Das Etablissement "Brückenkopf" in Übermemel
von Richard Ney

Vor 170 Jahren, beginnend mit dem Jahre 1812, wurde jenseits der Memel in Tilsit, da wo die Ponton-Brücke anlegte, von den Franzosen, die ja zu damaliger Zeit fast ganz Europa beherrschten, ein Brückenkopf zur Deckung der Memelbrücke angelegt, der mit Pallisaden, Blockhäusern, aber auch mit Gräben versehen war. Der Plan dazu war von dem französischen Ingenieur-General Campredon entworfen und von dem preußischen Ingenieur Major Markoff verbessert worden. Auf Requisition mußten die nötigen Handwerksgeräte und Wagen zum Herbeischaffen des Holzes aus den königlichen Forsten gestellt werden. Außerdem waren täglich 1 000 Arbeiter aus der Stadt und vom Lande nebst 1 000 Soldaten am Bau beschäftigt. Um das Werk auf das Tätigste zu fördern, waren rundum Wachen gestellt, die die Entfernung der Arbeiter zu verhüten und schwere Strafen bei denen zu verhängen hatten, die sich dazu verleiten ließen. Diese Arbeit dauerte ununterbrochen vom 24. Juli bis gegen Ende September, kostspielig genug, aber ohne Zweck. Nach dem Frieden geriet dieser Brückenkopf in Verfall. Am 18. Oktober 1818 wurde auf den Wällen der "Brückenkopfschanze" die Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig und die Befreiung des Vaterlandes durch ein großes Volksfest begangen. Im Jahre 1822 wurde der Brückenkopf der Stadt wieder ganz eingeräumt. Als Entschädigung für die entbehrte Nutzung des Terrains wurden 2 900 Taler vom Staat gezahlt. Dieses Geld verwandte man 1823 zur Erbauung eines Gasthauses aus Holz. Freilich kostete der Bau 3 400 Taler. Damit war der Anfang getan für das spätere "Etablissement Brückenkopf". Im Jahre 1825 legte der Gartenverein die Gartenanlage im Brückenkopf an. Man begann mit der Anlage eines Obstgartens. Im Jahre 1827 wurden die Gänge geebnet und zum Teil mit Johannes- und Stachelbeersträuchern sowie mit Apfel- und Birnbäumen eingefaßt.

Der hohe Wasserstand im Frühjahr 1829 hatte den ganzen Garten unter Wasser gesetzt. Die Pflanzen litten sehr darunter, da das Wasser sich sehr lange hielt. Um ähnlichen Nachteilen vorzubeugen, wurde der Garten an mehreren Stellen angehoben. In den folgenden Jahren wurden die Obstbäume ergänzt. 1832 wurden die Tische und Bänke renoviert und die Gartenanlagen nach der Memelseite hin mit einem Lattenzaun geschlossen. Große Spargelbeete wurden angelegt. Neun Jahre lang geschah seit 1833 dann mit der Gartenanlage weiter nichts. Das Interesse des Garten- und Verschönerungsvereins schien geringer geworden zu sein. Man hatte also seitdem für diese Schöpfung des Vereins nichts weiter getan, als die Pflege oder richtiger die Nutzung des Gartens dem Pächter des Gasthauses zu überlassen, der diesen zur Anpflanzung von allerlei weniger schönen als nützlichen Pflanzen, als Kohl und Zwiebeln benutzte. Erst in den folgenden Jahren hat der verdiente Mitbürger, Stadtrat Heydenreich, aus dem Obst- und Gemüsegarten einen herrlichen Schmuckgarten geschaffen, der jeder großen Stadt zur Zierde gereicht hätte. Fehlte auch den Tilsitern bis zur Erbauung des Gasthauses (1823) im Brückenkopf ein Vergnügungsort, ohne den man sich das damalige Tilsit gar nicht vorstellen konnte, so gab es dafür im "Wiesenhaus über Memel" eine vielbesuchte Gastwirtschaft. Die Inhaberin, Witwe Kahlau, zeigte im Mai 1818 an, daß sie mit Herrn Justiz-Amtmann Schultz als Brückenpächter das Übereinkommen getroffen habe, daß sämtliche Fußgänger, die ihre Gastwirtschaft im "Wiesenhaus" besuchen, frei die Brücke passieren können.

Mit dem Jahre 1835 hörte die Besteuerung für die Benutzer der Brücke auf. Die Verwaltung der Brücke ging an den Staat über. Im Hochsommer veranstaltete alljährlich die Landesadministration ein Fest, das Fischkonzert oder Fischfest. Es ist seit undenklicher Zeit gefeiert worden. Ein Brückenzoll wurde an diesem Tage von den Fußgängern nicht erhoben. Ein Eintrittsgeld - nach Belieben - wurde erst 1840 gezahlt. Lange Tische und Bänke von Brettern wurden hergerichtet und mit sauberem Tischzeug bedeckt, früher auf dem Vorplatz am "Wiesenhaus", später, als das Gebäude im Brückenkopf (1823) erbaut war, im Garten daneben.

An Ballfestlichkeiten und Tanzlustbarkeiten fehlte es im alten Tilsit nicht. Durch das Eingehen des Lokals im Schloß im Jahre 1838 war die tanzlustige Gesellschaft Tilsits u. a. auf den Saal im Brückenkopf-Gasthaus angewiesen. Hier fand auch fast in jedem Jahre im Oktober ein Bürgerball statt. Auch die Feierlichkeiten nach dem Vogelschießen der jungen Kaufmannschaft wurden hier durchgeführt. Bei der Dunkelheit wurde der ganze Garten großartig erleuchtet. Der Ball in der mit Blumen und Ampeln geschmückten Festhalle im Brückenkopf endete erst gegen 12 Uhr. Ein ähnliches Fest war mehrere Jahre hindurch im Brückenkopf von der Schützengilde abgehalten worden. Aber erst im Jahre 1855 kam der Brückenkopf als Vergnügungsort so richtig zur Geltung, wenn auch früher schon öfter Konzerte und Volksfeste und im Herbst Bürgerbälle im Gasthaus abgehalten wurden. Auch als Ausflugsziel wurde der Brückenkopf schon in frühester Zeit von den Tilsiter Bürgern sehr geschätzt und gern aufgesucht. An frequenten Markttagen sah man nicht nur vor den Toren der Stadt, sondern auch in der Nähe des Brückenkopfes und des Memelkruges Hunderte von Bauern, die ihre Wagen und Pferde auf den geräumigen Höfen und Plätzen abstellten.


Mit dem Bau der 416 m langen Königin - Luise-Brücke im Jahre 1904 geschah Entscheidendes an der Memel. Den alten Tilsitern, die, damals noch jung, die Einweihung am 18. Oktober 1907 miterlebt haben, wird der Tag noch gut in Erinnerung sein. Am Nordende der Brücke erbaute die Stadt die neue Brückenkopf-Gaststätte, umgeben von einem hübschen Park. Dank der Tätigkeit des Garten- und Verschönerungsvereins erfreuten schöne Blumenstücke, wohlgepflegte Rasen und reichbelaubte Bäume das Auge des Naturfreundes. Die Gartenkonzerte gehörten zur damaligen Zeit zu den beliebtesten Vergnügen der Tilsiter, besonders wenn die Militärkapelle des Infanterie-Regiments von Boyen (5. Ostpr.) Nr. 41 oder des Dragoner-Regiments Prinz Albrecht von Preußen Nr. 1, die ja in Tilsit in Garnison lagen, vor dem Publikum spielten. Aber auch an anderen Tagen wurde die Brückenkopf-Gaststätte gerne aufgesucht.

Die Kochkunst meiner Tante, die als Wirtin das Etablissement gepachtet hatte, war weit über Tilsits Grenzen bekannt. Für wenig Geld konnte man Erdbeeren und Schmand und andere Spezialitäten haben. Aber auch die durstigen Bürger von Tilsit suchten nach heißen Sommertagen dicht unter den grünen Bäumen oder auf der Veranda mit angenehmer Aussicht zur Memel sich hier zu erquicken. Jedenfalls fanden die Besucher von Übermemel Erholung in der "Brückenkopf-Gaststätte und Zerstreuung im Spielkasino. Vielen Tilsitern wird wohl noch die Werbung des "Brückenkopf-Etablissements in guter Erinnerung sein:

Spielkasino Übermemel

Fünf Minuten ab Tilsit, Cafe-Restaurant-Bar-Tanz-Diele, Speisen zu jeder Tageszeit zu billigsten Preisen (Küche nach russischer Art) Menü 0, 50 M K.

Täglich ab 15 Uhr Tanzmusik, Spielbeginn in den Spielräumen
täglich 18 Uhr.


Roulette — Baccar — Lotto
Dieser Rundblick gehört der Vergangenheit an, die Gegenwart macht ihn unmöglich; er kann aber nicht aus der Seele unserer Landsleute gestrichen werden.
Autor: © Richard Ney
Quelle:
1) "Tilsiter Rundbrief"
2) "Memel-Jahrbuch" für das Jahr 2012 Seite 92 - Selbstverlag Manfred Malien 24211 Preetz

Handel und Verkehr



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 14.11.2011
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Montag, 14. November 2011