Heimatberichte
Auf der Suche nach dem botanischen Garten
von Dr. Kurt Abromeit

Zu den unvergänglichen Erinnerungen - solange noch ältere Tilsiter leben -gehört auch der botanische Garten. Ihm verdanken wir manche Stunde im Einklang mit der Natur: als dankbare Gäste in seiner Baum-, Pflanzen- und Blumenwelt. So suchten wir gemeinsam mit Ingolf Koehler als wir wieder in Tilsit waren - nach einem Zeitsprung von über fünfzig Jahren - nach den Resten des einstigen botanischen Gartens, am Hang des Tilszeletales.

Doch auch ihn gibt es nicht mehr! Nur seine äußeren Umrisse - in der Form eines Rechteckes - sind noch zu sehen. Der Bach, der einst mitten durch den Garten lief, ist zu einem dunklen Graben geworden. So wurden seine wertvollen alten Baumarten, auch seltene darunter, wie z.B. die Zeder des Libanon, nach dem Kriege ohne Kenntnis und Liebe von den neuen Herren abgeholzt. Ebenfalls sind alle Strauchgewächse und Pflanzenarten, wie auch die großen Gewächs- und Glashäuser durch die Kriegsfurie untergegangen. An seiner Stelle ist hier ein dichter, schon hoher Lindenwald aufgewachsen. Er hat das Einstige gnädig zugedeckt: Eine grüne Daubas mit zärtlichen Vogelstimmen wölbt sich erfreulich über uns, als wir suchend das Gelände des einstigen botanischen Gartens abgehen.

Es fällt ein leichter Mairegen - er paßt zu unserer melancholischen Stimmung an diesem Vormittag.(Wir hatten Schlimmeres erwartet.) Erfreut, da unerwartet, erkenne ich noch einige große Kiefern als alte Bekannte auf der Anhöhe - mit dem Blick auf das Tilszeletal. Diese beschatteten schon zu unserer Zeit als große Bäume einen Teil des Steingartens, der als Berg- oder Gebirgsbiotop angelegt war: einst ein Glanzstück des Gartens. Diese Kiefern haben als letzte Zeugen des botanischen Gartens erfreulich die Not des Krieges und die Nachkriegszeit bis heute überstanden. (Ihr jährliches Dickenwachstum beträgt in unserer alten Heimat nur 1-3 mm als Jahresring.) Sie hatten sich kaum verändert.

Und wir erinnern uns an persönliche Gänge und Besuche des einstigen botanischen Gartens. (Für mich vom Konfirmations- bis zum Erwachsenenalter in einem Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten.) Und wir fragen: Wie entstand der botanische Garten?




Bild links:
Die Reste des botanischen Gartens 1995. Blick vom Rand des früheren Steingartens mit noch alten Kiefern in die gründe Daubas des einstigen botanischen Gartens. (Bild: Dr. Kurt Abromeit)

In einer älteren Quelle (von Lucanus) über das "Hauptamt Tilsit in Litthauen" wird der "Falckische Garten" erwähnt - hinter "dem Mühlenteiche samt dem Lusthause, darin König Friedrich Wilhelm 1726 sein Ablager gehalten", auf einer seiner Inspektionsreisen nach Litthauen, das unter der großen Pest gelitten hatte. Der Falckische Garten ist "einer der besten und ordentlichsten, dergleichen Liebhabere von Blumen, Stauden und Kräutern bey der Stadt so schön anzutreffen, als sie zu Memel oder anderswo mögen gefunden werden." Dieser hier von Lucanus (im Schreibstil seiner Zeit) erwähnte "Falckische Garten" könnte schon der Vorläufer des späteren Botanischen Garten gewesen sein (?).

Auch in Tilsit schufen weise Stadtväter im vorigen Jahrhundert einen botanischen Garten. Diese Idee wurde durch das Aufkommen der Naturwissenschaften gefördert: zuerst an den botanischen Instituten der Universitäten.
Seine Wurzeln sind auch in der Romantik zu suchen: dem verstärkten Naturgefühl, das neben der Kunst und Dichtung sich auch in der Gartenkunst der Parks und der botanischen Gärten ausdrückte - auch in Tilsit. Es war ein Geschenk kluger Stadtväter an den Bürger. Wohlgemerkt: Neben dem botanischen Institut der Universität Königsberg war es der einzige in Ostpreußen -ein Glücksfall für die Tilsiter. Er gehörte mit zur geistigen Heimat in unserer Stadt. Er zeugte von der naturwissenschaftlichen Begeisterung einiger Stadtväter und Mäzene, die das Geld dafür hergaben. Der schöne Weg dorthin führte uns von der Stadtmitte über den Schloßmühlenteich durch die Villen- und Gartensiedlung "Übernteich" hin zum offenen Tilszeletal, an das sich der botanische Garten anlehnte.


Der botanische Garten um 1928.
Im Hintergrund ist die Bismarckstraße und das Realgymnasium.
Bild: Archiv Stadtgemeinschaft Tilsit)

Auch ein botanischer Garten gehört zum anschaulichen "Buch der Welt", in dem sich uns die pflanzliche Natur darbietet. Systematisch gegliedert nach ihrem Verwandtschaftsverhältnis, namentlich benannt nach ihrer Zugehörigkeit zu ihren Familien, Gattungen und Arten oder Spezies. Die Gattung und die Art der jeweiligen Pflanze, ob Baum, Strauch oder Blume, waren auch in Tilsit mit ihrem wissenschaftlichen lateinischen und auch deutschen Namen auf ovalen Emailleschildern am Fußende der Pflanze gekennzeichnet. So sah man Bild und Namen der Pflanzen zugleich als Beschauer. Dadurch wurde die Erscheinung der Pflanze in Sprache übersetzt. Bild und Namen gehörten zusammen und prägten sich dem Beschauer leichter ein. Bei der praktischen Anordnung der Bäume, Sträucher und Pflanzen ließ man sich bei uns weniger von den rein botanischen Prinzipien der wissenschaftlichen Universitätsgärten als vielmehr von ästhetischen Gesichtspunkten leiten. Die geschmackvolle Gruppierung der bäum- und strauchartigen Gewächse verlieh auch dem botanischen Garten den Charakter eines Parks mit gepflegten Wegen. Damit bereicherte der botanische Garten die reichlichen städtischen Grünanlagen. Er erfüllte darüber hinaus noch eine pädagogische Aufgabe. Er veranschaulichte uns die botanische Naturwissenschaft! Die Besucher wurden hier zum Leser des Buches der Natur und ihrer Offenbarung. (Garten, Landschaft und Natur gehören im Erleben zusammen und ergeben die Gartenkunst eines botanischen Gartens.). Noch einzelne Bilder aus der Erinnerung: Die Wasser- und Sumpfpflanzen sah man in einem Teich, der von einem Wasserzufluß, der als Bach mitten durch den Garten führte, gespeist wurde. Dort gediehen unter anderem schöne Seerosen, der Kalmus, das Pfeilkraut, der Froschlöffel und die Wasseriris als auffälligste Pflanzenarten, die das Wasser lieben, in Sommertagen umspielt von blauen Libellen und Wasserkäfern.

Die alpinen Pflanzen wurden in einem Steingarten mit Treppenstufen und Mäuerchen auf einer künstlichen Felsgruppe aus Findlingen und schönen Steinen gezeigt. Sie wuchsen im Halbschatten hoher Kiefern - mit dem Ausblick auf das weite Tilszeletal an diesem Platz. Dieser alpine Steingarten mit seiner jahreszeitlich wechselnden farbigen Blütenpracht in gelben, blauen, rosa und weißen Polstern, die an schönen Tagen von Schmetterlingen und Insekten besucht wurden, ist mir am stärksten in der Erinnerung geblieben. (Hier wurde manche Stunde verträumt.) Auch wärmeliebende Eidechsen und die Ringelnatter suchten diesen Ort. (Von diesem Steingarten erhielt ich Ableger für meinen ersten eigenen Steingarten nach meiner Verheiratung 1937 in Neuhausen-Tiergarten bei Königsberg.)


Zu einem weiteren Glanzpunkt gehörte die mittelmeerische und südliche Pflanzenauswahl wie Feige, Zitrone, Apfelsine, die Kakteenarten und vor allem die Palmen im Kalt- und Warmhaus unter Glas gezeigt. Das warme Palmarium erweckte besonders die jugendliche Phantasie: nach Abenteuern in fernen Wüstenoasen, die uns damals unerreichbar schienen. Als ich später meinen ersten Palmenwald sah, entstand dahinter in der Erinnerung blitzartig auch das Palmarium in Tilsit, der eigentliche Ausgangspunkt des jugendlichen Dranges nach südlicher Ferne. Dazu verführte auch die mächtige Zeder (aus dem Libanon) mit ihren bläulichen Nadeln, die im botanischen Garten stand. Auch diese konnte ich nicht vergessen, bis ich sie in ihrem Ursprungsland gesehen hatte.

Als wir weiter sinnend und suchend durch das Lindenwäldchen gingen, dem einstigen botanischen Garten - und auf die Vogelstimmen hörten - erinnerte Ingolf Koehler an die "Königin der Nacht", deren kurze Blütezeit, wenn sie sich entfaltet, als Naturwunder gilt. Es wurde auch in der Tilsiter Allgemeinen Zeitung angekündigt und lockte Schaulustige und Schulklassen an. (Die Blüten waren 35 cm hoch und blühten nur eine Nacht.)
Im botanischen Garten ging man nicht nur spazieren wie in einem Park, z. B. in Jakobsruh, sondern es wurde nach dem pädagogischen Prinzip auch die Anschauung gefördert, vom Einzelnen der Art bis hinauf zur Gattung und der Pflanzenfamilie. Vor allem gefielen uns klangvolle Namen, die bis heute unvergessen blieben, wie z.B. der rote Sumach oder Essigbaum, der rote und blaue Hibiskus, die Budleia oder Schmetterlingsbusch, die Felsenbirne oder auch die Balsamine, das Springkraut. Jeder fand hier seine Lieblingspflanze. So lernte man Pflanzen und Blumen kennen. Es waren darunter auch seltene Pflanzengewächse, die es damals in unseren östlichen Hausgärten noch nicht gab.

Auch das Beet mit den Gewürzpflanzen hatte seine Liebhaber, die ihren besonderen Duft mochten, wie Lavendel, der Thymian, die Pfefferminze, Rosmarin und Myrte.
Der Gartenliebhaber zählt die Sommertage nach der "Blumen- und Blütenuhr", ihrem Blühtermin und der Dauer der Blüte seiner Lieblinge: von den Frühblütern wie Schneeglöckchen und dem leuchtenden Krokus, der laublosen Blüte des Judenbaumes, der blaßrosa Blüte des Seidelbastes, der Glizinen, der Clematis mit ihren blauen und hellen Sternen, dem Flieder, dem Goldregen, dann die hochsommerlichen Rosen und die Königslilie vor der Pracht der Sonnenblume als Sonnenkinder - bis hin zur spätherbstlichen Dahlie, deren Blüte der Frost zerstört. Während im Park von Jakobsruh die Blumen auf großen Beeten prangten, sah man hier nur Prisen davon, auch seltenere.

Hier reiste jeder durch die eigene "innere Welt", wenn man aus dem Angebot nach den Lieblingspflanzen oder Blumen als Boten der Schönheit suchte. Sie wechselten mit den Jahreszeiten. Auch fehlte es für den Naturfreund nicht an Vögeln aller Art, auch nicht an Nistkästen, Schmetterlingen und Insekten, die den Garten belebten. Die Hinwendung zu den Naturdingen in der landschaftsgebundenen schönen Gestaltung blieb nicht ohne Einfluß auf den Besucher. Und sie kamen regelmäßig nach der "Blumenuhr". So trug uns die Zeitraffung der Erinnerung an diesem Vormittag mit Ingolf Koehler auf der Suche nach dem einstigen botanischen Garten in Tilsit in die ferne Vergangenheit zurück. Und wir nahmen Abschied mit einem fast guten Gefühl. (An den Resten der Ordensburg, die wir beide danach besichtigten, empfing uns wieder eine erbärmliche Wirklichkeit.)

Und zuletzt: Das Wetter an diesem Maitag im jetzigen Sowjetsk war ein Wetter für die Melancholie. Sie hat auch meine Erinnerungen beeinflußt. Doch nur ihr materieller Teil ging verloren. Das Ideelle aus dem persönlichen Erleben bleibt in der Erinnerung davon unberührt.


Autor : © 1995 Dr. Kurt Abromeit
Quelle : Tilsiter Rundbrief Nr. 26/1996
Heimatberichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 19. Januar 2011