Es gab einmal die Angerpromenade

Nun existiert sie nicht mehr, diese repräsentative Häuserzeile innerhalb Tilsits. Zwischen ihr und dem Anger zog sich die breite, baumbestandene Parkanlage vom Hohen Tor bis zum Stadttheater hin. Wir wohnten dort etwa in den Jahren 1932 bis 1938 in Nr. 9, einem Eckhaus zur Mittelstraße - (danach Fabrikstraße 13). Fast hätte die Angerpromenade ein Paradies für Kinderspiele sein können: - Die Fahrstraße, befand sich erst hinter der Anlage, entlang des Angers. Vor den einst altbürgerlichen Fassaden verlief lediglich ein etwa drei Meter breiter Bürgersteig. --
Ja, - wenn es nur nicht das Verbot gegeben hätte, den Rasen der Anlage spielend zu benutzen!! Allerdings beachteten wir Kinder dieses Verbot nur dann genau, wenn z.B. ein Parkwächter oder Schupos in Sicht waren. "Tust Du auf die Kanten tappen, mußt Du gleich drei Mark berappen!", warnten niedrig angebrachte Schilder an den Rasenrändern, welche streckenweise auch noch mittels kräftiger Stahlbänder- (eingefädelt in nur etwa 30 cm hochragende Stahlrohrpfosten) - umgeben waren. Auf diesen Stahlbändern ließ es sich lustvoll unter gelegentlichen Fußknöchelabschürfungen balancieren; -aber das war auch verboten! Also mußte Vater bisweilen zur Polizei pilgern, um dort diese Märker abzuliefern; - einmal sogar deren fünf, weil mein Bruder und ich dabei erwischt wurden, als wir auf dem Anger die niedrigen Anlagenmauern als den wesentlich interessanteren Spazierweg betrachteten. - Heute mag uns eine solche Bußgeldhöhe als gering erscheinen; - damals aber war sie gewiß kein Pappenstiel!

Meist herrschte Bürgerfriede in der respektierlichen Angerpromenade. Auch "Ika", der jugendliche Bürgerschreck, galt nicht als Labommel, Luntruß oder gar Rüpel: Er war lediglich ein temperamentvoller, höchst kreativer Lorbaß mit entwaffnend unkonventionellen Umgangsformen! Im Winter zeigte er uns, wie man auf dem verschneiten Anlagerasen prächtige Schneeburgen baute, dazu aber auch, wie man dem Schupo durch Hauseingänge und Hinterhöfe in die Kasernenstraße entwischen konnte. Weil sich Ordnungshüter in der Regel kaum der Mühe unterzogen, die bereits vorhandenen Schneeburgen zu planieren, so "durfte" man also nach deren Weggang getrost daran weiterbauen, die Anwohner nahmen jedenfalls keinen ernstzunehmenden Anstoß daran!
Das Räuber-und-Soldat-Spiel zur Sommerzeit erfuhr durch Ika eine technische Aufrüstung dadurch, daß er Roller und Fahrräder einbezog. Weil aber auch das Fahrradfahren über Bürgersteige verboten war, mußten an den strategisch wichtigen Häuserblockecken Warnposten stehen, denn die Streifengänge der "Blauen" erfolgten unvorhersehbar!

Als besonders nutzbringend lehrte er uns dann auch die effektivste Art des Speiseeis-Einkaufens: Von der Angerpromenade aus, über das Hohe Tor hinweg, lag die Konditorei Bertschat in verführerischer Nähe; - nur etwas weiter entfernt gab's noch den Eckladen von Ullrich und dessen köstliches Sauerkirscheis. Gegen das Versprechen einige Male am Eis mitlecken zu dürfen, erwies sich Ika als stets hilfswilliger Beistand. So erfuhr man von ihm demonstrativ, daß es sich absolut lohne, anstelle des "Einmal zu 10" lieber nacheinander "Zweimal zu 5" zu ordern, weil man damit eine insgesamt größere Eismenge erhalten würde! - Damals gab es nämlich noch nicht diese "Gerechtigkeitsportionierer" (Marke Danke-Geizhals):- Das Eis wurde mittels eines Holzspatels aus den Kühlgefäßen geschabt und folglich spitz aufgehäuft in und auf die Waffeltüten gedrückt. Damit war Eiskauf also gewissermaßen eine Glückssache, welche allerdings bei Ullrichs gelegentlich etwas großzügiger ausfiel als u. U. woanders. Je nach Gefühl für Güte konnte man mit Erstaunen erleben, daß unter Ikas gewinnend forschem "Aber bitte nicht zu knapp" das "Einmal zu 5" sich dem "Einmal zu 10" tatsächlich etwas annäherte, sogar bei Bertschats! Zufrieden des ausgiebigen Mitleckendürfens, verriet Ika auch gönnerhaft, daß man Eis am besten erst am Spätnachmittag einkaufe, weil dann der Kaufmann zusehen müsse, wie er sein Eis bis zum Ladenschluß loswerde!

Neben diesem Angriff auf die Erziehung zur Bescheidenheit, waren aber von manchen Eltern auch noch Ikas Erzählungen zu befürchten: Öfters von den z.T. mehrstufigen Haustreppen verjagt, wählten wir uns als Sitzort die Portalstufen des Stadttheaters aus, um seiner Phantasien teilhaftig zu werden: über Gespenstergeschichten, die Marterpfähle der Indianer, aber auch die chirurgische Kunst des weltweit so hochberühmten Professors Sauerbruch, der wahrscheinlich schon bald auch den Menschen die lockeren Schrauben im Gehirn werde festoperieren können. Zum Ende landete er regelmäßig bei "wahren" Abenteuergeschichten!


Die Angerpromenade vor etwa 70 Jahren (Bild: Archiv Stadtgemeinschaft)

Die zur Probe eilenden Schauspieler beachteten uns kaum, denn diese strebten evtl. am Portal vorbei dem ferneren Bühnenaufgang zu. Ernst Badekow aber, der Intendant, betrat das Theater in würdevoller Eile zumeist durch das Hauptportal. Er scheuchte uns ehrerbietig Grüßende aber höchstens etwas zur Seite, wenn wir seiner stets eingehaltenen Spur etwas im Wege waren: "Benehmt euch anständig, sonst müßt ihr hier ganz weg!" Zu Zeiten des Karten-Vorverkaufs waren die Stufen zum Musentempel jedoch immer seitens Frl. Plenus für tabu erklärt!

Ansonsten erläuterte Ika aber auch noch die seinem Vater entlehnte Beurteilung von Kaffee, welchen man ihm bei dessen glasermeisterlichen Hausbesuchen als "Kaffeele", "Kaffitzke" oder "Plurksch" angeboten habe. Natürlich wurde diese neuerworbene Weisheit zu Hause umgehend angebracht: Den Sachlagen nach kam jene zwar nicht als die große Freudenbotschaft an, aber geraume Zeit später berichtete Ika, daß sich die Angebote der Sorten "Kaffitzke" und "Plurksch" für den Glasermeister etwas vermindert hätten!

Ika war um einige Jahre älter als wir, seine größte Bewundererschar. Trotz seiner angeblichen Lorbaßhaftigkeit hatten die Eltern andererseits gegen die von ihm tatkräftig ausgeübte Beschützerrolle gewiß nichts einzuwenden. Trotzdem fehlte es nie an den unvermeidlich fürsorglichen Ermahnungen der Eltern, ansässigen Passanten, sowie denen der stets in offenen Fenstern lehnenden Besorgnisträger.

Nun ja, so etwas gehörte eben zur Atmosphäre dieser einst so respektablen Angerpromenade, deren von Gewerbetreibenden belebten Häuserblockhöfe mit Torweg-Zufahrten aus der Kasernenstraße - und nicht zuletzt getragen von ihren eigentlich recht vielschichtigen Bewohnern. Nun ist sie zu allen Teilen nur noch eine nicht mehr belebbare Vergangenheit, deren überdeckte Grundmauern unwiderruflich unterirdisch ruhen.

Autor: © 1998 Rudolf Kukla
Quelle: "Tilsiter Rundbrief " Nr. 28/1998

Heimatberichte



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verfaßt am 15.10.2003
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