1552 - 2002
450 Jahre Stadt Tilsit

Vorwort

Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach, der erste Herzog von Preußen, verlieh vor 450 Jahren am 2. November 1552 dem Marktflecken Tilse das Stadtrecht.

Unter weiser und weitschauender Führung damaliger Bürgermeister und Stadträte wurde die Stadt Tilsit infolge einer stetigen kommunalpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung in Jahrhunderten ein bedeutender, zentraler Mittelpunkt im nordostpreußischen Raum. Der Bevölkerung der Stadt Tilsit war in ihrem Grenzlanddasein der Weg durch die deutsche Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen vorbestimmt. Aber die Kraft, der Mut und die Beharrlichkeit, mit der die Bürger der Stadt Tilsit ihre verschiedenartigen, durch die Epochen der Zeit wechselnden, oftmals harten und schwierigen Aufgaben bewältigten, entsprechen den preußischen Tugenden von Treue, Pflichtbewußtsein, Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit und Toleranz.
Tilsit war eine historische Stadt, wo Königin Luise von Preußen mit Napoleon um ihr, um unser Preußen rang und wo auf einem Floß auf der Memel zwischen Napoleon und dem russischen Zaren Alexander über den Friedensschluß verhandelt wurde.

Es war auch die Stadt, wo das Denkmal von Max von Schenkendorf stand. Seine Lieder in der Zeit des Befreiungskrieges waren patriotische Gesänge. Sie sind bezeichnend für das Ideal seiner Zeit. Wir erinnern uns an die Dichterinnen, Johanna Wolff genannt das "Hanneken", an Charlotte Keyser und an den Dichter A.K.T.Tielo aus Tilsit, welche hiermit stellvertretend für weitere Tilsiter Dichter und Schriftsteller gewürdigt werden sollen. Aber die Schönheiten der Stadt Tilsit, der Park von Jakobsruhe mit den stillen, kleinen Teichen, das Denkmal der Königin Luise, das Tilsiter Stadtmuseum mit reichen Funden aus der Geschichte unseres Landes, das Grenzlandtheater als beliebte Kulturstätte und die Gastfreundschaft des ostpreußischen Menschen, dem der Grundsatz galt, "Gast im Haus., Gott im Haus", machten Tilsit einstmals zu einer fortschrittlichen, aufgeschlossenen und liebenswerten Stadt am romantischen Memelstrom.

Wir sollten unsere vergangene abwechslungsreiche, bedeutende ostdeutsche Geschichte, die in der gesamten Deutschen Geschichte ihren ständigen und nicht wegzudenkenden Platz hat, zu der auch unsere Heimatstadt Tilsit gehört, in Ehren halten, denn auch die deutsche Ostkolonisation durch den Deutschen Orden und die nachfolgenden preußischen Landesherren bleibt eine Leistung, auf die wir nicht nur in dieser Zeit des "Preußenjahres 2001" stolz sein können.

Mit der nachstehenden Abhandlung soll der interessierte Leser an die einzelnen Epochen der langen und wechselhaften Geschichte der Stadt Tilsit erinnert werden.



Die Gründung der Stadt Tilsit steht ursächlich im Zusammenhang mit der Christianisierung, Kultivierung und Besiedlung der Provinz Ostpreußen durch den Deutschen Orden in seiner fast 300jährigen Herrschaft. Zum Aufgabenkreis des Deutschem Ordens gehörte nicht nur die Verbreitung des christlichen Glaubens im heidnischen Prußenland (Ostpreußen), sondern auch die Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der sich bildenden kleinen Gemeinden aus Prußen und Siedlern, sowie auch den Schutz dieser Bevölkerung sicherzustellen. So wurden die Burgen des Ordens religiöse, wie auch weltliche Verwaltungszentren für die alteingessene und von außen zuströmende Bevölkerung (Siedler) jener Zeit.

Als der Deutsche Orden am Ende des 13. Jahrhunderts im preußischen Ordensland (Ostpreußen) eine große Anzahl Burgen als Stützpunkte erbaute, waren unter den Burgen am Memelstrom Landshut, die spätere Ragniter Burg, und anstelle der kleinen Burg Splitter, die Erbauung der Tilsiter Burg vorgesehen. In den Jahren 1407 bis 1409 wurde unter Anleitung des Ordensbaumeisters Fellenstein die Burg Tilse als erste Wehranlage und Verwaltungsstelle an der Mündung der Tilszele in den Memelstrom errichtet. Hier war der Sitz der Verwaltung des Ordens, die dem Komtur der Burg Ragnit unterstand. Erst durch Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum im Jahre 1525 wurden aus den Burgkomtureien Ämter mit einem Amtshauptmann, der durch Herzog Albrecht eingesetzt und mit der Wahrnehmung staatlicher, herzoglicher Aufgaben betraut wurde.

Schon in der damaligen Zeit erkannte man, daß die Bedeutung des immer größer werdenden Marktfleckens Tilse nicht nur wegen der Lage am Memelstrom bestand, die die wichtige Ost-West-Verbindung ermöglichte, sondern ebenso in der Landverbindung von Süden nach Norden. Die kreuzförmige Überschneidung je einer Land- und Wasserstraße war insbesondere durch die günstige geographische Lage Tilsits für die Entwicklung einer Stadt, für die Wirtschaft, für den Handel und Verkehr von zukünftiger großer Bedeutung. So wurde nach historischen Berichten dem Bürger Georg Brendel des Marktfleckens Tilse bereits am 8.Juni 1514 eine Krugberechtigung durch Herzog Albrecht verliehen. Nach der Stadtgründung von Tilsit im Jahre 1552 kamen dann noch weitere 12 Krüge (Gastwirtschaften) in der Langen Gasse, der späteren Deutschen Straße, hinzu, die nach herzoglicher Anordnung auch gleichzeitig als Herbergen für "fahrende" Handeltreibende zu dienen hatten. Diese verhältnismäßig große Zahl von Krügen dürften auf einen damaligen lebhaften Handel und Verkehr zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Marktflecken Tilse hinweisen. Während die erste "Chüre", die Wahl des Bürgermeisters, Rates der Stadt und des Gerichts in Anwesenheit des Herzog Albrecht von Preußen in der alten Stadtkirche zu Tilse (an gleicher Stelle der 1610 erbauten Deutschen Kirche) am 2. Dezember 1551 stattfand und von diesem bestätigt und vereidigt wurden, erteilte Herzog Albrecht dem Marktflecken Tilse am 2. November 1552 das Stadtrecht. Der erste Bürgermeister war danach Gallus Klemm.

Durch die Gründungsurkunde erhielt die neue Stadt Tilsit kulmisches Recht (bürgerliches Recht). Ebenfalls wurde ihr ein eigenes Wappen zu führen gestattet. Gleichfalls wies Herzog Albrecht der Stadt Tilsit ein ansehnliches Gebiet zur Erweiterung der neuen Stadt zu. Die Rechte und Pflichten der Bürger regelte ebenfalls die Gründungsurkunde. Jahrmarkts- und Marktgerechtigkeit wurden der Stadt Tilsit durch Herzog Albrecht verliehen. Gerade diese Verleihung war für die Bürger der Stadt Tilsit aus wirtschaftlichen Gründen und für den Handel sehr wertvoll. Herzog Albrecht hatte vor der Stadtgründung das zukünftige Stadtgebiet vermessen lassen. Der von Herzog Albrecht erteilte Bebauungsplan regelte die Anlegung von Gassen, Straßen, Plätzen und Wohnhäusern, die mit entsprechenden Breiten und Grenzabständen erstellt werden sollten. In diesem Plan wurde auch der Platz für ein künftiges Rathaus bestimmt.

Im Jahre 1565 erbaute man das erste Rathaus in Tilsit in der damaligen Langen Gasse, der späteren Deutschen Straße, gegenüber dem Schenkendorfplatz. Im Obergeschoß war eine Rats- und Gerichtsstube, im Untergeschoß die Ratswaage verbunden mit der Wohnung des "Ratswägers" vorgesehen. Eine historische Schrift besagt hierzu:... "Über dieses ist das Rath-Haus allhier noch mit einem Thurm versehen, auf welchem eine Schlaguhr stehet, so zwar ein altes Werck ist, jetzo aber zum bequämen Gebrauche von dem hiesigen Uhrmacher repariret worden.".. Dieses der Renaissanceperiode angehörende, in Fachwerk erbaute Rathaus wurde im Jahre 1752 wegen Baufälligkeit abgebrochen. Am 5. Juni 1753 fand dann die Grundsteinlegung des uns bekannten, heute nicht mehr vorhandenen Rathauses statt, das im Jahre 1755 als Barockbau vollendet wurde.


Durch Anordnung des Herzogs wurde das Flüßchen Tilszele bei der Tilsiter Burg gestaut und eine Schloßmühle geschaffen. Dadurch entstand im Jahre 1562 der romantische Schloßmühlenteich in einer Größe von 1 qkm. Den Übergang über den Memelstrom ermöglichte zu damaliger Zeit eine durch Herzog Albrecht geschaffene Schloßfähre. Später kam dann noch eine städtische Fähre auf Höhe der Packhofstraße hinzu.
Dem Gründer und großzügigen Förderer Tilsits, Herzog Albrecht von Preußen, der eine Anzahl von Städten in Ostpreußen gründete und damit eine weitschauende kommunal-politische Leistung bewies, kann insbesondere mit der Gründung der Universität Königsberg (Pr.) im Jahre 1544 als Kulturschöpfer Ostpreußens kein besseres Zeugnis gegeben werden. Die Universität Königsberg (Pr.) hat als bedeutendes deutsches Kulturzentrum über die Landesgrenzen hinaus auch in Osteuropa jahrhundertelang gewirkt. Die Grundlagen der Universität führten zu den weltgeschichtlichen Geistestaten von Kant, Hamann, Herder und anderen ostpreußischen Philosophen.

Im Jahr 1658 kam Tilsit zu einer Schiffbrücke, deren Bau Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, Nachfolger des im Jahre 1568 in Königsberg (Pr.) verstorbenen Herzog Albrecht von Preußen, befahl. Es war eine vorbeugende Maßnahme des Großen Kurfürsten, der im nordischen Krieg von 1654 bis 1660 verwickelt war. Von diesem Krieg wurde jedoch Tilsit nicht berührt. Schweden trat allerdings im November 1678 in den Krieg gegen Preußen ein. Am 30. Januar 1679 schlug eine brandenburgische Abteilung unter Henning von Treffenfeld die Schweden bei Splitter. Wir erinnern uns an den Schwedenfriedhof in Splitter. Auf diese "Schwedenzeit" folgte für Tilsit eine jahrzehntelange fruchtbare Aufbauarbeit. Unter anderem wurde das Dorf Kallkappen in den Amtsbereich der Stadt Tilsit eingemeindet. Damit erreichte man einen für die damalige Zeit nicht unerheblichen Zuwachs an Arbeitskräften.

Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (Frankreich) im Jahre 1685 siedelte der Große Kurfürst evangelische französische Hugenotten als Flüchtlinge in Ostpreußen an. Ebenfalls kamen Holländer und Schweizer nach Ostpreußen. Die Zuwanderer brachten der Stadt Tilsit neue Manufakturen. Namen wie Brunotte, Ganguin, Chavallier, Toussaint hatten in der Stadt einen guten Klang. Die Bautätigkeit wurde in der Stadt erheblich verstärkt. Zu den schönsten Barockbauten, die noch bis in das zwanzigste Jahrhundert bestanden, gehörte die Falkenapotheke am Schenkendorfplatz. Ferner das Blaurocksche Haus Deutsche Straße/Ecke Schenkendorfplatz, das mit seinem volutenreichen Giebel Danziger Patrizierhäuser zum Vorbild hat. Es wurde im Jahre 1705 als dreistöckiges Gebäude vollendet.

Im Jahre 1549 wurden in Tilsit 200 Einwohner gezählt. Ein Jahrhundert später, 1692, war die Bevölkerung auf fast 900 gestiegen. Preußen erhielt 1701, nachdem Polen auf den Lehnsanspruch auf Ostpreußen verzichtete, die Königswürde. Es wurden für den inneren Landesaufbau enorme finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Dann kamen die furchtbaren Pestjahre 1708 bis 1710. Zwei Drittel der Bevölkerung von Tilsit raffte die Pest dahin. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben kam fast zum Stillstand. Das "Retablissement", der Wiederaufbau Ostpreußens, ist König Friedrich Wilhelm l. zu verdanken. Neue Impulse kamen durch die Zuwanderung von Mennoniten, Litauern und vertriebenen Salzburgern in die Stadt. Der so vielfältige Strom neuer Bürger brachte den erstrebten Erfolg und trug zur Erstarkung des Gemeinwesens und der Wirtschaft bei. Tilsit verdankt dieser Zeit nicht nur seine Garnison des Dragoner-Regiments 1, sondern auch sein charakteristisches Stadtbild: Der Turm der Deutschen Kirche (1699), das Rathaus (1755) und die Landkirche (1760).
Eine Reihe schöner Privathäuser im Barockstil gaben noch in unseren letzten Tagen in Tilsit Kunde von jenem baufreudigen Zeitalter. Ebenfalls bewirkte die Gesundung der umliegenden Landwirtschaft die Wiederbelebung des Handels. Um 1750 zählte Tilsit etwa 7000 Einwohner. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war und blieb Tilsit auch der große Warenumschlagplatz, insbesondere für Getreide und Leinsaaten, als sich dann das Schwergewicht auf den enormen Holzhandel verlagerte, der sich der Memel als Beförderungsweg bediente.


Der siebenjährige Krieg (1756-1763), der auch vor den Toren der Stadt Tilsit nicht Halt machte, brachte die Besetzung durch die russische Armee. Die Bevölkerung Tilsits konnte in dieser Zeit ihrem Leben und ihrer Beschäftigung ungestört nachgehen. Als Tilsit im September 1762 von den Russen geräumt wurde, waren die Stadt und ihre Bewohner unversehrt geblieben. Die Wirtschaft und der Handel nahmen wieder zu. Alte Waageregister, Gerichts- und Magistratsprotokolle bezeugen einen lebhaften Warenaustausch. Im Jahre 1767 wurde dann, um den starken Verkehr über den Memelstrom zu bewältigen, eine Schiffbrücke von 340 m Länge erstellt. Vor Beginn der Hochwasserzeiten und im Winter mußte allerdings die Schiffbrücke abgeschwenkt werden. Dadurch ergaben sich für den Handel und Verkehr erhebliche Schwierigkeiten. Um dieser Situation Rechnung zu tragen, wurde im Jahre 1875 die Eisenbahnbrücke in einer Länge von 536 m, die längste aller Memelbrücken, erbaut. In den folgenden Jahren konnte sich Tilsit einem weiteren ungestörten Aufbau widmen. Die Stadt dehnte sich entlang der Memel nach Osten und Westen aus. Im Jahre 1800 war die Einwohnerzahl auf 9000 gestiegen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Friede zu Tilsit im Jahre 1807 das herausragende, schicksalhafte und historische Ereignis. Die Vorzeichen des Niederganges Preußens kündigten sich bereits durch den für Preußen vernichtenden Doppelsieg Napoleons bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 an. Trotz des Vertrages zwischen Preußen und Rußland am 26. April 1807 in Bartenstein, brach auch dieser Widerstand durch die von Napoleon bei Friedland am 14. Juni 1807 gewonnene Schlacht endgültig zusammen.

Nach dem Friedensvertrag vom 9. Juli 1807 durfte Preußen nur seine Gebiete ostwärts der Elbe behalten. Mithin brachte der Friede zu Tilsit im Jahre 1807 einen tragischen Tiefpunkt in der preußischen Geschichte. In Tilsit war Napoleon jedoch an eine Grenze geraten, wo ihm durch Rußland Halt geboten wurde. Der Angriff gegen Rußland und der überaus verlustreiche Rückzug der "Grande Armee" aus Rußland im Jahre 1812 war das erste Anzeichen der Beendigung der Macht Napoleons in Europa. Die Konvention von Tauroggen zwischen dem preußischen Generalleutnant von York und dem russischen General Diebitsch war das Signal zur Erhebung gegen Napoleon und der Ausgangspunkt des Befreiungskrieges. Am 1.Januar 1813 zog Generalleutnant von York mit den preußischen Truppen kampflos in das von Franzosen geräumte Tilsit ein. Der Schaden betrug durch die französische Besetzung der Stadt Tilsit rund 766000 Taler.

Im 19. Jahrhundert wurde die Stadt Tilsit durch Leistungen des Geistes, der Kultur, aufblühenden Wirtschaft und Industrie geprägt. 1830 zählte Tilsit bereits 12000 Einwohner und entwickelte sich nicht nur zu einer wirtschaftlich bedeutenden, sondern auch zu einer schönen und geistig regen Stadt. Bei diesem Rückblick sollte an den Apotheker Wächter gedacht werden, der durch seine Tatkraft und seinen Weitblick ein bedeutender Förderer der Tilsiter Wirtschaft wurde. 1821 erbaute er eine Zuckersiederei, 1830 eine Ölmühle, 1835 eine Essigfabrik, 1841 eine Böttcherfabrik und einen Ölkuchentrockenspeicher. Das gute, soziale Verhältnis mit seinen Arbeitnehmern spiegelte sich in der Einrichtung einer privaten Sozialversicherung wider.

Auf dem Memelstrom wurden vor dem ersten Weltkrieg große Mengen Holz aus Rußland zu den Tilsiter Sägewerken geliefert. Im Jahre 1881 gab es in Tilsit neun Schneidemühlen, die etwa 500 Arbeiter beschäftigten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus der Ostpreußischen Holz-Kommandit-Gesellschaft in den folgenden Jahren die Zellstoff-Fabrik Waldhof-Mannheim A.G. mit im Jahre 1937 rd. 2000 Beschäftigten. Zu einer Zeitungsgründung von Bedeutung in der Stadt Tilsit und Umgebung kam es 1881. Die Gebrüder Otto und Hugo von Mauderode gaben die "Tilsiter Allgemeine Zeitung" heraus. Diese Tilsiter Wirtschaftsbetriebe sollen stellvertretend für eine große Anzahl von Unternehmen in Tilsit gelten.

Theateraufführungen gab es in unserer musikliebenden Stadt bereits um 1800.1893 wurde das Stadttheater Tilsit erbaut. Durch den im Jahre 1903 erfolgten Umbau konnten 650 Plätze geschaffen werden. Mit der Renovierung des Stadttheaters im Jahre 1935/1936 erhielt es einen modernen Stil und änderte seinen Namen in "Grenzlandtheater". Ein umfangreiches Repertoire aus Oper, Operette, Schauspiel und Ballett erfreute die Besucher. In das Jahr 1856 fällt auch der Umbau des Rathauses, da die Räume für die Verwaltung nicht mehr ausreichten. 1835 wurde in der Hohen Straße der Postneubau errichtet. Die Gasanstalt wurde 1857 in Tilsit erbaut und 1860 das Stadt. Krankenhaus in der Kohlstraße der Öffentlichkeit übergeben. Die Königin-Luise-Brücke trat am 18.Oktober 1907 an die Stelle der alten Schiffbrücke. Sie diente insbesondere dem zunehmenden Verkehr über den Memelstrom und ermöglichte den Bau einer Anschlußstrecke Tilsit - Mikieten an die im Jahre 1902 eröffnete Kleinbahnlinie Pogegen –Mikieten - Schmalleningken. Ihren Namen erhielt diese formschöne Brücke nach Preußens volkstümlicher Königin Luise.

Im Kultur- und Bildungsbereich nahmen die Tilsiter Schulen einen hohen Leistungsstand ein. Die Anfänge des Tilsiter Schulwesens gehen auf die Zeit der Stadtgründung zurück. Im Jahre 1586 entstand in der Nähe der alten Stadtkirche eine Provinzialschule, die Latein- oder Fürstenschule, wo die Schüler die Hochschulreife erreichen konnten. Das Humanistische Tilsiter Gymnasium ist aus dieser Lateinschule hervorgegangen und bezog 1900 das Schulgebäude in der Oberst-Hoffmann-Straße. Die erste Volksschule wurde in Tilsit im Jahre 1801 gegründet. Zwei weitere Volksschulen folgten 1854. Im Jahre 1872 wurde eine katholische Schule eingerichtet. Aus der Stadtschule mit "gehobenen Klassen" entstand 1884 durch Teilung der gesamten Schülerzahl in Knaben und Mädchen die Knabenmittelschule, die "Herzog-Albrecht-Schule" und die Mädchenmittelschule, die ihren Platz in der Fabrikstraße und den Namen "Cecilienschule" erhielt. Das Realgymnasium ging 1882 aus der Bürgerschule in der Schulstraße hervor und bezog 1913 den Neubau "Überm Teich". Die Städtische Höhere Töchterschule erhielt 1866 das Gebäude Kirchenstraße/Ecke Schulstraße als neuen Standort zugewiesen. Ab 1907 führte diese Schule den Namen "Königin-Luisen-Schule". Im Jahre 1921 wurde die Städtische Handelslehranstalt Tilsit gegründet. Dieser Schule wurde im Jahre 1926 ein Neubau in der Stolbecker Straße zur Verfügung gestellt. Diese Schule umfaßte die Höhere Handelsschule, Handelsschule und kaufmännische Berufsschule. Der Haushaltungsschule wurde das alte Realgymnasium in der Schulstraße für den Schulbetrieb zugewiesen.


Abgesehen von einer Anzahl freier christlicher Gemeinschaften gehörten zur Stadt Tilsit die Deutsche Kirche (1610), die Neue Kirche oder Kreuzkirche (1911), die Reformierte Kirche (1900), die Landkirche (1760) die katholische Kirche (1851) und die Jüdische Synagoge (1842).

Als Tilsit im Jahre 1895 zur kreisfreien Stadt erhoben wurde, zählte man 28217 Einwohner. Bis zum Ende des Jahres 1944 war die Bevölkerung auf rund 60000 gestiegen (Volkszählung 1939 = 59105 Bewohner).

Die positive Entwicklung der Stadt Tilsit wurde durch den ersten Weltkrieg unterbrochen. Oberbürgermeister Pohl blieb mit dem Magistratskollegium während der Besatzungszeit durch die Russen vom 25. August bis 12.September 1914 in Tilsit und trug durch sein würdiges, umsichtiges und besonnenes Verhalten zur Erhaltung der Stadt bei. Am 14. September 1914 wurde Oberbürgermeister Pohl durch Beschluß des Rates der Stadt Tilsit zum Ehrenbürger ernannt. Der Friedensschluß von Versailles betraf Tilsit mittelbar auf das Härteste. Die Abschneidung des natürlichen Hinterlandes Übermemel bedeutete eine wirtschaftliche und auch politische Verstümmelung. Kurz nach Kriegsende wurden die Vororte Tilsit-Preußen, Stolbeck, Splitter in den Stadtkreis eingemeindet. Mit Wirkung vom 1 Juli 1922 kamen die Gemeinden Schillgallen, Dwischaken, Kallwen, Kaltecken, Senteinen, Moritzkehmen sowie der Gutsbezirk Paszelgsten hinzu. So konnte die Stadt Tilsit im Interesse des Allgemeinwohls der Bevölkerung von Stadt und Land einige negative wirtschaftliche Entwicklungen verbessern.

Als nach vielen Anstrengungen der verantwortlichen Stellen, der Wirtschaftsunternehmen und der Bevölkerung der Stadt Tilsit der Aufstieg wieder langsam begann, riß der zweite Weltkrieg auch Tilsit in den Strudel der Vernichtung.


Schlusswort

In Tilsit, - einer historischen Grenzstadt, die von 1422 bis 1945 an einer unveränderten deutschen Grenze lag, koexistierten in ihren glücklichsten Zeiten Deutsche, Russen, Litauer, Balten und Juden grenzüberschreitend und friedlich mit- und nebeneinander, bis der geschürte Haß auf den anderen Menschen durch Diktatur, Rassismus, Terror, Intoleranz und Chaos diesem Ideal ein grauenhaftes Ende setzte, mit teilweiser Zerstörung unserer Geburts- und Heimatstadt, sowie durch Flucht und Vertreibung der Tilsiter Bürger.

Es sind inzwischen viele Jahre vergangen. In dieser kleinen Welt hat sich viel verändert und zu neuen Bildern verschlungen. Wenn wir uns der Geschichte und auch der Vergangenheit unserer ostpreußischen Heimat zuwenden, so dürfen wir uns den tiefgreifenden Umwälzungen der Gegenwart nicht verschließen. So sehr wir auch unserer Herkunft nach, mit dem heimatlichen Ursprungsland verbunden sind, ebenso wächst dort am Memelstrom seit Jahrzehnten ein anderes Menschengeschlecht heran, das unseren, denselben Lebensraum ebenfalls seine Heimat nennt oder nennen wird. Der Unterschied ist der einer anderen Perspektive der Herkunft, eines anderen Lebensgefühls, einer anderen Lebensbeziehung der neuen Bürger zu unserer angestammten Heimat. Gemeinsamkeiten und freundliche Zusammenarbeit mit den Bürgern von Sowjetsk (Tilsit) sollten das Fundament gutnachbarlicher Beziehungen für Frieden und Völkerfreundschaft sein. Derartige Bemühungen der Verantwortlichen der Partnerstädte Kiel - Sowjetsk, des Vorstandes der Stadtgemeinschaft Tilsit e.V. - Sitz Kiel - unter der bewährten Leitung des 1. Vorsitzenden, Landsmann Horst Mertineit, Brücken zu schlagen, trennende Gräben zuzuschütten, freundliche Kontakte zu pflegen und Versöhnungen über Gräber hinweg fortzusetzen sind sehr begrüßens- und erstrebenswert und eine moralische und ethische Verpflichtung. Andererseits haben grausame distanzlose Kriegsschilderungen im Stil einer abstoßenden Landserheftromantik in Schrifttum und Heimatbriefen keinen Platz.

Quelle : © Tilsiter Rundbrief Nr. 31 Jahrgang 2001/2002

Geschichte



© Kreisgemeinschaft Tilsit-Ragnit e.V.
verfaßt am 15.07.2001
www.tilsit-ragnit.de
letzte Änderung dieser Seite : Dienstag, 18. Januar 2011