| Handel und Verkehr | |
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von Ingolf Koehler
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"Wenn Steine reden könnten", so nannte Eleonore Galts ihren Artikel, der im 30. Tilsiter Rundbrief erschien. Anlaß für jenen Artikel war der Grabstein des Kaufmanns Richard Deskau, den sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter vor einigen Monaten auf dem Tilsiter Waldfriedhof entdeckte, als sie ihre Heimatstadt besuchte. Nur noch wenige Grabsteine aus deutscher Zeit stehen symbolisch für viele Gräber, die sich einst auf dem Waldfriedhof befanden. Die Inschrift fehlt, aber der Grabstein konnte mit Hilfe alter Fotos eindeutig von den Verwandten identifiziert werden. Steine können nicht reden. Reden hingegen konnte der Sohn von Richard Deskau, der den gleichen Vornamen wie sein Vater hatte. Was er über die Geschichte der Firma Bartenwerfer sagen konnte, schrieb er in einer Chronik auf 85 Seiten nieder.
" Verlorenes ist nicht zu ersetzen,
es kann nur in der Erinnerung weiterleben." Mit diesem Vorwort begann seine mit Fotos illustrierte Chronik, die er den Nachkommen der Familie Deskau widmete, um späteren Generationen mitzuteilen, was früher einmal war. |
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Im Jahr 1872 gründete der Kaufmann Louis Bartenwerfer in Tilsit die Firma |
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Die Weiterentwicklung der Firma erforderte auch eine räumliche Ausdehnung. Das Geschäft in der Deutschen Straße 66 erhielt einen Anbau, der im hinteren Bereich bis zum Speicher in der Goldschmiedestraße reichte. Für den Großhandel wurde ein Lagergebäude in der Fabrikstraße Nr. 68 errichtet. Dort wurden täglich 30 bis 40 Kisten gepackt und mit Fuhrwerken zu den Memeldampfern und zur Bahn transportiert. Die Firma verfügte über einen eigenen Fuhrpark mit 18 Pferden. So wurde ein Teil der Ware direkt zu den Kunden gebracht. Flaschen wurden auch zu auswärtigen Brauereien nach Memel, Eydkuhnen, Gumbinnen und Insterburg transportiert. Alleine im Jahre 1913 verkaufte das Unternehmen ca. eine Million Bier- und Seltersflaschen. |
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Danach erhielt die Firma den Namen "L. Bartenwerfer, Inhaber Hans und Richard Deskau OHG Tilsit". Die neuen Inhaber mußten einen harten Existenzkampf führen. Viele Verbindungen waren durch den Krieg abgerissen und mußten erneuert werden. Die Deutsche Reichsmark verlor an Wert, und die Inflation uferte aus. Trotzdem konnte eine Filiale in der Hohen Straße Nr. 64, in unmittelbarer Nähe der Kinos Capitol und Lichspielhaus und in Pogegen eröffnet werden. Der Speicher in der Fabrikstraße mußte geräumt und niedergelegt werden, weil an dieser Stelle das Gebäude der Polizeidirektion entstand. So zog das Engroslager zur Deutschen Straße mit Durchgang zur Memelstraße um. Lastkraftwagen übernahmen jetzt den Transport der Ware. Das Geschäft erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 1930 mit hohen Umsatzzahlen, einer Belegschaft von 38 Personen und einem guten Betriebsklima. Stephanie Bludau stieg im Laufe von 45 Jahren bei dieser Firma vom Lehrling bis zur Prokuristin auf. |
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Der Krieg ging zu Ende. Richard Deskau gelangte nach abenteuerlicher Flucht und über Umwege nach Berlin. Obwohl auch die alte Reichshauptstadt von Trümmern übersät war, konnte sich der Kaufmann mit seiner Familie dort niederlassen. Richard Deskau wagte einen Neuanfang, und der gelang. Er eröffnete ein Fachgeschäft, das er jedoch nach einigen erfolgreich verlaufenen Jahren aus räumlichen Gründen 1962 aufgeben mußte. So setzte er sich im Alter von 65 Jahren zur Ruhe. Am 9.März 1973 starb er in Berlin-Wilmersdorf. Stephanie Bludau, die langjährige Tilsiter Mitarbeiterin und Prokuristin war das älteste von 16 Kindern. Durch die Flucht gelangte sie zunächst nach Sachsen, dann nach Hannover und schließlich nach Springe am Deister. Die letzten Jahre verlebte sie, fast bis zuletzt noch bei guter körperlicher und geistiger Verfassung, in einem Altenheim in Hildesheim. Sie erreichte das stattliche Alter von 101 Jahren und starb 1985. Im 14.Tilsiter Rundbrief wurde anläßlich ihres hohen Alters kurz über sie berichtet. Geblieben ist die Erinnerung, nicht nur an eines der ältesten Tilsiter Unternehmen, sondern auch an die Personen, die maßgeblich am Aufbau und am Erfolg der Firma Bartenwerfer beteiligt waren, die aber heute nicht mehr leben. |
| Autor: © 2001 Ingolf Koehler Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 31/2001 Bilder: Familie Deskaus |