürger dieser Städte ist auch diese Urkunde gerichtet, welche die älteste Stadtrechtsurkunde Preußens ist und die zum Vorbild von Rechtsbeziehungen nicht nur für die Stadtgründungen durch den Deutschen Orden, sondern auch für preußisches Siedlungsrecht galt. Es handelt sich bei dieser Urkunde um die "Kulmer Handfeste". Handfest heißt, mit der Hand gültig gemacht, lateinisch: manu firmata. Das Wort "Handfeste" stammt vom Bekräftigen eines Rechtsaktes durch Handberührung der Vertragschließenden, wie er für das mittelalterliche Recht charakteristisch war. Mit der "Kulmer Handfeste" wurde den Kommunen die Wahl der Stadtvertretung, der leitenden Verwaltungsbeamten., der Gerichtsbarkeit und der allgemeinen Verwaltung und Polizei übertragen. Die Ordensverwaltung behielt sich nur das Bestätigungsrecht vor. So sind in diesen für damalige Zeiten fortschrittlichen Rechtsformen des Ordens die Gründungen der Städte vor sich gegangen, was auch für unsere Heimatstadt Tilsit zutrifft.

Nun zu den wichtigsten Bestimmungen der Stadtrechtsurkunde: Im ersten Abschnitt wird der zukünftige Name unserer Stadt Tilsit bestimmt: "wie wir dann auch hiemit und vermittelst diesem dieselbe Stadt D i e T i l s e nennen und hinfurt also geheissen haben wollen." Es entsteht in diesem Zusammenhang die Frage, wie es zu dem Stadtnamen Tilsit gekommen ist? Die Stein-Hardenbergschen Reformen hatten für den Wiederaufstieg des Königreichs Preußen (1807-1813) eine besondere Bedeutung, da sie nach dem Tilsiter Frieden (1807) nicht nur unternahmen, den preußischen Staat zu restaurieren, sondern ebenfalls zu modernisieren. Alle Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen, die sich aus dieser Reform ergaben, dienten durch ein großes, grundlegendes politisches und wirtschaftliches Programm dem Aufbau des preußischen Staates und den Bürgern. So ist auch die Einführung der Städteordnung im Jahre 1808 von fundamentaler Bedeutung. In dieser Zeit kam dann nach und nach der Stadtname Tilsit als offizieller Name in Gebrauch, Die Führung des uns bekannten Stadtwappens genehmigte die Stadtrechtsurkunde. Der projektierte Bebauungsplan und die Grenzen der Stadt sowie die Zuweisung eines größeren Territoriums zur Erweiterung der Stadt sind Inhalt der Urkunde. Das Areal betrug nunmehr 82 Hufen, zwei Drittel nördlich der Memel und ein Drittel südlich des Stromes. Die Verleihung der Markt- und Jahrmarktgerechtigkeit war für die Bevölkerung von Tilse von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Selbstverwaltungsaufgaben der Stadt Tilse, Aufsicht über die Kram- und Kaufbuden, den Brot-, Fleisch- und Fischverkauf, das Handwerk, den Handel, die Krüge, Sitzungen des Rates und Führung der Stadtkasse waren der Zuständigkeit des Amtshauptmannes von Tilse entzogen. Dieser hatte nur Aufsichtsrechte bei Mißständen in der Stadt, Nichtbeachtung herzoglicher Anordnungen und bei der Aufstellung einer Bürgerwehr. Unabhängig vom Rat der Stadt bildete die Schöffenbank (Gericht) eine Behörde für sich, an deren Spitze der Schöffenmeister stand. Dieser wurde durch den Herzog ernannt, so die Bestimmung der Stadtrechtsurkunde. Die Aufgaben des Gerichts umfaßten in jener Zeit alle Fälle der Zivil- und Kriminaljustiz.

Mit den vorstehenden Erläuterungen wurden die wichtigsten Bestimmungen der Stadtrechtsurkunde der Stadt Tilse-Tilsit dargelegt. Dank der landesväterlichen Fürsorge des Landesherrn von Preußen, Herzog Albrecht, trat bald in unserer so gestalteten Heimatstadt ein umfangreicher Handel und eine bemerkenswerte lebhafte Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft und Industrie ein, so daß Tilsit aufgrund eines gesunden, wirtschaftlichen Fundamentes in den folgenden Jahrhunderten der Standort eines bedeutenden Handels-, Wirtschafts- und Verkehrszentrums im Nordosten unserer Heimatprovinz Ostpreußen des Deutschen Reiches wurde. Simon Dach (1605-1659), seit 1639 Professor der Poesie an der Universität Königsberg (Pr.) widmete der Stadt Tilse zu ihrem hundertjährigen "Erbawungs- und Jubelfeste" im Jahre 1652 einen Glückwunsch. Auszug des Glückwunsches:

"Ich wünsche dir darzu deß Höchsten Gnad und Segen,
Der wolle Mauren starck sich künfftig umb dich legen,
Was kräncket und betrübt flieh ewig von dir auß,
Hergegen Gnug und Lust krön eines jeden Haus,
Biß deiner Feinde Thor von dir werd eingenommen,
Daß, wann es wieder wird nach hundert Jahren kommen,
Du durch deß Himmels Gunst an Reichthum, Pracht und Schein,
Das andre Königsberg in Warheit mögest seyn."

Angesehene Wissenschaftler und Chronisten des 17. und 18. Jahrhunderts wie Goldbeck, Hartknoch und Zedler rühmten oft, daß Tilse neben Königsberg (Pr.) die bedeutendste Stadt sei und die "stärkste Handlung" treibt. -

Anstelle eines Schlußwortes:

Über unsere liebenswerte Heimatstadt Tilsit, der Grenzstadt des preußisch-deutschen Ostens, ist bisher viel gesprochen, ebenfalls über die bedeutenden, historischen Begebenheiten berichtet worden. Aber wird man ihre Gründung, ihr oft schwieriges jahrhundertelanges Wachstum, das Leben der Menschen in den Mauern ihrer Stadt in den Betrachtungen vollkommen erfassen und darstellen können? Bekanntes und Unbekanntes stehen dem Leser in der vorstehenden Abhandlung vielleicht gegenüber. Sicherlich bleiben noch viele Ausführungen der Zukunft vorbehalten. Aber die Gedanken an die verlorene Heimat sind nicht irgendwo liegengeblieben, sie wollen wir in unserem Herzen bewahren. So mögen die in dieser vorstehenden Schrift enthaltenen geschichtlichen Entwicklungen unserer Stadt Tilsit dem Leser in guter Erinnerung bleiben.


Autor : © 2003 Heinz Kebesch (Text und Bilder)
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 33/2003
Literatur:
1. Beiträge zur ältesten Geschichte und Gründung Tilsits -Wilhelm Leitner -
    Druck J. Reylaender & Sohn Tilsit - 1909.
2. Bau- und Kulturgeschichte Tilsits - I. Band-Regierungsbaumeister Dr.- lng. Waldemar Thalmann -
    Druck J. Schoenke - Tilsit - 1923.
3. Tilsit - Zur Geschichte und Entwicklung der Stadt.
    Herausgeber Magistrat Tilsit - Druck Otto von Mauderode Tilsit, 1926.

Geschichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 05.03.2004
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 19. Januar 2011