Handel und Verkehr
Glas und Porzellan von Bartenwerfer
von Ingolf Koehler

"Wenn Steine reden könnten", so nannte Eleonore Galts ihren Artikel, der im 30. Tilsiter Rundbrief erschien. Anlaß für jenen Artikel war der Grabstein des Kaufmanns Richard Deskau, den sie zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter vor einigen Monaten auf dem Tilsiter Waldfriedhof entdeckte, als sie ihre Heimatstadt besuchte. Nur noch wenige Grabsteine aus deutscher Zeit stehen symbolisch für viele Gräber, die sich einst auf dem Waldfriedhof befanden. Die Inschrift fehlt, aber der Grabstein konnte mit Hilfe alter Fotos eindeutig von den Verwandten identifiziert werden.

Steine können nicht reden. Reden hingegen konnte der Sohn von Richard Deskau, der den gleichen Vornamen wie sein Vater hatte. Was er über die Geschichte der Firma Bartenwerfer sagen konnte, schrieb er in einer Chronik auf 85 Seiten nieder.

" Verlorenes ist nicht zu ersetzen,
es kann nur in der Erinnerung weiterleben."

Mit diesem Vorwort begann seine mit Fotos illustrierte Chronik, die er den Nachkommen der Familie Deskau widmete, um späteren Generationen mitzuteilen, was früher einmal war.

Frau Eleonore Galts geb. Deskau, die Nichte des Verfassers und Tochter des damaligen Mitinhabers Hans Deskau, stellte uns freundlicherweise die Chronik für diesen Artikel zur Verfügung, der zugleich erinnern soll an den Fleiß und die Aufbauarbeit vieler anderer Tilsiter Unternehmen, die von Höhen und Tiefen begleitet waren und schließlich durch die schrecklichen Folgen des 2. Weltkrieges auf einem Trümmerhaufen endeten. Dieser Artikel kann nur in geraffter Form das wiedergeben, was Richard Deskau in seinem Erinnerungswerk im Jahr 1963 in Berlin zu Papier gebracht hat.

Im Jahr 1872 gründete der Kaufmann Louis Bartenwerfer in Tilsit die Firma
"L. Bartenwerfer". Es war das 1. Fachgeschäft in der Stadt für Glas, Porzellan und Steingutwaren. Von dem reichhaltigen Angebot hat die Kundschaft anfangs allerdings nur zögernd Gebrauch gemacht. Deshalb erweiterte der Firmengründer sein Sortiment auf Petroleumlampen einschl. Zubehör, sowie auf Steintöpfe, Flaschen, Fensterglas und später auch auf Tapeten. Auf diese Weise sollten auch Kunden aus dem ländlichen Raum gewonnen werden. Der Erfolg blieb nicht aus, zumal auch die zweimal wöchentlich stattfindenden Wochenmärkte für zusätzlichen Umsatz sorgten. Bald konnte auch der Großhandel beachtliche Umsätze verzeichnen, weil Landgeschäfte, Gastwirtschaften und sogar Brauereien den Stamm der Großabnehmer erweiterten. Nach zwanzigjähriger Aufbauarbeit zog sich Louis Bartenwerfer 1892 aus dem Geschäftsleben zurück und verkaufte das Geschäft an Richard Hugo Deskau, der zuvor schon als "Reisender" für die Firma tätig war und zum Verwandtenkreis des Firmengründers gehörte.

Richard Hugo Deskau wurde 1856 geboren. Von nun an trug die Firma den Namen "L. Bartenwerfer, Inhaber Richard Deskau, Tilsit". Zum nicht zu unterschätzenden Kapital der Firma gehörte ein Stamm von firmentreuen Mitarbeitern, die zum Teil 30 bis 45 Jahre für die Firma tätig waren. Nebenher engagierte sich Richard Deskau in der Wirtschafts- und Kommunalpolitik sowie in anderen Bereichen. So war er u.a. jahrelang 1.Vorsitzender des Kaufmännischen Vereins, Stadtverordneten-Vorsteher, Stadtrat und später Stadtältester der Stadt Tilsit.


Die Weiterentwicklung der Firma erforderte auch eine räumliche Ausdehnung. Das Geschäft in der Deutschen Straße 66 erhielt einen Anbau, der im hinteren Bereich bis zum Speicher in der Goldschmiedestraße reichte. Für den Großhandel wurde ein Lagergebäude in der Fabrikstraße Nr. 68 errichtet. Dort wurden täglich 30 bis 40 Kisten gepackt und mit Fuhrwerken zu den Memeldampfern und zur Bahn transportiert. Die Firma verfügte über einen eigenen Fuhrpark mit 18 Pferden. So wurde ein Teil der Ware direkt zu den Kunden gebracht. Flaschen wurden auch zu auswärtigen Brauereien nach Memel, Eydkuhnen, Gumbinnen und Insterburg transportiert. Alleine im Jahre 1913 verkaufte das Unternehmen ca. eine Million Bier- und Seltersflaschen.
Einen großen Einschnitt erfuhr das Unternehmen mit Beginn des ersten Weltkrieges. Von den 18 Pferden wurden 14 Pferde für den Kriegseinsatz beschlagnahmt und mehr als die Hälfte der Belegschaft mußte in den Krieg ziehen, von denen drei Männer nicht zurückkehrten. Die Folgen des Krieges nagten weiter an der Substanz. Das Memelland, eines der wichtigsten Absatzgebiete, ging für das Tilsiter Wirtschaftsleben, so auch für die Firma Bartenwerfer, verloren. Die Söhne Richard und Hans des Firmeninhabers kehrten aus dem Krieg zurück und erhielten eine Ausbildung in größeren Betrieben der Branche. Sie führten ohne Unterbrechung die Firma weiter, nachdem Richard Hugo Deskau am 10. September 1921 starb und, wie bereits erwähnt, auf dem Tilsiter Waldfriedhof seine letzte Ruhestätte fand.

Danach erhielt die Firma den Namen "L. Bartenwerfer, Inhaber Hans und Richard Deskau OHG Tilsit". Die neuen Inhaber mußten einen harten Existenzkampf führen. Viele Verbindungen waren durch den Krieg abgerissen und mußten erneuert werden. Die Deutsche Reichsmark verlor an Wert, und die Inflation uferte aus. Trotzdem konnte eine Filiale in der Hohen Straße Nr. 64, in unmittelbarer Nähe der Kinos Capitol und Lichspielhaus und in Pogegen eröffnet werden.

Der Speicher in der Fabrikstraße mußte geräumt und niedergelegt werden, weil an dieser Stelle das Gebäude der Polizeidirektion entstand. So zog das Engroslager zur Deutschen Straße mit Durchgang zur Memelstraße um. Lastkraftwagen übernahmen jetzt den Transport der Ware. Das Geschäft erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 1930 mit hohen Umsatzzahlen, einer Belegschaft von 38 Personen und einem guten Betriebsklima. Stephanie Bludau stieg im Laufe von 45 Jahren bei dieser Firma vom Lehrling bis zur Prokuristin auf.

Wieder traf die Firma ein herber Rückschlag mit Beginn des 2. Weltkrieges im Jahr 1939. Hans und Richard Deskau mußten als Reserveoffiziere an die Front. Wegen eines Hörfehlers kam Richard 1942 zurück nach Tilsit und konnte den Betrieb eingeschränkt weiterführen. Im Sommer 1944 bekam auch Tilsit den Krieg in aller Härte zu spüren. Mehrere schwere Bombenangriffe zerstörten die Stadt zu mehr als 60 % , darunter auch das Lager und die Geschäfte der Firma Bartenwerfer. Im Oktober, als die Front bereits das Memelland erreicht hatte, gelang es Hans Deskau, für kurze Zeit nach Tilsit zu kommen. Gemeinsam standen die Gebrüder Hans und Richard Deskau auf den Trümmern ihres Unternehmens, das 72 Jahre zuvor gegründet und in drei Generationen erfolgreich geführt wurde, aber in wenigen Stunden durch einen sinnlosen Krieg in Schutt und Asche versank.

Der Krieg ging zu Ende. Richard Deskau gelangte nach abenteuerlicher Flucht und über Umwege nach Berlin. Obwohl auch die alte Reichshauptstadt von Trümmern übersät war, konnte sich der Kaufmann mit seiner Familie dort niederlassen. Richard Deskau wagte einen Neuanfang, und der gelang. Er eröffnete ein Fachgeschäft, das er jedoch nach einigen erfolgreich verlaufenen Jahren aus räumlichen Gründen 1962 aufgeben mußte. So setzte er sich im Alter von 65 Jahren zur Ruhe. Am 9.März 1973 starb er in Berlin-Wilmersdorf.
Sein Bruder und Sozius Hans Deskau ist im März 1945, also kurz vor Kriegsende, bei einem Seetransport von Pillau nach Dänemark verwundet worden. An den Folgen der Verwundung starb er kurz danach im Lazarett von Hollback.

Stephanie Bludau, die langjährige Tilsiter Mitarbeiterin und Prokuristin war das älteste von 16 Kindern. Durch die Flucht gelangte sie zunächst nach Sachsen, dann nach Hannover und schließlich nach Springe am Deister. Die letzten Jahre verlebte sie, fast bis zuletzt noch bei guter körperlicher und geistiger Verfassung, in einem Altenheim in Hildesheim. Sie erreichte das stattliche Alter von 101 Jahren und starb 1985. Im 14.Tilsiter Rundbrief wurde anläßlich ihres hohen Alters kurz über sie berichtet. Geblieben ist die Erinnerung, nicht nur an eines der ältesten Tilsiter Unternehmen, sondern auch an die Personen, die maßgeblich am Aufbau und am Erfolg der Firma Bartenwerfer beteiligt waren, die aber heute nicht mehr leben.

Autor: © 2001 Ingolf Koehler
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 31/2001
Bilder: Familie Deskaus

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© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.10.2003
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letzte Änderung dieser Seite : Mittwoch, 19. Januar 2011